So einzigartig, Moment für Moment. [Der Frühling]

(via  BulletMillerflickr)

„Der Winter war hart, findest du nicht. Die eisige Kälte, all die Momente, in denen man sich in die dicken Mäntel zwingen musste, um da draußen nicht plötzlich mal einen unfreiwilligen Freitod zu sterben. Kann mich kaum dran erinnern, einen so langen, so maßlos andauernden Winter erlebt zu haben.“ Du nickst, als ich mir gerade meinen Pullover ausziehe und es genieße, als die ersten Sonnenstrahlen sich zaghaft auf meine Haut zu setzen versuchen.

„Ich liebe den Frühling, weißt du?“, erwarte dabei kaum dein Nicken und setze fort. „Dieses Wiederauferstehen, dieser plötzliche Wandel von eisiger Kälte zu jenen Nächten, in denen man endlich auch mal wieder einmal draußen sitzen kann. Noch nicht lange, aber zumindest lange genug, um miteinander zu reden, sich den Himmel und all diese unendliche Weite von hier unten ansehen kann. Es beginnt wieder diese Zeit, in der man auf einer Decke sitzt und die Zeit zu genießen pflegt, findest du nicht?“

„Und während der Herbst mir immer, in solch unglaublicher Pracht, zeigt, wie Vergänglichkeit funktioniert, und mir vor Augen führt, dass es wohl wirklich schön ist, bevor es zu Ende ist, lässt mir der Frühling kaum Platz für solche Gedanken. Er hat seine eigenen Gesetze, nimmt mich an die Hand, und deutet mir mit überraschender Genauigkeit an, wo ich meine Aufmerksamkeit hinsetzen soll. Der Frühling erzeugt Gefühle und lässt mein Lächeln, dass ich seit Wochen schon trage, noch strahlender erscheinen. Ich mag ihn, den Frühling.“

Deinen Kopf auf deine linke Hand gestützt, neben mir sitzend, blickst du mich an, hörst wahrscheinlich kaum meine Worte, aber schenkst mir deinen Blick der sanft über die Züge meines Gesichts gleitet. „Der Frühling bietet einem die Möglichkeit, Vergangenes ungeschehen zu machen. Der Herbst hat all das abgetötet, unter der Schneedecke des Winters ist es verwest. Oder nein, diese Macht besitzt selbst der Frühling nicht. Niemand kann irgendetwas ungeschehen machen. Vielmehr bietet er einem die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen und zu erkennen, welchen Weg man für sich ausgewählt hat. Sobald die Straßen und Wege von der weißen Decke befreit sind, erhält man endlich wieder einen Blick für die kommenden Schritte.“

„Und Jahr für Jahr schafft es diese Zeit, mich darauf zu besinnen, genau solche Tage wie diese zu genießen. Dem Alltag zu entfliehen, indem man die Zeitrechnung ganz einfach für kurze Zeit auszuschalten versucht. Die Augen schließt und das Gezwitscher der Vögel in sich aufsaugt. Und dann bist da noch du und du und der Frühling, ihr seid eine so wundervolle Symbiose, die perfekte Mischung. Ich mag den Frühling, weil ihr in Wahrheit genauso schön ist wie du. So einzigartig, Jahr für Jahr oder Moment für Moment und weil es im Frühling wahrscheinlich die schönste gemeinsame Stille gibt.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Es ist schön, bevor es zu Ende ist. [Der Herbst]

(via  docadocaflickr)

Du bibberst, als du einatmest. Es ist kühler geworden, ganz langsam und doch hat es dich jetzt gerade überrascht. Ich halte dich fest. Halte deine Hand, als wir über den laubbedeckten Gehweg gehen. Es ist still, bis auf die spärlich vorbeifahrenden Autos und die seltenen Momente, wenn Kastanien nur knapp vor uns am Boden aufprallen.

„Ich liebe den Herbst, weißt du?“, frage ich dich, und ohne eine Antwort abzuwarten, setze ich fort. „Weißt du. Der Herbst hat etwas Magisches an sich. Und ist vielleicht auch die brutalste Jahreszeit. In allen anderen ist irgendetwas am Entstehen, oder in voller Pracht. Im Frühling sprießen die Blumen, im Sommer gedeiht alles und im Winter kriegen wir Schnee. Nur der Herbst. Der Herbst hält sich irgendwie nicht an diese Regel. Er tötet. Er ist eine Zeit der Resignation, etwas, um wieder einmal zu erkennen, wie verdammt vergänglich doch alles ist.“

„Und ich liebe die großartigen Nuancen der Blätter. Eigentlich mag‘ ich den Wald nicht, oder was sag ich … ich bin einfach nicht dieser naturverbundene Typ. Aber in einen herbstlichen Wald zu spazieren oder ihn mir aus der Ferne anzusehen, ist für mich etwas ganz Besonderes. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Es zeigt sich in voller Pracht. Irgendwie sind das für mich schöne Gedanken.“

„Denn der Tod ist und bleibt überall. Vor allem der Herbst vor drei Jahren hat mir den Boden unter meinen Füßen weggezogen. Für lange, lange Zeit. Manche Todesfälle sind eben anders als all die anderen. Manche dürfen ganz einfach nicht real sein, vor allem nicht jener eines Kindes. Und dann seh ich mir in diesem Jahr den Herbst an und erkenne endlich wieder das Wunderbare an dieser Jahreszeit.“

„Und höre auf, vor Tod und Vergänglichkeit Angst zu haben. Es ist schön, bevor es zu Ende ist. Und es gehört dazu. Vielleicht ist so ein Jahr ja auch nur eine Metapher für das Leben, und das Umgehen mit dem Tod. Im Herbst passiert es, man kann sich nicht einmal wirklich verabschieden. Im Winter vergräbt man sich, schützt sich in einer weißen Schicht von schwer auf einem lastenden Schnee. Bis der Frühling einen wieder den nötigen Aufschwung gibt, und man im Sommer zur Vollkommenheit zurückfinden kann. Zur neuen Vollkommenheit, natürlich. Verstehst du was, ich meine?“

„In Wahrheit zeigt mir der Herbst Jahr für Jahr wieder, dass ich nicht darauf vergessen soll, an mich zu denken. Mein Leben zu leben, genau so wie es mir gefällt. Vielleicht hilft dieses Resignieren ganz einfach dabei, zu erkennen, was einem wichtig ist. Wofür man zu kämpfen bereit ist. Warum es wichtig ist, hier zu sein.“

Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange. Ich glaube, du verstehst.

Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Bangboombang. Da bin ich nun. Den Geschmack einer frisch verfaulten Ratte in meinem Mund, nachdem ich so früh am Morgen nur Kaffee und Zigaretten zu vertragen scheine. Und mit der nächsten Zigarette in der Hand stehe ich an der Bushaltestelle. Die Augen raffen sich heute noch nicht dazu auf, die Welt um mich zu betrachten. Der nächste Zug aber, als mir der Rauch der Zigarette auf frontalem Wege in die Nasenhöhlen kriecht und ich – wie jedes Mal – erschrecke, erblicke ich den schönen Tag um mir herum.

Okay. Was ist schon ein schöner Tag. Eigentlich lässt nur ein tolles Wetter darauf hoffen, dass es schön werden könnte. Die Sonne lächelt selbst an diesem frühen Vormittag ganz selbstbewusst zwischen den weißen Wolken hervor. Um wirklich etwas Einzigartiges aus diesen kommenden Stunden zu machen, bin ich selbst gefragt. Das wird hart.

Der Bus hält an, und schon jetzt steigen Unmengen an verbitterten Menschen aus. Irgendwann kann schließlich auch ich mich die drei Stufen hinaufzwängen. Es überrascht mich, dass ein Zweiersitz frei ist, und so lasse ich mich nieder. Und während ich meinen Kopf an die innen wie außen dreckige Glasscheibe lehnen möchte, stößt mir dieser Geruch in die Nase. Hat hier vor kurzem irgendwie hingepisst? Das gibt es doch nicht. Klar, das riecht genau so. Ich untersuche meinen Sitz und den Boden, doch es ist nichts zu sehen. Verdammt. Das kann ja noch etwas werden. Der Geruch verschwindet nicht, aber die fünf Stationen sind schnell vorüber.

Die Luft auf der anderen Seite des Busses, an der Außenwelt, ist dagegen schon wieder um einiges besser. Ich atme tief durch. Ein Glück, dass man hier nie lange mit dem Bus fahren muss. Einige Momente trete ich auf der Stelle, nach Orientierung ringend und zünde mir sogleich eine weitere Zigarette an. Was habe ich hier eigentlich vor? Und wie soll ich es nun bitte schaffen, aus diesem anfangs im wortwörtlichen Sinne bepissten Tag etwas Schönes zu machen?

Meine Beine führen mich die Einkaufsstraße entlang, vorbei an all den vollgestopften Boutiquen und diesen Menschenmassen, die scheinbar zu jeder Tages- und Nachtzeit diese Straße säumen. Außer um 3 Uhr früh. Da ging ich schon mal nach Hause und diese Straße entlang und da waren wirklich nur ich und diese sechs Menschen auf diesen zwei Kilometern verteilt. Man darf in solchen Situationen Angst haben und auch gerne mal mehrmals die Straßenseite wechseln. Habe ich mir zumindest sagen lassen. Weil man sich ja sowieso in einer dunklen Nacht von allen Seiten verfolgt fühlt.

Als ich an einem Fußgängerübergang stehen bleibe, – die Ampel zeigt nur dieses ruhige rote Männchen – erkenne ichh plötzlich mein Forschungsinteresse für den heutigen Tag. Da drüben, da rüber. Da möchte ich hin. Die Autos auf der dreispurigen Straße halten, ich überquere, mit diesem kleinen Tick, so gut es geht nur die weißen Stellen des Zebrastreifens zu berühren, die Straße und stehe vor dem Park, der wohl schon heute morgen in meinen Gedanken aufgetaucht war. Jetzt, und das überrascht selbst mich, ist es schon beinahe Mittag. Scheinbar habe ich mir einige Zeit gelassen, als ich die Einkaufsstraße hinunterwanderte.  

Da ist er also nun, der Park. Das erste saftige Grün seit langem. Und da steht sie auch nun, meine Parkbank. Kein „Frisch gestrichen“-Schild, keine alten Menschen, die sie besetzen und dabei auch noch die unnötigen Tauben füttern. Ich lasse mich nieder und fühle mich mit einem Mal einerseits schwer und müde, aber andererseits ebenso lebensfroh. Genau das habe ich wahrscheinlich die ganze Zeit gesucht. Diese Natur, die mir zwischen all den Häuserschluchten und den brutal hingepflanzten Bäumchen so gefehlt hat. 

Ich könnte euch jetzt von hohen Häusern erzählen. Ich komme mir so oft so verdammt klein vor. One in more than a million. Zwischen all den Unmenschen hier. Irgendwann einmal möchte ich an einem wirklich hohen Haus anläuten und die Treppen hinaufsteigen. Ein Haus, mit einer Dachterasse. Und da raus möchte ich gehen, und hinunter blicken. Und dann wäre ich ganz groß und könnte auf all die Menschen sehen, die zwar noch nicht ameisengroß aber zumindest doch schon klitzeklein wären. Wie wäre wohl das Gefühl dabei. Und will ich das überhaupt?

Wäre es nicht gar zu schlimm, sich plötzlich unendlich groß zu fühlen? Hier in diesem Park lässt es sich leben, hier bin ich immer noch eine unter vielen. Und. Bangboombang. Ich hab‘ es wohl geschafft. Es könne nun kommen, was wolle. Die vierte Zigarette an diesem Tag lässt mich hineinsinken. Und weiter träumen. Von hohen Häusern und kleinen Menschen.

Winter-Frühling-Sommer

Die Kippe brennt langsam dahin, während er sie behutsam in seiner durch dünne, schwarze Handschuhe umhüllte Hand zu halten versucht. Er lacht. Gefühlsmasochist. Dieses Wort kam ihm gerade eben in den Sinn und er überlegt, wie er diesen neuen Terminus am Besten beschreiben könnte.  Jemand; jemand, welcher es für sich beansprucht, auf Gefühlsebene verletzt zu werden. Aus purem Genuss. Es ist noch tiefster Winter.

An den meisten Stellen der Stadt, auf den meisten Dächern die Vororte. Es liegt überall noch Schnee. Manchmal dreckig von all dem Autodreck, manchmal sieht man auch den Versuch, mit gelber Farbe den vollständigen Namen in den Schnee zu schreiben. Und ist auch nur mehr minder überrascht, plötzlich einen Frauennamen im weißesten Weiß zu finden. Es ist noch Winter, doch die Temperaturen lassen zum ersten Mal seit langem zu, mit der Zigarette in einer, mit einem Handschuh eingepackten, Hand auch mal für etwas längere Zeit draußen zu sitzen und zu reden.

Diese vier Grad, um welche das Thermometer neuerdings die magische Null überschreitet, geben Anlass zur Hoffnung. „Ich freue mich auf den Sommer. Auf den See und das Grün. Auf das Grillen und die langen Nächte mit Bier, Wein, Zigaretten und dem Sonnenuntergang“, meint der Freund, der sich hier neben ihm hingesetzt hatte. „Und ich auf den Frühling. Wenn nach dem Verlust der Schneemassen langsam und da noch im wunderschönsten Grün die Natur wieder das Leben anfängt. Wenn alles noch frisch ist und gerade erst 15 Grad warme Sonne deine Nase kitzelt.“, antwortet er, welcher die Kippe, um den Handschuh nicht anzukokeln, in den Aschenbecher fallen lässt. Die Beiden lächeln sich an, erheben sich von ihrer aufgetauten Sitzbank und gehen wieder hinein, in die Stube, die mit etwas mehr als der durchschnittlichen Innentemperatur prahlen kann.

Doch zurzeit ist es beinahe noch Winter.

Raindrops.

Das Wetter lässt mich unbeeindruckt. Doch dieser eine Regentropfen.

Langsam fällt er auf mich herab. Bedeckt meine Jacke und trifft auch einige Haare, die unter der Kapuze hervorlugen. Das Wetter hat also umgeschlagen. Keine Aussicht mehr auf einen frühen Frühling. Die Auferstehung der Natur muss wohl um einige Wochen verschoben werden. Es regnet und ich stehe pitsche-patsche-nass am Straßenrand. Die Zigarette in meiner Hand hat auch schon einiges abbekommen. Mit ein paar langen Zügen versuche ich noch zu retten, was zu retten ist. Doch es ist vorbei.

Gestern hast du noch vom blauen Himmel gesprochen. Blau, wie eben nur ein Himmel sein kann. Ich habe ihn gesehen. Habe minutenlang hineingeblickt und gehofft, irgendwo eine Wolke zu sehen. Doch da war nichts. Nur das Blau und das Nichts. Beim letzten Regenguss bist du verschwunden. Alles ist verschwunden. Aber noch ist nichts verloren. Doch wo bist du?

Du bist verschwunden. Einfach weg. Für immer. Alles ist für immer. Forever. Nothing lasts forever. I will love you forever. Forever. Für immer. Man wirft mit diesen Worten viel zu häufig um sich. Was ist schon forever? Nichts. Man kann nie wissen was kommt. Aber du bist weg. Seit Stunden, Sekunden, Tagen. Ich stehe hier am Straßenrand, der Regen tanzt vor meinen Augen und du bist weg.

Was bleibt, ist dieser Regentropfen. Mein Regentropfen. Du bist mein Regentropfen. Für immer, okay?

Entstanden aus 8 [Worte // Words]