Stumm.

Ruhelos sitzt du da, möchtest mit mir sprechen, möchtest mir dein Herz ausschütten. Doch du bleibst stumm und mit dieser Stille wühlst du dich immer weiter auf. Keine Spur von Sorglosigkeit, von Freude auf deinem Gesicht. Du siehst bekümmert aus, und trotz meiner Gesellschaft fühle ich deine Einsamkeit. Nichts und niemand könnte jetzt diese Wand zwischen dir und dieser Welt hier einbrechen. Du mauerst dich ein und bleibst stumm.

Ich möchte dich halten, möchte dich auffangen, während du fällst, in dieses tiefe Loch. In welches du schon seit Stunden, seit Tagen hineinblickst. Möchte dir einen Arm reichen, damit du nicht stürzt. Aber du wendest dich ab. Trotz allem, was zwischen uns immer war und wohl auch sein wird. Du bist allein.

In mir keimt Unmut. Ich möchte helfen. Möchte bei dir sein und dir zuhören. Möchte deinem Kummer lauschen, möchte dir Hilfe sein, so wie du immer Hilfe für mich bist. Möchte dieses Ding der Begierde, dieses Wutobjekt sein, welchem du all deinen Frust, deine Wut und deine Angst entgegenschreien möchtest. Ich wäre dir auch gar nicht böse, ich würde es verstehen. Verstehst du mich?

Aber du möchtest allein sein. Mit deinem Kummer, deiner Trauer, deiner Wut und deiner Angst. Möchtest womöglich erst alleine damit zurechtkommen. Aber immer mehr mauerst du dich ein und verlierst den Anschluss hier. Sitzt zwar ruhelos neben mir, befindest dich aber meilenwert entfernt. 

Ich möchte mit dir sprechen, möchte dich nach deinem Befinden befragen. Möchte deinen Erzählungen lauschen und dich trösten. Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen und dich umarmen. Dir einen Teil meiner Wärme schenken und mit dir leiden. 

Doch du.
Bleibst stumm.

Die Welt? Sie ist nicht verloren.

Manchmal fragt man sich, worum es hier eigentlich geht. Geboren werden, leben lassen, sterben. Nur den Tod bringt man völlig auf sich allein gestellt hin. Zu allem anderen ist man in irgendeiner Art und Weise auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. So sozial gefestigt ein Mensch auch in seinem Leben ist, so kann er nur, in seinem Körper gefangen, alleine sterben. Ein trauriger Gedanke.

Wir leben hier, sind eine dieser Generationen, die nach der Jahreszählung der katholischen Kirche ein neues Jahrtausend erleben durften. Wir durften Sonnenfinsternisse beobachten, wir erleben Jahrhundertfluten. Die ganze Welt spielt sich vor unseren Augen ab, und langsam nieselt es weiter auf das Autodach und wie das Tapsen riesiger Ameisen hallt das Geräusch im Fahrzeug wider. 

Wozu das Ganze? Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die globale Wirtschaft scheint zum ersten Mal seit 70 Jahren (und wahrscheinlich zum zweiten Mal ever) dem Ende nahe. Doch ich spüre nichts davon. Ich selbst, in egoistischer Sichtweise, bin nicht davon betroffen. Die Politik bewegt sich in die falsche Richtung, die Angst vor Anderen steigt. Schön langsam werden wir zu Krüppeln in dieser wunderschönen Welt. Wir verkümmern auf eigenen Wunsch und eigene Gefahr.

Doch jeden Tag wieder geht die Sonne auf und strahlt, seit gestern übrigens drei Minuten länger. Manchmal reicht auch nur ein Lächeln und ein Großteil der Sorgen ist verschwunden. Wir machen uns alle viel zu große Sorgen. Und kümmern uns, um von unseren eigenen Problem(ch)en abzulenken, um die Nichtigkeiten anderer. Wir sind Gaffer und fühlen uns manchmal sogar gut dabei. Und kommen nicht zu Ruhe, ohne unseren Wissenstand unsinnig erweitert zu haben.

Man sollte leben können. Sollte die Luft atmen. Sollte genießen. Die Stimmung, die Freunde, all die Lieben, die man um sich hat. Viele Menschen haben die Angst, irgendetwas zu verpassen und zerstören damit, innerhalb einiger Jahre, vielleicht ihr ganzes Leben. Ihren Geist und manchmal auch ihren Körper. Geduld war noch nie unsere Tugend. Um das Schöne zu erleben, muss man es einfach schaffen, darauf warten zu können. Es kommt, klopft an die Tür, tritt ein und begrüßt dich. Und du weißt darum Bescheid.

Wir sind Genussmenschen und doch unfähig gebührend zu genießen. Wir streben nach Veränderung. Nur rasend geht die Welt zugrunde. Können wir uns nicht einfach mit dem zufrieden geben, was wir haben? Können wir es nicht erwarten? Das Leben, mit all seinen Hürden, seinen Tümpeln und mit all diesen sonnigen Alleen? 

Wir sind wahrscheinlich immer auf der Suche nach dieser bedingungslosen Liebe, durch die wir geboren wurden. Diese Liebe, die unendlich ist, dieses  Stück Utopie. Suchen das Leben danach ab, sehen in der Vergangenheit nach und träumen von morgen. Und irgendwann geben wir es endlich auf. Und sterben, allein. Das wird es wahrscheinlich sein. Ein weiterer trauriger Gedanke.

Warum das Ganze hier? Vielleicht ist es die Wut. Die Wut auf einen großen Teil der Menschheit. Misanthropische Gefühle? Wohl kaum. Doch manche Dinge sind für mich einfach unergründlich. Warum es manchen Menschen nicht gelingt, ganz einfach zu leben. Ich weiß auch nicht, auf welcher Welle ich schwimme. Aber ich kann mich an keinen Auslöser erinnern, so gut wie gar nichts hat sich in meinen Lebensumständen verändert. Einzig und allein meine Einstellung. 

„Das Leben? Es hat gerade erst begonnen.“