Sternschnuppennacht.

„Weißt du, dass ich jede einzelne Sekunde hier genieße.“
– „Mhm.“
„Es is einfach so schön hier.“
– „Und die Sonne. Wundervoll.“

Sie senkt sich gerade. Und taucht den Himmel in dieses Orange, für welches Abende zu dieser Jahreszeit schließlich bekannt sind. Die Campingsessel gebieten uns die nötige Gemütlichkeit für diese Uhrzeit. In dem einen Getränkehalter befindet sich diese Dose Bier, die nach der Mittagssonne sich wieder etwas abkühlt. Ich war noch nie der geborene Biertrinker. Und wenn ich schon nicht der Genussraucher bin, so kann ich mich zumindest als Genussbiertrinker bezeichnen. Nur liegt mein Problem vor allem darin, dass mein Bier (ob nun in Dose oder Flasche) nach mehr als zwei Stunden schon eher wie ein warmes Cervisia schmeckt. Dann ist schließlich der Genuss auch hin.

Im anderen Getränkehalter befindet sich, wie gewohnt, ein Päckchen Zigaretten. Lucky Strike, die Marke, mit der ich meinen Konsum begonnen habe. Vor ungefähr drei Jahren oder so. Schon wieder nuckle ich an einer der 20 Dinger, ziehe den Rauch in meine Lunge und lasse das Restgift aus meinem Mund entschwinden. Der Freund, der mir in diesem Ambiente beisteht, tut es mir gleich und so sitzen wir hier, trinken Bier, rauchen, und betrachten die Sonne beim Verschwinden.

„Wenn wieder einmal…“
– „Hm?“
„Wenn mal wieder eine Sternschnuppennacht ist…“
– „Mhm?“
„Dann suchen wir uns alle einen Platz. Und wünschen einfach drauf los.“

Einfach drauf loswünschen. Als hätte man nichts anderes zu tun. Nur den Platz, einen ganz besonderen, einen wunderschönen ruhigen Platz müssen wir uns noch suchen. Dürfen diese Nacht nicht verpassen. Aber ich habe keine Angst. Wir haben die letzten Tage genossen, habe unsre Leben gelebt, haben die Welt vorbeiziehen lassen. Es wird dunkel um uns herum, die Sonne ist verschwunden. Der Mond, hinter uns, schenkt noch einen dunkelgrauen Schimmer. Und die Sterne beginnen zu funkeln.

„Siehst du diesen Stern dort?“
– „Diesen Bunten?“
„Mhm.“
– „Den nenn‘ ich immer Diamantstern.“

Es gibt da wirklich einen Diamantstern. Er funkelt in allen Farben, wechselt von blau zu rot zu grün zu gelb. Faszinierend. Und während wir immer weiter uns in Gespräche vertiefen blicken wir zum Himmel hinauf. Und während der Tag beinahe zu Ende ist, erscheint am Himmel diese eine Sternschnuppe. Doch was wünscht man sich denn nun? Wenn man schon wunschlos glücklich ist.

Foto von jhoc

Vielleicht lieber morgen.

Jetzt könnt ihr abschalten. Wirklich. Ich bitte euch. Das wars.

Ihr kennt das wahrscheinlich. Das Funkensprühen, wenn man sich in die Augen blickt. Der Schmetterlingssex im Bauch, der dieses Kribbeln erzeugt. Der Gedankenkollaps in wunschertränkten Hoffnungen. Jeder kennt das irgendwie. Und jeder weiß wohl, dass man es sich nicht herbeiwünschen kann, und es geht auch nicht auf Kommando einfach weg. Worauf ich hinaus möchte. Ich liebe dieses Gefühl, aber ich habe es seit Monaten nicht mehr verspürt. Und das ist auch gut so.

„Man kann nicht keine Lust auf Liebe haben.“, meinte kürzlich ein Freund zu mir, aufgrund eines Eintrages, in welchem ich schrieb, dass ich bis Frühling wohl nichts mehr mit Liebe zu tun haben wolle. Wobei er wohl sehr recht damit hat. Wenn es kommt, dann kommt es eben. Das ist wie Weihnachten und Ostern. Man rechnet einfach nicht damit und wusch ist es da. In dem was wir gerade im Tutorial besprechen, wäre das also die „structure“. Wie ich mich dann darauf einlasse, dass ist die „agency“. Schon klar. In die Struktur wird man hineingeworfen, in das Verliebtsein verliebt man sich mal eben so. Aber es kommt immer so drauf an, wie man sich selber darauf einlässt. Und ob man sich denn überhaupt einlässt.

Ja. Man liest schon richtig. Monsieur Melodramatique. Dieser Typ, der sich monatelang fragte, warum seine Exfreundin kein bisschen mehr für ihn empfindet, der sich ständig fragte, wann er denn endlich die Frau seines Lebens kennenlernen würde. Ja, dieser Mann wird sich auf nichts einlassen. Vor allem auf nichts, wo das Scheitern schon vorbestimmt ist. Liebe muss immer auf beiden Seiten stattfinden. Wie es ist, wenn es eben nicht so sein sollte, das habe ich schon zur Genüge zu spüren bekommen. Und sollte sich irgendwann einmal irgendjemand in mich verlieben, werde ich definitiv eines tun. Warten. Und sollte ich bemerken, dass ich nicht das geben kann, was von mir erwartet wird. Wenn ich bemerke, dass ich jemandem Schmerzen zufüge, dann würde ich die Notbremse ziehen. Ich kenne all das schon. Ich will nicht so sein, wie den Menschen, den ich in manchen Zügen verabscheue. 

Vielleicht lieber morgen. Vielleicht lasse ich mir jetzt einfach mal Zeit. Mit allem, irgendwie. Unter Druck gesetzt habe ich mich schon immer. Ich liebte es manchmal, und manchmal machte es mich aber auch nur einfach kaputt. Und auch das hat mir bis zu einem bestimmten Punkt Spaß gemacht, nur das Problem war, dass von da an alles unkontrollierbar weiterverlaufen ist. Ich erlebe gerade den größten Wandel in meinem Leben. Neue: Stadt, Bekanntschaften, Aufgaben, Visionen, Träume. Alles neu. Eben. Da könnte jetzt auch Liebe stehen. Schon klar: Neue Liebe neues Glück klingt immer gut. Aber wenn ich alles auf einmal haben möchte, dann sind Mittwoche wie gestern nicht ausgeschlossen. Und dann würde sich das vermehren und über die ganze Woche ausbreiten. Darum lasse ich es einfach. Ja. Wie sagt man so schön? Auf mich zukommen. Und werde mich jetzt auch zum ersten Mal so hineinstürzen, wie es sich gehört. Auch mal eine langweilige Vorlesung nicht besuchen, um mit Freunden auf ein Bier zu gehen (okay, das hatten wir schon ein, zwei Mal). Man muss nicht alles planen. ¡Viva la espontaneidad. Zugegeben, ich kann kein Spanisch. Aber, warum nicht mal wieder alles auf gemütlich, auf spontan, auf humorvoll setzen. Das wär doch was. Das wär ein völlig neues Erlebnis.

Und so mache ich nichts anderes, als irgendwie Spaß zu haben. Ich habe zwar erst heute eine Einladung zum Speed Dating abgelehnt. Aber das Leben ist viel zu kurz, um jetzt gerade in Zeiten persönlicher Unzufriedenheit die Welt zu hassen. Da kommt noch was. Vielleicht lieber morgen. Aber ich wollte nur anführen. Bei mir ist grad nicht. Funkensprühen und so. Kein Schmetterlingssex und kein Gedankenkollaps. Nichts. Und ich fühle mich. Ja. Gut.

Aber jetzt. Abschalten. Bitte. Da kommt nichts mehr.

Bild: Ein Ausschnitt aus dem Album Freischwimmer der Band Echt