Eine eigene kleine Welt.

Mein Kopf lehnt an dem überdimensionierten Fenster. Jedes Rattern des Zuges über die unebenen Schienen überträgt sich mit voller Wucht auf meinen Körper. Züge sind etwas Sonderbares. Ein Treffpunkt für Schicksale, eine eigene kleine Welt, zusammengepfercht auf wenige Waggons. Mit den assozialen Typen, den herumtollenden Kindern, den schlafenden Studenten. Und mit mir.

Es regnet. Seit Tagen wohl schon, oder vielleicht auch erst seit gerade eben. Wie ein Wasserfall bricht ein Schwall vom Dach des Zuges herab, meine Aussicht verschwimmt wie ein Aquarellbild. Meine Welt, eingetaucht in ein Meer aus Regentropfen. Eine seltsame, beunruhigend beruhigende Welt. Beim Blick aus dem Fenster beobachte ich die anderen Menschen; Jene alte Frau, die ihren Kopf auf einen zusammengeknüllten Pullover und diesen auf eines dieser Zugfenster gepresst hat, und dabei so wundervoll zufrieden schnarcht als gäbe es kein Morgen mehr. Vielleicht stimmt das in ihrem grauhaarigem, drittzähnigem Fall ja tragischerweise sogar.

Oder diese junge Familie, die Uno oder irgendein anderes furchtbar einfaches Kartenspiel spielt und das kleine Mädchen eine außergewöhnlich nervige Stimme hat. Mir ist es ja egal, aber in Wahrheit ist es kaum mehr auszuhalten. Und jedes Mal, wenn das Mädel ihren Mund öffnet, zischt ihre Mama ihr gleich ein „Pscht.“ vorweg ins Gesicht. Keine Chance, dieses Mädel, dass sie irgendwann einmal die Stimme gegen irgendjemanden erhebt. Schlussendlich flüstert sie nur mehr und ich bemerke, dass das Nervigste an all dem wohl nur Mutters Zischen war.

Dann gibt es da noch diese dickliche Frau, die beim Versuch, eine Limoflasche zu öffnen, versehentlich geschätzte eineinhalb Liter klebriges Zeug über den Boden verteilt und diesen mit unzähligen 676 cm² großen Taschentüchern aufzuwischen versucht, und der Typ mit offensichtlich asiatischem Migrationshintergrund, dem zuerst ein Kichern entwischt und welcher schließlich dann auch noch von der Brühe erwischt wird. Mein Schmunzeln verstummt noch bevor es die Erdoberfläche erblicken konnte.

Und dieser eine Typ, der auf der Suche nach einer funktionierenden Toilette seit Minuten quer durch den Zug eilt und man von Schritt zu Schritt mehr merkt, dass es sich wohl möglicherweise nicht mehr bis zum Lokus ausgehen wird. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, das Gesicht wird immer blasser. Und der ihm entgegenkommende Schaffner erklärt ihm nur, dass er in jene Richtung zurückgehen müsse, aus welcher er gekommen sei … „Hier hinten funktionieren sie nicht.“ – „Ihre Fahrscheine, bitte!“

Ich beginne zu kramen, so wie ich es die vergangenen hundert Male auch schon immer gemacht habe. Werde beinahe schon hektisch, bis ich bemerke, dass ich meine Geldbörse erst Minuten vorher aus meiner Hosentasche raus und neben mich hingelegt habe. „Hier, bitte.“ Das wars für mich. Aufmerksamkeitsspanne zu Ende. Kopf an Zugfenster. Und hinein in die Schicksale andere Menschen. Ein komischer Ort hier. Zusammengepfercht und für Stunden beinahe so etwas wie eine kleine Familie. Mit Zwangsverwandtschaften, Blickfreundschaften und Menschen, die einem wie Geschwister erscheinen.

Sommerregen.

Es riecht nach Regen.

Du ziehst mich zu dir heran, greifst meine Hand. Unsere Finger verflechten sich zur scheinbar unlösbaren Verkettung unserer beiden Körper. Ein Lächeln befleckt dein Gesicht, so herzhaft ungezwungen, so sonnig-zart. Wir fühlen uns einzigartig, zwischen all diesem promenierenden fahlgrauen Gestalten um uns herum.

Und mit dem ersten Regentropfen, dem ersten wundervoll warmen Sommerregen in diesem Jahr ziehen wir uns die Kapuzen unserer Pullis über unsere Köpfe. Wir sind glücklich. Als der Regen immer stärker wird, bleiben wir stehen. Die unbändigen Tropfen durchnässen unsere Kleidung, unsere Haare, unsere Körper. Und als wir uns zu küssen beginn, scheint es plötzlich so absolut vollkommen still. Wir sind allein hier. Einsam hier in der Mitte der Welt.

Es riecht nach. Nach Sonne wahrscheinlich.

[n1/the larch|flickr]

Raindrops.

Das Wetter lässt mich unbeeindruckt. Doch dieser eine Regentropfen.

Langsam fällt er auf mich herab. Bedeckt meine Jacke und trifft auch einige Haare, die unter der Kapuze hervorlugen. Das Wetter hat also umgeschlagen. Keine Aussicht mehr auf einen frühen Frühling. Die Auferstehung der Natur muss wohl um einige Wochen verschoben werden. Es regnet und ich stehe pitsche-patsche-nass am Straßenrand. Die Zigarette in meiner Hand hat auch schon einiges abbekommen. Mit ein paar langen Zügen versuche ich noch zu retten, was zu retten ist. Doch es ist vorbei.

Gestern hast du noch vom blauen Himmel gesprochen. Blau, wie eben nur ein Himmel sein kann. Ich habe ihn gesehen. Habe minutenlang hineingeblickt und gehofft, irgendwo eine Wolke zu sehen. Doch da war nichts. Nur das Blau und das Nichts. Beim letzten Regenguss bist du verschwunden. Alles ist verschwunden. Aber noch ist nichts verloren. Doch wo bist du?

Du bist verschwunden. Einfach weg. Für immer. Alles ist für immer. Forever. Nothing lasts forever. I will love you forever. Forever. Für immer. Man wirft mit diesen Worten viel zu häufig um sich. Was ist schon forever? Nichts. Man kann nie wissen was kommt. Aber du bist weg. Seit Stunden, Sekunden, Tagen. Ich stehe hier am Straßenrand, der Regen tanzt vor meinen Augen und du bist weg.

Was bleibt, ist dieser Regentropfen. Mein Regentropfen. Du bist mein Regentropfen. Für immer, okay?

Entstanden aus 8 [Worte // Words]