Better way.

Auch hier draußen bekomme ich nicht viel mit. Irgendwann pendelt sich auch das Tempo zwischen den Sargträgern und mir, dem Kreuzträger, ein. Wir gehen den Weg entlang, vorbei am Supermarkt, der Bank, vorbei an der Durchzugsstraße unseres Dorfes, welches von der Feuerwehr kurzzeitig abgesperrt wurde. Und, als wolle irgendwer uns noch ein Schnippchen schlagen, bleiben wir schließlich vor den sich schließenden Bahnschranken stehen. Niemand redet miteinander, wir hören ihn herannahen, ich versuche zu erraten, aus welcher Richtung er kommt. Die Schranken öffnen sich. Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zum Friedhof.

Unter uns sind Familienmitglieder, die von Timi so wenig wie möglich mitbekommen haben. Cousinen, die ihn ein oder zwei Mal gesehen haben, oder Großväter, die sich nur bedingt für Sohn und Enkelsohn interessierten. Es sind die falschen Leute hier, denke ich mir, als ich das Kreuz ans Grab lehne und mich umsehe. Mein Blickfeld wird wieder größer, ich sehe den Nebel in der Ferne, spüre die Kälte. Irgendwann ist all der Fokus auf meine Schwester gerichtet. Sie hat die Aufgabe – zu welcher Zeit auch immer – den angebundenen Luftballon in Herzform vom Sarg zu lösen. Unter den Klängen von Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“, welches sich in diesem Tag von einem der schönsten, zu einem der furchbarsten Lieder entwickelt. Eine Cousine durchbricht schon wieder den nötigen Abstand, dringt zu meiner Schwester durch, steht heulend neben ihr. Sie weiß wenigstens, was sie tut, lässt die Cousine links liegen, bis diese selbst bemerkt, dass sie fehl am Platz ist. Heute gibt es nur eine, die ihr Kind verabschiedet. Und diese Möglichkeit gehört ganz ihr allein.

Der Luftballon steigt hoch, und, das überrascht uns alle, ist trotz des Wetters noch lange Zeit zu sehen. Gerhard kommt auf uns zu, meint zu mir „Er fliegt Richtung Osten. Osten bedeutet Hoffnung.“ Hoffnung worauf? Dass Timi morgen wieder quietschlebendig hereinspaziert und unser Leben auf den Kopf stellt? Hoffnung darauf, dass wir schnell vergessen können? Hoffnung darauf, dass das alles irgenwann ein Ende nimmt? Mir fehlt jeder Glaube an Hoffnung in diesem Moment.

Langsam wird der Sarg runtergelassen, langsam verschwindet Timis Körper in diesem Loch. Die Menschen werfen Rosenblätter nach, und Spielsachen. Wir wollen ihn nicht unter Erde begraben, sondern mit bunten Blättern bedecken. Ich bin unter den Letzten, will mich ja nicht aufdrängen, nehme mir Zeit. „Auf Wiedersehen, Timi.“ Und suche mir anschließend eine kleine Mauer, einen stillen Ort und weine. Weine zum ersten Mal seit Tagen. Nicht viel, nur wenige Tränen, meine Eltern und Gerhard, unser Pfarrassistent, kommen auf mich zu. Bemerken schnell, dass ich gerade niemanden brauche und schließlich doch jeden. Meine Mutter umarmt mich, mein Vater und Gerhard meinen noch einmal: „Hast du gut gemacht.“ und „Lass es raus.“ Hier ist sie, die Trauer. Hier ist es, das Ende einer furchtbaren Woche, der Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Das Begräbnis ist Geschichte, hat funktioniert. Ich habe funktioniert. Aber das brauche ich jetzt nicht mehr.

Meine Schwester bittet, mit einigen Freunden nach Hause fahren zu können, um zu reden, um zusammen zu sein. Deshalb fahren meine Eltern und ich zu meinem Onkel und meiner Tante, die für die Verwandtschaft, die von weiter her kommt, vorgesorgt hat. Trinken Bier, Wein, Wasser, reden über Timi, über das Begräbnis, ich bekomme Lob. Immer wieder die Worte: „Du hast das gut gemacht“, „Einen besseren Bruder kann man sich nicht wünschen“, „Wir sind stolz auf dich“. Hohle Phrasen. (1) Ich habe es nicht deshalb getan und würde mich dafür hassen, wenn das der Grund gewesen wäre. Ich habe es für Timi gemacht, für meine Schwester, meine Mutter. Dass der Text andere berührt, ist okay. War aber nicht Voraussetzung. Ich habe das getan, was in meiner Macht stand, habe mich etwas übernommen, aber das passt schon so. Die Stimmung im wenige Kilometer von zuhause entfernten Haus meiner Verwandten ist überraschend lebendig. Zwar wird immer mal wieder über all das geredet, aber es scheint, als habe das Begräbnis auch meinen Eltern einen Punkt ermöglicht. Vorerst zumindest.

Stunden später kommen wir nach Hause. Sitzen noch gemeinsam im Wohnzimmer, sehen fern, manchmal gehe ich eine rauchen. Irgendwann kommt eine Freundin meiner Schwester von ihrem Zimmer herunter, erzählt die Geschichte. Dass meine Schwester etwas trinken wollte, den Schmerz sozusagen mit Alkohol betäuben, und irgendso ein bescheuerter asozialer Mistkerl jetzt ernsthaft versucht, meine Schwester am Tag des Begräbnisses ihres Sohnes anzumachen. Ich, von Grund auf nicht der mutigste Typ, erzähle auch meinen Eltern davon, und wage schließlich doch den Weg hinauf. Bitte ihn heraus, erkläre ihn für vollkommen gestört und bitte ihn zu gehen. Mehrfach, bis er es schließlich einsieht. Das musste nicht sein und das hätte auch nicht so sein sollen. Aber kann man hier irgendjemandem, außer diesem Arschloch, einen Vorwurf machen?

Während die Welt schon wieder die Rückkehr zur Routine fordert und nur mehr der kommende Sonntag vor den Banalitäten des Alltags schützt. Während rundherum die Welt zusammenbricht, ein Kind zu Grabe getragen wurde, ein Luftballon gelöst. Während man stets versucht Haltung zu wahren und jetzt an einem Punkt angekommen ist, wo es einfach nicht mehr geht. Hier kann man niemanden einen Vorwurf machen. Nicht heute, nicht jetzt. Wohl nie.

Mehr Kapitel der Geschichte “Walk Away
(1) Ein Luftballon. Ein Schmetterling. Ein Engel., 03.11.2007