
Gerade jetzt bräuchte ich einen Bruder
TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de
Ich wurde im Mai 1988 geboren, 2 1/2 Jahre nach der Geburt meiner Schwester. Ich war also das Nesthäkchen, der Jüngste der Familie. Nun werde ich bald 19. Meine Schwester hat inzwischen selbst ein Kind … doch irgendwie fehlt mir etwas.
Dreiundzwanzig Jahre wärst du heuer geworden. Wärst mein großer Bruder gewesen. Wahrscheinlich die einzige Person, die mich in diesem Haus wirklich verstanden hätte. Du wärst jener, der sich auch für mich eingesetzt hätte. Meine Stütze, mein Freund, mein Mit-Mir-Träumer. Aber das alles bist du nicht. Du bist tot.
Totgeboren am 3. September 1984. Du bist das erste Kind meiner Eltern. Durch ungenaue Arbeit im Krankenhaus wurde nicht bemerkt, dass dein Puls immer weiter nachlässt. Als du endlich das Licht der Welt erblickt hattest, war es schon zu spät. Du hast nichts erlebt.
Ich habe nicht oft mit meiner Mutter über dich geredet. Ihr fällt es sichtlich schwer, sich daran zu erinnern wie es war. Du wirst in unserer Familie totgeschwiegen. Du wirst nicht als Florian bezeichnet, den Namen hättest du eigentlich bekommen, sondern als „das Kind vor Michaela“ oder „das erste Kind“. Das hasse ich. Du bist mein Bruder. Du bist Florian.
Du fehlst mir. Ich habe dich nie gesehen, habe dich nie gekannt, habe nichts von dir bisher gehabt, aber ich weiß immer, dass du da bist. Selbst mein Tagebuch richte ich an dich. „Lieber Florian“ … du sollst an meinem Leben teil haben. Gerade jetzt. Gerade jetzt … wo sich alles so verändert. Wo ich mich so verändere.
Ich hasse dich. Oder falsch … nein … ich hasse es, dass ich dich eigentlich fast gehabt hatte, als großer Bruder, als Freund, als Gesprächspartner. Ich bräuchte dich so sehr. Aber du bist nicht hier. Du gibst mir nicht Antwort, wenn ich mit dir spreche. Du lässt mich mit meiner verrückten Familie, mit meiner bescheuerten Schwester allein. Ich weiß, ich klinge gerade egoistisch … aber das empfinde ich einfach so. Du fehlst mir. Ich bräuchte dich.
Aber eine Frage stelle ich mir schon seit langem: Wärst du nicht totgeboren, wärst du das erste lebendige Kind meiner Eltern … gäbe es dann überhaupt mich?
