
Wegwerfzeitung. 16122010
Angst sollte ich haben, Angst vor allem und vor allem vor jedem. Weil niemand mehr gut ist und die Welt doch nur hässlich und das Leben eigentlich auch nur eine fast ewige Tortur ist. Das will mir zumindest die Zeitung klar machen, die ich heute morgen ganz einfach nicht angreifen hätte sollen. Nicht mitnehmen, nicht lesen.
Aber schön langsam scheine ich schon wieder zu begreifen, warum die Gesichter um mir herum so düster sind, und viele am Liebsten nicht in die Grimasse ihres Gegenübers blicken wollen. Okay, zugegeben … es ist noch viel zu früh am Morgen, aber wahrscheinlich haben auch sie in dieser Zeitung geblättert und innerlich schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Beinahe möchte ich auf einen Plastiksessel in dieser U-Bahn hüpfen, und ihnen etwas erzählen, will ihnen erklären, wie es nun wirklich auf der Welt aussieht. Aber einerseits hätte das so etwas von einem Messias und andererseits ist es dafür heute eh viel zu voll hier.
Während sich wieder einmal die Menschenmasse austauscht, bekomme ich endlich einen Sitzplatz. Ich fahre nicht weit, aber das ist egal. Den Kopf gegen die Scheibe gelegt, das Gerattere in meinen Ohren, sauge ich die vorbeiziehenden Eindrücke auf und atme tief und fest ein. Und denke mir, so ganz bei mir: „Das ist es. Das ist das Leben. Eine wilde Aneinanderreihung verschiedenster Haltestellen. Die eine schöner, die andere eher nicht. Und dazwischen zieht alles so schnell vorbei, man versucht einen Blick zu erhaschen und schafft es aber doch irgendwann.“ Und lächle wild in mich hinein. Sowas sollten die mal drucken, nicht nur irgendeinen Scheiß von wegen Bombe und so.
Als ich wieder aufblicke, bemerke ich es. „Scheiße!“, springe ich auf und stolpere zur Tür. Ich habe meine Haltestelle übersehen. Und schon wieder muss ich grinsen, denn in Gedanken füge ich hinzu: „Ja, und das ist der Unterschied zum richtigen Leben. Da kann man nicht einfach umsteigen und wieder zurückfahren.“
Zurücktreten, bitte.
Zug fährt ab.
