Im Müllsack. [Ein Abschiedsbrief]

Und dann.

Ich muss zugeben, ich musste erst unter all dem Müll suchen, bis ich den dafür vorgesehenen Sack fand. Schon vor Wochen hatte ich ihn mir bereitgelegt, um endlich ein bisschen auszumisten. Oder besser gesagt: Um den Boden wieder begehbar zu machen. Aber die Motivationskrise, wahrscheinlich resultierend aus dem stupid-einfärbigen Anblick des verschneiten Winters und dem Zustand der Weltwirtschaft an sich, ließ ihn beinahe schon mit dem eigenen Verfallsprozess beginnen. Aber heute habe ich ihn gefunden, herausgekramt und fühle mich nun dazu im Stande, mit diesem Chaos Schluss zu machen. Vor allem, um auch den immer stärker werdenden Geruch zu bekämpfen.

Ich will jetzt nicht wie dieser Typ klingen, der mit 30 Jahren, in Jogging-Hose, Brille und zerwuschelten Kurzhaar zuhause wohnt, [wobei Brille und zerwuscheltes Haar eindeutig hinkommen würden], aber meine Mutti sagt immer, das Aufräumen hier in meinem Zimmer ist der erste Schritt, um den Chaos in meinem Leben entgültig zu bekämpfen. Meine Mutti glaubt nämlich, mein Leben sei chaotisch. Nur weil ich eben nicht dieser Typ bin, der mit dem Terminkalender in der Hosentasche durch das Leben rennt, auf der Suche nach Terminen, die meinen Alltag beeinflussen. Und ich bin eben auch nicht der Typ, der ’ne Stunde vorher losfährt, um ja überpünktlichst eben einen solchen Termin einzuhalten. Bei mir muss man immer die geplante Ankunftszeit plus der durchschnittlichen Fahrzeit einplanen. Und dass ich nicht der Typ bin, der sich schnell entscheidet und sich an Stimmungsschwankungen manchmal fast zu sehr verschluckt, haben wohl auch schon so einige erkannt. Aber ich würde nicht sagen, dass mein Leben chaotisch ist. Und dass mein Zimmer, diese (geräumigen, aber unglaublich schlecht genutzten) dreißig Quadratmeter, irgendetwas mit meinem innersten Ich zu tun haben, habe ich meiner Mutter sowieso schon mal nicht abgenommen.

Nach einigem Stöbern finde ich ihn wieder. Diesen einen Pullover, im Übrigen mein Lieblingspullover. Stimmt. Ich hatte ihn nach diesem einen Mal in diesem verrauchten Lokal spät nachts einfach ausgezogen und habe ihn auf den Boden geworfen. Der Rest hier im Zimmer war wohl schon zu voll mit all der Schmutzwäsche. Und so krame ich ihn heraus und erfreue mich auf absolut kindliche Weise über diese wohlwollende Entdeckung zu Beginn meiner Expedition. Und während ich all die Wäsche schnell in meine ausgebreiteten Arme stopfe, und sie hinübertrage in die Waschküche (zwischen ihr und mir liegen tatsächlich nur wenige Meter und zwei Türen), erkenne ich zum ersten Mal seit Langem diesen einen tollen Teppich wieder. Er, mit seinem rot-schwarz-gekringelten Etwas, welches ihn auf irgendeine Art und Weise wundervoll psychedelisch wirken lässt. Und mit einer umgreifenden Armbewegung schiebe ich all den Mist auf diesem Boden (neben Zeitschriften, und verschiedenen Discs auch mal das ein oder andere Teller und Besteck) immer weiter vom Teppich weg. Das würde es also sein. Meine ersten Quadratmeter dieser neuen Welt. Und wie auch schon bei der Entdeckung des Pullovers, fühlte ich mich jetzt wie Kolumbus 1492, als er Indien zu entdecken glaubte. 

Um mein Land zu verteidigen, lasse ich mich auf meinem Teppich nieder, den Müllsack nur knapp neben mir platziert. Und beginne, all den Kram am verschobenen Boden zu Sortieren. Neben dem einen Stoß namens „Vielleicht noch nützlich“ befindet sich auch noch ein „Du Vollidiot. Das sind Akten!“-Stoß. Und eben der Müllsack. Der das entgültige Ende bedeuten solle. Und so greife ich jeden einzelnen Zettel auf, beginne manchmal zu lesen, blättere in Zeitschriften und bohre auch mal aus purer Laszivität in meiner Nase. Die Zeit hier auf meiner rot-schwarz-gekringelten Insel scheint stillzustehen. Und von Fortschritt kann man deshalb auch nichts sehen. Denn irgendwann verliert der Sack immer mehr seine Daseinsberechtigung und man sieht in jedem Müll-Utensil irgendeine Bedeutung für die nähere Zukunft. Und schließlich packe ich all das zusammen und schiebe es in ein freies Fach in diesem einen riesigen Raumteiler vom schwedischen Möbelhaus. 

Mein Raumteiler ist ja eine Besonderheit. Denn leider kann er seine Profession nicht direkt ausleben, da er aufgrund komplett falscher Architektur meines im Gedanken aufgebauten Zimmers nicht wirklich Platz hat, um den Raum zu teilen. Und so nimmt er einen beträchtlichen Teil der länglichen Teilseite ein. Und je nach Motivation sieht man die Wichtigkeit der Dinge. Auf nichts in den ersten drei Reihen würde ich verzichten wollen. Und die Reihen vier bis fünf sind meine Fächer für den Müll. Wenn eben der erste Enthusiasmus nachgelassen hat. Durch das Ausnützen aller bisher ungenützten Stauräume in meinem Zimmer wird der Boden immer leerer. Das Parkett wirkt matt, und die durch Fingerabdrücke verschmutzten Fenster lassen natürlich nicht das richtige Licht herein. Irgendwann beginne ich, mit einem Mop zu wischen, und anschließend den restlichen Staub zu saugen. 

Das wars. Eigentlich. Doch es ist immer so. Nachdem ich die für andere völlig unverständliche Unordnung am Boden meines Zimmers in Ordnung gebracht habe, nehme ich mir stets meine Bücher, CDs, Filme und Spiele vor, um sie in ihrer Ordnung (natürlich auch für alle vollkommen unverständlich) neu zu ordnen. Dafür nehme ich mir meistens die längste Zeit. Um den Soundtrack meiner letzten Jahre zu betrachten. Die Bücher, die mich verfolgten, oder zum Teil auch immer noch begleiten (auf so manche Zugreise oder auf die Toilette). Und daneben auch noch Bilder. Von meinem Neffen. Meiner besten Freundin. Für diese Arbeit brauche ich keinen Müllsack. Das sind Bestandteile meiner letzten 20 Jahre. Dinge, die wohl auch noch länger hier so bleiben sollen. Und hinter diesem einen Buch sehe ich auch diese Schneekugel. 

Ich nehme sie in die Hand. Und was mich beunruhigt: Ich werde immer noch ganz still, wenn ich sie in der Hand halte und schüttle. Die Flocken steigen auf und gleiten anschließend langsam wieder zu Boden. Und dahinter sind wir zu sehen. Sie, mit ihren wundervollen Augen und ich mit meinen langen , blonden Haaren. Seit eineinhalb Jahren steht sie schon hier in diesem Zimmer. Ich habe sie am Tag unserer Trennung bekommen, und verspüre selbst jetzt noch ein mulmiges Gefühl, wenn ich daran denke. Wo ist der Müllsack? Oder meine Box der Erinnerungen? Soll ich sie wegwerfen, oder in eine Schachtel verschwinden lassen. Und nachdem der Schnee wieder nach unten gesunken ist, stelle ich sie wieder auf ihren Platz zurück. Und schlucke erst Mal.

Das hier soll ein Abschied sein. Aber kann man sich von Erinnerungen verabschieden? Kann man Geschenke einer liebgewonnenen Person überhaupt wegwerfen? Es soll ein Abschied sein. Und ich bin nicht bereit, es endgültig zu tun. Ich möchte mich nicht von meinem Chaos verabschieden, der eine Charaktereigenschaft von mir geworden ist. Und ich weiß auch, dass in wenigen Tagen oder Wochen mein Zimmer wieder den beinahen Mülltod sterben würde. Außer Gefühle war bei mir noch nie etwas von Dauer. Sollte ich es beklagen? Was ich für diese Person empfinde, die mit mir in dieser Schneekugel die Flocken fängt? Ich empfinde wundervolle Erinnerungen. Diese Schneekugel ist ein Teil aus der Vergangenheit, welches mich hier und auch in Zukunft begleiten soll. Als Erinnerung. 

Das hier … ist ein Abschiedsbrief.

Finished: 23:10 Uhr, 31. Jänner 2009