Heimat.

Frühling. 05022011

In den vergangenen paar Tagen, zum Nachdenken nahezu prädestiniert dazu, kam mir immer wieder das Wort „Heimat“ in den Kopf. Heimat und dass es so etwas womöglich gar nicht gibt. Keinen fixen Ort, kein Haus, in das man immer wieder zurückkehren kann. Nicht das Haus, in dem man aufwuchs, in dem man das erste Mal aufs Töpfchen ging, mit Freude das erste „Sehr gut“ und Jahre später mit Tränen das erste „Nicht Genügend“ nach Hause brachte. Das Haus, in denen man das erste Mal Sex hatte, das für wenige Tage mal der wunderbarste Ort der Welt war, als unzählige Freunde und ich ohne Sorgen übers Morgen einfach so in den Tag hineinlebten und mit Decken die große Wiese mit Leben füllten.

Bis vor wenigen Wochen war Heimat dieses eine alte Haus, auf dessen Türbogen „1862“ prangt und dessen dicken Wände mir immer wieder Träume von Menschen, die darin wohnten, ermöglichten. Heimat waren für mich meine Eltern, die Teil dieses Zufluchtortes waren, mein Zimmer, das nach all den Jahren nichts Geordnetes, nichts „Erwachsenes“ beinhalten durfte. Heimat war es, früher mit dem kleinen Eimer die Haselnüsse einzusammeln, oder meiner Mutter im Gemüsebeet mehr oder weniger behilflich zu sein. Egal was passierte, egal was ich angestellt habe, oder was mir angetan wurde. Hierher konnte ich kommen, konnte zuhause ankommen und in diese eine, geschützte, in diese meine Welt eintauchen. Hinter mir die Türe schließen und war plötzlich wieder sicher.

Vielleicht lacht ihr jetzt, wenn ich euch sage, dass ich die vergangenen Jahre, seit ich studiere, fast jeden Tag meine Eltern angerufen habe. Dass wir diesen einen verdammten Smalltalk führten, den ich normalerweise so sehr hasse, und dass wir uns manchmal auch auf wirklich wichtige Gespräche eingelassen haben. Ein Stückchen Heimat übers Telefonnetz. Ein verzweifelter Versuch, nicht loslassen zu müssen. Irgendwann, in den vergangenen Wochen, habe ich damit aufgehört. Habe mein Handy liegen lassen. Weil ich mich wohl zum ersten Mal auf dieses neue Leben, auf St. Pölten eingelassen habe, auf meine Reisen nach Wien oder zurück in diesen kleinen Ort, von dem ich mich damals aufmachte. Weil ich seit Jahren wieder einmal so etwas spüre, was ich als Leben bezeichnen möchte. Als bedingungsloses Leben, als ein Eintauchen, in das, was mich durch und durch glücklich macht.

Wien musste unter meinem Wunsch nach Heimat leiden, und ich mit ihm. St. Pölten war das komplette Gegenteil und doch nicht das Richtige. Erst in den letzten Monaten, in denen ich 90 Prozent meiner Zeit in dieser kleinen Stadt, weitab von dieser ominösen „Heimat“ verbrachte, mit zwei großartigen Freunden als die wohl besten Nachbarn. Und einem wachsenden Freundeskreis drumherum, mit Lokalen, in denen man bis 4 Uhr früh sitzen konnte, und Lebensmittelgeschäfte, die uns sogar bis 22 Uhr eine 50er-Packung Frühlingsrollen verkaufen. Und dann komme ich das erste Mal seit Wochen wieder zurück von St. Pölten und fühle es. Dass es das war.

Das mit diesem einen Mal das kleine imaginäre Schildchen über der Tür, dieses „Heimat“, nicht mehr hier ist. Dass es für mich nur mehr Unterkunft, und nicht mehr Zufluchtsort ist. Meine Eltern mir nicht weniger wichtig geworden sind, aber das Leben drumherum viel wichtiger. Warum ich immer wieder hier zurückkehre? Für die wenigen Tage, die ich gemeinsam mit meinen Eltern verbringe, für die vielen Abende, die ich mit meinen Freunden erlebe. „Heimat“ ist das nicht mehr, nur mehr ein Zwischenstopp.

Das Schildchen findet man jetzt übrigens nicht plötzlich vor meiner Wohnungstür in diesem Studentenheim. „Heimat“ hat nicht einfach nur den Ort gewechselt. Sie hat eine Art Evolution durchlebt, hat sich von etwas Örtlichem zu einem Gefühl entwickelt. Wenn ich mit Freunden am Boden sitze, eine Flasche Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen, Gespräche über Gott und die Welt und über uns (mit all unseren Einzelheiten), wenn wir stundenlang kochen, gemeinsam einkaufen oder durch leere Straßen schlendern. Das ist für mich Heimat. Oder wenn ich mit einer ganz gewissen Person treffe, mich mit ihr unterhalte, ihr nah bin. Genau das ist Heimat.

Heimat ist für mich dieser imaginäre Ort, an dem ich ganz einfach ich sein kann. Ohne mir irgendwelche Gedanken machen zu müssen, ob ich hierher passe. Heimat ist die Nähe zu geliebten Menschen. Heimat ist das Ende der Selbstaufgabe. Heimat ist genau dieser Frühling hier. Heimat ist Liebe.

Abseits der Tagesordnung. [Ein Monolog]

„Als ich dich das erste Mal sah, bist du mir aufgefallen. Nicht so besonders. Vielleicht stellst du dir jetzt vor, dass die Welt um mich herum plötzlich langsamer wurde, und du in einem hellen Schein dastandst und ich mit leuchtenden Augen in die deinen blickte. Nein. Ich fand dich einfach nur auffallungswürdig. Vielleicht erklärt das ja auch, warum ich dich anschließend die ganze Zeit ansehen musste. Immer kurz den Blick schweifen lassen, deinen Kopf, deinen Körper erkennen, verharren. Bis du dich für den kurzen Moment eines Augenblicks bewegtest. Immer und immer wieder musste ich zu dir hinsehen. Glaubst du, ich hätte es zu diesem Zeitpunkt schon geschafft, dich anzusprechen? Nein. Dafür bin ich viel zu schüchtern. Wenn mir jemand so besonders auffällt, so … besonders ist womöglich, kann ich mich noch weniger dazu überwinden, ein kurzes Hallo zu spenden und zu lächeln und in tiefen Smalltalk zu verfallen. So blieb mir einfach nur die Zeit, in der ich dich betrachten konnte. Und ich habe sie genossen. Aber weißt du eigentlich, wie komisch es sich anfühlte, als du plötzlich wieder weg warst? Meine Augen hatten Urlaub, mein Kopf erlaubte ihnen nicht einmal mehr, irgendjemand anderen anzusehen. Er wollte dich wieder sehen. Mein Kopf genauso wie meine Augen und mein Herz. Es dauerte lange, aber es stimmt wirklich. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben. Dass es nun schon so lange Zeit her ist, überrascht mich. Hast du dich doch kaum verändert. Noch immer strahlt dein Auftreten etwas Besonderes aus. Und du wirkst so … unschuldig, so brav. Als hätte es all die Jahre zuvor nicht gegeben. Als wärst du an diesem einen ersten Tag nach Hause gegangen und heute wäre das Morgen von gestern. Vielleicht hast du mich ja auch erkannt. Obwohl. Hast du mich denn überhaupt bemerkt, damals? Ich weiß es nicht. Und jetzt sitze ich neben dir und erzähle dir die Geschichte meines Lebens. Ach nein. Es ist die Geschichte von uns beiden. Von dir und mir und wir kennen uns nicht einmal. Ich weiß nur wie du aussiehst, und jetzt auch wie du riechst. Wie du lächelst und wie du dich bewegst. Dir kommt das komisch vor? Es ist ganz normal. Man bemerkt die überraschendsten und nebensächlichsten Dinge wenn man jemanden beobachtet. Aber dein Lächeln ist definitiv nicht nebensächlich. Es ist vielmehr wunderschön und setzt auf das Besondere an dir noch eine Piemont-Kirsche hinauf. Ich weiß nicht, wie du das getan hast, aber damals, an diesem einen Tag hast du mich verzaubert. In einem Moment, als Verzaubern ja mal sowas von gar nicht auf der Tagesordnung stand. Hast mich gepackt, nicht mehr losgelassen und bist schließlich einfach abgehauen. Hast mich alleine gelassen in dieser Traumwelt, in diesem Gedankenkomplex und tauchst jetzt plötzlich wieder auf. Wirbelst mein ganzes Leben durcheinander. Vielleicht hast du heute Lust, den Abend mit mir zu verbringen. Wir würden Wein trinken, Weißwein. Würden auf einer Decke liegen und reden. Würden reden über die Sterne, über das frische Gras, welches noch so saftig duftet und mit jedem Frühlingsregen weiter aus der Erde sprießt. Wir würden über Kinofilme reden und über Musik, die vielleicht Tränen in uns erzeugt hat. Über unser Leben und unserer Erlebnisse. Wir würden die ganze Nacht damit verbringen, uns kennen zu lernen. Und. Ach ja. Ich bin übrigens Dominik.“

Bild von fotologic