Breakin‘ down.

Walk Away

Als ich an diesem einen Sonntag aufwachte, mit einem Dröhnen im Kopf, als hätte ich mit dem ärgsten Kater zu kämpfen (und ich war ja bekanntlich mehr als nur nüchtern), war es irgendwas rund um Mittag. Timi war schon abgeholt worden, von seiner Mutter. Und so genoss ich noch die letzten Stunden des letzten Wochenendtages, bevor es am Montag schließlich wieder ab nach Bad Goisern gehen sollte. Wie jeden Tag. Zu meiner Zivildiensteinsatzstelle. Und diese Woche würde ich es gut haben. Da ja mein Papa diese eine Woche mit Freunden in Amerika war, würde ich jeden Tag etwas länger schlafen können, um dann um einige Minuten schneller in Bad Goisern zu sein, als es der Zug jemals schaffen würde.

Aber schon am Montag war ich wieder etwas zu spät dran. Ich überlegte sogar noch, ob ich bei meiner Schwester und Timi vorbeischauen sollte. Auf einen Kaffee und ein schnelles Frühstück. Sie würde schon auf sein und Timi auch. Und so könnte ich mit diesem Kinderlächeln in die Arbeit starten. Doch ich blinkte nicht und ich lenkte nicht in die Einreihspur. Ich fuhr weiter. Es würde sich nicht ausgehen, ich würde schließlich zu spät in meine Zivildiensteinsatzstelle kommen. Und so fuhr ich diese halbe Stunde noch weiter, bis ich schließlich meinen Platz an diesem Schreibtisch einnahm. 

Der Zivildienst war nichts Weltbewegendes. Ich persönlich würde heutzutage einfach sagen, dass das einzige Soziale an diesem Zivildienst die Organisation war, für welche ich arbeitete. Die Arbeit selbst, die ich zu erledigen hatte, hätte leicht aufgeteilt werden können und meine Stelle wäre nicht nötig gewesen. Und nachdem ich Tage davor wieder zu rauchen begonnen hatte (und schon wieder hatte ich es nicht geschafft, wirklich damit aufzuhören; aber wollte ich das denn?), nutzte ich die Halbzeit bis zur Mittagspause für eine Zigarette. Als ich wieder ins Büro zurückkam, vibrierte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer. Sollte ich abheben? Natürlich … und so bin ich selbst heute noch, war ich zu feige, um abzuheben und um mich mit einen nicht vorhersehbaren Gespräch zu konfrontieren. Würde die Nummer noch einmal anrufen, dann würde ich es tun. Minuten später läutete das Telefon im Büro. 

Und zum ersten Mal wurde ich an den Apparat geholt. Es war meine Mutter. Und ich wusste, dass – da sie ja normalerweise nicht wegen jedem möglichen Blödsinn anruft – irgendetwas passiert ist. Die folgenden Worte fehlte jeglicher Bezug zur Realität. Timi konnte nicht tot sein. Nein, Timi wachte nicht mehr auf. Er ist gestorben, im Schlaf. Plötzlich, nicht vorhersehbar. Nein, das … das kann nicht sein. Ich würde nach Hause kommen. Nein, ich fahre mit dem Auto, ich muss mit dem Auto fahren. Sprecherwechsel. Ein Typ des Kriseninterventionsteams. Ich müsse mit dem Zug fahren, das Auto würden sie schon holen. Ich könnte in diesem Zustand nicht fahren. Ich stimmte ihm zu. Bedankte mich. Und legte auf.

„Mein. Mein Neffe ist. Gestorben.“ Betretene Blicke im Büro. Wir waren hier sowieso nur zu dritt. Und ich fragte, ob ich denn jetzt nach Hause fahren könne. Und nachdem ich meine ganzen Sachen zusammengepackt hatte, stieg ich ins Auto und fuhr los. Seit diesem einen Anruf zitterte ich. Und was mich überraschte: ich konnte nicht weinen. Obwohl ich es so sehr wollte. Aber das wäre natürlich während der Autofahrt nicht hilfreich gewesen. Dafür rauchte ich, eine Zigarette nach der anderen. Das Fenster leicht geöffnet und kaum mehr normal atmend. Ständig dachte ich, was das hier wohl nur für ein beschissener Scherz sei. Das könne nicht sein. So etwas passiert zwar. Aber nicht uns. Nicht mir. Was für ein schlechter Scherz war das nur. Die ganze Zeit “The Drugs Don’t Work”. All these talks of getting old. Du hättest alt werden sollen. So viele Pläne hatte ich mit dir. So viele Träume. Gestern nacht habe ich an dich gedacht. Heute morgen. Als du wahrscheinlich schon tot warst.(1)

Nach geschätzten vierzig Minuten war ich zuhause. Von nun an würde ich konfrontiert werden. Und nicht mehr fliehen. Das würde es sein. Ich ging die Treppe hinauf, das Gitter, welches wir wegen Timi angebracht hatten, machte ich hinter mir zu. Und ging in Richtung des Wohnzimmers. Was soll man in einen solchen Moment sagen? Sind Worte hier überhaupt nötig? Ich befinde mich nur in der dritten Reihe. Ich bin nicht die Mutter. Nicht die Großmutter. Ich war der Onkel. Und so nahm ich einfach nur in den Arm, was auf mich zukam. Meine Mutter, zuallererst. Tränen, auf ihrer Seite. Meine Schwester, auch bei ihr Tränen. Und keine Chance, eine der beiden zu beruhigen. Wie könnte man nur. Man ist hilflos. Hilflos unter dem Druck dieser Trauer, welcher wie Messerstiche sein Unwesen treibt.

„Und Papa. Papa ist nicht zuhause.“ Immer und immer wieder sagte meine Schwester diese Worte. Ja, er vergnügte sich zurzeit noch in Amerika. Irgendwo in Las Vegas. Oder Atlanta. Ohne dem Wissen, dass sein Enkel seit Tagesbeginn Tod und unsere Welt auf unbestimmte Zeit eine Ruine sein wird. Irgendwann, im Laufe des Nachmittags (das Zeitempfinden war seit der frühen Nachricht am Telefon aufgehoben, und das für einige Tage), tauchte Gerhard auf, unser Pfarrassistent und ein guter Freund der Familie. Er redete mit uns, ließ uns schweigen und nahm uns in den Arm. Und manchmal weinte auch er. Beziehungsweise, an diesem einen Tag, nur einmal sichtbar für mich. Als ich mich entschieden habe, mir die Aufgabe aufzubürden, zu meine Großmutter zu fahren, um ihr von dieser Nachricht zu erzählen. Er begleitete mich. 

Als ich in das Zimmer trat, einige Leute waren gerade zu Besuch bei meiner Oma, sah ich in die Gesichter von ihr und meiner Tante. Und konnte plötzlich gar nichts mehr sagen. Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer, für einen kurzen Moment fanden sich Tränen in meinen Augen. Und man wusste hier schon, was geschehen war. Meine Mutter hatte schon mit meiner Tante telefoniert. Und sie würde auch meinen Onkel in Amerika anrufen, damit dieser meinem Vater davon erzählte. Und nachdem wir die gesamte traute Runde zerstört hatten (einige flüchteten vor der erdrückenden Macht der Trauer), konnte ich anschließend wieder mit meiner Tante nach Hause fahren. Und bloggen.

Ja. Ich bloggte. Das war auch der erste Moment an diesem Tag, an dem ich auch nur annähernd weinte. Das Wieder-in-Erinnerung-Holen so vieler Erinnerungen schaffte eben das. Aber ich zitterte. Immer noch. Die große Sintflut kam bis jetzt noch nicht. Und irgendwann begann ich zu telefonieren. Maria, Elisabeth, Sarah, Lukas, Stefan, Magdalena. Und zuallererst dachte ich an sie, Maria. Sie hatte ihn, von all meinen Freunden, am Häufigsten gesehen. Sie war dabei, als er getauft wurde. Und sie ist der Mensch, von dem ich einfach nicht loszukommen schien. Und scheine. Und dann machte ich mich auf. Magdalena hatte mir angeboten, dass ich bei ihr vorbeikommen könnte. Und Lukas auch. Gespräche. Mit Freunden. Und endlich raus aus dieser Gegend hier. Aus diesem schwarzen Fleck hier auf der Erdkugel. Die Gespräche taten gut, doch es waren nur meine Freunde, die weinten. Diese Gefühlsregungen hatte ich noch nie mitbekommen, wobei ja auch dieser Fall hier vollkommen einzigartig zu sein scheint. Nur ich stand da. Sozusagen als Seelsorger für die Freunde der Angehörigen. (2)

Als ich dann nach Hause komme, liegen meine Schwester und meine Mutter auf der Couch. Sprechen miteinander, weinen. Lenken sich irgendwie ab. Ich sitze am Tisch und schreibe am Notebook, so wie ich es jetzt gerade wieder tue. Ich wartete und rauchte und wartete. Irgendwann waren die beiden eingeschlafen. Eine Decke für die Beiden. Das Licht aus. Die Treppe hinunter und hinein in mein Zimmer. Einmal tief durchatmen. Es ist kurz nach Mitternacht. Das kann es wohl doch nicht sein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) In Erinnerung., 29.10.2007
(2) Der Tag danach. Und er ist immer noch nicht da. 30.10.2007

Ein Gedanke zu „Breakin‘ down.“

  1. ein freund von mir ist gestorben. im mai. mitte 20. angefahren und liegen gelassen. wieso gehen menschen, die einem nahe stehen und dessen zeit noch nicht gekommen ist?

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