Wenn du meinst. [20]

Regenwand. 19122010

I

Wir sollten nach Hause gehen, findest du nicht?
Hm?
Wir sollten uns auf den Weg machen.
Warum?
Na, siehst du nicht, wie der Regen stetig auf uns zukommt?
Wir haben noch Zeit.
Nein, haben wir nicht. Das wird ein Sommersturm.
Denkst du?
Mhm. Keiner von der milden Sorte.
Dann sollten wir uns wohl auf den Weg machen.
Mhm.

II

Der Wind hier ist echt nicht von schlechten Eltern.
Hör auf zu reden und pack‘ endlich deine Sachen ein.
Ach, jetzt stress‘ nicht rum.
Wollen wir da jetzt wirklich drüber diskutieren?
Also … ich will nicht.
Gut so. Und jetzt: Beeil dich!
Gleich. Nur noch … und das auch noch.
Ich geh‘ schon mal vor.
Ach, komm. Warte doch noch etwas.
Nein, mir ist das alles nicht geheuer.
Wenn du meinst.

III

Na … jetzt aber. Wir müssen uns beeilen.
Hast du irgendeine Sturmphobie?
Nein. Und jetzt …
Bin schon da.
Regnets schon?
Also, ich hab‘ nix gespürt.
Doch, da … schon wieder.
Hm.
Siehst du?
Stimmt. Ein Tropfen.

IV

Ich liebe diese vorstürmliche Luft.
War der Weg vorhin auch schon so lange?
Mhm.
Verlaufen werden wir uns wohl nicht haben, oder?
Ach komm. Wir kennen den Weg.
Das heißt erstmal gar nichts.
Ui. Ein Blitz.
21.
22.

Ist ja schon richtig nahe.

V

Warum bleibst du stehen?
Nur so.
Aber … aber, jetzt kommt der große Regen.
Ja, gerade deshalb.
Hm?
Weil ich die Sommerregen liebe.

Und ich schon immer mal mit dir in einem tanzen wollte.
Warte mal, Mom-…


Und genau deshalb.

Kein Blitz ohne Donner.

Der Regen prasselt gegen das Fenster. Die Stille auf der einen Seite, das Brodeln auf der anderen. Die Natur, sie spielt. Spielt Räuber und Gendarm. Nie holt der Donner den Blitz wirklich ein. Diesen hellen Lichtstrahl, diese Entladung als Wohltat für die Augen. Das Donnern. Ein Grummeln, ein Röcheln, ein Krachen, ein Knarzen.

Die warme Bettdecke umhüllt meinen Körper. Es ist schon viel zu spät. Spät nachts, die Uhr schlägt gleich zwölf. Ich sollte schlafen, doch das Grollen hält mich wach. Mit gespanntem Blick sehe ich durch die Dunkelheit an die Decke, zähle die Sekunden, warte auf das Ende. Wenn die Augen zufallen, und der Donner und die Blitze zur Nebensache werden.

Wieder einmal durchbricht das Donnern die Stille. So laut und mächtig. Eine Gänsehaut verbreitet sich auf meinem Körper, von all meinen Organen scheinen nur mehr das Seh- und das Hörorgan in Aktion zu sein. Wartend auf den Gegenschlag, auf die Revanche. Das ständige Hin und Her. Kein Warten auf den Anderen, keinen Moment der Ruhe.

Und ich, geschützt, von einen Meter dicken Steinmauern. Kein Anflug von Angst, nur die Neugier, wie bei jedem verdammten Gewitter. Am liebsten würde ich mich auf den Dachboden begeben und die ganze Nacht das Naturspektakel beobachten. Möchte zusehen, wie es blitzt und zuhören, wie es donnert. Doch der Schlaf lässt mich nicht erheben, ich warte, versuche es noch einmal, doch es geht nicht. Und zum Schluss begreife ich die Romantik hinter einem Gewitter. Sie können nur gemeinsam. Der Blitz und der Donner. Kein Blitz ohne Donner und kein Donner ohne Blitz. Und schön langsam schließen sich meine Augen, und die Dunkelheit nimmt Überhand.

Tee.

Der Wind peitscht gegen das undichte Fenster.

Es regnet. Schon seit Tagen. Nichts Neues hier und auch nicht auf der Welt. Alles scheint ruhig und doch peitscht der Wind. Durch die Äste und den Wald. Die Blätter wiegen sich und seelenloses Zeitunspapier fliegt zerknittert durch die Luft. Bis es irgendwo hängen bleibt und sich langsam im fallenden Regel tränkt.

Wir sitzen in unserem Zuhause. Gesichert vor all den Angriffen von außen. Wir sitzen da, mit einer Tasse heißem Tee und einigen Keksen. Blicken der Welt zu, wie sie im Chaos versinkt. Sturm und Regen und Wind. Und irgendwann kommen auch die Blitze. Und wir sitzen hier und hören jeden Wetterumschwung. Es ist schön, diesen Moment mit dir zu verbringen. Wir schweigen, und blicken auf die schnell vorbeiziehenden Wolken, blicken auf die Pfütze am Boden, die sich schneller und schneller füllt.

Wir befinden uns im Schutz dieser dicken alten Mauern und in Decken gehüllt, erfahren wir die Ankunft der Dunkelheit. Der Regen hat noch nicht aufgehört und die untergehende Sonne spiegelt sich am nassen Asphalt. Und irgendwann steigt der Mond auf und die Nacht wird niemals dunkel. Viel zu hell leuchtet die Nacht. Und mit dem Tee und den Keksen bleiben wir still. Es ist schön. Dieser Moment. Mit dir.