Dieses eine verdammte Lied. [16]

Musik. 15122010

„Es ist die Musik.“ Verdutzt siehst du mich an, als ich mir gerade eine Träne aus meinem überraschten Gesicht wische. „Es ist nur die Musik.“ Du reichst mir ein Taschentuch, aber das ist nicht nötig. Der Pulloverärmel hat sie schon aufgefangen, weggetragen, losgelöst. Und immer noch höre ich dieses eine Lied im Hintergrund, welches mich innerhalb von Sekunden austrocknet, mir mein Lächeln raubt, meine Gedanken überschlagen und mich nur hilflos zurück lässt. „Nur die Musik.“

Du verstehst nicht, kennst nicht die Geschichte. Ich habe es mir ganz einfach vorbehalten, vor allem das Gute zu erzählen, in unseren unzähligen Momenten, die wir bisher dazu genutzt haben, uns selbst vorzustellen. Ich will dir selbst jetzt nichts davon erzählen, denn es ist etwas, dass mir selbst heute noch weh tut. Etwas, das mir vor Jahren alles nahm, den Boden unter den Füßen, unzählige Träume, ein Leben. Und ich will auch kein Mitleid und bin mir sicher, dass du noch irgendwo eines übrig hast. Langsam nippe ich wieder an meinem Kaffee und versuche nicht hinzuhören und dir nicht in die Augen zu sehen. Dieses eine verdammte Lied.

„Kennst du das, wenn du etwas Wunderschönes … hm, geschenkt bekommst, es hängen so viele Erinnerungen daran, und dann passiert etwas komplett Furchtbares. Und fortan weckt allein das Ansehen dieses Dings so schreckliche Gedanken, so atemraubende Bilder. Kennst du das?“ Du überlegst. So etwas muss man nicht kennen. „Bei diesem Lied ist das so.“ Aber was sage ich: es ist nicht nur dieses Lied, es sind viel mehr, und die Dinge, die immer noch in meinem Zimmer herumliegen und dir hoffentlich nie auffallen.

„Darf ich nachfragen-?“ Nein, darfst du nicht, nein, denn ich will nicht darüber reden und es ist der Stimmungskiller schlechthin, ein absolutes No-Go. „Mhm.“ – „Willst du darüber reden? Mit mir? Du weißt, dass du mir alles erzählen kannst.“ – „Hm.“ Kann ich das? Und will ich es? Und ich beginne zu erzählen, und verpacke es in eine überraschende Sprache, beinahe so, als wäre es eine Geschichte, etwas Fantasie, Literatur und nicht die harte Realität, die Vergangenheit und die Gegenwart. Du lauscht meinen Worten, wischt hie und da etwas Flüssiges aus meinem Gesicht, setzt immer mal wieder dein geschocktes Gesicht auf und nickst.

„Und deswegen das gerade. Das mit dem Lied und so.“ Ich erwarte mir deine Hand auf meiner Schulter oder meinem Kopf, ein paar bemitleidende Worte, das Angebot von Zeit, von Gesprächen, von Hilfe. Aber du rettest dich so wundervoll aus der Misere, dein Blick scheint … gebrochen, deine Stimme etwas weinerlich, meinst nur ein „Oh.“ und zündest dir die nächste Zigarette an. So ist es gut.

Und du bleibst stehen. [6]

Zebrastreifen . 03122010

Und du bleibst stehen. Mitten auf der Straße, die Fußgängerampel schwenkt gewohnt schnell wieder auf das bedrohliche Rot um. Du bleibst einfach stehen und blickst gebannt nach oben. Siehst dir die Lichter an, und die Gebäude, die Nacht und ihre Sterne. Bevor die ersten Autofahrer ihre Hupen betätigen können, nehme ich deine Hand, meine „Komm schon, komm runter hier.“ und ziehe dich auf das andere Ende. Der Verkehr nimmt wieder seinen gewohnten Lauf.

„Was war denn das?“, frage ich und blicke immer noch in dieses eine, dein verzaubertes Gesicht. „Was war denn gerade los mit dir?“

Und mit einem breiten Grinsen und dem Gefühl für das Gegenüber, als wolle man in einem Schwall alles von der Seele reden ohne auch nur einmal tief Luft zu holen, setzt du an und meinst ja doch nur: „Ach, nichts.“

Wir gehen weiter, die Großstadt fühlt sich nicht gut an heute. Hier sind zu viele Menschen und zu laut und zu hell ist es auch. Ich würde mich am Liebsten verkriechen und den Abend Abend und die Nacht Nacht sein lassen. Aber ich kann dich hier jetzt nicht einfach so zurücklassen. Nach diesem … Etwas, was da gerade mitten auf der Straße passiert ist. Ich lege meinen Arm um deine Hüfte, möchte dir Stütze sein, möchte dir helfen. Möchte dir nahe sein.

„Weißt du, als ich gerade über die Straßen gehen wollte, … und etwas um mich herum umherblickte und tief einatmete.“ – „Mhm.“ – „Da bemerkte ich zum ersten Mal seit Langem, dass ich glücklich bin. Das es mir gut geht. Das es so passt wie es ist.“ – „Hm. Ein schönes Gefühl, oder?“ – „Natürlich! Ein unglaubliches.“

Immer noch sehe ich das Glitzern in deinen Augen, als wärst du in einer anderen Welt. Aber vielleicht reflektieren sie auch nur die vielen Lichter um uns herum. Dein Hand fühlt sich warm an und langsamen Schrittes gehen wir weiter. Wo wir hingehen? Es ist egal. Aber irgendwann bleibe auch ich stehen, sehe nach oben, atme tief ein. Nichts. Ich bin enttäuscht. Du bemerkst das.

„Ach, du darfst dir nichts erwarten. Du darfst nicht darauf hoffen, dass es passiert. Aber wenn es denn endlich kommt, fühlt es sich so wunderbar an, ich sag’s dir!“

Ein Versuch.

„Und wenn wir es wenigstens einmal versuchen?“
„Es hat keinen Sinn. Glaub es mir.“
„Aber. Ein Versuch.“

Die Beiden stehen sich ganz nahe gegenüber, jeder Lufthauch des Einen berührt das Gesicht des Anderen. Die Blicken treffen sich beim Schweifen durch den strahlend heißen Himmel.

„Warum aufgeben, bevor irgendetwas begonnen hat?“
„Weil …-“

„Das hättest du nicht tun sollen. Nein. Nicht jetzt.“
„Ich musste es tun.“

Der Kuss hängt noch an seinen Lippen und die sanften Berührungen ihrer Münder behalten noch für einige Sekunden ihre Wirkung. Es ist still hier, in dieser pulsierenden Stadt. Rund um sie herum irren Menschen umher, auf der Suche nach der Zukunft. Auch wenn das wahrscheinlich nur die kommenden fünf Minuten sind. So weit wollen Menschen nämlich gar nicht denken. Die Zukunft macht Angst.

„Du hast Angst, stimmt’s?“
„Mhm.“
„Ich auch.“

Ihre Lippen berühren sich ein weiteres Mal. Ein Angstkuss sozusagen. Sie sieht in seine Augen und erblickt sich selbst wieder. Ratlos stehen sie da, warten auf Anweisungen von oben, die nie kommen werden.

Ein weiterer Kuss noch.  Sie lächelt.

Stumm.

Ruhelos sitzt du da, möchtest mit mir sprechen, möchtest mir dein Herz ausschütten. Doch du bleibst stumm und mit dieser Stille wühlst du dich immer weiter auf. Keine Spur von Sorglosigkeit, von Freude auf deinem Gesicht. Du siehst bekümmert aus, und trotz meiner Gesellschaft fühle ich deine Einsamkeit. Nichts und niemand könnte jetzt diese Wand zwischen dir und dieser Welt hier einbrechen. Du mauerst dich ein und bleibst stumm.

Ich möchte dich halten, möchte dich auffangen, während du fällst, in dieses tiefe Loch. In welches du schon seit Stunden, seit Tagen hineinblickst. Möchte dir einen Arm reichen, damit du nicht stürzt. Aber du wendest dich ab. Trotz allem, was zwischen uns immer war und wohl auch sein wird. Du bist allein.

In mir keimt Unmut. Ich möchte helfen. Möchte bei dir sein und dir zuhören. Möchte deinem Kummer lauschen, möchte dir Hilfe sein, so wie du immer Hilfe für mich bist. Möchte dieses Ding der Begierde, dieses Wutobjekt sein, welchem du all deinen Frust, deine Wut und deine Angst entgegenschreien möchtest. Ich wäre dir auch gar nicht böse, ich würde es verstehen. Verstehst du mich?

Aber du möchtest allein sein. Mit deinem Kummer, deiner Trauer, deiner Wut und deiner Angst. Möchtest womöglich erst alleine damit zurechtkommen. Aber immer mehr mauerst du dich ein und verlierst den Anschluss hier. Sitzt zwar ruhelos neben mir, befindest dich aber meilenwert entfernt. 

Ich möchte mit dir sprechen, möchte dich nach deinem Befinden befragen. Möchte deinen Erzählungen lauschen und dich trösten. Dir die Tränen aus dem Gesicht wischen und dich umarmen. Dir einen Teil meiner Wärme schenken und mit dir leiden. 

Doch du.
Bleibst stumm.

Damals. Nackt.

Es waren nur Sekunden.

Wir haben uns berührt, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben die Finger des Anderen über die eigene Haut streicheln fühlen können. Manchmal habe ich auch die Luft angehalten, nur um deinen Atem alleine in dieser vollkommenen Stille zu hören. Habe dein Gesicht beobachtet und die Nähe gespürt. Habe gefühlt, wie sanft sich unsere Nähe heranschmiegt. Bis sich unsere nackten Körper langsam berühren. Und wir verharrten so für Sekunden, ganz ruhig und still. Dieser eine Moment, an diesem einen Moment spürte ich mich zum ersten Mal „ganz“. Ich fühlte mich glücklich und nichts hätte mich und hat mich bisher glücklicher gemacht. Es ist traurig, dass sich das größte Glück, welches ich für mich empfinden konnte, mit dieser einen Berührung, mit dieser Nähe zu dir verbinde. Die Nähe ist weg und selbst aus der Ferne haben wir uns nichts mehr zu sagen.

Wir haben uns berüht, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben uns beide auf den Rücken gedreht und an die Decke des Zimmers geblickt. Leichter Schweiß bildete sich auf unseren Körpern und die Hände wurden warm. Wir spielten uns mit unseren Fingern, strichen uns langsam über über die Arme. Damals. Nackt. Die Stille hat sich an uns gewöhnt. Nichts zu sagen hatten wir uns und kein Wort wäre auch angemessen gewesen. Nur die Stille konnte überzeugen und irgendwann gewöhnte sie sich auch daran. Wir hatten nur uns und waren die glücklichsten Menschen der Welt. Hatten uns und die Welt nur sich selbst.

Wir haben uns berührt, an allen möglichen Stellen unserer Körper. Haben gewartet, bis die Nacht sich mit der Dunkelheit vertraut gemacht hatte. Unsere Lippen berührten sich und unsere nackten Körper verharrten. Es war diese Zeit. Als wir uns hatten und uns langsam berührten. Als du bei mir Gänsehaut erzeugtest und ich bei dir. Ich habe dich nicht mehr gesehen. Die kurzen Treffen empfinde ich nicht. Sie waren nicht, denn ich hatte nichts von dir. Habe keinen Satz sagen können, welchen ich mir Wochen vorher vorbereitet hatte. Hatte nie die Möglichkeit, deine Hand zu berühren. Einfach nur, um sicher zu gehen, dass die Zeit vorüber ist. Ich habe dich nicht mehr gesehen. Wir haben uns berührt.

Und jetzt trennt uns. Es waren nur Sekunden.

Restless Stranger.

In deinem Gesicht spiegelt sich die Fremde, die mit dem, was uns verband, nichts mehr gemein hat.

Du reichst mir die Hand, ein Lächeln ziert deine Lippen. Du hast fast immer gelächelt, selbst als du schliefest. Nur als Tränen über dein Gesicht wanderten, lächeltest du nicht. Aber du hast es trotzdem versucht. Jetzt bist du endlich wieder über den Versuch hinausgekommen. Deine Hand ist trocken. Meine wohl kaum. Du hast mir weh getan, damals. Vor Monaten. Hast auf Rücksicht verzichtet und warst vielleicht eines der wenigen Male ehrlich. Und dass deine Ehrlichkeit mir wehtun würde, dass wussten wir beide.

Dein Lächeln scheint nicht aufgesetzt. Du versuchst es wirklich, mir mit Offenheit in die Augen zu sehen. Ich wandere mit meinen Blicken über dein Gesicht. Es fühlt sich falsch an, hier bei dir zu sein. Du fühlst dich falsch an, und siehst anders aus. Anders, als mein Gedächtnis dich mir in Erinnerung rufen kann. Du hast dich verändert und fühlst dich fremd an.

Worte werden gewechselt und Blicke getauscht. Du bist fremd und ich fühle mich unwohl. Du solltest gehen, denke ich mir. Ich sage nichts und schließe die Augen. Warst du mir jemals nicht fremd?

Why did this come up so quick
A spark moves in a dry world
As if something was just switched on
And then disappeared

– Restless Stranger (LP: Restless Stranger) – American Music Club

And then. Just disappeared.