Disarm

Na los. Töte mich, verdammt noch mal.

Bringe mich um. Nimm dieses verdammte Messer und steche auf mich ein. Ich habe es verdient. Nimm mir das Leben, wenn ich schon nicht mutig genug bin, es mir selbst zu nehmen. Los, stich mir in mein Herz, damit das schöne Blut aus meinem Körper fließen kann. Manchmal in Strömen, manchmal auch nur ganz langsam. Los. Tu es. Wenn du es nicht tust, bin ich genötigt so weiterzuleben. Nimm dieses riesige Küchenmesser in deine Hand. In deine schöne, weiche Hand. Hebe deinen Arm. Deinen zierlichen kleinen Arm. Und dann sieh auf meinen Körper und versenke dieses Messer in mir. Und noch einmal. Ziehe es heraus. Und steche wieder hinein. Immer und immer wieder. Noch einmal. Ich spüre noch etwas. Nimm mir die letzten Anzeichen von Gefühl von mir. Mache mich leer. Töte mich, bis ich wirklich tot bin. Ich will nicht langsam sterben. Töte mich jetzt. Sofort. Nimm jeden Schmerz, jeden Gedanken, jede Angst von mir weg. Töte mich sanft. Du, mit deinen wunderschönen Augen. Und am besten ist, du schleifst das Messer noch einmal nach. Es ist nicht mehr scharf. Für mich bitte nur das schärfste Messer. Nicht irgendeines. Das Schärfste. Und mit dem musst du auf mich einstechen. Musst mich töten. Musst mich ausschalte. Oder schneide mir doch die Kehle durch. Und kurzer Schnitt, eine kurze Blutfontäne und ich bin tot. Aber ich bitte dich, so lasse mich doch sterben. Wir können es doch wie einen Unfall aussehen lassen. Dich betrifft keine Schuld. Du wärst kein Mörder. Du hättest mir nur geholfen. Geholfen, auszureißen. So bitte ich dich noch einmal, mache es. Komme meiner Bitte nach. Töte mich, wie du es am besten kannst. Denn ich möchte jetzt sterben. Denn jeden Tag, oder jede Begegnung mit dir als einen neuen Tod zu erkennen, und fast verblutend wieder zuhause anzukommen, das tötet mich leider nur viel zu langsam. Und versorgt mich mit so viel Schmerz. Wenn ich in deine Augen sehe und du aber nicht in meine. Wenn du immer von Angst sprichst. Töte mich. Aber vollführe nicht dein Werk zu Ende, so wie du es bereits angefangen hast. Ich möchte sterben. Aber nicht so. Nicht mit so viel Schmerz. Ich möchte nichts mehr fühlen. Und doch, wenn ich weiß, dass ich hier liege, und du über mir kniest, mit dem Messer in der Hand, und ich in deine Augen sehe. Dann weiß ich, wer du bist. Und ich das letzte, was ich in meinem Leben haben werde, sind Schmetterlinge im Bauch. Gedanken im Kopf. Und das Gefühl das man Liebe nennt.

Where Did It All Go Wrong

Habe ich dich nicht schon längst verloren?

Dich. Meine Selbstachtung. Hast du dich nicht schon vor so langer Zeit von mir abgewendet. Mir den Rücken zugekehrt, und bist davongelaufen. Das kann ich mir schon gut vorstellen. Wenn ich meine Selbstachtung wäre, dann würde ich vor einem Menschen wie mir genauso wie du wegrennen. Aber du bist doch überraschend lange geblieben. Warum eigentlich?

Dich zu verlieren, es war hart. Aber ich habe diesen Verlust mir selbst zuzuschreiben. Ich habe das Verlieren voranschreiten lassen. Habe es gefördert. Habe nichts dagegen getan. Ich habe meine Rollen weiter gespielt. Ohne an dich zu denken, liebe Selbstachtung.

Immer mehr habe ich dich zerstört. Habe ich mich zerstört. Ich habe mich zwar zu einem wunderbaren Schauspieler entwickelt, ich kann wirklich jede Rolle spielen. Doch ich bin kein Freund mehr von dir. Du hast sicher bessere Freunde. Ich habe dich vernachlässigt. Habe dich keines Blickes mehr gewidmet. Nur um in meinen Rollen voll aufzugehen.

Ich habe mich geändert. Habe mich um hundertachtzig Grad gedreht. Habe mich selbst aufgegeben. Und dich. Du wirst wohl nie wieder kommen. Und wenn, dann muss ich um dein Vertrauen kämpfen.

Du fehlst mir. Willst du mir nicht wieder helfen. Mir zur Seite stehen, in der Zeit, in der ich dich am meisten benötige. Doch ich steh hier allein. Zwar allein unter Freunden. Und doch allein. Allein mit meinen Liebesproblemen, meinen Problemen in der Familie, meinen Problemen in der Schule. Mit all den Problemen meines noch so jungen Lebens. Du könntest mir so gut helfen. Aber ich versteh dich. Du brauchst Abstand.

Aber die Zeit ist vorbei. Ich kann ich selbst sein. Ich will sogar ich selbst sein. Ich achte mich. Und muss nicht der Klassenclown sein, den jeder von mir verlangt. Die Schule ist übrigens bald vorbei. Für immer. Und dann kann ich von neuem anfangen. Kann all meine Rollen ablegen.

Und vielleicht kann ich dich wieder zurückerobern. Dich. Meine Selbstachtung.

The Worst Day Since Yesterday

Gestern habe ich es schon wieder gemacht

Gestern
habe ich es
schon wieder
gemacht. Habe
darüber nachgedacht
was ich wohl tun würde
wenn es kein morgen gäbe
und jetzt stehe ich hier, hier
im Heute. Und ich weiß, dass
zumindest gestern die Zweifel
unbegründet waren. Dieses Heute
Ist doch schon wieder das Gestern
von Morgen. Am besten ist, ich mache
mir einfach keine solchen Gedanken mehr.
Ich muss doch einfach nur lernen, im Hier und
Jetzt zu leben. Im Heute. Die Vergangenheit ist
einmal unwichtig. Und die Zukunft ist sowieso unergründbar
und doch mache ich mir viel zu oft diese Gedanken
frage mich, was sein wird. Oder was gewesen
wäre, wenn die Vergangenheit anders
verlaufen wäre. Aber sie ist es nicht.
Alles ist so gekommen, wie es
vorherbestimmt war. Wie es
das Schicksal für mich wollte.
Gibt es jenes überhaupt.
Das Schicksal. Oder
ist das alles nur eine
interessante Ausrede
um sich über das
düstere Morgen und
das Vergangene
keine Gedanken
mehr machen
zu müssen.
Ist es?

All I Want

Alles, was ich möchte, ist die Möglichkeit, meine Persönlichkeit mit meinem Auftreten zu verbinden. Ein schwerer Weg. Aber es ist … all i want.

Ich liebe meine Gedanken. Am liebsten würde ich sie ständig aufschreiben. Würde Geschichten schreiben, ohne Ende. Würde nie mehr zu denken aufhören. Ich liebe die Sprache meiner Gedanken. Den Sinn meiner Gedanken.

Ich hasse mein Gesicht. Hasse meine Augen. Meine Stirn. Hasse mein rundes Gesicht. Meine Ohren. Hasse meine unreine Haut. Hasse den viel zu stark wachsenden Bart. Hasse die Haare, die mir ins Gesicht hängen. Mir den Blick versperren. Auf all die tollen Sachen hier, auf der Welt.

Ich liebe meine Träume. Liebe meine Vorstellungen von meinem zukünftigen Leben. Liebe mein Leben. Ich liebe selbst all die Dinge, die mein Leben etwas schwieriger machen, als es meine Träume mir voraussagen.

Ich hasse meine Oberarme. Hasse mein Bindegewebe, das dort leicht eingerissen ist, dort, wo die Arme in die Schulter münden. Hasse meine trockene Haut auf meinen Händen. Hasse meine Fingernägel. Meinen Daumen.

Ich liebe meine Freunde. Wie sie mir zuhören, wie gerne ich ihnen zuhöre. Liebe, mit ihnen am See zu liegen. Liebe den Humor, den wir untereinander haben. Liebe das Leben mit ihnen.

Ich hasse meine Beine. Meine zu großen Oberschenkel. Meine hässlichen Füße. Ich hasse die Art, wie ich mich fortbewege. Hasse jede einzelne Zehe. Hasse mein Knie.

Ich liebe meine Familie. Liebe meine Mutter, so, wie sie mich liebt. Bedingungslos. Versuche meinen Vater zu lieben. Und ich bin leider gezwungen, meine Schwester zumindest zu mögen. Auch sie ist teil meines Lebens.

Ich hasse meinen Bauch. Ich bin viel zu dick. Ich hasse jedes Kilo über dem Normalgewicht. Hasse meinen Bauchnabel. Hasse meinen Rücken. Hasse meinen gesamten Körper.

Ich liebe den Schmerz, den Schmerz, der mein Leben zu einem „wahren Leben“ macht. Liebe die Ängste, die mir die Gänsehaut auf meinen verhassten Körper zaubert. Liebe die Kälte, die mich frieren lässt. Die Nacht, die mich nicht sehen lässt.

Ich hasse mich.

Ich liebe das Leben.

First Day Of My Life

Wer, verdammt noch mal, bist du eigentlich?

Jetzt sitze ich hier. Höre mir „Why Does It Always Rain On Me“ von Travis an. Ein toller Song. Warum regnet es eigentlich so oft auf mich. Und solche harten, verletzenden Tropfen. Das ist doch nicht der Regen, der mich zu Boden wirft, mir Schmerzen zufügt, und auf mich hereinprasselt. Ist er nicht. Nein. „Das … mein lieber Herr, ist das Leben.“

Ach so, das Leben. Ich wusste ja, es würde irgendwann einmal kommen. Würde kommen, würde mich begleiten. Würde mich einholen, wenn ich davon wegzulaufen versuche. Würde mir ins Ohr schreien, nur um lauter zu sein, als alles andere, was ich gerade im Kopf habe. Warum bestimmt das Leben eigentlich mein … ähm. Leben? Nennen wir es „Sein“. Warum bestimmt das Leben mein Sein. „Weil es das wahre Leben ist, mein lieber Herr.“

Das wahre Leben. Pfft. Und höre auf, mich ständig „mein lieber Herr“ zu nennen. Ich kenn dich nicht. Möchte auch nicht unbedingt Bekanntschaft mit dir machen. Also was mischt du dich überhaupt ein. Ach, du kennst mich? Woher denn? Wer bist du überhaupt. Das wahre Leben, das ich nicht lache. Wenn das wahre Leben so ist, wie es manchmal wirklich ist, dann bevorzuge ich den Tod. Du lachst? Ja, der Tod wäre mir in manchen Situationen lieber. Wenn die Liebe einen brennenden, und auch noch vergifteten Pfeil durch mein gebrochenes Herz rammt. Oder all die Träume über mir einstürzen. Mhm, da scheint mir der Tod doch besser. Da interessiert mich all das nicht mehr. Du lachst immer noch, glaubst du mir nicht? Nein? Ach, der Tod ist auch nicht gerade schön, meinst du. Du bist dumm. Wenn ich das so sagen darf. Du kennst ihn ja gar nicht, den Tod. Oder bist du vielleicht schon tot. Und warum redest du dann mit mir? Du lachst schon wieder. Ach, vergiss mich.

Was machst du überhaupt hier? Das ist das Haus meiner Eltern. Das ist hier der Tisch meiner Eltern. Ich bin zwar alleine zuhause, aber … was machst du hier. Wer hat dich reingelassen? Ach, du bist schon die ganze Zeit da. Wie lange? Was? Neunzehn Jahre schon. Du spinnst. Ich halte dich nicht aus. Was redest du nur für Unsinn. Kannst du bitte gehen? Nein? Okay, ich will mich gerade nicht streiten mit dir. Bleibe noch. Aber nur bis meine Eltern wieder nach Hause kommen. Ach, die kommen nicht so bald. Woher weißt du das? Und woher kennst du meine Eltern. Verdammt, wer bist du.

Du wiederholst dich. Sag doch nicht immer „das wahre Leben“. „Das wahre Leben“, „Das wahre Leben“, „Das wahre Leben“. Hör auf. Verdammt. Lass mich hier jetzt schreiben. Woran ich schreibe? Was geht das dich an? An dem wahren Leben schreibe ich. Du lachst. Warum lachst du. Ich frage dich jetzt ernsthaft, warum du lachst. Du hörst auf. Blickst mir in die Augen. Ich sehe, im Schatten der Welt einen Teil von dir. Auch nur deine Augen. Schöne Augen hast du. Du wirkst ernst, angespannt. „Warum ich lache, meinst du? Weil du noch so wenig vom wahren Leben mitbekommen hast. Du bist behütet, beschützt. Du brauchst keine Angst vor irgendetwas haben. Du brauchst nur Angst vor dem Tod haben.“ Wieso vor dem Tod? Ich verstehe dich nicht. Wieso muss ich Angst vor dem Tod haben. Und nicht Angst vor dem Sterben.

„Der Tod ist die Konsequenz“. Ach so. Ich verstehe nicht. Du redest wirres Zeugs, denke ich mir. Und ich fühle, wie du spürst, was ich denke. „Der Tod ist die Konsequenz“, wiederholst du dich. „Du fürchtest dich doch auch nicht vor dem Autofahren. Sondern vor dem Autounfall. Du fürchtest dich nicht vor einer Zigarette. Du fürchtest dich vor Lungenkrebs.“ So meinst du das also. Ich scheine dich zu verstehen. Es sind immer die Konsequenzen, die einem Angst machen. Du machst mir Angst. Ist das nun die Konsequenz dieses Gesprächs? Ach, du verwirrst mich. Ich rede schon genauso kervehrt wie du.

Es regnet. Sage ich dir. „Wo?“, fragst du mich. Hier, in meinem Herzen. Ja, ich erzähle dir von meinem Leben. Selbst wenn es nicht „das wahre Leben“ ist. Sein kann. Ich erzähle dir von meinen Gedanken, meiner Angst. Meinen Sorgen, meiner Liebe. Du hörst mir zu. Still hörst du zu. Und dann sagst du mir, als ich endlich mit meinen Gedanken fertig bin. „Na und? Du bist nicht der einzige Jugendliche der solche Probleme hat“. Und weißt du was? Ich hasse dich. Ich wollte mein Leid mit dir teilen. Wollte dich teilhaben lassen an meinem Leid. Und du … du sprichst nur von … den anderen? Mir geht es schlecht. Mich erschlagen diese riesigen Tropfen. Du lachst.

„Ich kenne dich“. Du? Mich? Nein, du kennst mich nicht. Niemand kennt mich. Woher solltest du mich kennen. Du lachst. Schon wieder lachst du. Ach, du denkst, die Leute kennen mich, wie ich Texte über mein Leben veröffentliche? Meinst du das wirklich. Du nickst. „Sie lernen dich von Text zu Text besser kennen.“ Meinst du. Du machst mir Angst. Ich mache mir Angst. Offenbare ich zu viel in meinen Texten frage ich dich. „Ich weiß es nicht“, sagst du. Ja, warum denn nicht? Du hast also noch nie meine Texte gelesen. Woher weißt du überhaupt davon. Ach, ich spreche auch von nichts anderem, meinst du. Ach, vergiss mich.

Was geht es dich überhaupt an, mein Leben? Wer bist du überhaupt, dass du dir die Freiheit nimmst, mit mir über mein Leben zu reden. Verschwinde. Ich werfe dich jetzt raus. Weg. Geh weg. Ich kann dich hier nicht mehr brauchen. Du weißt schon zu viel. Geh. Los. Komm. Steh auf. Ich begleite dich noch zur Tür. Ja, da … die Stiege hinunter. Ja. Sei leise, mein Neffe schläft. Da, zieh deine Schuhe an. Du hast keine Schuhe? Dann wird dir sicher kalt. Nimm dir meine. Sie passen dir. Das überrascht mich jetzt. Ich werfe dich jetzt hinaus ins wahre Leben. Öffne dir die Tür. Damit auch du diese Tropfen spüren kannst, auf deiner Haut. Willkommen im wahren Leben.

Und du lachst. Und gehst. Die Tür hinaus. Und im Licht der Straßenlaterne erblicke ich dich. Zum ersten Mal. Mit einem brennenden, vergifteten Pfeil im gebrochenen Herzen. Mit glühenden Tränen aus Angst, Sorge. Mit schmerzverzerrtem Gesicht. Mit einem Gesicht, aus dem so viel Lebenserfahrung spricht. Und mit diesen Augen. Meinen Augen. Und diese Nase. Das ist doch meine Nase. Das ist mein Gesicht. Ich taste an mir und vergleiche es mit deinen Gesichtszügen. Ja, das bin ich. Doch, nein … das kann ich nicht sein. Was sagst du? Wer bist du?

„Das wahre Leben“.

Ich lache.

Brace Yourself

Ich glaubte dich zu kennen. Ich glaubte, Teil von dir zu sein. Ich glaubte, dass du ich, und ich du wären. Doch weißt überhaupt du, wer du eigentlich bist?

Ich kenne dich schon so lange. Erinnere mich noch zwar nicht mehr an deine ersten Jahre. Doch ich erinnere mich an die Zeit, als du noch ohne Sorge warst. An die Zeit, in denen du träumen konntest. In der Träume wahr wurden. Als du an das Christkind geglaubt hattest. Und deine Eltern die Größten, die Besten waren. Du noch Respekt vor ihnen hattest. Als die Hierachie noch klar erkennbar war. Als du das Nesthäkchen warst. Als … ja, als noch alles gut war.

Doch auch du wurdest älter. Wurdest größer. Und du glaubtest, du wärst so viel reifer, so viel gescheiter, so … viel besser als all die anderen. Du wärst etwas besonderes. Klar, jeder Mensch auf dieser Welt ist besonders. Ist einzigartig. Auch du. Aber du bist nicht der Mittelpunkt des Universums. Bist nur einer unter 6.702.246.513 Menschen auf dieser Welt (Stand 15:59 Uhr). Du bist nur einer unter Milliarden. Es muss dich nicht jeder kennen. Es muss dich nicht jeder mögen. Und es mag dich auch sicher nicht jeder, der dich kennt.

Aber du versuchst krampfhaft, dich in den Mittelpunkt zu stellen. Um erkannt zu werden. Um geliebt zu werden. Doch du polarisierst. Du machst es mir so schwer, dich zu mögen. In manchen Momenten hasse ich dich einfach nur. Würde dich am liebsten in einen Schrank sperren und den Schlüssel wegwerfen. Würde mich am liebsten umdrehen und weggehen, nur um dich nie wieder zu sehen. Doch wir hängen zusammen. Wir können nicht ohne uns. Ich kann nicht mit dir.

Warum bist du so? In manchen Momenten erkenne ich dich gar nicht mehr. Du kommst mir vor wie ein Phantom. Wie ein Geist. Verfolgst mich. Und ich komme nicht los von dir. Lass mich so leben, wie ich es möchte. Lass mich handeln. Lass mir meine Träume. Lass mir meine Ängste. Versuche nicht, aus mir einen anderen Menschen zu machen. Ich möchte noch nicht erwachsen sein. Und ich möchte auch kein Kind mehr sein. Ich möchte so ein Zwischending sein. Verantwortungsbewusst und kindisch. Kindlich und erwachsen. Spaßvogel und ernstzunehmender Mensch. All das möchte ich sein. Aber du lässt mich nicht. Du verlangst von mir, dass ich so lebe wie du. Oder zumindest, dass ich akzeptiere, dass du so lebst.

In manchen Momenten hasse ich dich. Dann schreie ich auch meine ganze Seele raus, wenn irgendein emotionsgeladener Song in meiner Playlist auftaucht. In diesen Momenten möchte ich dich schlagen. Dich verprügeln. All meine Wut, die ich auf dich habe, herauslassen. Aber das schaffe ich dann nie. Ich schaffe es nicht, dich zu verletzen. Dazu bin ich viel zu selbstverliebt. Wenn ich dir wehtun würde, würde es mir Schmerz zufügen. Und das mache ich sicher nicht. Ich brauche nicht leiden, für deine Taten. Obwohl ich es schon so lange tue.

Lass mich doch einfach nur mal so leben. Mische dich nicht ein. Gib mir Freiraum. Dränge dich nicht so in den Vordergrund. Weiche mir aus. Denn ich weiche dir aus. Auch wenn du für mich lebensnotwendig bist. Ohne dich geht es einfach nicht. Genauso wenig wie du ohne mich existieren könntest. Ich kann zu dir nicht sagen: Vergiss mich. Geh mir aus den Weg. Es geht nicht. Wir sind siamesische Zwillinge. Ein Bund wie Dumm und Dümmer. Dick und Doof. Mann und Frau. Ich kann dich nicht vergessen, dir nicht aus dem Weg gehen Und du auch nicht.

Wir können nur versuchen, in Symbiose miteinander zu leben. Und du weißt doch, was Symbiose heißt … das Zusammenwirken von mehreren Faktoren, die sich vielfach gegenseitig begünstigen. So wird es zumindest auf Wiktionary erklärt. Versuchen wir es. Würde ich dich aufgeben, würde ich auch mich aufgeben. Du hast auch Vorteile, natürlich. Doch wenn ich an dich denke, fällt mir kein einziger ein. Aber ja, versuchen wir es. Vielleicht schaffen wir es. Vielleicht schaffe ich es, dich zu mögen.

Dich.
Die andere Hälfte meines verückt-gespaltenen Ichs.

A Whisper

 

Du hast mich enttäuscht. Ich wollte dich hassen. Ich wollte dich nie mehr wieder sehen. Ich wollte nie wieder etwas von dir hören. Aber ich schaffe es noch nicht einmal, dich nicht mehr zu lieben

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

210 Tage. 5040 Stunden. 302400 Minuten. 18144000 Sekunden. 57 % eines ganzen Jahres. Ungefähr 3 Prozent meines ganzen Lebens. So lange hast du es mit mir ausgehalten. So lange habe ich es mit dir ausgehalten. So lange habe ich dich unendlich geliebt. So lange Zeit war ich dein. So lange waren wir eins. Bis eben diese Zeit vorüber war. Dann war es vorbei.

Ich wünschte mir, dass es dir schlecht geht. Ich wünschte mir, dich nie mehr sehen zu müssen. Ich wünschte mir, nicht um dich weinen zu müssen. Ich wünschte … ach, ich wünschte mir so viel. Ich wünschte mir auch, dich hassen zu können. Aber ich schaffe das alles nicht. Ich schaffe so vieles nicht, was ich mir vorgenommen habe.

Ich habe mir vorgenommen, dich nie mehr gehen zu lassen. Dich nie schlecht zu behandeln. Dich zu umsorgen. Für dich zu leben. Aber du hast all das zerstört. Du warst es, die mit all dem Schluss gemacht hat. Mit mir Schluss gemacht hat. Du warst diejenige, die sich getraut hatte, unter eine komplett verkehrt verlaufende Rechnung einen Schlussstrich zu ziehen. Du hast es gewagt. Hast es realisiert. Aber lasse mich bitte die Rechnung zusammenrechnen …

Unser erster, schüchternder Kuss, am See. Unser verliebtes Umherrennen. Unser gemeinsames Ausloten der elterlichen Grenzen. Unsere Erfahrungen. Unsere Streitigkeiten. Unsere Liebe. Unsere Zweifel. Unsere Träume. Unsere Realität. Unsere sechs Monate voll Zweisamkeit, Liebe, versuchte Ehrlichkeit und verdammtem Rollenspiel. Du glaubtest nie, du selbst sein zu können. Ich glaubte, nur bei dir ich selbst sein zu können. Unsere Telefonate. Unsere gemeinsam verlorenen Tränen. Unser Lachen. Unser Zusammenkommen. Unsere Trennung.

Ergibt … nach … Adam Riese … Unsere Geschichte.

Ich wollte nie um dich weinen. Und selbst bei unserem Telefongespräch an jenem Sonntag kamen mir fast die Tränen. Okay, ich bin nah am Wasser gebaut, weine bei Philadelphia oder Garden State … aber diesmal war es anders. Ich wollte nicht weinen. Ich war nicht darauf gefasst. Genauso wie bei dem Lied „Fairytale Gone Bad“ oder „Chasing Cars“. Verdammt. Ich wollte nicht um dich weinen.

Hach, was habe ich gebloggt. Habe geschrieben, dass du längst vergessen bist. Dass ich bereit bin für neue Beziehungen. Dass ich mich von dir und dieser kleinen Trennung nicht unterkriegen lasse. Ich habe gesagt, ich verschwende keine unnötigen Gedanken mehr an dich. Keine unnötigen Worte. Keine unnötigen Tränen. Und doch habe ich immer an dich gedacht. Immer über dich geschrieben. Immer wegen dir geweint.

Ich war enttäuscht. Enttäuscht deswegen, da ich damit nicht gerechnet habe. Damit, dass du die Realität kapierst. Dass du mit dieser Realität nicht mehr umgehen kannst. Dass du dein Leben in die richtigen Bahnen kriegen möchtest. Und ich dich dabei behindere. Ich war bitterlichst enttäuscht. Überrascht. Überwältigt.

Meine Gefühle spielten verrückt. Ich glaubte, also, ich redete es mir ein, dass das Single-Leben so schön ist. Dass nichts besser sein könnte. Dass ich mich von sowas nicht unterkriegen lasse. Von Sowas … von 3 Prozent meines Lebens. Von meiner ersten großen Liebe. Von meinen ersten Gehversuchen im Paartanz. Ich wollte dich hassen. Und gleichzeitig wollte ich dich in die Arme schließen. Wollte dich küssen. Und wollte dich von mir wegstoßen. Wollte dich nicht mehr sehen. Hätte aber so gern etwas von dir gehört.

Jetzt weiß ich es … ich kann das ganze nicht einfach so vergessen. Jede Träne, die meine Augen verlässt, hat es verdient, beachtet zu werden. Jeder Gedanke an dich ist nicht umsonst. Du warst ein so wichtiger Teil meines Lebens. Und für … verhältnismäßig lange Zeit. Ich kann dich nicht einfach so vergessen. Ich kann nicht alles einstellen. Nur weil es scheinbar „vorbei“ ist. Vielleicht ist unsere Beziehung vorbei. Aber die formale Trennung geht um einiges leichter, als die Trennung im Geiste. Mir ist schon klar, dass wir nicht mehr ein Paar sind. Aber ich würde trotzdem keinen Tag überstehen, ohne an unsere gemeinsame Vergangenheit zu denken. Ohne „Linger“, „Goodnight Hollywood Blvd“ oder „Hier kommt Alex“ zu hören.

Ich möchte dich gar nicht mehr vergessen. Du warst ein Bestandteil meines Lebens. Du wirst ein Bestandteil meiner Geschichte bleiben. Und vielleicht schaffen wir es auch, dass wir Freunde werden.

Father And Son

 

Ich hatte immer einen Vorsatz … ich möchte nie so ein Vater sein, wie du es bist.

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

Wir sprechen wieder miteinander. Nach zwei großen, ausartenden Differenzen sprechen wir wieder miteinander. Nehmen uns wieder ernst. Sprechen auf Vater-Sohn-Basis. Doch ich habe mein Vertrauen in dich verloren.

Wenn ich an meine Familie denke, denke ich immer zuerst an meine Mutter. Sie war immer für mich da. Sie unterstützte mich immer, soweit es ging. Kam ich von der Schule nach Hause, war sie schon da. Musste ich mal weg, konnte sie mich irgendwo hinfahren. An dich erinnere ich mich immer nur, wie du abends nach Hause kamst, schnell etwas aßt und dann auf der Couch schliefst. Ich erinnere mich an dich nur als einer, der so viele Zigaretten rauchte, der leicht ausrastete, und dem man nur schwer etwas recht machen konnte.

Ich habe dir schon oft an den Kopf geworfen, dass du nicht mein Vater seist. Du seist nur mein Erzeuger. Ein Vater ist auch für einen da. Du bist mein Vater, das weiß ich, und das weißt auch du. Nur ich verstand und verstehe es immer noch nicht, warum du dir so wenig Zeit für deine Familie genommen hast. Warum dir die Arbeit so wichtig war, warum der Stammtisch und deine kommunalpolitische Arbeit so viel Zeit in Anspruch nehmen konnte, die Familie dabei aber nur einen kleinen Platz in deinem Leben bekommen hat.

Du hast dich manchmal nicht mehr unter Kontrolle. Von meiner Mutter habe ich vielleicht drei verdiente Ohrfeigen bekommen. Von dir mehr. Nein, du hast mich nie grün und blau geschlagen. Ohrfeigen waren es. In einem Streit. Wo du dich einfach nicht mehr zu helfen wusstest. Damit hast du mich einfach enttäuscht. Ich dachte, man kann all das auch anders lösen. Anders als mit dem Schlagen eines Kindes, oder eines jungen Mannes.

Jetzt, wo mein Neffe, dein Enkelsohn da ist, da denke ich mir … wenn du doch nur so viel Zeit mit mir verbracht hättest. Du würdest mich dann verstehen. Würdest zu mir helfen. Würdest dich auf meine Seite stellen. Wärst Vater und Ansprechpartner. Aber das bist du einfach nicht. Und ich will eben dies sein.

Aber ich merke es, in meinen Zügen, meinem Verhalten, meinem Auftreten und allem … ich werde dir immer ähnlicher. Es gibt ihn also wirklich, diesen Teufelskreis. Man kommt aus dieser Rolle, die man von einem Vater gelehrt bekommt, nicht mehr heraus. Für Generation wird das weitergegeben.

Aus Erzählungen von meiner Mama habe ich erfahren, dass du es mit deinem Vater auch nicht leicht hattest. Ich habe ihn leider nie kennen gelernt. Er starb bevor ich überhaupt realisieren konnte, dass er mein Großvater war. Aber kannst du dich noch ändern? Kannst du noch das werden, was ich von dir verlange? Möchtest du das überhaupt?

Ich würde es mir wünschen … aber sei wenigstens ein guter Großvater für meinen Neffen. Dass du wenigstens da einmal etwas richtig machst.

Don’t Look Back In Anger

Das Gras kitzelt meinen Nacken, doch mir ist alles egal
Ich liege hier in der Wiese, lasse mich von der Sonne wärmen
Träume von einem Leben, welches ich nie hatte
Träume von einem Leben, welches ich immer wollte.
Träume können wahr werden.
Man muss es nur versuchen.
Ich traue es mich.
Ich traue mir diesen Schritt zu.

aus tellmeapoem.wordpress.com

You Don’t Know Me At All

 

Wir werden wohl nie Freunde sein. Aber leider sind wir dazu verpflichtet, Geschwister zu sein.

TEXT: DOMINIK LEITNER, www.neon.de

Du bist die wohl einzige Person, die ich im Moment wirklich hassen möchte. Obwohl es dann doch wieder nicht geht. Ich bin mit dir verwandt, du bist meine Schwester. Gibt es da nicht auch irgendwie eine Sache mit bedingungsloser Liebe? Zumindest kann ich dich kaum leiden. Aber warum?

Du bist zweieinhalb Jahre älter als ich. Wohnst seit einige Monaten wieder bei uns. Es scheint so, als hättest du schon so viel in deinem Leben erreicht, so viel gesehen, so viel erfahren. Doch eigentlich bist du noch gleich dumm wie früher.

Das einzig gute, was du in deinem Leben zustande gebracht hast, ist dein Sohn, mein Neffe, jetzt acht Monate alt. Mit deinem Freund, meines Neffen Vater ist es kurz vor der Geburt wieder auseinander gegangen. Du hast jetzt einen neuen Freund. Schmiedest mit ihm schon wieder Pläne für die Zukunft.

So viele Jahre sind vorübergegangen. Fast 19 Jahre habe ich dich nun als meine Schwester. Und so viele Streite sind bisher entstanden. So viele sind ausgeartet. Wir haben uns geschlagen, gekratzt, uns gegenseitig bedroht, Dinge gemacht, die man eigentlich in unserem Alter nicht mehr machen sollten. Und es wird nicht besser. Du verstehst keine Kritik, und ich ebenso nicht.

Wir sind jetzt, im Alter von 18 und 21 immer noch die gleichen verbohrten Hohlköpfe, wie wir es schon immer waren. Keiner von uns will nachgeben, jeden frisst der Neid, jeder ist eifersüchtig.

Aber warum musst du mir immer das Gefühl geben, ich sei nichts wert. Ich würde das Abitur (in Österreich die Matura) nicht schaffen. Ich sei sowieso nur ein Vollidiot, der nichts zusammenbringt. Warum stellst du dich immer so hin, als würdest du alles besser wissen. Und warum redest du trotzdem mit mir, selbst wenn ich es tagelang vermieden habe, dich anzusprechen …

Ich versuche dich nicht ernst zu nehmen, doch es gelingt mir kaum. Ich bin enttäuscht. Enttäuscht von dir. Enttäuscht, dass nicht einmal meine Schwester mir etwas zutraut. Dass meine Schwester nicht hinter mir steht. Dass in meiner Familie nur meine Mutter die Ansprechpartnerin für alles ist.

In so vielen Familien sehe ich genau das, was ich auch bei uns gern sehen würde. Dass wir Freunden wären. Leute, die über alles miteinander reden. Leute, die vielleicht auch mal längere Zeit damit verbringen, ohne dass irgendjemand ausrastet und mit Sachen um sich wirft. Vielleicht gibt es ein Problem. Ich bin dein kleiner Bruder, du bist meine Schwester. Wärst du mein Bruder, ich glaube, da würde vieles leichter sein.

Ich möchte dich gerne besser kennen lernen, ich möchte, dass wir zumindest als normale Geschwistern miteinander leben können. Vielleicht schaffen wir das irgendwann. Freunde werden wir wohl sowieso nie …