Irrsinn.

Halt. Ihr müsst mich nicht verstehen. „Zugestiegen?“ – „Hier, bitte.“ Der Schaffner. Ein weiteres Mal und ich krame in meiner Tasche nach Lektüre, nach Unterhaltung, nach irgendeiner Form der Ablenkung. Ein Notizblock. Und da … ein Kugelschreiber. Ich beginne zu kritzeln, male kleine Formen darauf, schreibe Worte, kratze Gedankenblasen in das Papier. Manche würden es als Kunst bezeichnen, für mich ist es ein Abbild meines inneren Chaos. Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein verrückter, vereinsamter Freak. Nein, wirklich nicht. Aber ich kenne mich und es ist nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert.

Nicht in dieser Form, natürlich nicht. Aber es gibt gravierende Ähnlichkeiten. Und ich ärgere mich ganz einfach darüber, dass ich nichts daraus gelernt habe. Ich bin einfach der Typ für dieses „Hals über Kopf“, für dieses „Auf den ersten Blick“. Ich bin dieser verträumte, hoffende Typ, der auch schon mal zwei Jahre einem Mädchen hinterherläuft, dass in Wahrheit nichts von einem will. Und dabei würde es doch soviel einfacher gehen. Nur, in Sachen Liebe nehme ich nur sehr ungern diesen Weg der Einfachheit. Wenn, dann kompliziert … und dann natürlich auch wenig zielführend.

Die Stationen ziehen vorbei, der Zug leert sich schön langsam. Nicht mehr lange, und ich stehe wieder am Bahnsteig, an dem meine Geschichte begann. In diesem Dorf, dessen einziger Vorteil es ist, dass es nahe an einem See liegt und man auch einfach mit dem Zug woanders hinfahren kann. Ein Ort, der aufgrund fehlender Relevanz vor allem eines ist: ein Paradies für alte Menschen. Grausam, an genau so einem Ort aufzuwachsen. Aber im Grunde habe ich die bisherige Hälfte meines Lebens in der Nachbarstadt, an genau jenem See verbracht. Mein Dorf ist so etwas wie die Vorstädte aus den amerikanischen Filmen. Nur hatten wir keine großen Gärten mit radfahrenden Kindern, keine Briefkästen am Gehweg, keinen Zeitungsjungen und keine weitläufigen Straßen, die zum Fußballspielen oder Rollschuhhockey einluden. „Wunderbare Jahre“, wie die Serie über damals, konnte man hier nur mit sehr viel Willenskraft und Optimismus hinter sich bringen. Aber ich übertreibe wahrscheinlich. Zumindest kann ich behaupten, dass ich, seit ich 13 war, begann, mich in Wien zu verlieben. Diese Gegensätze: hier ein paar Tausend Einwohner, dort die Millionen. Hier die gähnende Leere, dort das pulsierende Leben und die unglaublichen Möglichkeiten. Und während andere noch nicht wussten, was sie nach ihrem Abschluss machen möchten, hatte ich schon jahrelang einen Plan für mich festgelegt. Und genau den habe ich diese Woche angetreten.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 3 „Kennenlernen“]

Irgendwann.

„You’re so fucking special.“

Am Liebsten würde ich dir stundenlang über dein Gesicht streichen. Würde dir sanft über die Haare fahren, die Augen schließen und sie wieder öffnen. Würde mich konzentrieren, auf deinen Atem, auf deine Bewegungen. Aber es fällt mir so schwer. Dir so nahe sein zu dürfen, bedeutet mir die Welt. Mich an deine Haut zu schmiegen, dich zu küssen.

Manchmal frage ich mich echt, womit ich das verdient habe. Womit ich dich verdient habe. Ich habe immer nach dir gesucht, nach dieser Person, bei der man ankommen kann. Bei der man ist, wie man ist und nicht sein muss, wie man soll. Nach diesem einen Menschen, der mir alles gibt, und mit einem Lächeln schon die Welt verändern kann. Es ist so unglaublich, dass es nun Wirklichkeit ist. Dass du Wirklichkeit bist und all meine Liebe nicht mehr nur Theorie ist.

Es fühlt sich an, als wären wir schon ewig ein Paar, und die nahende Ewigkeit kann nicht schnell genug vergehen. Und irgendwann wird es dann endlich soweit sein. Dass ich dir stundenlang übers Gesicht streiche, dir sanft über die Haare fahre und mich auf deinen Atem konzentriere. Tag für Tag.

Alleine.

„Wir werden immer alleine sein.“, flüstert sie in mein Ohr und ich will nicht begreifen, was sie mir damit zu sagen gedenkt. Doch meine Gedanken spinnen sich ihren Weg und ich lasse mich mitreißen, von dieser Ahnungslosigkeit, von dieser Aussichtlosigkeit. Will vergessen was war, und begreifen, was schlussendlich ist. Aber im Grunde ist es vollkommen irrelevant, wie man hierher gekommen ist. Hier, zu diesem Punkt, an dem die wortlose Sprache zu überwiegen droht.

Wie lange ist es eigentlich her, seit ich damals, seit wir. Seit wir uns kennengelernt haben, uns das erste Mal sahen? Vielleicht ein paar Monate, vielleicht ein halbes Jahr, keine Ewigkeit. Nichts Gröberes, nur etwa ein paar hundert Tage. Damals, in diesem Zug, in einem dieser Züge.

„Mein Name ist Noah.“, werfe ich in einen Dialog ein, der gerade sein Ende zu finden scheint. Die junge Frau mir gegenüber steht plötzlich auf, kurz bevor der Zug seinen Stillstand findet, grinst mir zu, nimmt ihre Leinentasche und meint nur ein leises „Tschüss, Noah.“ Und schon ist sie weg. Ist weg, so schnell und leise, wie sie auch in meinem Leben aufgetaucht ist.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 1 „Heimat“]

Vier.

Vier Monate.

Es fühlt sich so perfekt an. So atemberaubend. Wenn man stundenlang nebeneinander schläft, nur um sich kurze Zeit später wieder in den Schlaf zu wiegen. Um den halben Tag im Bett zu verbringen, Musik zu hören, sich Träume zu erzählen. Sich zu küssen.

Vier Monate sind vielleicht nichts. Für mich waren sie 122 wundervolle Tage, ein Anfang. Ein Traum.

Freunde.

Emilys Frage, und all meine Ausschweifungen haben wieder viele Gedanken aufgeworfen.
Hannah und ich. Meine Erlebnisse mit ihr. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.
Zum briefeschreibenden Typen, zum harmoniebedürftigen Nachdenkmenschen. Zum
Ewigkeitshasser. All das bin ich wegen ihr geworden. Und bis ich Emily kennen-, bis ich sie
liebengelernt habe, habe ich dieses Gefühl, diese Schmetterlinge, dieses Gefühl eine Frau auf diese Art und Weise so nah zu sein, bis dahin habe ich es vermisst.

„Und ihr habt euch im Guten getrennt oder etwa nicht?“
– „Doch, doch. Wir haben uns, nachdem wir beschlossen haben, Schluss zu machen, sogar
noch stundenlang am Küchenboden unterhalten, haben geredet, gelacht. Und geschwiegen. Es fühlte sich wirklich richtig an. So … wie ein perfektes Ende einer beinahe perfekten Beziehung, sozusagen.“
„Und dann?“
– „Dann haben wir etwas Unmögliches versucht.“
„Was denn?“
– „Freunde zu bleiben.“
„Was ist daran unmöglich. Klar … es ist schwierig, aber unmöglich?“
– „Naja, die meisten Leute vergessen, dass es in einer Beziehung in erster Linie um Liebe geht. Kennt man sich zuvor noch nicht allzu lange, so ist danach immer noch nichts da, worauf man aufbauen könnte. Viel besser wäre es, zu sagen: ‚Lass uns Freunde werden.‘, findest du nicht?“
„Hm.“
– „Weil Liebe nicht Freundschaft ist. Umgekehrt vielleicht. Auf einer Freundschaft kann man wunderbar eine Liebe aufbauen. Aber andersrum? Unmöglich. Da muss man bei Null beginnen. Von Grund auf.“
„Vielleicht hast du recht.“
– „Emily?“
„Mhm?“
– „Lass uns Freunde werden, Emily. Okay? Bitte! Lass uns Freunde werden.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 15 „Berührungen“]

Personenschaden.

Unsichtbar.

Erwartungsvoll sehe ich auf den Schienen entlang, bis der Zug um die letzte Kurve vor dem Bahnhof herüberbiegt. Zurück nach Wien. In die Stadt meiner Träume. In das Moloch voller Blaulichter und Sirenen. Ich finde einen Sitzplatz, finde aber nicht wirklich Zeit, mich gemütlich niederzulassen. Ein weiteres Mal müsste ich noch aussteigen, müsste umsteigen in den Zug, der von Salzburg bis Wien die Leute auf der Strecke aufsammelt. Und erst da könnte ich mich wohnlich einrichten, könnte iPod, Buch und Taschentücher vor mir auf das kleine Tischchen legen.

Im Internet habe ich schon gelesen, dass heute starker Reiseverkehr sein könnte. Also alles nur rein theoretisch. Als der Zug einfährt, stehen schon unzählige Menschen vor den Ausgängen, leerer wirken die Waggons dadurch aber auch nicht wirklich. Ich zwänge mich hinein, bleibe freundlich und helfe der alten Dame, ihren viel zu schweren Koffer hinaufzuhieven. Innen drinnen, in diesem Zug, wuselt es. Hier wollen ein paar kleine Kinder vorbei, dort schnarcht ein alternder Businessman, dort hinten häkelt eine junge Frau. Ich verzichte dankend und lasse mich in einem Ende des Waggons, und in sehr ungünstiger Nähe zum nächsten WC nieder, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und möchte abschalten. Versuche es zumindest und warte, bis die Welt wieder einmal vor meinen Augen vorbeizieht.

Die Toilette neben mir hat Hochbetrieb. Ständig geht jemand rein, fast genauso oft kommt ich wieder irgendjemand raus. Der Duftpegel steigt mit jedem weiteren Passagier. Aber es wird nicht leerer. Es kommt mir sogar so vor, als würden von beiden Enden des Zuges immer noch mehr Leute auf den fahrenden Zug aufspringen. Ich denke an Anna, an mein Zimmer im Studentenheim, frage mich ob Klaus immer noch da ist. Oder schon wieder. Oder je nachdem. Die Stationen rasen an mir vorbei. Bis der Schaffner schließlich Linz ansagt, und ich, der seine vergangenen Durchsagen nicht hören konnte, wundere mich ganz plötzlich vor den herannahenden Menschenmassen, die sich diese Stadt inmitten Oberösterreichs zu ihrem Endbahnhof erkoren haben.

Für kurze Zeit mache ich mich unsichtbar. Wandere in einen Zwischengang zwischen zwei Waggons, in diesen Bereich, der von zwei knapp aneinander auftretenden Türen abgegrenzt ist. Der dunkel, laut und nicht gerade sehr heimelig aussieht. Und sich schon gar nicht so anfühlt. Der Zug verliert an Last, gefühlt eintausend Menschen leichter, setzt er sich wieder in Gang. Und ich, mit Sack und Pack, möchte mich schon wieder auf den Weg machen. Auf die Suche nach einem Sitzplatz. Auf die Oddyssee einer Zugfahrt. Ehe eine der beiden Türen aufspringt. Ich zucke zurück.

„Hallo Noah.“
– „Hallo!?“
„Ich bin Emily.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 6 „Heimwärts“]

Deshalb.

Weil
Weil ich nur neben dir wirklich einschlafen kann.
Weil ich es liebe, deinen Atem zu hören.
Weil ich dich immer heimlich ansehe, wenn du mir gegenübersitzt.
Weil du so unglaublich wunderschön bist. So einzigartig.
Weil du der Beginn und das Ende meiner Träume bist.
Weil du mein Inbegriff von Glück bist.
Weil es nichts vor dir und nichts nach dir geben soll.
Weil dein Lächeln mich jedes Mal wieder beeindruckt.
Weil mich niemand besser in den Armen wiegt.
Weil mir niemand besser durch die Haare streicht.
Weil ich mich vollkommener fühle mit dir.
Weil mich niemand so vollendet wie du.
Weil du meine Heimat und mein Zuhause bist.
Weil ich dich liebe.
Und du mich. 

 

Lippen.

Als sich unsere Lippen das erste Mal berühren, bin ich einfach nur glücklich über die Tatsache, dass ich bereits sitze und mich meine Beine nicht halten müssen. Unsere Lippen passen so wunderbar zusammen, unsere Augen sind geschlossen, ich spüre ihre Zunge. Herzklopfen. Stille.

„Vielleicht ist es das hier.“

Ich fasse sie an, berühre ihren Hinterkopf, streiche ihr durch die Haare. Immer noch hängen wir an unseren Lippen, kurz habe ich die Augen geöffnet. Sie streicht mir über den Rücken. Wir denken nicht daran, uns voneinander zu lösen. Soweit wir es hören, öffnet sich kurz die Abteiltür, aber niemand steigt ein. Niemand setzt sich dazu.

„Was? Was meinst du?“

Wir lösen uns. Emily sieht mir tief in die Augen, sieht mich an, als würde ich ihr alles erzählen. Oder als würde sie bereits alles erfahren, durch ihren in mich eindringenden Blick. Ein weiterer, kurzer Kuss. Auf den Mund, die Wange, den Hals. Sophie wird mir nicht glauben, was hier passiert ist. Wird nicht glauben, dass ich jetzt erstens neben Emily sitze und wir uns zweitens schon geküsst haben. Das habe nicht mal ich geglaubt, in meinen kühnsten Vorstellungen. In meinen Träumen von ihr, die mich einige Nächte bisher mal besser, mal weniger gut haben schlafen lassen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Krieg.

Als ich aufhörte, ihr zuzuhören, war sie gerade am Höhepunkt ihrer Erzählungen angelangt. Ich schüttelte den Kopf, griff die Speisekarte vor mir und sie redete trotzdem weiter. Warf mit Vorwurfsgranaten um sich und jedes einzelne Mal spürte ich die Explosion und die Erinnerungssplitter. Wir befanden uns im Krieg, nur ich war eindeutig die schwächere, die überraschtere Seite. Obwohl es so überraschend nun auch nicht mehr war.

Die Konflikte haben schon lange Zeit vorher begonnen und haben nie wieder aufgehört. Selbst mit diplomatischem Einfühlungsvermögen hätte man da nicht viel retten können. Unser Untergang war schon gewiss, noch bevor die erste Bombe platzte. Wir haben falsch gelebt, haben stets versucht zu gewinnen. Haben verlernt, was es heißt, zu verlieren. Obwohl wir darin unschlagbar gewesen wären. Es hatte so kommen müssen, und jetzt sollte jeder Angriff sitzen, als wäre er schon jahrelang geplant.

Und doch reißt sie mir die Speisekarte wieder aus der Hand, wirft sie auf den Tisch, der uns trennt, der diesen Abstand zwischen uns entstehen hat lassen. Ich solle ihr gefälligst zuhören, sagt sie mit erboster Stimme, wenigstens dieses eine Mal, wirft sie mir noch hinterher und ich schüttle nur den Kopf, sehe kurz raus aus dem Fenster bis ich wieder auf das Schlachtfeld zurückkehre und ihr wieder in die Augen blicke. Wenn du mich jemals geliebt hast, beginnt sie ihren nächsten Satz und ich beginne zu überlegen. In der Zeit ihres Eintretens, in der Zeit der Schmetterlinge, scheint die Liebe so unendlich, so unzerstörbar und nach dem Ende fühlt es sich immer fast so an, als wäre die Liebe – wenn überhaupt – nur ansatzweise zu spüren gewesen. Ich weiß es nicht. „Wenn du mich jemals geliebt hast-“ – „Und was, wenn nicht?“

Ein Gegenschlag von meiner Seite. Ein Napalmangriff, der nicht hätte sein müssen. Sie hat Tränen in den Augen, zahlt noch schnell ihr Getränk beim Kellner, packt ihre Tasche. „Wenn du mich jemals geliebt hättest, hättest du mir dieses eine Gespräch vergönnt, diese Aussprache, du verdammtes Arschloch.“

Plötzlich ist sie weg. Der Krieg ist vorbei, vorerst zumindest. Nennen wir es Waffenstillstand. Die Granaten fehlen, die Explosionen, die zielgerichteten Schüsse. Und vielleicht stimmt es, was man immer sagt. Im Krieg gibt es keinen Sieger. Zumindest ich fühle mich nicht so, nein, gar nicht. Vielmehr fühle ich mich so, als hätte ich irgendetwas verdammt falsch gemacht. Richtig verdammt falsch.