Urbanes Gedankengut. [Ein Spaziergang]

„In wenigen Minuten erreichen wir den Zugendbahnhof: Wir bedanken uns bei ihnen und hoffen, dass sie …“

Die Ohrstöpsel verschwinden unter den Haaren, und ich nehme meine Tasche und sehe dieser monotonen Masse zu, die mit aller Macht versucht, so schnell wie möglich den Zug zu verlassen. Bis sich bei beiden Ausstiegen je eine Schlange gebildet hat, und sie sich ungefähr in der Mitte des Waggons treffen (was natürlich für die Fahrgäste in diesen Reihen unpassend ist, denn zwei Möglichkeiten erleichtern die Entscheidung definitiv nicht), lege ich meinen Kopf gegen die Scheibe des Zuges. Es ist dunkel, Nacht. Ungefähr zweiundzwanzig Uhr. Woran man merkt, dass man wieder in Wien ist? Es sind die Lichter. Die Lichter, die selbst in der Nacht die Stadt nicht schlafen lassen. Der Zug kommt zum Stillstand und schön langsam lichten sich auch wieder die Gänge. Und schon auf dem Weg aus dem Zug krame ich in meiner Hosentasche nach der zerknüllten Packung Zigaretten.

Das erste kleine Plätzchen, auf welchem man an diesem Bahnhof rauchen darf, wird für die kommenden fünf Minuten mein Lebensraum. Ich denke nach. Über die Dunkelheit hier, und über mich selbst. Eigentlich ist es ja bemerkenswert, wie viel man an einem Tag nachdenkt. Ich kann ungefähr dreißig Leute aufzählen, an die ich täglich zumindest ein einziges Mal denke. Und bei einem Großteil von diesen Menschen belasse ich es nicht bei einem einzelnen Gedanken. Meine Gedankenwelt ist groß.

Manchmal denke ich auch über die Liebe nach. Wie schön es war, damals. Und ja, verdammt. Es war eine wundervolle Zeit. Und wie lange seit damals, seit ungefähr zwei Jahren so vieles in Sachen Liebe einfach falsch gelaufen ist. Denn Liebe ist nämlich gemein. Ganz bösartig gemein.

Die Zigarette nähert sich schon dem Ende. Irgendwie habe ich heute keine Lust, mit U-Bahn (und vermischtem Schweißduft) ins Studentenheim zu fahren. Und da mir ja Bewegung mehr als gut tut, mache ich mich per pedes auf den Weg zu meinen geliebten fünfzehn oder zwanzig Quadratmetern, die ich mir mit einem unsozialen Nerd teilen muss. Die Luft heizt selbst jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, noch beachtlich, es dürfte so um die fünfzehn Grad haben. Doch es riecht nach Regen. Ein bemerkenswerter Duft übrigens.

Wo waren wir? Ach ja, die Liebe. Ist es denn nicht lächerlich, wie viele Gedanken man an sie verliert? Aber die Liebe hat eben diese Macht, dass sie einen nicht mehr loslässt. Einmal Blut geleckt, kann man nicht aufhören an sie und das Schöne daran zu denken und sich mit manch zerstörerischen Fragen beinahe selbst zu verletzen. Die Liebe ist, und das muss jeder wohl zugeben, wundervoll. Aber wie auch beim Menschen selbst darf man nie und niemalsnimmer von perfekter Liebe sprechen. Nichts ist perfekt und gerade dieses Unperfekte macht es so real. 

Ich weiß noch, wie es damals war (und wie könnte ich auch jemals vergessen): Das Tagträumen, und das Dauerlächeln, dieses mulmige Gefühl kurz vor unserem ersten Kuss. Dieses einzigartige Gefühl nebeneinander einzuschlafen. Genau nach solchen Dingen sehnt man sich, wenn man sie nur ein einziges Mal erlebt hat. Doch die Liebe spielt so oft einfach nicht mit bei der Suche nach ihr selbst. So wird man selbst geliebt und sucht verzweifelt nach Gefühlen für die andere Person. Denn man möchte nicht enttäuschen und muss es dann eben doch tun. Oder man verliert sich schon wieder in einer Traumwelt und gerät in Gefahr wieder in ihr zu versinken.

Dass es manchen Menschen auch einfach nur um Küssen und Sex geht, finde ich zu einem großen Teil relativ abartig. Liebe beginnt für mich z.B. wenn ich von einem gestressten Tag nach Hause komme, und ich von der Liebsten in ihren Armen, in ihrer Umarmung aufgefangen werde. Wenn ich mit ihr redeen kann und wir bei gemeinsamen Spaziergängen in der späten Nacht einfach mal stehenbleiben um uns den Sternenhimmel anzusehen. Das ist für mich Liebe. Wenn sich jemand um einen sorgt und am liebsten mitweinen möchte, wenn es einem selbst nach Weinen zumute ist. Und ja, man möge hier Recht haben, wenn man meint, dass Freundschaft doch genauso aussieht. Dafür gibt es eben dann Küssen und Sex um sich ein bisschen von der Freundschaft abzusondern. Man könnte sagen, als notwendiges Übel. (Aber natürlich als schönes notwendiges Übel).

Während meines Weges durch die leuchtende Dunkelheit (es stimmt wohl, diesen Teil der Urbanität werde ich wohl nie toll finden), kommt es zu einer weiteren Kollision einer Zigarette mit meinem Mund. Ich bleibe stehen, krame nach einem Feuerzeug und beginne sogleich auch schon wieder routinemäßig zu inhalieren.

Auf die Liebe soll man nicht warten, heißt es. Man soll nicht nach ihr suchen, sagt man. Sie wird einfach geschehen. Und ich bin bereit, auf all das zu warten, bis die Suche ein Ende hat. Es geht mir auch gut, so ohne Liebe. Ich, im Inbegriff, seit Jahren endlich wieder einmal mein Leben in vollsten Zügen zu genießen, kann auf die besten Freunde, auf die großartigste Familie bauen. Aber trotzdem wird es mir nicht gelingen, nicht an sie zu denken. Die Liebe.

Oh, ich bin in die falsche Querstraße eingebogen. Etwas verloren blicke ich mich um und erkenne einfach rein gar nichts wieder. Also zurück zu dieser Kreuzung, die mich falsch hat abbiegen lassen. Von hier aus dürfte es ja nicht mehr allzu weit sein. Aber eines sage ich mir. Ich habe ehrliche Angst davor, dass, sollte es irgendwann wieder zu gegenseitiger Liebe kommen, ich zu feige und zu unsicher sein, um mich darauf einzulassen. Wie auch bei all dem, was jetzt gerade hier abläuft gilt: Man muss sich einfach nur trauen. Muss Mut oder manchmal auch das viel schönere Wort Courage zeigen. Und manchmal muss man womöglich über den eigenen Schatten springen. Und selbst den ersten Schritt wagen. Sturzgefahr natürlich inklusive.

Die erste Tür öffnet sich und ich betrete den Eingangsbereich des Studentenheims. Den Weg in den ersten Stock kenne ich nun schon auswendig und deshalb verzichte ich auch auf diese grelle Lichtshow, welche ich durch den Schalter ausgelöst hätte. Die Zimmertür ist verschlossen und nachdem ich dem Schlüssel zu seinem abschließenden Einsatz verholfen habe, werfe ich die Tasche auf den Boden und lege mich ins Bett. Genug gedacht für heute.

Wobei …

Foto von flickr, unter Creative Commons Lizenz. 
Auch auf jetzt.de und Ci-Jou.

Liebe, Wunschgedanke, Unfähigkeit und das abrupte Ende.

Auf Parties, so lustig sie auch sein mögen (und diese Party war bis auf die letzte Stunde definitiv wunderbarst lustig), kommt es immer mal zu der Situation, in der man zu reden beginnt. Über unerwiderte Liebe, über die Suche nach Mr./Miss Perfect. Und über die Unfähigkeit der Liebe, stets fair zu sein. Auch dieses Mal war es so, und mich stimmt das jedes Mal wieder so verdammt nachdenklich.

Liebe. Ja, wir alle sind auf der Suche nach Liebe. Nicht Sex. Liebe, ganz einfach: Zärtlichkeit, Nähe, das Gefühl über alles geliebt zu werden, das Berühren nackter Haut, Gespräche mit einem Menschen, den man beinahe Seelenverwandten nennen kann. Und vielleicht ruht hier auch schon das Problem. Die Tatsache, dass man sich jeden potentiellen Partner perfekt redet. Und sollte er einmal aus seiner Perfektion hinausgeraten, ist man am Boden zerstört. Niemand ist perfekt. Auch ich nicht. Das weiß ich nun auch schon seit längerem (und die Wiederauffrischung der Gedanken durch das NEON-Interview tat ihr Übriges) und bin vollkommen zufrieden mit diesem Gedanken.

Eine Freundin meinte, dass sie sich stets den Menschen, den sie sich in diesem Zeitpunkt gewünscht hatte, über kurz oder lang auch „bekommen“ hat. Ein paar Anhaltspunkte, und irgendwann stand er auch schon vor der Tür. Es ist alles schön und gut, aber fiel es ihr überhaupt jemals richtig schwer, jemanden zu finden. Nein. Überhaupt nicht. Solange ich mich erinnern kann, hatte sie immer jemanden bzw. jemanden in Aussicht.

Was soll ich mir schon wünschen? Ich habe Ansprüche. Vielleicht sogar zu hohe. Aber warum sollte ich meine Ansprüche senken. Und diese Ansprüche beziehen sich vielleicht zu 4% auf das Aussehen. Irgendwann würde sie schon vor mir stehen und das war’s dann. So in etwa. Ich habe keinen Dschini, keine drei Wünsche frei und ich mache mich definitiv nicht mehr auf die Suche. Man lernt einfach kennen und manchmal eben auch lieben.

Liebe ist etwas Wundervolles. Einzigartig bis ins kleinste Detail. Und ich weiß, dass ich mich in der Art, wie meine Freunde ihren Part als Beziehungspartner ausleben, vollkommen von ihnen unterscheide. Gerade heute hat mich zumindest eine Person wieder vollkommen genervt, und ich bewundere seine Partnerin für die Geduld und die Ausdauer. Ich würde alles anders machen und habe auch aus meiner ersten und bisher letzten Beziehung gelernt, niemals das Gefühl der Einengung aufkommen zu lassen. Ich wüsste schon, wie es geht, so viel steht fest.

Und dann gibt es wieder eine Freundin, die das Problem hat, dass dieser eine Typ sozusagen beziehungsunfähig ist. Ich kenne ihn nun schon seit sieben Jahren, und seit ich mich erinnern kann, habe seine potentiellen Freundinnen genau dieses Problem herausgehoben. Ist das denn wahre Liebe, wenn man sich einfach nicht binden möchte. Wenn zwar etwas am Laufen ist, man aber stets vermeidet, mehr aufkommen zu lassen? Ich weiß es nicht. Und ich verstehe es nicht. Dann sollte man einfach Nein sagen und sich vertschüssen. Aber dazu fehlt meist der Anstand und die Courage.

Und schlussendlich sind wir zu dem Fazit gekommen, dass das alles eigentlich an uns scheitert. Wir sind einfach ultimativ, wir sind die besten Beziehungspartner, und durch unsere Ultimativität fällt es uns schwer, jemanden auf gleichem Ultimativitätsniveau zu finden. Und nebenbei muss ich noch zugeben, dass zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Alkohol geflossen ist (bei den Anderen) und ich schon heftig müde war.

Wenn denn nun die Frage aufkommt, ob ich denn nun endlich über meine Exfreundin hinweg bin, kann ich keine klare Antwort sagen. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen, und weiß nicht, wie mein Herz reagiert, wenn ich sie das nächste Mal sehe. Aber ich nehme mir hiermit hoch und heilig vor, einfach mal wieder auf meinen Kopf zu hören, der mir stets sagt: Sie ist es nicht wert. Wir hätten groß werden können, die Helden von heute. Und für sie hat es eben nicht zum Heldentum gereicht.

Wobei nun auch noch dieses eine Verständnisproblem für uns alle auftaucht. Wie kann bei einer Person von einem Moment auf den anderen die Gefühle weg sein. Man trennt sich, heult vielleicht mal ein, zwei Tage oder auch ’ne Woche und dann ist man so gut wie drüber hinweg. Während der andere (das wären dann wir) noch Wochen, Monate, und im Maximalfall 4 Jahre dranhängen (mein Maximum sind 2,5 Jahre). Und das Rechenbeispiel, all die unnötig verstrichene Zeit nach einem Beziehungsende noch draufging, bis man sich endlich wieder neu verlieben konnte. Darüber mag man dann nicht nachdenken. Deswegen bleiben wir wohl bei unserer Ultimativitätstheorie. Da steigen wir wenigstens mal wieder richtig gut aus.