
Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.
„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“
„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“
„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“
„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“
„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“
Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.



