Winter-Frühling-Sommer

Die Kippe brennt langsam dahin, während er sie behutsam in seiner durch dünne, schwarze Handschuhe umhüllte Hand zu halten versucht. Er lacht. Gefühlsmasochist. Dieses Wort kam ihm gerade eben in den Sinn und er überlegt, wie er diesen neuen Terminus am Besten beschreiben könnte.  Jemand; jemand, welcher es für sich beansprucht, auf Gefühlsebene verletzt zu werden. Aus purem Genuss. Es ist noch tiefster Winter.

An den meisten Stellen der Stadt, auf den meisten Dächern die Vororte. Es liegt überall noch Schnee. Manchmal dreckig von all dem Autodreck, manchmal sieht man auch den Versuch, mit gelber Farbe den vollständigen Namen in den Schnee zu schreiben. Und ist auch nur mehr minder überrascht, plötzlich einen Frauennamen im weißesten Weiß zu finden. Es ist noch Winter, doch die Temperaturen lassen zum ersten Mal seit langem zu, mit der Zigarette in einer, mit einem Handschuh eingepackten, Hand auch mal für etwas längere Zeit draußen zu sitzen und zu reden.

Diese vier Grad, um welche das Thermometer neuerdings die magische Null überschreitet, geben Anlass zur Hoffnung. „Ich freue mich auf den Sommer. Auf den See und das Grün. Auf das Grillen und die langen Nächte mit Bier, Wein, Zigaretten und dem Sonnenuntergang“, meint der Freund, der sich hier neben ihm hingesetzt hatte. „Und ich auf den Frühling. Wenn nach dem Verlust der Schneemassen langsam und da noch im wunderschönsten Grün die Natur wieder das Leben anfängt. Wenn alles noch frisch ist und gerade erst 15 Grad warme Sonne deine Nase kitzelt.“, antwortet er, welcher die Kippe, um den Handschuh nicht anzukokeln, in den Aschenbecher fallen lässt. Die Beiden lächeln sich an, erheben sich von ihrer aufgetauten Sitzbank und gehen wieder hinein, in die Stube, die mit etwas mehr als der durchschnittlichen Innentemperatur prahlen kann.

Doch zurzeit ist es beinahe noch Winter.