Du nickst einfach nur.

Foto: Aldo van Zeeland | flickr

„Ich habe so viele Träume, weißt du.“ Du nickst, erzähle ich doch tagein, tagaus davon. Von all den Plätzen, die ich bereisen möchte. Von all den Erfolgen, die ich feiern werde. Von all dem Etwas, das am Ende in Wahrheit für mich übrigbleibt. Du nickst und es tut mir in der Seele weh, wenn mit einem Schlag einer dieser Träume wieder ein weite Ferne rückt. Weil das Leben eben manchmal nicht so mitspielt, weil Träume keinem fixen Zeitplan gehorchen, weil es nun mal so ist.

„Ich will nicht weg. Will hierbleiben.“ Das ‚Will bei dir bleiben.‘ verkneife ich mir. Home is where your heart is kommt mir immer wieder in den Sinn. Keine Ahnung, wer diesen Spruch geprägt und schließlich in meinen Kopf gepflanzt hat. Mein Herz ist hier, meine Familie ist hier. Eine andere Familie, als jene, mit der ich aufgewachsen bin. Aber hier sind die Freunde, die man wohl nur selten findet. Hier ist Alleinsein unmöglich. Hier wird man aufgefangen, wird getragen. Es wird gemeinsam gefeiert und gemeinsam geschwiegen. „Du musst hier auch nicht weg. Bleib doch.“ Ich nicke. Hierzubleiben ist wohl die einzige Möglichkeit, die mir bleibt. Endlich hat mein Herz wieder einen Platz gefunden, wo es sich wohlfühlt. Endlich bin ich irgendwo angekommen, wo mein Leben zu funktionieren scheint.

„Ich will nicht funktionieren.“ Und widerspreche mir selbst „Und tue es doch.“ Du schüttelst den Kopf. „Was heißt für dich ‚funktionieren‘? Das Leben in vorgeplanten Bahnen zu leben, zu wissen, wann du aufstehen musst, und zu wissen, was am kommenden Tag passiert?“ Ich nicke und du schüttelst den Kopf. „Du funktionierst nicht. Nicht so, wie es manch andere tun. Du lebst, weißt du.“ Ich verstehe nicht. „Du bist zwar nicht vollkommen planlos, was wohl auch gut ist. Aber du lebst. Du genießt. Du nützt die Gunst der Stunde, du überrascht. Dich. Mich. Uns alle hier. Du funktionierst, aber auf deine ganz eigene Weise.“

„Versprichst du mir, dass wir uns nie wieder aus den Augen verlieren?“, schweige ich und wünsche mir nichts sehnlicher. Weil die Zeit mit dir so schön, die Gespräche so wunderbar sind. Manchmal flutschen einem die Träume durch die aalglatten Hände, sie aufzufangen scheint unmöglich. Ich atme etwas schwer, weil mir wieder einmal bewusst wird, was eine falsche Entscheidung an einer Weggabelung so alles mit sich bringt. Vielleicht bin ich falsch abgebogen, oder ich wurde. Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber all das, all diese scheinbaren Fehltritte haben mich hierher geführt. Glücklicher kann ich darüber wohl kaum sein. Und das zu wissen tut gut. Es ist anders als erwartet, als erhofft, als gewünscht. Aber vielleicht macht doch genau das diese eine wunderbare Prise Leben aus, an denen meine Träume wachsen. Verstehst du.

Du nickst, obwohl wir seit Minuten kein Wort gewechselt haben. Du nickst einfach nur.

Geschwisterschweigen.

Manchmal wird in meiner aktuellen Trotzigkeit gerne vor allem eine Prise Spätpubertät gesehen. Das ist falsch. Überhaupt werde ich sehr oft sehr falsch eingeschätzt, und deshalb überlasse ich es mir seit Wochen und Monaten eigentlich nur mir selbst, mich einschätzen zu dürfen. Und um das auch nur ansatzweise vorzeigen zu können, muss ich natürlich meilenweit ausholen.

Ein aktuelles Thema ist das Stillschweigen zwischen meiner Schwester und mir. Mir und meiner Schwester. Seit dem 25. Dezember 2009 habe ich kein Wort mehr mit ihr geredet. Manche werden sagen, das sei ja noch nicht lange. Ist wohl auch wahr. Aber dazu später mehr. Erst heute habe ich wieder einmal in einem sehr, sehr langen Telefonat mit meiner Mama erläutert, warum ich das mache, und warum ich nicht daran denke, aufzuhören. Weil meine Schwester nicht das ist, was ich mir von ihr erwarte. Sie ist nicht die große Schwester, die sich um mich kümmert, die große Schwester, mit der ich über alles reden kann, sie ist auch nicht ein Mensch, auf den man sich 100 oder zumindest zweiprozentig verlassen kann. Sie ist meistens nur nett, wenn sie etwas braucht. Und Minuten, Stunden später ist sie es nicht mehr.

Und das läuft nun schon seit Jahren so. Ich bin vielleicht trotzig, und habe diese leicht pubertäre Art der Konfrontation, das krampfhafte Schweigen, ausgewählt, weil ich mir einfach nicht mehr zu helfen weiß. Familie bedeutet mir unglaublich viel, und ich weiß, dass ich zurzeit durch diesen nonverbalen Streit ein kleines Zerwürfnis hineinbringe. Aber ich will nicht mehr. Ist es blöd, dies zu sagen? Ich will nicht mehr! Verdammt! Nicht einmal ein Wort der Begrüßung oder des Abschiedes ist sie mir wert! Kein Hallo und kein Tschüss. Nicht einmal ein „Leck mich!“ hätte ich für sie übrig. Nicht einmal ein Blick. Nichts. Mehr.

Es ist traurig, ich weiß. Traurig, dass es soweit kommen musste. Traurig, dass sie es nicht einsieht. Sie lebt unbehelligt weiter, ist nicht einmal interessiert, auch nur ansatzweise etwas an ihr zu ändern. So wie immer. Dass ich in der letzten Woche drei Tage hintereinander von ihr geträumt habe, wird sie wohl nie erfahren. Dass ich mir eine friedliche Koexistenz wünsche, wohl auch nicht. Und dass ich irgendwann einmal glaubte, wir könnten sogar Freunde werden, sowieso.

Bin ich also trotzig? Klar. Pubertär? Maybe.  Hilft es mir? Ich weiß es nicht. Ich zumindest schätze mich so ein, dass ich das noch einige Zeit durchziehen werde. Ich habe keine Lust mehr auf-, mehr nachzugeben. Ich wurde von ihr schon viel zu oft enttäuscht. Jetzt ist sie mal damit dran.

Was wäre nur. [Ein Abschied]

Was wäre nur, wenn ich dich nie wieder sehen würde. Wenn du jetzt weggehen würdest und nie wieder zurückkämest. Wenn das Aus-den-Augen-Verlieren einfach nur ein Resultat deines überraschenden Todes wäre. Wenn du in meinem Kopf nicht als stets fröhlicher, manchmal verwirrter Mensch in Erinnerung bleiben würdest, sondern mir tage- und wochenlang dein Gesicht nach deinem Tod, oder die Atmosphäre deines Begräbnisses verfolgen würde. Was wäre, wenn ich dann vor deinen Grab stehe, und alles, was mir einfällt, ist ein müde gehauchtes „Ich liebe dich.“

Und niemand würde antworten. Weil ich meine Liebe zu dir zu lange in mir trug und aus reiner Feigheit nicht der Welt offenbaren konnte. Ich wette es würde regnen. Einfach aus Prinzip. Weil ich es mir verdient habe, so wie niemand sonst. Und womöglich breche ich auch einfach vor deinem Grab zusammen, die Kieselsteine bohren sich in meine Knie und ich spüre es nicht. Und ich heule, weil ich dich nur noch ein letztes Mal in den Arm nehmen möchte, dich ein letztes Mal küssen, mit dir ein letztes Mal in die Sterne schauen.

Selbst das müsste ich aufgeben. In die Sterne zu schauen. Weil es nicht mehr dasselbe wäre. Und weil unser gemeinsamer Stern mich Nacht für Nacht an dich erinnern würde. Und der Große Wagen? Er wäre bedeutungslos. Und trächtig. An Erinnerungen und Gefühlen für dich. Ich würde meine stille Liebe zum Nachthimmel aufgeben müssen, weil du nicht mehr da bist. Kannst du dir das vorstellen? Wo wäre ich nur heute, hätte ich nicht vor ein paar Jahren die Genialität des Unendlichen entdeckt. Und das Ende von Ewigkeiten. Jene Ewigkeiten, welche Sterne dort verbrachten, bis sie verglühten und für uns zum Wunschkonzert wurden.

Wie könnte ich schlafen. Wenn du mich jede Nacht begleitest, durch meine absurdesten Träume. Und wenn ich aufwache und mit einem Lächeln dein Gesicht erwarten würde, weil all das in dieser Nacht so real und fassbar vor meinen Augen auftauchte. Und ich Tag für Tag immer und immer wieder bitter enttäuscht werden würde. Jeden Morgen die selbe Prozedur. Würdest du da noch gerne die Augen schließen, nach einem langen und anstrengenden Tag?

Ich habe mal gesagt, ich würde die Ewigkeit hassen. Ich hasse sie immer noch. Von ganzem Herzen. Aber in meinem Kopf, so scheint es, wirst du immer gespeichert bleiben. Du und meine ungenützte Chance, dir meine Gefühle zu offenbaren. Und ich würde mich hassen und am liebsten den Spiegel zertrümmern wollen, welcher mich zu zeigen versucht. Weil ich es nicht geschafft habe und es auf ewig in mir bleiben würde. Weil du es nie erfahren hast. Weil niemand davon erfahren hat. Niemand. Außer mir. Wie hätte ich die Gefühle unterdrücken können, wenn du mir einfach dieses Gefühl der Geborgenheit gabst. Und mir die Angst vor der Nähe nahmst. Wie hätte ich je erfahren können, wie schön schweigsame Zweisamkeit ist. Vielleicht wusstest du es schon lange und warst selbst nicht sicher, wie ich darauf reagieren würde. Vielleicht sind wir gemeinsam an unserer Angst zugrunde gegangen und jetzt lässt du mich allein.

Allein hier auf dieser Welt.
Auf dieser großen, verstörenden Welt.

Und du weißt doch, wie sehr ich Angst vor Einsamkeit habe.

Auch auf Ci-Jou und jetzt.de

… [Ein Dialog]

I

Manchmal möchte man auch einfach nur still daliegen.
Hm?
Still daliegen. Und einfach mal nichts sagen.
Stimmt.
Aber vor genau so etwas haben so viele Menschen Angst.
Mhm.
Sie haben Angst vor der Stille.
Die Stille, so verrückt es klingt, macht einen ganz unruhig.
Und wibbelig.
Mhm. 
Aber manchmal tut es gut.

II

Woran mag das liegen?
Was?
Dass so viele Menschen nicht einfach mal schweigen können.
Weil … hm. Weil man Angst hat, dass irgendetwas Unausgesprochenes zwischen sich selbst und dem Anderen steht.
Mhm.
Wahrscheinlich ist das auch oft so.
Stimmt.

III

Ich kann das nur mit ganz wenigen Menschen.
Mhm. Ich auch.
Dabei gibt es ja kaum etwas Schöneres.
Wenn man in einer Frühlingswiese liegt, die Wolken betrachtet und einfach mal still ist.
Kommt es dir auch oft so vor, als liegt in diesen Momenten vollkommener Stille mehr Verständnis, mehr Kommunikation, als in all den Gesprächen. 
Mhm.
Eigentlich genial, so etwas.
Du?
Hm?
Wohin gehen wir eigentlich?
Ach, lass‘ dich doch überraschen.
Es ist schon dunkel.
Mhm.
Ich kenne den Weg hier nicht.
Frage einfach nicht. 

IV

Warte einen Moment.
Wieso?
Ich möchte eine rauchen.
Ach komm.
Hm.
Du hast später noch genug Zeit dafür.
Wie lange gehen wir denn noch?
Gleich. 
Hm?
Wir sind gleich da.

V

Komm. Setz‘ dich hin.
Wo sind wir hier?
Das ist doch egal. Setz‘ dich. 
Und was machen wir hier?
Still sein.

So. Jetzt kannst du eine rauchen.