
Wer, verdammt noch mal, bist du eigentlich?
Jetzt sitze ich hier. Höre mir „Why Does It Always Rain On Me“ von Travis an. Ein toller Song. Warum regnet es eigentlich so oft auf mich. Und solche harten, verletzenden Tropfen. Das ist doch nicht der Regen, der mich zu Boden wirft, mir Schmerzen zufügt, und auf mich hereinprasselt. Ist er nicht. Nein. „Das … mein lieber Herr, ist das Leben.“
Ach so, das Leben. Ich wusste ja, es würde irgendwann einmal kommen. Würde kommen, würde mich begleiten. Würde mich einholen, wenn ich davon wegzulaufen versuche. Würde mir ins Ohr schreien, nur um lauter zu sein, als alles andere, was ich gerade im Kopf habe. Warum bestimmt das Leben eigentlich mein … ähm. Leben? Nennen wir es „Sein“. Warum bestimmt das Leben mein Sein. „Weil es das wahre Leben ist, mein lieber Herr.“
Das wahre Leben. Pfft. Und höre auf, mich ständig „mein lieber Herr“ zu nennen. Ich kenn dich nicht. Möchte auch nicht unbedingt Bekanntschaft mit dir machen. Also was mischt du dich überhaupt ein. Ach, du kennst mich? Woher denn? Wer bist du überhaupt. Das wahre Leben, das ich nicht lache. Wenn das wahre Leben so ist, wie es manchmal wirklich ist, dann bevorzuge ich den Tod. Du lachst? Ja, der Tod wäre mir in manchen Situationen lieber. Wenn die Liebe einen brennenden, und auch noch vergifteten Pfeil durch mein gebrochenes Herz rammt. Oder all die Träume über mir einstürzen. Mhm, da scheint mir der Tod doch besser. Da interessiert mich all das nicht mehr. Du lachst immer noch, glaubst du mir nicht? Nein? Ach, der Tod ist auch nicht gerade schön, meinst du. Du bist dumm. Wenn ich das so sagen darf. Du kennst ihn ja gar nicht, den Tod. Oder bist du vielleicht schon tot. Und warum redest du dann mit mir? Du lachst schon wieder. Ach, vergiss mich.
Was machst du überhaupt hier? Das ist das Haus meiner Eltern. Das ist hier der Tisch meiner Eltern. Ich bin zwar alleine zuhause, aber … was machst du hier. Wer hat dich reingelassen? Ach, du bist schon die ganze Zeit da. Wie lange? Was? Neunzehn Jahre schon. Du spinnst. Ich halte dich nicht aus. Was redest du nur für Unsinn. Kannst du bitte gehen? Nein? Okay, ich will mich gerade nicht streiten mit dir. Bleibe noch. Aber nur bis meine Eltern wieder nach Hause kommen. Ach, die kommen nicht so bald. Woher weißt du das? Und woher kennst du meine Eltern. Verdammt, wer bist du.
Du wiederholst dich. Sag doch nicht immer „das wahre Leben“. „Das wahre Leben“, „Das wahre Leben“, „Das wahre Leben“. Hör auf. Verdammt. Lass mich hier jetzt schreiben. Woran ich schreibe? Was geht das dich an? An dem wahren Leben schreibe ich. Du lachst. Warum lachst du. Ich frage dich jetzt ernsthaft, warum du lachst. Du hörst auf. Blickst mir in die Augen. Ich sehe, im Schatten der Welt einen Teil von dir. Auch nur deine Augen. Schöne Augen hast du. Du wirkst ernst, angespannt. „Warum ich lache, meinst du? Weil du noch so wenig vom wahren Leben mitbekommen hast. Du bist behütet, beschützt. Du brauchst keine Angst vor irgendetwas haben. Du brauchst nur Angst vor dem Tod haben.“ Wieso vor dem Tod? Ich verstehe dich nicht. Wieso muss ich Angst vor dem Tod haben. Und nicht Angst vor dem Sterben.
„Der Tod ist die Konsequenz“. Ach so. Ich verstehe nicht. Du redest wirres Zeugs, denke ich mir. Und ich fühle, wie du spürst, was ich denke. „Der Tod ist die Konsequenz“, wiederholst du dich. „Du fürchtest dich doch auch nicht vor dem Autofahren. Sondern vor dem Autounfall. Du fürchtest dich nicht vor einer Zigarette. Du fürchtest dich vor Lungenkrebs.“ So meinst du das also. Ich scheine dich zu verstehen. Es sind immer die Konsequenzen, die einem Angst machen. Du machst mir Angst. Ist das nun die Konsequenz dieses Gesprächs? Ach, du verwirrst mich. Ich rede schon genauso kervehrt wie du.
Es regnet. Sage ich dir. „Wo?“, fragst du mich. Hier, in meinem Herzen. Ja, ich erzähle dir von meinem Leben. Selbst wenn es nicht „das wahre Leben“ ist. Sein kann. Ich erzähle dir von meinen Gedanken, meiner Angst. Meinen Sorgen, meiner Liebe. Du hörst mir zu. Still hörst du zu. Und dann sagst du mir, als ich endlich mit meinen Gedanken fertig bin. „Na und? Du bist nicht der einzige Jugendliche der solche Probleme hat“. Und weißt du was? Ich hasse dich. Ich wollte mein Leid mit dir teilen. Wollte dich teilhaben lassen an meinem Leid. Und du … du sprichst nur von … den anderen? Mir geht es schlecht. Mich erschlagen diese riesigen Tropfen. Du lachst.
„Ich kenne dich“. Du? Mich? Nein, du kennst mich nicht. Niemand kennt mich. Woher solltest du mich kennen. Du lachst. Schon wieder lachst du. Ach, du denkst, die Leute kennen mich, wie ich Texte über mein Leben veröffentliche? Meinst du das wirklich. Du nickst. „Sie lernen dich von Text zu Text besser kennen.“ Meinst du. Du machst mir Angst. Ich mache mir Angst. Offenbare ich zu viel in meinen Texten frage ich dich. „Ich weiß es nicht“, sagst du. Ja, warum denn nicht? Du hast also noch nie meine Texte gelesen. Woher weißt du überhaupt davon. Ach, ich spreche auch von nichts anderem, meinst du. Ach, vergiss mich.
Was geht es dich überhaupt an, mein Leben? Wer bist du überhaupt, dass du dir die Freiheit nimmst, mit mir über mein Leben zu reden. Verschwinde. Ich werfe dich jetzt raus. Weg. Geh weg. Ich kann dich hier nicht mehr brauchen. Du weißt schon zu viel. Geh. Los. Komm. Steh auf. Ich begleite dich noch zur Tür. Ja, da … die Stiege hinunter. Ja. Sei leise, mein Neffe schläft. Da, zieh deine Schuhe an. Du hast keine Schuhe? Dann wird dir sicher kalt. Nimm dir meine. Sie passen dir. Das überrascht mich jetzt. Ich werfe dich jetzt hinaus ins wahre Leben. Öffne dir die Tür. Damit auch du diese Tropfen spüren kannst, auf deiner Haut. Willkommen im wahren Leben.
Und du lachst. Und gehst. Die Tür hinaus. Und im Licht der Straßenlaterne erblicke ich dich. Zum ersten Mal. Mit einem brennenden, vergifteten Pfeil im gebrochenen Herzen. Mit glühenden Tränen aus Angst, Sorge. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Mit einem Gesicht, aus dem so viel Lebenserfahrung spricht. Und mit diesen Augen. Meinen Augen. Und diese Nase. Das ist doch meine Nase. Das ist mein Gesicht. Ich taste an mir und vergleiche es mit deinen Gesichtszügen. Ja, das bin ich. Doch, nein … das kann ich nicht sein. Was sagst du? Wer bist du?
„Das wahre Leben“.
Ich lache.