Es ist schön, bevor es zu Ende ist. [Der Herbst]

(via  docadocaflickr)

Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.

„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“

„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“

„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“

„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“

„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Du-uh?

„Du-uh?“
– „Mhm.“
„Du-uh? Weißt du eigentlich, wo wir hinmüssen?“

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Es ist Nacht, nein, Morgen. Es ist beunruhigend still hier und im Grunde genommen ist das auch nicht meine Stadt. Aber jetzt den Unwissenden spielen? Nein.

– „Mhm. Natürlich. Siehst du? Da hinten.“

Ich deute etwas unverständlich in die vor uns liegende Gegend. Hie und da huscht das Auto eines notorischen Frühaufstehers oder eines betrunkenen Zu-Bett-Gehers an uns vorbei und meine Fußsohlen beginnen schön langsam zu brennen. Ich scheine sie mit meinem Versuch, den vollen Durchblick vorzutäuschen, etwas beruhigt zu haben. Und während wir uns merklich langsam und immer wieder anhaltend fortbewegen, legt sie ihren Kopf an meinen Arm, umklammert ihn, und schließt für einen kurzen Moment auch ihre Augen.

„Es war schön, heut‘ Nacht.“
– „Mhm.“

Es ist heiß. Der Asphalt glüht noch und die gerade aufgehende Sonne übt weiter ihre bekannte Wärme aus. Wir wanken immer noch voran, als ich plötzlich ein mir bekanntes Gebäude entdecke. Erleichtert atme ich durch, und auch sie scheint es bemerkt zu haben. Sie lässt ihre feste Umklammerung los und stellt sich vor mich. Ein Kuss. Eine Überraschung.

„Danke fürs Nachhausebringen.“
– „Kei-… keine Ursache.“

Irgendeine Glocke schlägt hier gerade ganze sechs Mal. Sie nimmt meine Hand, zieht mich mit. Ihr müder Blick ist verschwunden, wir gehen zu meinem Auto, mit dem wir heute hierhergekommen sind. Verzweifelt suche ich in meinen Taschen, sperre das Auto auf. Wir legen Fahrer- und Beifahrersitz um, heute schlafen wir nämlich ganz bequem in diesem Fahrzeug. Ich reiche ihr einen Polster, stopfe meinen eigenen unter meinen Kopf. Und irgendwie liegen wir beide in diesem Auto, direkt gegenüber, blicken uns an und denken irgendwie gar nicht ans Einschlafen. Sie sucht nach meiner Hand und als sie sie endlich erwischt, hält sie sich fest. Ich erwidere ihre Suche nach Nähe. Wir sehen uns an. Ich beuge mich nach vorne, küsse sie, lege meinen Kopf wieder auf meinen Polster. Und während ihre Augen schön langsam wieder müde werden, sehe ich sie unentwegt an. Das. Jetzt. Hier. Der Moment. Ihre Hand. ‚Schlaf gut.“, denk ich mir. An Schlafen ist in meinem Kopf nicht zu denken.

Flickr: dcbprime
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Winter-Frühling-Sommer

Die Kippe brennt langsam dahin, während er sie behutsam in seiner durch dünne, schwarze Handschuhe umhüllte Hand zu halten versucht. Er lacht. Gefühlsmasochist. Dieses Wort kam ihm gerade eben in den Sinn und er überlegt, wie er diesen neuen Terminus am Besten beschreiben könnte.  Jemand; jemand, welcher es für sich beansprucht, auf Gefühlsebene verletzt zu werden. Aus purem Genuss. Es ist noch tiefster Winter.

An den meisten Stellen der Stadt, auf den meisten Dächern die Vororte. Es liegt überall noch Schnee. Manchmal dreckig von all dem Autodreck, manchmal sieht man auch den Versuch, mit gelber Farbe den vollständigen Namen in den Schnee zu schreiben. Und ist auch nur mehr minder überrascht, plötzlich einen Frauennamen im weißesten Weiß zu finden. Es ist noch Winter, doch die Temperaturen lassen zum ersten Mal seit langem zu, mit der Zigarette in einer, mit einem Handschuh eingepackten, Hand auch mal für etwas längere Zeit draußen zu sitzen und zu reden.

Diese vier Grad, um welche das Thermometer neuerdings die magische Null überschreitet, geben Anlass zur Hoffnung. „Ich freue mich auf den Sommer. Auf den See und das Grün. Auf das Grillen und die langen Nächte mit Bier, Wein, Zigaretten und dem Sonnenuntergang“, meint der Freund, der sich hier neben ihm hingesetzt hatte. „Und ich auf den Frühling. Wenn nach dem Verlust der Schneemassen langsam und da noch im wunderschönsten Grün die Natur wieder das Leben anfängt. Wenn alles noch frisch ist und gerade erst 15 Grad warme Sonne deine Nase kitzelt.“, antwortet er, welcher die Kippe, um den Handschuh nicht anzukokeln, in den Aschenbecher fallen lässt. Die Beiden lächeln sich an, erheben sich von ihrer aufgetauten Sitzbank und gehen wieder hinein, in die Stube, die mit etwas mehr als der durchschnittlichen Innentemperatur prahlen kann.

Doch zurzeit ist es beinahe noch Winter.

Sommernacht.

Die Nacht ist lau. Wir alle sitzen um dieses Lagerfeuer herum und genießen das Zirpen der Grillen. Weniger als die Hälfte dieser Gruppe ist mir bekannt, nenne ich Freunde. Wir sitzen hier und lauschen dem Mond und den Sternen. Sprechen über Gott und die Welt und über uns. Manchmal kommen auch lustige Erinnerungen hoch, die wir miteinander hatten. Wir alle lernen uns kennen. Mit den einen mache ich zum ersten Mal Bekanntschaft, und mit den anderen baue ich jedes Mal wieder dieses wunderbare Gefühl von Freundschaft auf.

Wir haben es uns nicht anders verdient. Diese Restwärme des schwülen Tages, diese gemütliche Wiese, dieser Platz. Und dieses Treffen. Organisiert von einem von uns. Nur, um ihre Freunde von weit weg zu sich zu holen und ihnen ihre besten Freunde vorzustellen. Wie großartig diese Idee, wie wunderbar die Umsetzung. Fast scheint es so, als wäre selbst das Wetter für diesen Abend, diese Nacht geplant.

Lange Gespräche, ein Witz, ein Lachen. Unmengen an Alkohol, die Wurst, die wir über dem Lagerfeuer grillen. Und von irgendwo weit her die Musik aus dem CD-Player. Die Stille und das ständige Gespräch und das Kennenlernen und das Anfreunden. Die Begegnung und. Ein Kuss. Ein Moment. Und Stille.

Für diesen einen Moment gehört die Welt nur mir allein.