Zu hoch gepokert. [12]

Kartenpech. 05122010

Irgendwo zwischen hier und jetzt sind wir angekommen. Haben Wochen, haben Monate hinter uns, die anders verlaufen sind, als wir es uns wünschten. Es wurden Träume geboren, und kurze Zeit später wieder eingerissen. Wir waren naiv, und glaubten an das Gute in uns beiden. Doch in Wahrheit sind wir nicht dazu im Stande, die Wahrheit zu erkennen. Wir fürchten uns davor, und doch haben wir sie uns eingestanden. Es hat nicht funktioniert.

Diese eine Nacht hätte nicht sein sollen und war doch. War eine Ausgeburt der Unbedachtheit, ein Präambel auf das Scheitern, ein Ziegelstein am Schotterweg. Weil es so wunderbar einfach war, so rastlos undurchdacht, so fern aber der Realität. Wir haben es verspielt und stehen nun selbst vor den Trümmern unserer Fehler.

Du hättest es mir nicht sagen müssen, hättest ruhig lügen können. Ich hätte es am Liebsten nicht gehört, aber du stehst ja so auf Ehrlichkeit und auf ausgesprochene Worte. Als wäre das, was du mir gibst, und das, was nicht, nicht schon genug, nein. Du musst es mir vor den Kopf knallen, nachdem du wenige Tage zuvor, mitten in der Nacht und leicht angeheitert, mit Fingernägeln deine Traumschlösser in Styropor kratztest.

Schon damals hast du mir Angst gemacht. Hast mich glauben lassen, dass all das ein großer Fehler sei. Aber ich wollte es nicht sehen und glaubte ja doch an das Gute im Menschen. Oder zumindest das Gute in dir. Weißt du, du hast mich enttäuscht. Auch wenn du glaubst, dass damit schon alles gesagt sei, und dass es jetzt gut sei, dass man sich nicht mehr anruft und einfach nicht mehr sieht. Das ist es nicht. Weißt du nicht mehr, welche Freundschaft wir hatten?

Sie ging über vieles hinaus und du hast oft Dinge gewusst, du nur wir zwei uns teilten. Wir haben Abende und Nächte bei Grey’s Anatomy und CSI New York verbracht. Haben uns Pizzas bestellt und waren einfach nur am leben. Und das alles haben wir mit dieser einen Nacht zerstört. Haben unsere Träume, die weniger dumm und vielleicht auch weniger durchdacht waren als deine Styroporkunstwerke, aufs Spiel gesetzt, damit wir diesen einen Tag lang glücklich waren. Oder zumindest glaubten, es zu sein.

Und ich kann deine Stimme am Telefon schon kaum mehr hören. Weil du nicht klüger wirst, und immer und immer wieder in dieses eine, scharfe Messer läufst, dass dir Menschen, die du liebgewonnen hast, auf dich gerichtet haben. Immer und immer wieder erzählst du davon und ich möchte dich anschreien und dir sagen, wie dumm doch das Ganze ist und es wohl alles nur schlimmer machen wird. Aber du würdest es nicht verstehen. Hast es die vergangenen Wochen, Monate nicht verstanden.

Und wenn wir schon dem Scheitern so nahe sind, lass uns nicht umkehren. Wir würden uns verlieren, aber über kurz oder lang haben wir das sowieso schon. Wir haben zu viel aufs Spiel gesetzt, haben zu hoch gepokert. Wir sollten aufhören, Spiele zu spielen, wenn wir die Spielregeln nicht kennen, okay?

Doch es ist nichts.

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„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

Restless Stranger.

In deinem Gesicht spiegelt sich die Fremde, die mit dem, was uns verband, nichts mehr gemein hat.

Du reichst mir die Hand, ein Lächeln ziert deine Lippen. Du hast fast immer gelächelt, selbst als du schliefest. Nur als Tränen über dein Gesicht wanderten, lächeltest du nicht. Aber du hast es trotzdem versucht. Jetzt bist du endlich wieder über den Versuch hinausgekommen. Deine Hand ist trocken. Meine wohl kaum. Du hast mir weh getan, damals. Vor Monaten. Hast auf Rücksicht verzichtet und warst vielleicht eines der wenigen Male ehrlich. Und dass deine Ehrlichkeit mir wehtun würde, dass wussten wir beide.

Dein Lächeln scheint nicht aufgesetzt. Du versuchst es wirklich, mir mit Offenheit in die Augen zu sehen. Ich wandere mit meinen Blicken über dein Gesicht. Es fühlt sich falsch an, hier bei dir zu sein. Du fühlst dich falsch an, und siehst anders aus. Anders, als mein Gedächtnis dich mir in Erinnerung rufen kann. Du hast dich verändert und fühlst dich fremd an.

Worte werden gewechselt und Blicke getauscht. Du bist fremd und ich fühle mich unwohl. Du solltest gehen, denke ich mir. Ich sage nichts und schließe die Augen. Warst du mir jemals nicht fremd?

Why did this come up so quick
A spark moves in a dry world
As if something was just switched on
And then disappeared

– Restless Stranger (LP: Restless Stranger) – American Music Club

And then. Just disappeared.