Es fehlt hier jemand. [12]

Die Tür steht offen. Keiner denkt daran, sie zu schließen. Hier fehlt jemand, hier kommt noch jemand. So wie er all die Tage zuvor immer kam, kaum die Türklinke erreichend, tapsend auf dem knarzenden Boden. Wir können die Türe nicht schließen. Es fehlt hier jemand.

Und so steht sie offen. Die Menschen gehen ein und aus, kommen die Treppe hoch und verlieren sich in den Zimmern. Und übersehen beinahe das Loch, das dieser eine Mensch hinterlassen hat. Vergessen das, was geschehen war und uns alle zu anderen Menschen hat werden lassen. Zu lange Zeit ist es schon vorbei. Zulange Zeit fehlt hier schon jemand.

Die Tür steht offen. Und manchmal läuft er herein, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, mit seiner natürlichen Gabe, auch mir ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und ich hebe ihn hoch und möchte ihn den anderen zeigen. Möchte ihnen zeigen, dass es ihm gut geht und dass wir nicht traurig sein sollen. Dann gehe ich, mit ihm auf dem Arm, durchs ganze Haus, hinaus in die Wiese, setze mich mit ihm hin und sehe zu, wie er voller Lebensfreude mit dem Ball herumläuft. Und niemand ist da, der es sehen kann. Ich bin ganz alleine mit ihm. Und dann wache ich auf und in solchen Momenten sind es Tausend Messerstiche, die mich in die Realität zurückholen. Diese Momente, die mich erkennen lassen, dass es nicht so ist, wie es sein sollte. Seiten Jahren fehlt hier jemand.

Und manchmal versuche ich, die Tür zuzustoßen. Um dem allen ein Ende zu setzen. Doch ich schaffe es nicht. Vielleicht ist noch nicht die richtige Zeit dafür. Vielleicht wird es sie aber auch nie geben.

Stumm.

Ruhelos sitzt du da, möchtest mit mir sprechen, möchtest mir dein Herz ausschütten. Doch du bleibst stumm und mit dieser Stille wühlst du dich immer weiter auf. Keine Spur von Sorglosigkeit, von Freude auf deinem Gesicht. Du siehst bekümmert aus, und trotz meiner Gesellschaft fühle ich deine Einsamkeit. Nichts und niemand könnte jetzt diese Wand zwischen dir und dieser Welt hier einbrechen. Du mauerst dich ein und bleibst stumm.

Ich möchte dich halten, möchte dich auffangen, während du fällst, in dieses tiefe Loch. In welches du schon seit Stunden, seit Tagen hineinblickst. Möchte dir einen Arm reichen, damit du nicht stürzt. Aber du wendest dich ab. Trotz allem, was zwischen uns immer war und wohl auch sein wird. Du bist allein.

In mir keimt Unmut. Ich möchte helfen. Möchte bei dir sein und dir zuhören. Möchte deinem Kummer lauschen, möchte dir Hilfe sein, so wie du immer Hilfe für mich bist. Möchte dieses Ding der Begierde, dieses Wutobjekt sein, welchem du all deinen Frust, deine Wut und deine Angst entgegenschreien möchtest. Ich wäre dir auch gar nicht böse, ich würde es verstehen. Verstehst du mich?

Aber du möchtest allein sein. Mit deinem Kummer, deiner Trauer, deiner Wut und deiner Angst. Möchtest womöglich erst alleine damit zurechtkommen. Aber immer mehr mauerst du dich ein und verlierst den Anschluss hier. Sitzt zwar ruhelos neben mir, befindest dich aber meilenwert entfernt. 

Ich möchte mit dir sprechen, möchte dich nach deinem Befinden befragen. Möchte deinen Erzählungen lauschen und dich trösten. Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen und dich umarmen. Dir einen Teil meiner Wärme schenken und mit dir leiden. 

Doch du.
Bleibst stumm.

Nein. Es wird nie wieder so sein. Es wird anders. Anders schön.

Ich weiß nicht, ob sich jeder in meine Situation und in meine Gedanken hineinversetzen kann. Wer von euch hat schon einmal etwas so sehr liebgewonnen und – innerhalb eines kurzen Tages, eigentlich innerhalb weniger Sekunden, innerhalb eines Moments – ist alles so, wie es nie hätte sein sollen. Am Schrecklichsten ist es, wenn es sich dabei um einen Menschen, ein Kind handelt. Hätte ich vor einigen Jahren darüber nachgedacht, dass all das passieren würde, ich hätte mich selbst ausgelacht. So unrealistisch, so unwirklich mutet all das an.

Nicht verstehen, sondern akzeptieren. Warum all das passiert ist, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es passiert ist. So schmerzhaft allein dieser Gedanke ist, so soll er mich doch nicht davon abhalten, nach vorne zu blicken. Ich weiß: Damals, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht nur das, versank ich in ein Loch, in eine Höhle, verlor den Kontakt zur Außenwelt und orienterte mich vollkommen neu. Über diese Neuorentierung freue ich mich nun im Nachhinein, muss ich  zugeben. Vieles hat sich zum Besseren gewandt. Aber es hat lange gedauert, bis ich die Tatsache akzeptieren konnte, dass es nie wieder so sein würde. Dass nie wieder sein Lächeln mich aufmuntern kann.

Ein Gespräch mit meiner Mutter, eines unserer täglichen Telefonate, brachte mich zurück zu diesem Thema. Der Wunsch meiner Schwester, ein Kind zu kriegen, wächst von Tag zu Tag. Und jeder von uns kann verstehen, warum. Niemand von uns kann fühlen, wie es innen drin in ihr aussieht. Aber ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass ihr Wunsch bald in Erfüllung geht.

„Aber es wird nie wieder so sein.“
„Nein. Ich weiß.“
„…“
„Es  wird anders schön.“

Wir dürfen nicht den Fehler machen, und all unser Leben nach der Vorstellung konzipieren, wie es war, als es war. Es ist nicht mehr, und selbst wenn es heute noch so oft schmerzt, so bin ich mir vollkommen sicher, dass alles gut wird. Anders gut, wahrscheinlich. Aber gut.

[Und Menschen nach Maßstaben zu messen ist niemals okay.]