Etwas, worin ich schon immer gut war, ist es, Erwartungen zunichte zu machen. Erwartungen, die andere in mich stellen und auch die eigens mitgeschleppten Stücke, die aus mir einen anderen Menschen machen sollten. Im Grunde genommen kann ich mich an nichts erinnern, wo alles so gelaufen ist, wie es laufen hätte sollen. Wie ich es gerne gesehen hätte, dass es läuft.

(via
docadoca | flickr)
Was bleibt, ist die Frage, woran ich nun schon seit zweiundzwanzig Jahren scheitere. Sind die Erwartungen in mich einfach viel zu hochgegriffen? Habe ich von mir selbst das Gefühl, ein außergewöhnlicher Mensch zu sein? Einer, der eigentlich eh alles schafft und einer, der stets den Mut und die Ausdauer hat, andere zu überraschen? Wahrscheinlich ist es alles.
Warum ich auf all das gerade jetzt komme? Weil der heutige Tag von Melancholie nur so durchzogen war, ich war leicht reizbar und überaus gehässig. Ja, ich weiß … solche Tage kommen und solche Tage gehen auch wieder. Aber es sind eben diese Tage, die einen diese Dinge wieder vor Augen führen.
Ich weiß, dass ich jetzt gerade nicht die Person bin, die ich gerne sein möchte. Und eine Veränderung bräuchte nicht viel, nur ein bisschen Willensstärke und Durchhaltevermögen. Würde ich es denn schaffen, ich wüsste, dass dann alles besser sein würde. (Ja, ernsthaft. Es gibt wirklich so etwas, das mit Leichtigkeit einfach mal alles über den Haufen werfen kann.) Wie oft schon habe ich das angepackt, bis mich die Lust und der Erfolg verließ und ich wieder einmal begann, mich mit der aktuellen Situation in all ihrer Pracht auseinanderzusetzen. Es funktioniert, natürlich. Was mir an Willensstärke und Durchhaltevermögen fehlt, übertünche ich mit Selbsttäuschung.
Puh, ich lebe ein tolles Leben gerade. Ich lebe die Liebe wieder einmal. Und trotzdem fühle ich mich umhergewirbelt, statt den langen Tiefs und den kurzen Hochs wechseln sich die beiden innerhalb von Sekunden ab. Und immer wieder die Gedanken, und der Gedanke, endlich mit dem Denken aufzuhören. Das ist schon gut so. Was ich aber wieder einmal brauche, sind Erfolge.
Erfolge, auf die ich aus tiefstem Herzen stolz bin. So etwas gab es schon lange nicht mehr. Irgenwann mal vor drei Jahren, als ich zum ersten Mal vor Publikum und mit gesundheitsgefährdendem Herzklopfen meine Texte vortrug. Oder als ich mein (glücklicherweise nicht beachtetes) Erstlingswerk the places you have come to fear the most, immerhin ganze 35.697 Wörter, in einer Schreibwut innerhalb weniger Tage von Kapitel 2 zu Kapitel 4 (inkl. Nachwort) brachte und dann voller Stolz und mit einer kleinen Flasche Sekt zu meiner Exfreundin fuhr. Das war etwas. Das war wirklich groß.
Und heute erwische ich mich dabei, wie ich, wenige Tage vor den wichtigen Prüfungen, mich einfach nicht dazu aufraffen kann, endlich etwas zu tun. Dass ich mir dadurch nur selber große Steine in den Weg lege, wird mir leider meist erst viel zu spät bewusst. Wenn ich stolpernd in das Meer aus spitzen Kieselsteinen stürze. Ich mache die gleichen Fehler irgendwie ja doch immer wieder, wisst ihr.
Selbst wenn das Studium vielleicht nicht einhundertprozentig das ist, was ich jetzt gerade brauchen würde, so ist es doch die bessere Alternative. Und bevor ich sie abschließe (zwei Jahre) oder von ihr geworfen werde, dank negativer Prüfungen, muss ich vorher zumindest einmal Volle Distanz. Näher zu dir (welches übrigens vielleicht noch einen anderen Titel bekommen könnte) fertigstellen. Damit ich dann vielleicht auch nur annähernd etwas habe, woran ich mich klammern kann.
Und vielleicht schaffe ich es irgendwann einmal sogar, über meinen Schatten zu springen, und es endlich zu wagen, jemand anderer zu werden. Veränderungen sichern einen den Weg ins Ungewisse, ins Unerwartete. Und davor haben wir wohl die größte Angst. Wir alle, nicht nur ich.
Ich bräuchte das endlich wieder einmal. Mich von einer anderen Seite kennenzulernen. Denn eben gerade kotzt sie mich vollkommen an, das Ich, das jetzt gerade diese Zeilen tippt und sich einen kalten Café Latte von McCafé runterkippt. Und schön langsam beginne ich damit, nicht immer erst alles groß anzukündigen, um dann die Klappe zu halten, wenn das Erreichte in weiter Ferne bleibt. Zu diesem Thema werdet ihr wohl erst wieder hören, wenn ich nur wenige Meter vor den Erfolgen meine letzte Pause mache.