Alleine. [11]

Feels like Home? 08122010

„Und was steckt nun hinter der Wut, den Vorwürfen und allem?“ – „Sie erwarten jetzt sicher, dass ich Liebe sage. Doch ich empfinde keine Liebe mehr.“ – „Ich erwarte erstmal gar nichts. Es gibt kein Richtig und kein Falsch.“ Einige Sekunden überlege ich. Lege den Kopf wieder auf meine Finger. „Angst.“, sage ich. Der richtige Zusammenhang fehlt, baut sich erst langsam wieder auf. „Ich habe Angst.“* Therapiesitzungen waren auch schon mal besser. Beinahe ist es wie eine Prüfungssituation aus meinen Albträumen. Es wird einem vollste Konzentration abverlangt, man muss alles geben. Und in Wahrheit wird man nur verwirrter und verstörter, weil jede Antwort eine neue Frage aufwirft. „Ich habe Angst“, wiederhole ich.

„Wovor?“ Gute Frage. „Dass es das gewesen sein könnte. Dass ich die eine, die einzige Chance hatte, auf ewige Liebe und Leben und Sein. Und das habe ich vermasselt.“ – „Hm.“ Es stimmt wohl, Therapeuten finden zu allem die richtigen Worte. „Hm.“, wiederholt sie sich. Ich hätte jetzt auf ein „Ach nein, Dominik!“ gehofft oder auf ein sofortiges Kopfschütteln oder sowas.

„Hm. Und warum glaubst du das?“ Weiter gehts. „Weil die Zeit keine Wunden heilt und es immer noch so verdammt weh tut und ich nicht in der Lage bin, mich auf irgendetwas Neues einzulassen und selbst zu feige bin, um irgendwann einmal den ersten Schritt zu wagen.“ – „Hm.“ – „Und weil ich so furchtbare Angst davor habe, allein zu sein. Es ist ein furchtbares Gefühl, wenn da niemand ist, der einem die Schulter anbietet, wenn einem nach Weinen zumute ist. Und das schon seit Jahren.“

„Du fühlst dich also einsam.“ – „Nein. Nicht einsam. Manchmal genieße ich es, einmal nur etwas Zeit für mich zu haben. Ziehe mich zurück, werfe melancholische Lieder in die Playlist und mich ins Bett und lasse mich einfach nicht stören. Das ist nicht das Problem, nein. Es ist die Angst allein zu bleiben.“

„Dann wird es dir wohl auch nicht helfen, wenn ich dir sage, dass du so etwas sowieso nicht erzwingen kannst und dass es keinen Sinn macht, erwartungsvoll darauf zu hoffen. Dass es passieren wird, wenn du es am Wenigsten erwartest und du die größten Chancen hast, wenn du es schaffst, mit all dem abzuschließen.“ – „Nein, liebt gemeint, das hilft mir auch nicht.“ Die 50 Minuten sind vorüber und ich erhebe mich, öffne die große Tür und drehe mich doch noch einmal um. „Wissen sie, es ist einfach … ich lebe zwischen den Welten, bin einen Tag mal da, dann dort, und irgendwann eben hier. Ich lebe ohne Unterhalt, ohne Rückzugsort. Alles nur temporäre Unterkünfte. Dieses eine Etwas, nennen wir es Liebe, oder Zuneigung oder ganz einfach ‚ein Wir‘ würde mir etwas geben, was ich schon lange suche. Ich glaube, man nennt es … ein Zuhause, oder Heimat oder so.“

Zur falschen Zeit. [8]

Mein(e) See(le). 02122010

I

Und weißt du noch, wie wir hier lagen, unsere Hände hielten, Kopf an Kopf, wir alle, und irgendwann stimmte einer von uns „Wonderwall“ an und plötzlich begannen alle Strahlen unserer Menschensonne mitzusingen.
Mhm.
Das war ein magischer Moment. Etwas ganz Besonderes. Etwas für ewig.
Hm.
Oder wie wir mit Wein dasaßen und uns gemeinsam den Sonnenuntergang ansahen. Und später mit am Boden verteilten Kerzen diesen Platz noch so viel schöner machten?
Mhm.
Und als wir einfach mal die Schule schwänzten, uns eine Zuckermelone und Parmaschinken kauften und von frühmorgens bis spät nachts einfach nur wir waren?
Ja. Ja. Ich erinnere mich.

II

Wir müssen irgendwohin. Raus hier, raus aus der Stadt, aus dem Alltag, der mich fast täglich dazu verführen will, mal so richtig zu kotzen.
Mhm.
Wohin? Egal. Hauptsache raus hier.
Ich hab‘ gar nicht gefragt „Wohin?“.
Egal. Einfach nur weg. Weil-…
Egal.
Nein, nein. Nicht egal. Weil es uns wohl beide gut tun würde.
Das kann sein.
Mhm, kann sein.

III

Und jetzt liegen wir ja doch nur hier.
Und trinken Wein.
Und sehen fern.
Und surfen so rum.
Und zählen auf.
Und hoffen auf Veränderung.
Und können sie kaum erwarten.
Faules Pack, wir.
Oh ja.

IV

Hm?
Komm. Zieh dir die Schuhe an. Hier ist dein Schal.
Was?
Wir gehen jetzt spazieren.
Warum?
Wir müssen raus hier. Egal wohin.
Na gut.
Beeil dich.
Uns läuft ja nichts davon.
Stimmt auch wieder. Aber-…
Aber?
Ich habe genug von hier.

V

Es ist schön hier.
Mhm. Selbst jetzt.
Gerade jetzt. Mit all dem Schnee und keiner Menschenseele.
Mhm.
Weißt du-…
Hm?
Weißt du, was wir nie vergessen dürfen?
Nein.
Die Gegenwart.
Die Gegenwart.
Ich schwelge in Erinnerungen.
Und ich träume vor mich hin.
Wir müssen endlich mal ankommen.
Im Hier.
Mhm.

Wie wir sind. [5]

Wienschnee. 03122010

I

Wir dürfen es nicht zu schnell angehen.
Was?
Das da.
Hm?
Das da, zwischen uns beiden.
Ein Schritt nach dem anderen.
Genau. Ein Schritt-.
Nach dem anderen.
Da. So etwas meinte ich. Nicht zu schnell.
Was?!
Die Worte aus dem Mund nehmen und so.
Ach.
Genau.

II

Ich glaube, ich höre auf, nachzudenken.
Warum?
Komm‘ ja doch nur auf dumme Ideen.
Hm?
Ach nichts. Ginge sonst alles viel zu schnell.

Ich mein ja nur. Weißt du-.
Das wir noch so viel vor uns haben?
Nein, nur dass wir nur noch so wenig Zeit haben.
Hm?
Ach nichts.
Na los, sag schon!
Ich mein ja nur.

III

Du machst mir Angst.
Warum?
Wegen dem „wenig Zeit“ und so.
Mach dir keine Gedanken.
Aber…
Bitte.
Na gut.
Und?

Hm?
Nichts.
Ach, mach dir jetzt deswegen keinen Kopf. Es ist schon gut.
Das sagst du so einfach.
Hm.

IV

Wir sollten reden.
Hm?
Über uns.
Ist es jetzt soweit?
Was?
Nichts. Worüber reden wir?
Über uns.
Aja.
Und dass wir es doch schnell angehen sollten.
Findest du?
Mhm. Weil ich Angst habe, dass wir zu viel versäumen.
„Zu wenig Zeit“, oder wie?
Mhm.
Das musst du mir erklären. Bitte.
Setz dich.

V

Und?
Wir dürfen uns keine Zeit lassen.

Wir würden zu viel verschwenden. Zu viel unserer kostbaren Zeit.

Weil ich mich in dich gerade eben verliebt habe. In deine Augen, in deine Geschichten, in dein Gesicht, in dein Lachen.
Oh. …
Und wenn wir nicht beginnen, eine wundervolle Zeit zu beginnen.
Und nicht aufhören uns ein Schloss zu bauen, aus reiner Theorie.
Genau.
Werden wir nie erfahren.
Wie wir sind.

Pause-Rewind-Stop-Play.

Wie langsam deine Finger über meine Hand streichen. Als würde sie nur zufällig meine Haut berühren. Und als wärst du nur zufällig hier. Hier bei mir. Aber das bist du nicht. Du bist gekommen, einfach, weil ich dich gebraucht habe. Hast mich nicht im Stich gelassen, so wie du es von mir eigentlich gewohnt sein solltest. Ich kann eben nicht anders.

Du bist hier und beinahe sieht es so aus, als würdest du unsere gemeinsame Zeit genießen. Als wärst du gerne hier. Du lächelst. Hast du etwa bemerkt, dass ich über dich nachdenke? Das hättest du schon seit Tagen bemerken können. Aber wenn du deshalb zu Lächeln beginnst, werde ich noch ewig an dich denken. Versprochen. Ich liebe dein Lächeln.

Ein Kuss. Du überrascht mich. So zärtlich und warm.

– PAUSE –

So soll es sein. Bitteschön.
Bis ich Lust auf etwas Anderes habe.

– REWIND – STOP – PLAY –

Too Late.

Ich hab‘ wohl irgendwas versäumt.

„Es ist zu spät.“, fauchst du mich an. ‚Es ist nie zu spät.‘, denke ich mir. Doch dein Blick sagt mir schon seit einiger Zeit, dass ich hier nichts mehr zu suchen habe. „Wir haben den Zenit überschritten.“, meinst du. ‚Du weißt doch gar nicht, wie groß wir hätten werden können.‘ rotiert es in meinem Kopf. Doch die Tür schließt sich und mit ihr bleiben die Hoffnungen, Schritt für Schritt, am Boden verstreut. Das Ende, lange Zeit nicht in Sicht, befindet sich hinter mehr. Das war es und so hätte es nicht sein sollen.

Wer hat nun Schuld. Es ist dumm, hier nun irgendeinen Schuldigen zu suchen. Du? Ich? Der Klimawandel? Keine Ahnung. Es hat eben einfach nicht funktioniert. Irgendeine Schraube fehlte, irgendeine Mutter hielt nicht und das Konstrukt stürzte in sich zusammen. Was uns jetzt noch bleibt, sind die Trümmer. Die Trümmer der Gegenwart, mit den wunderschönen Bildern der Vergangenheit.

Ich bin nicht einfach. Sicherlich nicht. Das kann jeder bestätigen, der mehr als einen Tag mit mir verbracht hat. Irgendwann kommt das wahre Ich heraus und nicht jeder hat Lust auf sowas. Doch du zeigtest Interesse, auch den Typen dahinter kennenzulernen. Du hast mich erlebt, wie sonst noch niemand. Und doch musste das Ende einkehren. Als wäre alles vorbeistimmt. Zuerst der überschwängliche Anfang, dann die wunderbare Mitte, der Hauptteil. Und wie bei jedem gesunden Deutsch-Aufsatz folgt natürlich auch der Schluss. Unerwartet aber doch mit einem abschließenden Punkt.

Ich hab‘ wohl irgendwas versäumt. Aber jetzt ist es zu spät. Langsam wiederhole ich deine Worte und wundere mich, wie ich ihnen auch nur ansatzweise Glauben schenken kann. Der Zenit wäre noch gefolgt und es ist nie zu spät, meine Liebe. Zu spät ist es nie.