Warum ich es heute ablehne, dass NEON einen Artikel mit mir veröffentlicht.

In den vergangenen Wochen habe ich oft daran gedacht. Vor rund zwei Jahren, es war im Sommer, hat mich Annabel Dillig auf meinem NEON.de-Account angeschrieben. Sie hat einen Text von mir gelesen, einen persönlichen literarischen Text, zum Thema Liebe und Abhängigkeit und sie arbeite an einer Story. Ob sie mich interviewen könne, über Telefon und ob sie auch einen Fotografen vorbeischicken könnte. Ich sagte zu. Das hörte sich gut an und ich war froh, so etwas mit einem meiner Texte erreicht zu haben. Und verdammt, Leute: NEON ist ein unglaublicher Erfolg, ein sagenhaft funktionierendes Magazin.

(via  Baptiste Pons flickrCC)

Gerade habe ich deinen Text „Führe mich sanft“ gelesen, den du 2007 auf NEON.de veröffentlicht hat. Er hat mich sehr bewegt!

Ich schreibe dir, weil ich gerade an einer Geschichte für NEON arbeite, die dem Thema deines Textes entspricht.

Es soll darin um Beziehungen gehen, die manchmal zur Sucht werden. Und um die Frage, wie man aus einer solchen Situation herauskommt. Vor allem, weil du und deine Freundin es noch einmal miteinander versucht haben, finde ich das, was du schreibst spannend! Ich bin mir sicher, was du erlebt hast, fänden viele NEON-Leser, die in ähnlichen Situationen sind, sehr hilfreich. [NEON.de – 17062008]

Das Interview verlief gut, manchmal suchte ich zwar nach Worten, weil Interviews, bei der ich der befragte bin, mir stets schwer fallen (was mir zuletzt bei einem Kurzinterview mit dem ORF, welches nicht gesendet wurde, immer noch passierte.) Aber es lief gut. Ich konnte darüber reden, wie all das war. Sie hörte zu.  Und sendete mir den Text, der aus unserem Gespräch resultierte. Es war nicht das was ich erwartet habe, aber ich ließ es durchgehen. Heute weiß ich nicht mehr warum. Und ein oder zwei Wochen später kam auch Andrew Phelps, ein Fotograf aus Salzburg. Er machte gute Fotos, und die sendete er mir auch zu. Als CC, und da erfuhr ich auf den Titel der Story. „Hilfe, ich liebe ein Arschloch.“

Ich war traurig, dass es schließlich darum gehen sollte. Ich habe in dem Gespräch über Abhängigkeit und Liebe gesprochen, nicht darüber, dass meine damalige Freundin ein Arschloch war. Ich war wohl einfach zu jung und engte ein. Ich erwartete zuviel und fiel dafür auf die Schnauze. Das war es. Und ich kam schließlich auch schwer weg davon. Der Artikel, die Story wurde nie veröffentlicht und trotzdem dachte ich zuletzt wieder daran. Früher dachte ich: nein, der Artikel darf nicht veröffentlicht werden, denn wenn es auch nur eine kleine Möglichkeit gebe, dass wir zwei noch Freunde werden könnten, wäre es mit dieser Story zerstört. Heute denke ich anders. Denn schließlich stimmt die ganze Geschichte nicht. Ich sehe das heute anders und sehe das Problem an der Beziehung und dem Ende bei mir. Bei mir und den Umständen, in denen die Liebe entstand und wieder verloren ging.

Heute bekam ich eine Mail, von Frau Dillig. Und diese Mail machte mich unruhig. Die Story passte die letzten zweieinhalb Jahre nicht ins NEON, aber jetzt hätten sie Platz. Ob ich mit meinem Text noch so zufrieden bin, und ob sie noch einmal einen Fotografen vorbeischicken solle. Hier der Text.

»Von meiner ersten Liebe war ich komplett abhängig, alles in meinem Leben drehte sich nur um meine Freundin. Wenn sie krank war, bin ich durch die ganze Stadt gefahren, um ihr Medikamente zu bringen. Aber sie reagierte genervt – wie bei allem, was ich aus Liebe tat. Am Ende der Beziehung schien sie innerlich nur noch mit den Augen zu rollen. Alles hat sie auf die Palme gebracht, jede Überraschung, jede Aufmerksamkeit. Alles nutzte sie, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Dann kam immer der Vorwurf, dass ich mich nicht wehren würde. Irgendwann kam ich mir wie ein Hund vor, der getreten wird und nicht zurückbeißt. Als Paar waren wir auch nicht mehr erkenntlich. Wenn wir zusammen irgendwo hingegangen sind, zog sie ihre Hand aus meiner. Wie schlimm das war! Doch obwohl sie mich manchmal übel behandelt hat, wollte ich sie ein Jahr lang zurück. Erst eine Therapie hat mir gezeigt, dass man Liebe nicht erzwingen kann.« [Der Text, der so ins NEON kommen würde]

Keine Ahnung, wie ich diese Geschichte durchgehen lassen konnte. Ich war nicht von der ersten Liebe abhängig, ich wurde es wohl erst, als es vorbei war. Ich bin nicht aufgrund der Abhängigkeit quer durch die Stadt gefahren, sondern weil ich sie liebte. Sie reagierte nicht immer genervt. Und ja, das Ende der Beziehung war nicht so prächtig, wobei der Abschluss trotzdem schön war. Am Küchenboden, mit stundenlangen Gesprächen. Und das mit der Therapie: ich erzählte am Telefon, dass ich die Therapie wegen des Todes meines Neffen machte, und da eben auch darüber sprach. Und es mir half. Aber ich machte die Therapie nicht deswegen.

Wir hatten 2008 mal Kontakt, es ging um eine NEON-Geschichte zum Thema, wie es ist mit jemandem zusammenzusein, der einem nicht gut tut. [Mail – 01122010]

[Man beachte den Themenunterschied.] Und was, wenn ich ihr nicht gut tat? Wenn ich genug Scheiße gebaut habe, die es rechtfertig, so mit mir umzugehen? Heute weiß ich es und es tut mir leid. Jetzt habe ich in meinem NEON.de-Postfach nachgeschaut und schon damals, im Sommer 2008 so gedacht. Ich habe Annabel einen Vorschlag als Text geschrieben, bei dem sie aber sagte, dass sie zwar ihren Text angepasst habe, aber nicht zu viel umändern möchte.

Meine erste Beziehung, meine erste große Liebe, ging nach einigen schönen Monaten immer mehr den Bach hinunter. Es entstand eine gewisse Abhängigkeit, ich engte sie ein, wollte so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen und bekam sofort die typische Reaktion darauf. Ich hätte alles versuchen können, um sie zu überraschen, gab mich immer mehr für diese Beziehung auf, aber für sie war dies alles zu übertrieben. Wenn wir gemeinsam unterwegs waren, verdrehte sie oft genervt die Augen, zog ihre Hand aus der meinen und mit der Zeit konnte man uns gar nicht mehr als Paar erkennen. Ein Jahr und eine Therapie später habe ich aufgehört, ihr die Schuld an Zerbrechen der Beziehung zu geben, und es nun endlich eingesehen: Liebe kann man einfach nicht erzwingen.

Das wäre so im Stile: Ich spreche über meine Beziehung und die Abhängigkeit. Da wollte ich noch herausheben, dass war anfangs wunderbare Monate hatten und dass ich nun endlich soweit bin, nicht mehr ihr die Schuld zu geben. [NEON.de – 26062010]

Und deswegen werde ich Annabel antworten. Dass es mir Leid tut, und ich sie bitte, meinen Text nicht zu veröffentlichen. Dass es das nicht ist. Dass es ganz einfach nicht der Wirklichkeit entspricht. Und dass ich nie, nie, niemals ein Arschloch geliebt habe. [Und ich vielleicht einfach nur dieses Gefühl, geliebt zu werden, so wunderschön fand, dass ich süchtig danach wurde.] Tut mir Leid, liebes NEON. Nicht jetzt, nicht heute. Wohl nie.

Liebe brauchen. [Ein Gedanke]

Der Satz „Ich liebe dich.“ wird viel zu inflationär benutzt. Egal ob in kindlicher „Ich hab‘ dich lieb“-Version, oder in ihrer, für viele beinahe wie ein Feiertag gefeierter, Grundform.

Einen wahren Liebesbeweis sehe ich erst in dem Satz „Ich brauche dich.“ Man gibt seine eigene Unzulänglichkeit bekannt, zeigt, dass das Gegenüber zu einem Teil von ihm geworden ist. Dieser Satz nennt die entstandene Abhängigkeit (die zwar niemals gesund, aber doch viel zu oft existent ist). Dass man das Gegenüber braucht, um sich vollwertig zu fühlen. 

[Ein schrecklicher Gedanke, eigentlich. Man sollte sich auch ohne dem Gegenüber vollwertig fühlen. Aber zu das Alleinsein hindert einen oft genug daran.]

[Und sowieso: Ich fühle mich zurzeit pudelwohl. Vollwertig sozusagen. Eine Liebe wäre dann vielleicht nur das Häufchen mehr; die 10 Prozent von 110 Prozent. Oder so.]

Liebe, oh du verbrauchtes, verhasstes Wort.

Maybe it’s love but. Immer dieses aber. Kein because. Kein without a doubt. Alles rein auf diesem verdammten aber aufgebaut. Als wäre Liebe nur ein Spiel, mit Sieg und Niederlage. Mit Ausgleich und mit Chancen. Kein verdammt geniales Gefühl, kein Ausdruck allerhöchster Vollkommenheit. Liebe ist ein viel zu häufig gebrauchter Ausdruck. Ein von mir unglaublich gern gelesener Blogger meinte in seinem Brief über die Liebe:

Im Übrigen bin ich dafür „Ich liebe Dich“ durch „Ich brauche Dich“ zu ersetzen. Ich halte das sowohl für authentischer als auch angemessener.

Liebe ist, ohne als irsinnig betrachtet werden zu müssen, stark in Zusammenhang mit Abhängigkeit. Man fühlt sich alleine, wenn man lange nichts voneinander gehört hat. Wenn man auf den nächsten Anruf wartet, den nächsten Moment, an dem man sich melden kann. Man fühlt sich glücklich, wenn man Teil dieser einzigartigen Liebe ist. Wie eine Droge. Manchmal auch mit bescheuerten Nebenwirkungen. Nebenwirkungen sind immer scheiße, sobald sie eintreten. Und in Sachen Liebe kann man nicht verhindern, dass sie eintreten. Sie kommen und dann ist es meist schon zu spät.

Träume von Liebe, Liebe im Traum. Eine Scheindarstellung der Wünsche. Der Hoffnungen. Meist ein Problem für den gerade Erwachten. Denn jeder Traum mit dem Inhalt Liebe lässt mich noch tiefer sinken, lässt mich hoffen, wünschen, warten. Baut Stress auf, ohne für den Abbau zu sorgen. Lehne ich mich zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass Liebe einer der kompliziertesten Gefühlszustände ist? Weil es so viel Freiraum lässt, so viel Interpretationsspielraum. Nicht so wie Hass, der leicht zu definieren und schnell zu verlieren ist. Hass entsteht, wird bei längerem Darüber-Nachdenken aber meist schon etwas abgeschwächt. Liebe ist so was Entgültiges.

Ein Gemüts-, Gefühlszustand. Ein Gedankenproduzent. Ein Wort, über dies nichts und doch so viel zu berichten gibt. Unzählige Wörter finden den Weg aus meinen Kopf in diesen Eintrag und doch spreche ich von nichts. Rein gar nichts. Nur Gedanken, über Liebe irrational nachgedacht. Sie ist schwierig, die Liebe. Sie manuell zu entfachen unmöglich, so plötzlich zu stoppen schmerzlich. Und ein „Ich brauche dich“, muss, wie das ausgeleierte Pendant dazu, an genau dem richtigen Zeitpunkt gesagt werden. Nie zu früh. Denn sonst könnte man den Glauben an ein Einengung erzielen. Man könnte eine Abhängigkeit vorspielen, die zwar schon vorhanden, aber noch nicht vorzeigbar ist. Nur der richtige Moment bringt die Worte zur perfekten Auslegung.

Und so liebe Leute, lasst uns lieben und lasst uns uns brauchen. Wir sind nicht allein und werden es nie sein. Und doch werden wir ewig suchen und nicht finden. Selbst in dem Partner, mit dem wir dann schon 20 oder 30 Jahre das Bett teilen, lässt uns nicht aufhören zu suchen. Nach dem Geheimnis der Liebe, nach der Magie, dem Geist.