Glauben. [16]

I

Gott. Pfft. Wie kann man nur an Gott glauben.
Wem sagst du das.
Ist doch vollkommen dumm. Eine schöne Ausrede. Ein feiger Zufluchtsort.
Mhm.
Als wolle man sich nicht wirklich mit dem Leben auseinander setzen. Als wolle man alles vorbestimmt sehen. Als suche man nach einer Unterstützung bei der Akzeptanz des Nicht-Akzeptierbaren.
Mhm.
Man kann doch nicht ernsthaft an einen Gott glauben, oder?
Nicht wirklich, nein.

II

Ich werde da meistens wütend. Wenn mir jemand von seinem Glauben erzählt und dass es so etwas wie einen gütigen Gott gibt.
Ich verstehe dich.
Wie kann man so etwas nur behaupten? Gäbe es so etwas wie einen gütigen Gott, wäre mein Leben anders verlaufen.
Mhm.
Einem unsichtbaren Nichts die Macht über unser Leben zu geben?
Nein.
Gott ist ein Arschloch. Gäbe es ihn.
Ein Arschloch, ja.

III

Glaubst du?
Ja.
Woran?
An die Liebe.
Du bist kitschig.
Nein, nein, du verstehst mich falsch.
Ach?!
Ja, die Liebe.

IV

Die Liebe also?
Mhm. Die Liebe, die jeder Mensch in sich trägt. An diese Liebe, ja, an die glaube ich.
Hm.
Und daraus resultierend an das Gute im Menschen.
Das Gute.
Mhm. Und daran, dass es keinen falschen Weg gibt. Dass wir uns durch unsere Entscheidungen dorthin tragen lassen, wo wir uns wohlfühlen. Wir können alles erreichen.
Ist das nicht naiv?
Glauben ist immer naiv. Aber ich liebe es, naiv zu sein.

V

Ich glaube, du hast recht.
Worin?
Ach, nur so.
Ist das nicht ein kleines bisschen naiv?


Es sind zumindest schöne Gedanken.
Und eine schöne Liebe.
Was?
Die unsere, du und ich. Ich glaube daran.
Für immer?
Nein.
Nicht.
Nur solange es sich gut anfühlt. Der Weg wird sich zeigen.

Foto: Jessica Lares, Flickr

Pleasure and pain.

Zuallererst: Infos zum Projekt „Walk Away

„Ich möchte Abschied nehmen. Ich möchte ihn noch einmal sehen. Als du mich damals gefragt hast, damals, als Opa starb, ob du mich holen sollst, habe ich nein gesagt. Weil ich nicht realisiert habe, dass das die letzte Möglichkeit sein sollte, wo ich seinen Körper sehen würde. Das soll hier nicht auch so sein. Ich will ihn noch einmal sehen.“

Meine Mutter nickt. Sie versteht, was ich meine. Und im Laufe des Tages würde sie auch kommen, die Nachricht, dass ich die Möglichkeit bekommen würde. Wir alle würden sie bekommen. In 2 Tagen würde sein Begräbnis stattfinden. Es ist eine beschissene Zeit, gerade. Morgen ist Allerheiligen und die (katholische) Welt trauert um ihre Verstorbenen, oder feiert, dass sie ihren Weg durch das Leben absolviert haben. Was auch immer. Freakin‘ bullshit, das Ganze. Wie kann man den Tod von jemandem feiern, der gerade erst einmal eineinhalb Jahre alt geworden ist. Und wusch. Innerhalb eines Moments eben nicht mehr da war? Scheiß Glauben, scheiß Kirche. Ihr wisst schon. Scheiß Gott!

Ich war nie der zutiefst gläubige Mensch, auch wenn es normalerweise einfach sein sollte, mich für irgendetwas zu gewinnen. Aber jetzt gerade habe ich den letzten Funken Glauben an Gott, das höhere Wesen der katholischen Lehre, verloren. Falls er überhaupt exisitert. Und falls er wirklich so etwas ist, wie man ihn sich vorstellt, ist er ein unglaubliches Arschloch. So etwas macht man nicht, so etwas tut man keinem Menschen an. Nur Arschlöcher tun sowas.

Die Idiotie des Alltags und des Lebens holt uns in unserer Familie ein. Mein Vater hat seit 2 Tagen kaum mehr etwas gegessen, meine Mutter legt ständig Timis Kleidung zusammen, muss oft unterbrechen, weil sie weint. Und kann trotzdem nicht damit aufhören. Und meine Schwester liegt erwartungsgemäß die meiste Zeit herum und weint und manchmal schläft sie auch. Und ich mache mich auf, um mit unserem Pfarrassistenten und in dieser Zeit unglaublich wichtigen Freund das Begräbnis zu besprechen.

Ich würde die Fürbitten schreiben und sie auch vortragen. Und ich würde auch einen längeren Text vorlesen. Meine Mutter und … was mich überraschte, meine Schwester baten mich, das zu tun. Mein ganz persönlicher Abschied von der wichtigsten Person meines bisherigen Lebens. Ja, natürlich werde ich das tun. Ich habe zwar keine verdammte Ahnung, wie ich mich so lange auf den Beinen halten soll, wie ich meine Stimme so lange klar und deutlich benutzen kann. Aber ich werde es natürlich tun, einfach nur, weil es für Timi ist.

Nachdem ich das Pfarramt verlassen habe, wage ich mich in die Kirche. Aus Erzählungen habe ich erfahren, dass vor dem Altar ein Bild von Timi aufgestellt worden sei. Und eine Schüssel voll Sand, wo die Bewohner unseres mir ansonsten so negativ erscheinenden Ortes Kerzen anzünden könnten, um zu zeigen, dass wir nicht allein sind. Ich öffne die Tür, der kalte Geruch der Kirche strömt in meine Nase. Niemand sonst ist hier. Niemand außer mir. Dutzende Kerzen stecken im Sand und ich stehe vor ihnen. Nehme mir eine, zünde sie an, stecke sie dazu. Sehe mir, im Kerzenschein, minutenlang Timis Gesicht. Wie er da so fröhlich am Tisch sitzt, in der guten Vergangenheit. Und irgendwann breche ich (ich breche, wirklich) zusammen, falle schmerzhaft auf meine Knie, und weine. Weine von ganzem Herzen und aus tiefstem Schmerz und es wäre mir scheißegal, wenn sich jetzt plötzlich die Kirche füllen würde. Ich weine. Lasse alles heraus, wische mir die Tränen aus dem Gesicht, gehe zum Auto und fahre nach Hause.

Am Abend kommt sie schließlich, die Möglichkeit. Wir würden noch einmal seinen Körper sehen, aufgebahrt in der Leichenhalle, eingehüllt in ein Lammfell in diesem verdammt kleinen Sarg. Hier ist sie, diese eine, beklemmende Stimmung, die ich nie mehr in meinem Leben vergessen werde. Man fühlt sich fehl am Platz, man traut sich kaum, auf den Sarg zuzugehen, will nicht zusehen, wie andere es vor einem tun. Und dann geht man schließlich hin und zieht die Spieluhr ein weiteres Mal auf, greift ihm sanft über die Wangen, die weiß geschminkt alle Flecken überdecken versuchen. Ein Kuss auf die Stirn, schwarze Lippen. Und das Gefühl: das ist nicht Timi. Das ist eine Puppe. Das ist er nicht. Und in diesem Moment wurde mir die bittere Wahrheit bewusst: Ich hätte ihn nicht noch einmal sehen sollen. Ich hätte die Erinnerung behalten sollen, ich habe mir ein Teil des Schönen rauben lassen. Was bleibt ist das Bild des Sarges, die kalte Haut des Kindes, die Melodie der Spieluhr.

Wir lassen meine Schwester alleine, in der Leichenhalle. Sie solle entscheiden, wann sie den Sarg schließen möchte. Umarmungen, Abschiede, noch einmal in die Kirche. Und wieder dasselbe. Keine Kraft mehr in den Beinen, keine Kraft mehr in mir. Breche zusammen, neben meinen Eltern. Kann kein Wort sprechen, meine Eltern geben mir die Zeit, die ich brauche. Doch ich bemerke: Weinen ist etwas viel zu Persönliches. Alleine zu weinen ist besser. Aber ich wage es nicht alleine zu sein.

Am Abend fahre ich zu meinen Freunden, zu jedem Einzelnen, überreiche ihnen die Parte, rede und weine. Das ist wohl der tränenreichste Tag von allen. Ich rede und weine und fühle mich geborgen, auch wenn ich weiß, dass ich meine Freunde dadurch in eine beschissene Lage bringe. Mir zu helfen ist nicht möglich, einzig einfach nur da zu sein erscheint mir Hilfe genug. Ich genieße die Zeit außerhalb der kleinen kaputten, der unseren Welt.

Zuhause angekommen, im Bett, kralle ich meine Fingernägel in meine linke Schulter, schließe die Augen, spüre die heruntergeschabte Haut, die tief hinein gedrückten Wunden. Der ganze Schmerz durchfährt meinen Körper. Zufrieden schlafe ich ein.

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