Zur falschen Zeit. [8]

Mein(e) See(le). 02122010

I

Und weißt du noch, wie wir hier lagen, unsere Hände hielten, Kopf an Kopf, wir alle, und irgendwann stimmte einer von uns „Wonderwall“ an und plötzlich begannen alle Strahlen unserer Menschensonne mitzusingen.
Mhm.
Das war ein magischer Moment. Etwas ganz Besonderes. Etwas für ewig.
Hm.
Oder wie wir mit Wein dasaßen und uns gemeinsam den Sonnenuntergang ansahen. Und später mit am Boden verteilten Kerzen diesen Platz noch so viel schöner machten?
Mhm.
Und als wir einfach mal die Schule schwänzten, uns eine Zuckermelone und Parmaschinken kauften und von frühmorgens bis spät nachts einfach nur wir waren?
Ja. Ja. Ich erinnere mich.

II

Wir müssen irgendwohin. Raus hier, raus aus der Stadt, aus dem Alltag, der mich fast täglich dazu verführen will, mal so richtig zu kotzen.
Mhm.
Wohin? Egal. Hauptsache raus hier.
Ich hab‘ gar nicht gefragt „Wohin?“.
Egal. Einfach nur weg. Weil-…
Egal.
Nein, nein. Nicht egal. Weil es uns wohl beide gut tun würde.
Das kann sein.
Mhm, kann sein.

III

Und jetzt liegen wir ja doch nur hier.
Und trinken Wein.
Und sehen fern.
Und surfen so rum.
Und zählen auf.
Und hoffen auf Veränderung.
Und können sie kaum erwarten.
Faules Pack, wir.
Oh ja.

IV

Hm?
Komm. Zieh dir die Schuhe an. Hier ist dein Schal.
Was?
Wir gehen jetzt spazieren.
Warum?
Wir müssen raus hier. Egal wohin.
Na gut.
Beeil dich.
Uns läuft ja nichts davon.
Stimmt auch wieder. Aber-…
Aber?
Ich habe genug von hier.

V

Es ist schön hier.
Mhm. Selbst jetzt.
Gerade jetzt. Mit all dem Schnee und keiner Menschenseele.
Mhm.
Weißt du-…
Hm?
Weißt du, was wir nie vergessen dürfen?
Nein.
Die Gegenwart.
Die Gegenwart.
Ich schwelge in Erinnerungen.
Und ich träume vor mich hin.
Wir müssen endlich mal ankommen.
Im Hier.
Mhm.

3 Gedanken zu „Zur falschen Zeit. [8]“

  1. Doch was wären wir ohne all den Erinnerungen und den Träumen. Wir wüssten nicht, wo wir hin wollen, was wir gut finden. Ohne Erinnerung ist die Gegenwart nur halb so viel wert, weil sie in ihrer vollen Vergänglichkeit besteht und wir nicht an all den Tagen, in denen wir nicht sind, davon zehren können.

    Ich will leben. Will es jetzt. Doch sie ist 800 Kilometer entfernt uns was wir haben sind Erinnerungen und Träume. Es hält uns zusammen. Der Plan gibt uns Hoffnung, während wir darauf warten.

    Lass uns niemals aufgeben. Zu sein. Zu leben. Lass uns niemals vergessen und niemals aufhören zu träumen. Wir sind alles, das wir haben.

    1. Du hast Recht. Erinnerungen sind wichtig, Träume bringen einen weiter. Aber man soll ja deshalb auch nicht vergessen und ohne Visionen durch die Welt schreiten … vielmehr sollte man aufpassen, eben das Hier nicht zu vergessen, vor lauter Schwelgerei und Luftschlossbauarbeiten.

      Bei deiner Geschichte … sind Träume natürlich wichtig. Aber sind es nicht viel mehr Pläne, aufgrund von Umständen noch nicht umgesetzt? Diese Pläne spornen an, die Zeit bis dahin so schnell wie möglich hinter einen zu bringen. Und, und das kriege ich zumindest bei dir nicht mit, hörst du nicht auf, auch die Gegenwart auszukosten. Immer unterwegs, jetzt mit Mickey Mouse Bettwäsche. Das ist alles schon gut so.

      Ich wünsch‘ dir eine gute Reise und richte ihr bitte liebe Grüße aus von mir, okay?

      1. Danke. Ich werde die Grüße ausrichten.

        Es sind die Pläne und die Träume. Und die Erinnerungen, die man nur hat, weil man lebte. Weil die Gegenwart war, an der man sich festhalten kann bis sie wieder ist.

        Ich verbringen zu viel Zeit mit nachdenken, was ich tun muss, anstatt die Dinge zu erledigen und großartig zu sein.

        Danke für den Text.

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