Schreiten. [Eine Lebensphilosophie]

Es ist mir wohl irgendwann in diesem Jahr passiert. Als ich bemerkt habe, dass das Leben mit all seinem Alltag nicht unbedingt das große Grau-in-Grau mit sich bringen muss. Viele Projekte, das Studium, meine Pläne und Träume. Irgendwann brauche ich auch mal Zeit für mich. Daraus entstand, es war wohl in Stockholm, die Idee des Schreitens. Gemeinsam mit dem „Fuck it!“-Lebensratgeber begann ich mich darauf zu konzentrieren. „Schreiten“, es gibt wohl kaum einen Namen, der es biederer beschreiben könnte, worum es geht. Aber nachdem auch Graz unter diesem Motto gestanden ist, und auf meine Tweets oft nur Replies mit Fragezeichen kamen, möchte ich es hier endlich einmal erklären.

Nur … wie erklärt man etwas, das man einfach so tut? Vielleicht sollte ich erzählen, wie es mir in den vergangenen Monaten half. Und es half mir wirklich sehr oft und oftmals auch auf überraschende Weise. Im Schwedenurlaub fiel mir auf, wie schön es ist, nicht von einem Platz zum andern zu laufen, sondern sich wirklich mal die Zeit zu nehmen, um sich alles genauer anzusehen. Um mal einfach nur die U-Bahnstationen zu betrachten, oder an einem Wolfsgehege für einige Minuten stehen zu bleiben. Wir haben doch alle Zeit der Welt, oder?

„Fuck it“ bringt es auf den ersten Seiten sehr gut auf den Punkt. Ich bin einer unter 6,7 Milliarden, meine Befindlichkeiten sind von so geringer Relevanz, ja, selbst ich bin von kaum vorhandener Bedeutung. Das könnte man jetzt natürlich sehr negativ auslegen, aber in Wahrheit bringt es die Sache auf den Punkt. Denn genau diese Ansicht hilft einem dabei, nicht unbedingt „funktionieren“ zu müssen. Diese Einstellung offenbart, dass es nicht darauf ankommt, wie man ankommt. Es kommt auf den Weg an, und den darf man sich so schön wie möglich gestalten.

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Und auch das ist wichtig:

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Was ist also nun genau dieses Schreiten? Es ist ein „Sich-Zeit-Nehmen“. Ein Ende der unbändigen Geschwindigkeit. Es ist ein Ausbremsen der Realität. Wirklich überrascht hat sich meine gewandeltete Einstellung zum Leben beim großen Prüfungsfail vor nunmehr fast einem Monat: Ich hätte in ein Loch fallen können, vielleicht wäre es sogar meine Aufgabe gewesen, nur um den Annahmen aller anderen zu entsprechen. Aber ich habe weitergelebt, und vielleicht viel intensiver als viele Tage zuvor. Ich habe schöne Abende mit großartigen Freunden erlebt, habe, obwohl ich keinen Plan für die Zukunft zu haben schien, einfach in den Tag hineingelebt. Und irgendwann neue Pläne gefunden und einen neuen Schwung für meine Träume heraufbeschworen.

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Schreiten hilft. Stockholm war ein Ausdruck der Spontanität … auf ein „Ich war noch nie in Stockholm.“ ein „Cool, wann hast du Zeit?“ – Und genau darauf kommt es an. Vom Grazurlaub wusste ich mal ganz grundsätzlich nur die Zugabfahrtszeit in St. Pölten. Und in den Tagen dazwischen, eigentlich seit dem Beginn des Jahres lebe ich mein bisher glücklichstes Leben.

Und nein. Schreiten bedeutet nicht ein Ende der Gedanken. Timis Geburtstag traf mich in diesem Jahr wohl mit überraschend heftiger Wucht, und auch Schmetterlingsgeflatter erhält noch genügend Platz in mir drinnen. Aber neben all den Gedanken, die so oder so ähnlich ganz einfach dazugehören, es ist wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wer hat etwas davon, wenn man am Boden zerstört ist? Wenn Pläne nicht klappen und alles plötzlich anders ist? „Es wird sich schon etwas ergeben.“, waren meine häufigsten Worte. Und genau daran glaube ich auch. Ich kenne meine Talente, weiß, was ich richtig gut kann. Und da kann mich ein neuer Zeitplan meines Lebens auch nicht wirklich aus der Bahn werfen.

Vielleicht ist Schreiten eine Umschreibung des Akzeptierens. Man nimmt alles so an, wie es passiert. Sich nachher Vorwürfe zu machen, in der Vergangenheit etwas falsch gemacht zu haben? Fehlanzeige. Denn dadurch würde die Gegenwart zu einem unaustehlichen Ort werden. Man lebt. Man lebt nur einmal. Und da können manchmal eben auch Wege anders verlaufen, als man es sich gewünscht hat. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Solange man an sich selbst glaubt, ist die Welt wohl in Ordnung.

Und ja, auch das. Ich entspreche keinem Schönheitsideal, folge keinen Modetrends (und wenn, dann mit zweieinhalbjähriger Verspätung). Aber ich fühle mich seit 2011 zum ersten Mal so lange Zeit in meinem Körper wohl, bin stolz, genau diese Person zu sein und komm mit all meinen Makeln besser zurecht als je zuvor. Das bin nämlich ich, und vielleicht macht auch dieses sogenannte „Glück“ einen Menschen noch etwas schöner.

Schreiten ist toll. Es ist eine Offenbarung, für mich wohl das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin spontaner, aufmerksamer und wohl auch awesomer als je zuvor. Probiert es auch mal aus. Es wird sich für euch lohnen.

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Und es stößt also auch auf Interesse. Kann man daraus irgendein Projekt für Twitterer und Blogger starten? Gibt es da irgendwelche Möglichkeiten? Ich weiß es nicht, wäre aber über Mithilfe von eurer Seite sehr erfreut. Und überhaupt: Was haltet ihr davon? Alles nur Gedankenwirrwarr, Einbildung oder doch das Nonplusultra?

Vielleicht lieber morgen.

Jetzt könnt ihr abschalten. Wirklich. Ich bitte euch. Das wars.

Ihr kennt das wahrscheinlich. Das Funkensprühen, wenn man sich in die Augen blickt. Der Schmetterlingssex im Bauch, der dieses Kribbeln erzeugt. Der Gedankenkollaps in wunschertränkten Hoffnungen. Jeder kennt das irgendwie. Und jeder weiß wohl, dass man es sich nicht herbeiwünschen kann, und es geht auch nicht auf Kommando einfach weg. Worauf ich hinaus möchte. Ich liebe dieses Gefühl, aber ich habe es seit Monaten nicht mehr verspürt. Und das ist auch gut so.

„Man kann nicht keine Lust auf Liebe haben.“, meinte kürzlich ein Freund zu mir, aufgrund eines Eintrages, in welchem ich schrieb, dass ich bis Frühling wohl nichts mehr mit Liebe zu tun haben wolle. Wobei er wohl sehr recht damit hat. Wenn es kommt, dann kommt es eben. Das ist wie Weihnachten und Ostern. Man rechnet einfach nicht damit und wusch ist es da. In dem was wir gerade im Tutorial besprechen, wäre das also die „structure“. Wie ich mich dann darauf einlasse, dass ist die „agency“. Schon klar. In die Struktur wird man hineingeworfen, in das Verliebtsein verliebt man sich mal eben so. Aber es kommt immer so drauf an, wie man sich selber darauf einlässt. Und ob man sich denn überhaupt einlässt.

Ja. Man liest schon richtig. Monsieur Melodramatique. Dieser Typ, der sich monatelang fragte, warum seine Exfreundin kein bisschen mehr für ihn empfindet, der sich ständig fragte, wann er denn endlich die Frau seines Lebens kennenlernen würde. Ja, dieser Mann wird sich auf nichts einlassen. Vor allem auf nichts, wo das Scheitern schon vorbestimmt ist. Liebe muss immer auf beiden Seiten stattfinden. Wie es ist, wenn es eben nicht so sein sollte, das habe ich schon zur Genüge zu spüren bekommen. Und sollte sich irgendwann einmal irgendjemand in mich verlieben, werde ich definitiv eines tun. Warten. Und sollte ich bemerken, dass ich nicht das geben kann, was von mir erwartet wird. Wenn ich bemerke, dass ich jemandem Schmerzen zufüge, dann würde ich die Notbremse ziehen. Ich kenne all das schon. Ich will nicht so sein, wie den Menschen, den ich in manchen Zügen verabscheue. 

Vielleicht lieber morgen. Vielleicht lasse ich mir jetzt einfach mal Zeit. Mit allem, irgendwie. Unter Druck gesetzt habe ich mich schon immer. Ich liebte es manchmal, und manchmal machte es mich aber auch nur einfach kaputt. Und auch das hat mir bis zu einem bestimmten Punkt Spaß gemacht, nur das Problem war, dass von da an alles unkontrollierbar weiterverlaufen ist. Ich erlebe gerade den größten Wandel in meinem Leben. Neue: Stadt, Bekanntschaften, Aufgaben, Visionen, Träume. Alles neu. Eben. Da könnte jetzt auch Liebe stehen. Schon klar: Neue Liebe neues Glück klingt immer gut. Aber wenn ich alles auf einmal haben möchte, dann sind Mittwoche wie gestern nicht ausgeschlossen. Und dann würde sich das vermehren und über die ganze Woche ausbreiten. Darum lasse ich es einfach. Ja. Wie sagt man so schön? Auf mich zukommen. Und werde mich jetzt auch zum ersten Mal so hineinstürzen, wie es sich gehört. Auch mal eine langweilige Vorlesung nicht besuchen, um mit Freunden auf ein Bier zu gehen (okay, das hatten wir schon ein, zwei Mal). Man muss nicht alles planen. ¡Viva la espontaneidad. Zugegeben, ich kann kein Spanisch. Aber, warum nicht mal wieder alles auf gemütlich, auf spontan, auf humorvoll setzen. Das wär doch was. Das wär ein völlig neues Erlebnis.

Und so mache ich nichts anderes, als irgendwie Spaß zu haben. Ich habe zwar erst heute eine Einladung zum Speed Dating abgelehnt. Aber das Leben ist viel zu kurz, um jetzt gerade in Zeiten persönlicher Unzufriedenheit die Welt zu hassen. Da kommt noch was. Vielleicht lieber morgen. Aber ich wollte nur anführen. Bei mir ist grad nicht. Funkensprühen und so. Kein Schmetterlingssex und kein Gedankenkollaps. Nichts. Und ich fühle mich. Ja. Gut.

Aber jetzt. Abschalten. Bitte. Da kommt nichts mehr.

Bild: Ein Ausschnitt aus dem Album Freischwimmer der Band Echt