Temporary Remedy.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

Als ich am nächsten Tag aufwache, ist die Welt noch genau so, wie ich sie gestern verlassen hatte. Ich hatte es über Nacht nicht vergessen und so ist mein erster Gedanke an diesem Tag ident mit dem letzten Gedanken kurz vor dem Einschlafen. Das kann es ja wohl nicht sein. 

Ich marschiere hinauf, ins Wohnzimmer, wo meine  Schwester und meine Mutter gestern Nacht, leer von jeglicher Energie, und wahrscheinlich auch von jeglichem Lebenswunsch, eingeschlafen waren. Die Decken sind noch nicht weggeräumt und irgendwie wirkt dieses Haus hier noch ruhiger, als es üblicherweise sowieso schon ist. Eine Zigarette am Morgen, auf der Terasse. Und den Kopf voller Gedanken. Ich könne ja nach München fahren und Papa vom Flughafen abholen. Ich muss meinen Text noch abändern und umschreiben und verbessern, wenn ich ihn den wirklich am Begräbnis vortragen möchte, so wie es sich meine Schwester gewünscht hat. Ich. Ach, man sollte mich doch einfach nur vorschicken, für alles und jeden. Ich möchte all das organisieren, möchte. Möchte.

Meine Mutter kommt ebenfalls auf die Terasse. Es folgt eine Umarmung. Sie nimmt sich eine Zigarette und beginnt zu erzählen. Das nervliche Abschiednehmen meiner Mutter von Timi. Ganz alleine. In ihrem Bügelzimmer. Nur dass sie jetzt noch schnell bügeln muss, damit Timi nicht an den Kabeln ziehen kann. Und gleichzeitig hat sie gewusst, dass er nicht gleich durch die Türe hereinschauen wird. Und einfach nur weiterbügeln. Und einfach nur weinen. [1]

Es vergeht einige Zeit, und Gerhard, unser Pfarrassistent  erscheint auch an diesem Tag wieder. Spricht mit uns. Lässt uns schweigen. Wir beide, er und ich, beginnen, über das Begräbnis zu sprechen. Ich erkläre, dass ich so gut es geht, vieles übernehmen möchte. Die Fürbitten, meinen Text, die Musik. Gegen Mittag ist es dann soweit. Mein Vater kommt mit dem Zug in Attnang-Puchheim an. Er hat seit der Nachricht gestern Nachmittag nichts geschlafen, kämpft mit Jetlag und allem drum herum. Als er aus dem Zug aussteigt erblickt er mich, dann meine Mutter, seine Frau. Und zum ersten Mal, ja. Ich glaube zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, weint mein Papa. Er, der starke Mann, der Retter aus jeder Scheißlage, er, der auf alles eine Antwort weiß, steht jetzt einfach nur da, umarmt mich, ist ratlos und zutiefst schwach. In meinem Kopf beginnen die Gehirnwindungen wieder zu rattern.

‚Verdammt. Gerade auf dich hatte ich gehofft. Du bist doch normalerweise der starke Mann. Wir hätten uns die Verantwortung, die jetzt auf mir alleine ruht, teilen können. Wir hätten gemeinsam da sein können. Aber nein. Verdammt. Du bist schwach, du heulst, du.‘ – Agierst zutiefst menschlich.

Nachdem immer mehr Leute in unser Haus kommen, wie jetzt z.B. die Taufpatin von Timi, beginnt meine Mama damit, zu kochen. Niemand wollte etwas essen (auch ich, der sonst nie lange nichts essen kann, hungere seit dieser Nachricht am gestrigen Morgen), doch sie kocht. Spaghetti für 10 oder 15 Leute. Sauce für wahrscheinlich noch mehr. Sie braucht einfach diese Abwechslung, diese Rückkehr zur Routine, die so wünschenswert aber doch so unmöglich ist.  

Entgegen meiner anfänglichen Behauptungen versuche es trotzdem, einige Bissen hinunterzukriegen. Der Tisch ist gedeckt, von den fünf Leuten essen nur zwei. Doch ein Problem habe ich. Der Platz, an dem Timis Sessel immer war (das war so ein rot-blauer Sessel, den man am Tisch anmacht, damit er nicht runterfällt oder irgendwie umfallen kann), stand ein ganz normaler herkömmlicher Sessel. Und schon war es zu Ende.

Rien ne va plus, würde man beim Roulette sagen. Die Gabel fällt zurück auf ihr Teller und ich renne, den Tränen nicht mehr nur nahe, sondern geradezu vor ihnen flüchtend, in einen anderen Raum. Den Abstellraum. Und weine mich dort zum ersten Mal seit Timis Tod aus. Ich weine und heule und schmecke das salzig-warme Wasser zwischen meinen Lippen. Ich sitze da, und will nicht mehr aufhören zu heulen. Will alles rauslassen, um endlich wieder voll durchstarten zu können, um wieder für alle da sein zu können. Für Michaela, meine Mama und … und meinem Papa. Plötzlich betritt eine weitere Person den Raum.

Meine Mama. Sie setzt sich zu mir auf den Boden, nimmt mich in den Arm, reicht mir ein Taschentuch. „Es ist schon gut. Lass‘ es raus.“ Und in ihren Armen aufgefangen, von meinem beinahe erdrückenden Schmerz und mir selbst aufgeladenen schmerzenden Druck befreit, lasse ich mich zum ersten Mal selbst fallen und bin so klein, so winzig, so hilflos, so unfähig und. So menschlich.

Der Tag vergeht. Irgendwann wird auch noch der Termin für das Begräbnis bekannt gegeben. Am Samstag würde es soweit sein und bis dahin müssen wir noch so vieles erledigen, denke ich. Aber vielleicht sollte man einfach nur in einem solchen Moment zu denken aufhören. Vielleicht würde all das die Sache irgendwie einfacher machen. Aber ich befürchte, dass es dafür schon viel zu spät ist. 

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Der Schmerz., 31.10.2007

Breakin‘ down.

Walk Away

Als ich an diesem einen Sonntag aufwachte, mit einem Dröhnen im Kopf, als hätte ich mit dem ärgsten Kater zu kämpfen (und ich war ja bekanntlich mehr als nur nüchtern), war es irgendwas rund um Mittag. Timi war schon abgeholt worden, von seiner Mutter. Und so genoss ich noch die letzten Stunden des letzten Wochenendtages, bevor es am Montag schließlich wieder ab nach Bad Goisern gehen sollte. Wie jeden Tag. Zu meiner Zivildiensteinsatzstelle. Und diese Woche würde ich es gut haben. Da ja mein Papa diese eine Woche mit Freunden in Amerika war, würde ich jeden Tag etwas länger schlafen können, um dann um einige Minuten schneller in Bad Goisern zu sein, als es der Zug jemals schaffen würde.

Aber schon am Montag war ich wieder etwas zu spät dran. Ich überlegte sogar noch, ob ich bei meiner Schwester und Timi vorbeischauen sollte. Auf einen Kaffee und ein schnelles Frühstück. Sie würde schon auf sein und Timi auch. Und so könnte ich mit diesem Kinderlächeln in die Arbeit starten. Doch ich blinkte nicht und ich lenkte nicht in die Einreihspur. Ich fuhr weiter. Es würde sich nicht ausgehen, ich würde schließlich zu spät in meine Zivildiensteinsatzstelle kommen. Und so fuhr ich diese halbe Stunde noch weiter, bis ich schließlich meinen Platz an diesem Schreibtisch einnahm. 

Der Zivildienst war nichts Weltbewegendes. Ich persönlich würde heutzutage einfach sagen, dass das einzige Soziale an diesem Zivildienst die Organisation war, für welche ich arbeitete. Die Arbeit selbst, die ich zu erledigen hatte, hätte leicht aufgeteilt werden können und meine Stelle wäre nicht nötig gewesen. Und nachdem ich Tage davor wieder zu rauchen begonnen hatte (und schon wieder hatte ich es nicht geschafft, wirklich damit aufzuhören; aber wollte ich das denn?), nutzte ich die Halbzeit bis zur Mittagspause für eine Zigarette. Als ich wieder ins Büro zurückkam, vibrierte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer. Sollte ich abheben? Natürlich … und so bin ich selbst heute noch, war ich zu feige, um abzuheben und um mich mit einen nicht vorhersehbaren Gespräch zu konfrontieren. Würde die Nummer noch einmal anrufen, dann würde ich es tun. Minuten später läutete das Telefon im Büro. 

Und zum ersten Mal wurde ich an den Apparat geholt. Es war meine Mutter. Und ich wusste, dass – da sie ja normalerweise nicht wegen jedem möglichen Blödsinn anruft – irgendetwas passiert ist. Die folgenden Worte fehlte jeglicher Bezug zur Realität. Timi konnte nicht tot sein. Nein, Timi wachte nicht mehr auf. Er ist gestorben, im Schlaf. Plötzlich, nicht vorhersehbar. Nein, das … das kann nicht sein. Ich würde nach Hause kommen. Nein, ich fahre mit dem Auto, ich muss mit dem Auto fahren. Sprecherwechsel. Ein Typ des Kriseninterventionsteams. Ich müsse mit dem Zug fahren, das Auto würden sie schon holen. Ich könnte in diesem Zustand nicht fahren. Ich stimmte ihm zu. Bedankte mich. Und legte auf.

„Mein. Mein Neffe ist. Gestorben.“ Betretene Blicke im Büro. Wir waren hier sowieso nur zu dritt. Und ich fragte, ob ich denn jetzt nach Hause fahren könne. Und nachdem ich meine ganzen Sachen zusammengepackt hatte, stieg ich ins Auto und fuhr los. Seit diesem einen Anruf zitterte ich. Und was mich überraschte: ich konnte nicht weinen. Obwohl ich es so sehr wollte. Aber das wäre natürlich während der Autofahrt nicht hilfreich gewesen. Dafür rauchte ich, eine Zigarette nach der anderen. Das Fenster leicht geöffnet und kaum mehr normal atmend. Ständig dachte ich, was das hier wohl nur für ein beschissener Scherz sei. Das könne nicht sein. So etwas passiert zwar. Aber nicht uns. Nicht mir. Was für ein schlechter Scherz war das nur. Die ganze Zeit “The Drugs Don’t Work”. All these talks of getting old. Du hättest alt werden sollen. So viele Pläne hatte ich mit dir. So viele Träume. Gestern nacht habe ich an dich gedacht. Heute morgen. Als du wahrscheinlich schon tot warst.(1)

Nach geschätzten vierzig Minuten war ich zuhause. Von nun an würde ich konfrontiert werden. Und nicht mehr fliehen. Das würde es sein. Ich ging die Treppe hinauf, das Gitter, welches wir wegen Timi angebracht hatten, machte ich hinter mir zu. Und ging in Richtung des Wohnzimmers. Was soll man in einen solchen Moment sagen? Sind Worte hier überhaupt nötig? Ich befinde mich nur in der dritten Reihe. Ich bin nicht die Mutter. Nicht die Großmutter. Ich war der Onkel. Und so nahm ich einfach nur in den Arm, was auf mich zukam. Meine Mutter, zuallererst. Tränen, auf ihrer Seite. Meine Schwester, auch bei ihr Tränen. Und keine Chance, eine der beiden zu beruhigen. Wie könnte man nur. Man ist hilflos. Hilflos unter dem Druck dieser Trauer, welcher wie Messerstiche sein Unwesen treibt.

„Und Papa. Papa ist nicht zuhause.“ Immer und immer wieder sagte meine Schwester diese Worte. Ja, er vergnügte sich zurzeit noch in Amerika. Irgendwo in Las Vegas. Oder Atlanta. Ohne dem Wissen, dass sein Enkel seit Tagesbeginn Tod und unsere Welt auf unbestimmte Zeit eine Ruine sein wird. Irgendwann, im Laufe des Nachmittags (das Zeitempfinden war seit der frühen Nachricht am Telefon aufgehoben, und das für einige Tage), tauchte Gerhard auf, unser Pfarrassistent und ein guter Freund der Familie. Er redete mit uns, ließ uns schweigen und nahm uns in den Arm. Und manchmal weinte auch er. Beziehungsweise, an diesem einen Tag, nur einmal sichtbar für mich. Als ich mich entschieden habe, mir die Aufgabe aufzubürden, zu meine Großmutter zu fahren, um ihr von dieser Nachricht zu erzählen. Er begleitete mich. 

Als ich in das Zimmer trat, einige Leute waren gerade zu Besuch bei meiner Oma, sah ich in die Gesichter von ihr und meiner Tante. Und konnte plötzlich gar nichts mehr sagen. Der Kloß in meinem Hals wurde immer größer, für einen kurzen Moment fanden sich Tränen in meinen Augen. Und man wusste hier schon, was geschehen war. Meine Mutter hatte schon mit meiner Tante telefoniert. Und sie würde auch meinen Onkel in Amerika anrufen, damit dieser meinem Vater davon erzählte. Und nachdem wir die gesamte traute Runde zerstört hatten (einige flüchteten vor der erdrückenden Macht der Trauer), konnte ich anschließend wieder mit meiner Tante nach Hause fahren. Und bloggen.

Ja. Ich bloggte. Das war auch der erste Moment an diesem Tag, an dem ich auch nur annähernd weinte. Das Wieder-in-Erinnerung-Holen so vieler Erinnerungen schaffte eben das. Aber ich zitterte. Immer noch. Die große Sintflut kam bis jetzt noch nicht. Und irgendwann begann ich zu telefonieren. Maria, Elisabeth, Sarah, Lukas, Stefan, Magdalena. Und zuallererst dachte ich an sie, Maria. Sie hatte ihn, von all meinen Freunden, am Häufigsten gesehen. Sie war dabei, als er getauft wurde. Und sie ist der Mensch, von dem ich einfach nicht loszukommen schien. Und scheine. Und dann machte ich mich auf. Magdalena hatte mir angeboten, dass ich bei ihr vorbeikommen könnte. Und Lukas auch. Gespräche. Mit Freunden. Und endlich raus aus dieser Gegend hier. Aus diesem schwarzen Fleck hier auf der Erdkugel. Die Gespräche taten gut, doch es waren nur meine Freunde, die weinten. Diese Gefühlsregungen hatte ich noch nie mitbekommen, wobei ja auch dieser Fall hier vollkommen einzigartig zu sein scheint. Nur ich stand da. Sozusagen als Seelsorger für die Freunde der Angehörigen. (2)

Als ich dann nach Hause komme, liegen meine Schwester und meine Mutter auf der Couch. Sprechen miteinander, weinen. Lenken sich irgendwie ab. Ich sitze am Tisch und schreibe am Notebook, so wie ich es jetzt gerade wieder tue. Ich wartete und rauchte und wartete. Irgendwann waren die beiden eingeschlafen. Eine Decke für die Beiden. Das Licht aus. Die Treppe hinunter und hinein in mein Zimmer. Einmal tief durchatmen. Es ist kurz nach Mitternacht. Das kann es wohl doch nicht sein.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) In Erinnerung., 29.10.2007
(2) Der Tag danach. Und er ist immer noch nicht da. 30.10.2007

Needed you tonight.

Walk Away

Ich wollte gerade eben fahren. Doch Gedanken fraßen sich in meinen Kopf. Ich will da eigentlich gar nicht hin, keine zehn Pferde sollten es schaffen mich dorthin zu schleppen. Aber verabredet ist verdammt noch mal auch verabredet. Ich könnte mir eigentlich ins Knie schießen, so dumm war die Annahme, dass zumindest dieser Abschlussball etwas Groß- und Einzigartiges sein würde. Abschlussbälle sind natürgemäß unter aller Sau. Selbst der eigene war nur deswegen so genial, weil wir einfach die Coolsten waren. Doch das lag schon hinter mir. Zwar nur wenige Monate aber immerhin. Und selbst die Freundin, für die ich mir das alles antat, hatte sich schlussendlich beschlossen, ihre Klasse freiwillig zur Wiederholen. Einzig und allein die Tatsache, dass vieles auf diesem Ball aus ihrer Feder stammte, sollte schließlich Anlass genug sein, um mir diese Gräueltat anzutun. 

Timi begann an diesem Abend immer wieder zu husten. Bronchialhusten würde man es nennen, ein bellender Schrei aus diesem kleinen Kindermund. Erst vor wenigen Monaten hatte er seinen ersten Geburtstag gefeiert, mit seinen beiden Großmüttern, seinem Vater, seiner Mutter und ihrem neuen Freund und eben mir. Was waren das damals nur für sonnige Tage. Jetzt stoßen bei jedem Husten Tränen aus seinen Augen hervor. Meine Mutter bemühte sich, ihn gesund zu pflegen. Mit einer heilenden Salbe, mit einem lauwarmen Tee. Und ich hielt ihn, weinend, schreiend und hustend auf meinem Arm. Dieses kleine sanfte Wesen, so arm. Und ich so hilflos. Ich kann ihm nicht helfen. Nur langsam durch das Wohnzimmer schlendernd, ihn am Rücken streichelnd. Und er legt die Arme um meinen Hals und meine Schulter, das Gesicht mir zugewendet. Den Blick werde ich nie vergessen, und die Tränen, die langsam auf mein T-Shirt fielen. Zum ersten Mal hat er mich so umarmt, hat mir all seine Wärme geschenkt und ich. Ich mache mich schließlich auf den Weg zu diesem ach so bescheuerten Abschlussball.

Aufgrund meines Fahrertums verdonnere ich mich zur Alkoholabstinenz. Ich habe auch wirklich nicht gerade Lust dazu, mich mit diesem Bullshit volllaufen zu lassen, um dann peinlich herumzuspazieren und wieder einmal Dinge zu tun, die ich anschließend bereuen werde. Erst vor einem Tag etwa habe ich erfahren, was meine Schwester sich selbst und uns zugefügt hatte. Ich konnte es anfangs nicht glauben, aber meine Mutter bestätigte es, bis es mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Was soll das heißen: Selbstmordversuch? Das machen doch nur. Nein. Sage es nicht, Dominik. Denke es dir nicht einmal. Auch du hast schon einmal darüber nachgedacht, und die wichtigste Frage war schließlich immer nur, wer denn wohl so richtig trauern würde. Wer sich denn nun aller Sorgen machen würde. Es wäre die Aufmerksamkeit, die einem das Gefühl geben würde, dass all das eben doch Sinn geben würde. Aber es ist egal, jetzt im Moment. Ich stehe hier, im Anzug mit Hemd und Krawatte und diese elendigen Schuhen. 

Alle Menschen um mich herum, und die Betonung auf alle, sind sturzbetrunken. Die Aufmachung des gesamten Balls hat wohl ihres dazu beigetragen, dass die Besucher nur mehr im vollen Suff diese Veranstaltung verlassen können. Eine gute Freundin, damals, kommt plötzlich auf mich zu, und ihre Absichten waren mir schon im Vorhinein klar. Es würde uns beiden nichts bedeuten, nur an diesem Abend hier. Wir könnten es anschließend vergessen, es könnte in die Bedeutungslosigkeit verschwinden. Doch da steige ich aus. Das will und das kann ich einfach nicht. Ich kann nicht vergessen, und schon gar nicht Begegnungen mit Frauen. Jede zärtliche Berührung von einem Mädchen geht mir nie mehr aus dem Kopf. Vielleicht (nein, viel eher wahrscheinlich) ist das nicht unbedingt positiv, in einer Zeit, in der man sich ausleben sollte. Ficken für den Weltfrieden, würde man meinen. Aber es würde mir etwas bedeuten, und gerade eben das lässt mich zurückschrecken. Und eben auch diese Begegnung lässt diesen Abend zu einer schrecklichen Parade unverständlich miserabler Aneinanderreihungen negativer Begegnungen werden. Ich will nach Hause. Sofort.

Doch dazu kommt es nicht. Zuerst fahren wir noch zu einem Freund, der nicht unweit eine chillige Wohnung hat. Dort liefere ich den Großteil meiner Mannschaft ab und rauche eine unglaublich starke und unvorstellbar lange Zigarette. Kein Gras inside. Nicht jetzt, nicht heute. Wobei mir dieses Gefühl, sollte ich es denn endlich wieder einmal spüren, diese gesamte Anspannung wegnehmen würde. Mein Slogan wäre eher ‚Kiffen für den Weltfrieden‘, und das, obwohl ich schon lange keinen Joint mehr in der Hand hielt. Und diese Zigarette soll für mich nun den Abschluss dieses Abends bedeuten, welcher beschissener nicht hätte laufen können. Um kurz nach zwei bin ich wieder zuhause. Blogge noch fröhlich von diesem Ball, mit wenig harten Worten, um nicht mitlesende Schüler dieser Schule zu beleidigen. Aber es war wohl einer der abgefucktesten Bälle, auf denen ich war. Außer natürlich den zweien vorher und dem einen danach. Irgendwann schlafe ich schließlich auch ein. Was für ein Tag. Was für ein Abend. Alles einfach nur Bullshit.

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