Krieg.

Als ich aufhörte, ihr zuzuhören, war sie gerade am Höhepunkt ihrer Erzählungen angelangt. Ich schüttelte den Kopf, griff die Speisekarte vor mir und sie redete trotzdem weiter. Warf mit Vorwurfsgranaten um sich und jedes einzelne Mal spürte ich die Explosion und die Erinnerungssplitter. Wir befanden uns im Krieg, nur ich war eindeutig die schwächere, die überraschtere Seite. Obwohl es so überraschend nun auch nicht mehr war.

Die Konflikte haben schon lange Zeit vorher begonnen und haben nie wieder aufgehört. Selbst mit diplomatischem Einfühlungsvermögen hätte man da nicht viel retten können. Unser Untergang war schon gewiss, noch bevor die erste Bombe platzte. Wir haben falsch gelebt, haben stets versucht zu gewinnen. Haben verlernt, was es heißt, zu verlieren. Obwohl wir darin unschlagbar gewesen wären. Es hatte so kommen müssen, und jetzt sollte jeder Angriff sitzen, als wäre er schon jahrelang geplant.

Und doch reißt sie mir die Speisekarte wieder aus der Hand, wirft sie auf den Tisch, der uns trennt, der diesen Abstand zwischen uns entstehen hat lassen. Ich solle ihr gefälligst zuhören, sagt sie mit erboster Stimme, wenigstens dieses eine Mal, wirft sie mir noch hinterher und ich schüttle nur den Kopf, sehe kurz raus aus dem Fenster bis ich wieder auf das Schlachtfeld zurückkehre und ihr wieder in die Augen blicke. Wenn du mich jemals geliebt hast, beginnt sie ihren nächsten Satz und ich beginne zu überlegen. In der Zeit ihres Eintretens, in der Zeit der Schmetterlinge, scheint die Liebe so unendlich, so unzerstörbar und nach dem Ende fühlt es sich immer fast so an, als wäre die Liebe – wenn überhaupt – nur ansatzweise zu spüren gewesen. Ich weiß es nicht. „Wenn du mich jemals geliebt hast-“ – „Und was, wenn nicht?“

Ein Gegenschlag von meiner Seite. Ein Napalmangriff, der nicht hätte sein müssen. Sie hat Tränen in den Augen, zahlt noch schnell ihr Getränk beim Kellner, packt ihre Tasche. „Wenn du mich jemals geliebt hättest, hättest du mir dieses eine Gespräch vergönnt, diese Aussprache, du verdammtes Arschloch.“

Plötzlich ist sie weg. Der Krieg ist vorbei, vorerst zumindest. Nennen wir es Waffenstillstand. Die Granaten fehlen, die Explosionen, die zielgerichteten Schüsse. Und vielleicht stimmt es, was man immer sagt. Im Krieg gibt es keinen Sieger. Zumindest ich fühle mich nicht so, nein, gar nicht. Vielmehr fühle ich mich so, als hätte ich irgendetwas verdammt falsch gemacht. Richtig verdammt falsch.