Dieser Moment gehört uns. Uns ganz allein.

Als ich tief einatme, spüre ich den herbstlich kalten Wind meine Luftröhre hinunterzischen. Es hat mächtig abgekühlt, und doch kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, als wir halbnackt am See lagen oder nackt im Fluss schwammen. Doch es sind Wochen, die sich seither dazwischen geschoben haben. Es ist Herbst geworden und die ausgemergelte Landschaft bekommt wieder ihren nötigen Kraftstoff. Regnet es nicht eigenlich nun schon seit Tagen?

Sie, die die ganze Zeit neben mir an dieser Hausmauer lehnte, schnippt den Stummel ihrer Zigarette in die Wiese vor uns. Langsam rückt sie näher zu mir und legt ihren Kopf auf meine Schulter. Obwohl ich es nicht sehen kann, weiß ich, dass sie ihre Augen geschlossen hat. Ich tue es ihr gleich und gemeinsam lauschen wir noch einige Momente lang dem Tascheln des Regens. Ich höre ihren Atem, und sie wahrscheinlich den meinen. Was wollten wir hier eigentlich tun?

Ich zünde mir noch eine Zigarette an, öffne dafür kurz meine Augen und genieße diesen Moment hier mit einem tiefen ersten Zug. Sie ist so sanft und ruhig. Nur das Heben ihrer Brust macht es mir deutlich, dass sie atmet und eben neben mir steht und wahrscheinlich gerade auf meiner Schulter eingeschlafen ist. Es sind Momente wie diese, die mich aus tiefstem Inneren lächeln lassen. Die dazu beitragen, dass ich mich gerade so glücklich fühle.

Unsere Freunde werden uns vermissen, wenn wir nicht gleich zurückgehen würden. Aber es ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Dieser Moment  gehört uns, uns ganz allein. Und nachdem ich eine Kurznachricht ausgeschickt habe, wird er wohl noch einige Zeit uns allein gehören. Ich lege meinen Kopf, ganz sanft, um sie auf gar keinen Fall auufzuwecken, auf den ihren. Wieso können wir nicht so sitzen bleiben, bis zum nächsten Morgen. In dieser unglaublich vertrauten Zweisamkeit. Gefangen, hier, zwei Individiuen, in dieser Unendlichkeit.

Plötzlich bewegt sie sich wieder. Mit verschlafenem Blick sieht sie mir ganz tief in meine Augen. Und als wir nun hier sitzen, kommen sich unsere Gesichter immer näher. Unsere Lippen berühren sich, ganz sanft, zärtlich. Ihre Lippen wandern den Hals hinab, bis sie ihren Kopf wieder auf meine Schulter legt. Ich bin ein weiteres Mal sprachlos hier.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, unsere Körper aneinandergekuschelt und von irgendeinem Freund irgendwann nachts mit einer dicken Decke zugedeckt, spüre ich nicht. Ob es nun ein Traum war, oder eben nicht.  Aber es muss beinahe einer gewesen sein. So schön, wie all das war. Als die Morgensonne unsere Gesichter zu kitzeln beginnt, und auch sie wieder munter wird, wird es mir klar.

Es ist egal. Es ist doch verdammt noch einmal egal.

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Ein Versuch.

„Und wenn wir es wenigstens einmal versuchen?“
„Es hat keinen Sinn. Glaub es mir.“
„Aber. Ein Versuch.“

Die Beiden stehen sich ganz nahe gegenüber, jeder Lufthauch des Einen berührt das Gesicht des Anderen. Die Blicken treffen sich beim Schweifen durch den strahlend heißen Himmel.

„Warum aufgeben, bevor irgendetwas begonnen hat?“
„Weil …-“

„Das hättest du nicht tun sollen. Nein. Nicht jetzt.“
„Ich musste es tun.“

Der Kuss hängt noch an seinen Lippen und die sanften Berührungen ihrer Münder behalten noch für einige Sekunden ihre Wirkung. Es ist still hier, in dieser pulsierenden Stadt. Rund um sie herum irren Menschen umher, auf der Suche nach der Zukunft. Auch wenn das wahrscheinlich nur die kommenden fünf Minuten sind. So weit wollen Menschen nämlich gar nicht denken. Die Zukunft macht Angst.

„Du hast Angst, stimmt’s?“
„Mhm.“
„Ich auch.“

Ihre Lippen berühren sich ein weiteres Mal. Ein Angstkuss sozusagen. Sie sieht in seine Augen und erblickt sich selbst wieder. Ratlos stehen sie da, warten auf Anweisungen von oben, die nie kommen werden.

Ein weiterer Kuss noch.  Sie lächelt.