Kompliment.

„Es hat dich sicher verrückt gemacht, dass du meinen Namen nicht mehr erfahren hast, oder?“, fragt mich Emily, nachdem wir uns, sie beim Fenster und ich neben ihr, niedergelassen habe. „Ja. Das hat es.“ – „Tut mir Leid, ich habe mir auch die ganze Woche noch gedacht, dass es ja auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn ich quer durch den Waggon noch schnell meinen Namen geschrien hätte.“ Das hätte er nicht verdient, denke ich. „Das hätte er nicht verdient.“, sage ich und Emily lächelt mich an. „Wer? Der Waggon?“ – „Nein. Dein Name.“ Oh, ein Kompliment. Wie charmant ich doch in Momenten wie diesen sein kann.

Freunde.

Manchmal läuft die Musik zu laut, ein anderes Mal hört man die Musik vor lauter Geschnatter nicht mehr. Hier sind Freunde zusammengekommen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, sich nach der ersten Kreuzung im Leben nicht aus die Augen zu verlieren. Noch nicht. Und wie so viele andere Freundeskreise auch, glauben wir gar nicht daran, dass uns das jemals passieren würde.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 4 „Freunde“]

Schatten.

Weihnachten ist. Ja, was ist Weihnachten. Ich weiß es nicht. Und dieses Jahr scheint, das, was all die Jahre, seit ich mich erinnern kann und noch viele Jahre zuvor wahrscheinlich, ein Fixpunkt war, ein Ende zu nehmen.

Weihnachten hat sich entwickelt. Von den leuchtenden Kinderaugen, als die Schachteln, in der die Geschenke verpackt waren, noch das Interessanteste waren. Über das Geschenkemassaker, als die Wunschliste schon im Sommer feststand. Bis zu dem, was es bis zum letzen Jahr war: eine Zusammenkunft der Menschen, die ich liebe. Mit meinen Eltern, meiner Schwester, meiner Oma, Tante, Onkel, Cousin, Cousine und deren Partnern. Das wird es dieses Jahr in dieser Form nicht geben.

Weihnachten hätte, wäre es nach meiner Mama gegangen, schon einmal ausgefallen. 2007, in dem Jahr, als unsere Familie den schmerzlichsten Verlust, den Tod eines Kindes verarbeiten musste. Ich habe darauf bestanden, so wie jedes Jahr zu feiern: bei meiner Oma, mit der Familie. Es war ein hartes Weihnachten, ein Weihnachten voller Tränen und Traurigkeit, aber doch etwas, das uns vielleicht noch viel weiter zusammengeschweißt hat.

Weihnachten soll dieses Jahr anders werden. Weil man manchmal nicht Manns genug ist, um über seinen eigenen Schatten zu springen. Um Kompromisse einzugehen. Um auf die Menschen, die man eigentlich lieben sollte, Rücksicht zu nehmen. Vielleicht ist man sich einfach gar nicht bewusst, was man hier aufs Spiel setzt. Was das für mich bedeutet. Für mich und meine ganze Familie.

Schatten können sich zu einem Teufelskreis entwickeln. Wenn man in ihnen gefangen ist, und die Angst hat, beim Überspringen sein Gesicht zu verlieren. Aber vielleicht muss man dieses eine Gesicht verlieren, um in Wirklichkeit das eigene Gesicht zu wahren. Ich habe nun schon überlegt, Weihnachten in diesem Jahr vollkommen ausfallen zu lassen, mich in die leere WG kilometerweit entfernt der Familie in eine Decke einzuwickeln und mit Popcorn und Chips einen traurigen Film anzusehen. Doch ich werde dabei sein. Werde Weihnachten feiern. Und vielleicht auf ein kleines Weihnachtswunder hoffen. Denn so unüberwindbar sind diese Schatten in Wahrheit gar nicht.

Halt.

Du weißt, ich denke viel zu gerne nach. Zerlege alle Erlebnisse, alle Ängste und alle Gefahren in ihre Einzelgedanken. Was, wenn irgendwann einmal unsere Liebe aufhört? Wenn uns der Zug nicht mehr reicht? Wenn wir uns noch näher kommen wollen, und zumindest von meiner Seite würde ich das gerne. Was, wenn irgendwann einmal etwas passiert, womit keine rechnen konnte? Liebe ist unberechenbar, ich glaube, das weißt du, Emily. Ich will dich nicht verlieren, aber irgendwie erscheint es mir, als würde ich dich bei jedem Abschied, bei jedem Halt in deiner Ausstiegsstelle ein weiteres Stück verlieren. Nur um ein weiteres Stück von dir wieder zu erhalten, wenn wir uns fünf oder zwei Tage später wieder sehen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Nichts.

„Komm schon, nun sag es. Sei ehrlich!“

Gerade in diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, nicht zu lügen. Ich war noch nie der wahrheitsverbundenste Mensch und normalerweise wusste ich es, wie ich schnell die Notlügenschutzhülle drüberzustülpen hatte. Jetzt stand ich hier, vom Wunsch nach Ehrlichkeit völlig durcheinander, und war zu nichts im Stande. Nicht einmal ein Räuspern konnte ich mir erlauben, keine zu raschen Bewegungen. Meine folgenden Worte mussten ganz einfach gut überlegt sein.

„Nein. Nichts.“

Ihr Blick senkte sich etwas, doch nur wenige Sekunden später blickte sie mich wieder mit ihrem Lächeln an und zog ein weiteres Mal an ihrer Zigarette. Soll es das also gewesen sein? Ich wusste nicht so recht. Und doch galt es für mich in diesem Moment diese unangenehme Stille zu überbrücken. Wir sind es zwar schon gewohnt, neben- bzw. miteinander zu schweigen, aber das vorangegangene Gespräch machte das umherschwirrende Nichts zu einer kleinen, fiesen Bedrohung. Meine Zigarette hatte ihre Arbeit auch schon erledigt.

„Wollen wir reingehen?“

Die Kälte, ich ließ es mir zwar nicht so sehr anmerken, aber sie versuchte hartnäckig, meine Zähne klappern zu lassen. Sie öffnete die Balkontür, ich folgte ihr. Was war das aber auch für eine komische Zigarettenkommunikation? Kann man sich dabei nicht auch einfach um eine Lösung für den Weltfrieden bemühen oder das Wetter als Außenstehender schlecht machen? Während wir gemeinsam die Stufen hinunterstiegen, und ich nur wenige Zentimeter hinter ihr nachfolgte, erwischte mich ihr Duft. Und für diesen kurzen Moment des Augenblicks, für diesen Bruchteil einer Sekunde, bereute ich es, nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Nicht gesagt zu haben, dass sie mir doch etwas bedeutet. Dass ich mehr empfinde als dieses unheilvolle Nichts. Dass ich neben ihr einschlafen und mit ihr aufwachen möchte. Dass ich bei ihr dieses ganz seltene, besondere Gefühl der Geborgenheit verspüre.

Doch es ist nichts. Nichts weiters als eine Lüge.

[Ein Beitrag von vor zwei Jahren.]

Woanders.

„Werden wir uns wiedersehen?“

Emily steigt aus. Dieselbe Station wie damals vor einigen Tagen. Nur bin ich dieses Mal um einen Namen und Tausend Schmetterlinge in meinen Bauch reicher. Sie winkt noch. Als wäre es ein Abschied von vielen, ein Wiedersehen vorbestimmt. Ich winke zurück, lächle. Und als der Zug abfährt, lasse ich mich zufrieden in meinen Sitz sinken. Das Abteil ist leer. Zwei Minuten zuvor war es noch die ganze Welt. Unsere Welt.

„Klar werden wir das.“

Seit der Zug seine behördliche Streckensperre überwunden hat, seit wir uns in diesem einen Zwischendurchgang umarmt, seit wir hier in diesem Abteil den Abschluss unserer Zugreise gefunden haben, scheinen die Minuten verfolgen zu sein. Das passiert mir immer. Je besser ich mich fühle, je mehr ich diesen Moment einfangen möchte, um ja genug davon in mich aufsaugen zu können, desto schneller verfließt die Zeit. Ach, Zeit. Du ungerechtes Arschloch.

„Doch wo? Auf einen Kaffee? In Wien?“

Als wir unseren Platz gefunden haben, ein leeres Abteil mit dem üblichen Müll aus Gratisschundblättern und leicht alkoholischem Gestank, setze ich mich zum Fenster, Emily nimmt den Platz neben mir. Und meine Hand. Unsere Finger verketten sich. Ich blicke sie an und ein Lächeln stößt mir entgegen. Wir beide. Emily und Noah. Verrückter können Geschichten nicht passieren. Nicht mit mir als Protagonist.

„Du, Noah?“

Ihr Kopf liegt auf meiner Schulter. Ein weiteres Mal. So zierlich ihr Kopf auch sein mag, er scheint auf mir zu lasten. Als würde ich die Welt auf mir tragen. Ein gutes Gefühl wohlgemerkt, aber doch mit einer gehörigen Prise Verantwortung. Jene Verantwortung, die ich wohl in meinem bisherigen Leben nur ganz selten zu tragen gewillt war.

„Hm?“

Ich atme, ganz ruhig. „Weißt du. Es ist sonderbar. All das ist sonderbar.“ – „Ssshh. Noah. Vielleicht ist es sonderbar, aber fühlt es sich nicht gut an?“ – „Das tut es, ja.“ Mit ihr an meiner Seite kann es sich nur gut anfühlen.

„Vielleicht sollten wir uns nicht woanders treffen.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Grenzen.

Komm, wir müssen weg. Müssen laufen, weg von hier, hinaus in die Welt. Uns verstecken, vor der Angst und uns mutig entgegenstemmen. Nimm meine Hand, ganz fest, nimm sie und versprich mir, dass du sie nie wieder loslassen wirst. Wir ziehen davon, haben die Macht, haben den Mut und trotzdem keine Ahnung. Keine Ahnung wohin, keine Möglichkeiten, und doch hindert es nicht, uns hineinzustürzen. In den Sog der Gewalten, in die Summe der Ereignisse. Lass mich hinein, in deinen Kopf, deine Gedanken, lass mich Teil werden deiner selbst. Nur gemeinsam können wir es wagen, können träumen vom Leben gemeinsam zu zweit. Gemeinsam allein. Und doch müssen wir weg hier, müssen raus, hinaus in die Welt. Hinaus aus der Stadt, über Grenzen hinweg, über Hürden und über Mauern. Nichts soll uns aufhalten auf unserem Weg ins Irgendwo. Und wir würden uns trauen, würden das Auto nehmen, würden losfahren. Verdammt, wer braucht schon ein Ziel. Wir würden halten, halten im Niemandsland, würden uns betrinken, würden kotzen vor Freude, würden Drogen nehmen, einfach nur um der Drogen wegen. Würden leben als gebe es kein Ende. Wir würden Geheimnisse zieren, du die meinen und ich die deinen und wir wären so unvernünftig, so verdammt einzigartig. Und dann, meine Liebe, dann hätten wir, ja, dann hätten wir wohl alles erreicht.

[Leichte Inspiration: Text 51: Ein Geheimnis, das Ihr niemandem erzählen könnt | Roman Held]

Untergang.

„Als die Welt zu Ende schien, gab es keine Hoffnung mehr. Nichts war mehr da. Alles dunkel. Der Untergang konnte losgehen.“

Ich schreibe mal wieder an meinem Buch. Mit einem Bleistift in mein Moleskine. Immer mal wieder versuche ich, neue Sätze, neue Absätze, neue Ideen einzubauen. Das soll er werden, mein erster Roman. Meine Geschichte. Das Buch, dass irgendwann einmal im Buchladen steht, mit meinem Namen darauf und voll mit meinen Gedanken und meinen Worten. Ich träume schon wieder. Denn wer sollte das denn lesen wollen? Worüber es geht? Schwer zu sagen. Ich überlege noch. Die Handlung ist mir noch nicht ganz klar, versteht ihr? Es ist alles nur ein Gedankenkonstrukt, eine Geschichte, die sich nach und nach, Absatz für Absatz in meinem Kopf aufbauen wird. So hoffe ich zumindest.

Das tat ich schon immer gerne. Damals, als ich dreizehn Jahre oder so alt war, schrieb ich meine erstes Werk. Über vier junge Menschen, ein befreundetes Geschwisterpaar, meine Schwester und ich. Wir waren die Knickerbocker Bande Oberösterreichs. So ungefähr konnte man es sich vorstellen. Ich habe die Geschichte nie fertig geschrieben, aber schon damals hat man mir gesagt, dass ich unbedingt weiterschreiben solle. Ich hätte Talent, meinte man damals. Dann war lange Zeit nichts. Eine gähnende Leere, bis ich schließlich innerhalb von zwei Wochen 70.000 Worte zusammengeschrieben habe. Eine Geschichte über mich, über mein Leben. Über dieses unendliche Pack Leid, dass ein jeder Mensch erleiden muss. Über diesen Weltschmerz, der nie wieder weggehen wird. Doch dann war die Pubertät schon fast wieder vorbei un ich bemerkte, wie übermäßig dramatisch und in Wahrheit wie lächerlich diese Geschichte ist. Aber es stimmt ja: In der Pubertät ist man wirklich ganz schlimm dran. Vor allem, wenn man eigentlich ein so schönes Leben wie ich leben konnte. Ich habe alles eingepackt. Drogenexperimente, Selbstmordversuche, Krebsdiagnose. Hautpsache mehr Drama. Dabei ist doch das Leben wie es wirklich ist viel spannender. Denke ich mir zumindest.

„Es fühlte sich an, als würde es keinen Morgen geben. Oder vielleicht hätte es ja einen Morgen gegeben. Nur ich wünschte mir, dass es das ein für allemal war. Dass nichts mehr kommt. Dass mein Schmerz nicht mehr wachsen könne, sondern hier sein jähes Ende erleben würde.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 12 „Annäherung“]

Tapetenwechsel.

Ich falle hinein, falle heraus. Halte mich fest, stürze zurück. Stoße mich und blicke nach vorne. Hinein in dieses grelle Licht aus Dunkelheit erbaut.

Wie viele Jahre mag es denn nun schon her sein, als ich mehrmals jährlich in diesem großen Zimmer mit diesem großen Bett, dem riesigen Kasten und den zwei Fenstern hinaus zu den Obstbäumen, schlafen durfte. Und ich minutenlang Probleme hatte, nach dem Abdrehen des Lichtes die grässliche Tapete aus dem Kopf zu bekokmmen.

In welchem ich einen meiner ersten Liebeskummer zu verarbeiten versuchte, immer mit den Gedanken und dem Aufeinandertreffen. So viel Schmerzhaftes. Das Zimmer ist schon nicht mehr. Das Bett auch nicht. Nur die Fenster scheinen noch zu sein. Und es stimmt. So sehr sich auch die Welt verändert, und Dinge verschwinden, die früher einmal die Grenzen der Welt bedeuteten, so bleibt doch immer die Erinnerung. Wie viele Jahre mag es her sein.

„Wovon sprichst du?“. Von der Seite sprichst du mich an. Ich habe meinen Blick nach oben erhoben und versuche sinnlose Details an der Decke zu finden. Einfach so vor mich hingesprochen, erfasse ich die Frage gar nicht wirklich. Erst dann. „Von Erinnerungen.“ Sicherlich folgt jetzt die Frage, wie ich darauf komme. Ich nehme sie vorweg und verwerte hingegen schon die Antwort. „Weil …“ Ich stocke.

Immer mal wieder beginne ich ohne ersichtlichen Grund. Versinke in den Erinnerungen, die mir eigentlich schon lange nicht mehr untergekommen sind. Jetzt tauchen sie wieder auf. Wie die raren Rückfälle in die Vergangenheit, die Alzheimerpatienten öfter mal haben. Wo dann alles stimmt, während in der Gegenwart so vieles falsch zu laufen scheint.

Ich kehre zurück zu unserem Gespräch. Und während ich dich so ansehe, wundert es mich, wie sehr es mir bei dir auffällt. Wir haben uns jetzt mindestens schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und während wir uns alle irgendwie weiterverändert haben, ich ein Anderer wurde, und mein Freundeskreis sich weiterentwickelt hat, bist du immer noch der Gleiche. Irgendwie erschreckend. All die Veränderungen die die Entwicklung mit sich bringt, scheinen an dir vorübergegangen zu sein.

„Worüber sprachen wir?“, frage ich. „Über unsere Liebesleben.“. Du lachst. Und ich versinke wieder in Erinnerungen. Wieso muss das in jedem Gespräch zum Thema gemacht werden. Und während du mir von deiner Freundin und den beiden Exfreundinnen erzählst, die du seit den letzten zwei Wochen hattest, beginne ich zu lächeln, drehe das Licht ab und bekomme einfach diese grässliche Tapete nicht mehr aus dem Kopf.

[Ein Beitrag von vor vier Jahren. Und ich weiß übrigens nicht mehr, über wen ich da geschrieben habe.]