Unsichtbar.

Erwartungsvoll sehe ich auf den Schienen entlang, bis der Zug um die letzte Kurve vor dem Bahnhof herüberbiegt. Zurück nach Wien. In die Stadt meiner Träume. In das Moloch voller Blaulichter und Sirenen. Ich finde einen Sitzplatz, finde aber nicht wirklich Zeit, mich gemütlich niederzulassen. Ein weiteres Mal müsste ich noch aussteigen, müsste umsteigen in den Zug, der von Salzburg bis Wien die Leute auf der Strecke aufsammelt. Und erst da könnte ich mich wohnlich einrichten, könnte iPod, Buch und Taschentücher vor mir auf das kleine Tischchen legen.

Im Internet habe ich schon gelesen, dass heute starker Reiseverkehr sein könnte. Also alles nur rein theoretisch. Als der Zug einfährt, stehen schon unzählige Menschen vor den Ausgängen, leerer wirken die Waggons dadurch aber auch nicht wirklich. Ich zwänge mich hinein, bleibe freundlich und helfe der alten Dame, ihren viel zu schweren Koffer hinaufzuhieven. Innen drinnen, in diesem Zug, wuselt es. Hier wollen ein paar kleine Kinder vorbei, dort schnarcht ein alternder Businessman, dort hinten häkelt eine junge Frau. Ich verzichte dankend und lasse mich in einem Ende des Waggons, und in sehr ungünstiger Nähe zum nächsten WC nieder, stecke mir die Kopfhörer in die Ohren und möchte abschalten. Versuche es zumindest und warte, bis die Welt wieder einmal vor meinen Augen vorbeizieht.

Die Toilette neben mir hat Hochbetrieb. Ständig geht jemand rein, fast genauso oft kommt ich wieder irgendjemand raus. Der Duftpegel steigt mit jedem weiteren Passagier. Aber es wird nicht leerer. Es kommt mir sogar so vor, als würden von beiden Enden des Zuges immer noch mehr Leute auf den fahrenden Zug aufspringen. Ich denke an Anna, an mein Zimmer im Studentenheim, frage mich ob Klaus immer noch da ist. Oder schon wieder. Oder je nachdem. Die Stationen rasen an mir vorbei. Bis der Schaffner schließlich Linz ansagt, und ich, der seine vergangenen Durchsagen nicht hören konnte, wundere mich ganz plötzlich vor den herannahenden Menschenmassen, die sich diese Stadt inmitten Oberösterreichs zu ihrem Endbahnhof erkoren haben.

Für kurze Zeit mache ich mich unsichtbar. Wandere in einen Zwischengang zwischen zwei Waggons, in diesen Bereich, der von zwei knapp aneinander auftretenden Türen abgegrenzt ist. Der dunkel, laut und nicht gerade sehr heimelig aussieht. Und sich schon gar nicht so anfühlt. Der Zug verliert an Last, gefühlt eintausend Menschen leichter, setzt er sich wieder in Gang. Und ich, mit Sack und Pack, möchte mich schon wieder auf den Weg machen. Auf die Suche nach einem Sitzplatz. Auf die Oddyssee einer Zugfahrt. Ehe eine der beiden Türen aufspringt. Ich zucke zurück.

„Hallo Noah.“
– „Hallo!?“
„Ich bin Emily.“

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 6 „Heimwärts“]

Deshalb.

Weil
Weil ich nur neben dir wirklich einschlafen kann.
Weil ich es liebe, deinen Atem zu hören.
Weil ich dich immer heimlich ansehe, wenn du mir gegenübersitzt.
Weil du so unglaublich wunderschön bist. So einzigartig.
Weil du der Beginn und das Ende meiner Träume bist.
Weil du mein Inbegriff von Glück bist.
Weil es nichts vor dir und nichts nach dir geben soll.
Weil dein Lächeln mich jedes Mal wieder beeindruckt.
Weil mich niemand besser in den Armen wiegt.
Weil mir niemand besser durch die Haare streicht.
Weil ich mich vollkommener fühle mit dir.
Weil mich niemand so vollendet wie du.
Weil du meine Heimat und mein Zuhause bist.
Weil ich dich liebe.
Und du mich. 

 

Lippen.

Als sich unsere Lippen das erste Mal berühren, bin ich einfach nur glücklich über die Tatsache, dass ich bereits sitze und mich meine Beine nicht halten müssen. Unsere Lippen passen so wunderbar zusammen, unsere Augen sind geschlossen, ich spüre ihre Zunge. Herzklopfen. Stille.

„Vielleicht ist es das hier.“

Ich fasse sie an, berühre ihren Hinterkopf, streiche ihr durch die Haare. Immer noch hängen wir an unseren Lippen, kurz habe ich die Augen geöffnet. Sie streicht mir über den Rücken. Wir denken nicht daran, uns voneinander zu lösen. Soweit wir es hören, öffnet sich kurz die Abteiltür, aber niemand steigt ein. Niemand setzt sich dazu.

„Was? Was meinst du?“

Wir lösen uns. Emily sieht mir tief in die Augen, sieht mich an, als würde ich ihr alles erzählen. Oder als würde sie bereits alles erfahren, durch ihren in mich eindringenden Blick. Ein weiterer, kurzer Kuss. Auf den Mund, die Wange, den Hals. Sophie wird mir nicht glauben, was hier passiert ist. Wird nicht glauben, dass ich jetzt erstens neben Emily sitze und wir uns zweitens schon geküsst haben. Das habe nicht mal ich geglaubt, in meinen kühnsten Vorstellungen. In meinen Träumen von ihr, die mich einige Nächte bisher mal besser, mal weniger gut haben schlafen lassen.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 8 „Abteil“]

Krieg.

Als ich aufhörte, ihr zuzuhören, war sie gerade am Höhepunkt ihrer Erzählungen angelangt. Ich schüttelte den Kopf, griff die Speisekarte vor mir und sie redete trotzdem weiter. Warf mit Vorwurfsgranaten um sich und jedes einzelne Mal spürte ich die Explosion und die Erinnerungssplitter. Wir befanden uns im Krieg, nur ich war eindeutig die schwächere, die überraschtere Seite. Obwohl es so überraschend nun auch nicht mehr war.

Die Konflikte haben schon lange Zeit vorher begonnen und haben nie wieder aufgehört. Selbst mit diplomatischem Einfühlungsvermögen hätte man da nicht viel retten können. Unser Untergang war schon gewiss, noch bevor die erste Bombe platzte. Wir haben falsch gelebt, haben stets versucht zu gewinnen. Haben verlernt, was es heißt, zu verlieren. Obwohl wir darin unschlagbar gewesen wären. Es hatte so kommen müssen, und jetzt sollte jeder Angriff sitzen, als wäre er schon jahrelang geplant.

Und doch reißt sie mir die Speisekarte wieder aus der Hand, wirft sie auf den Tisch, der uns trennt, der diesen Abstand zwischen uns entstehen hat lassen. Ich solle ihr gefälligst zuhören, sagt sie mit erboster Stimme, wenigstens dieses eine Mal, wirft sie mir noch hinterher und ich schüttle nur den Kopf, sehe kurz raus aus dem Fenster bis ich wieder auf das Schlachtfeld zurückkehre und ihr wieder in die Augen blicke. Wenn du mich jemals geliebt hast, beginnt sie ihren nächsten Satz und ich beginne zu überlegen. In der Zeit ihres Eintretens, in der Zeit der Schmetterlinge, scheint die Liebe so unendlich, so unzerstörbar und nach dem Ende fühlt es sich immer fast so an, als wäre die Liebe – wenn überhaupt – nur ansatzweise zu spüren gewesen. Ich weiß es nicht. „Wenn du mich jemals geliebt hast-“ – „Und was, wenn nicht?“

Ein Gegenschlag von meiner Seite. Ein Napalmangriff, der nicht hätte sein müssen. Sie hat Tränen in den Augen, zahlt noch schnell ihr Getränk beim Kellner, packt ihre Tasche. „Wenn du mich jemals geliebt hättest, hättest du mir dieses eine Gespräch vergönnt, diese Aussprache, du verdammtes Arschloch.“

Plötzlich ist sie weg. Der Krieg ist vorbei, vorerst zumindest. Nennen wir es Waffenstillstand. Die Granaten fehlen, die Explosionen, die zielgerichteten Schüsse. Und vielleicht stimmt es, was man immer sagt. Im Krieg gibt es keinen Sieger. Zumindest ich fühle mich nicht so, nein, gar nicht. Vielmehr fühle ich mich so, als hätte ich irgendetwas verdammt falsch gemacht. Richtig verdammt falsch.

Augen.

„Es ist schön hier.“, bemerkt sie, als sie, an ihrem Soda nippend, aus dem Fenster blickt. Und doch ist es etwas beunruhigend, aus dem Fenster eines Zuges zu blicken und für unzählige Minuten dasselbe Standbild zu sehen. Und kein Bahnhof in weiter Ferne. „Das ist kein betrieblicher Aufenthalt. Wir bitten sie daher, die Außentüren geschlossen zu halten.“, klingt es auch im Bordrestaurant. Leute murren.

Wir sitzen immer noch seelenruhig da, blicken mal uns, mal die Menschen um uns oder die Landschaft da draußen an und fühlen uns zwischen den dicken Wänden des Waggons überraschend wohl. Nichts könnte uns wohl aus der Ruhe bringen. Das hier ist unser Zug und unser Tisch.

„Noah?“
– „Ja?“
„Was, wenn wir uns nie wieder getroffen hätten?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Es hätte mich verrückt gemacht.“
– „Mhm. Mich wohl auch.“
„Hast du auch oft an mich gedacht?“
– „Mhm.“
„Warum eigentlich?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Kopf verdreht?“
– „Mhm.“

Dann sind wir wieder stumm. Wir sind wohl beide beeindruckt, wie schnell man unsere Köpfe verdrehen kann. Wie wenig man eigentlich reden, sondern eher wie viel man fühlen muss, bis der Kopf nicht mehr weiter weiß und sich das Herz nur mehr eine Sache wünscht. Selbst jetzt bin ich mir meiner Gefühle immer noch nicht bewusst. Wie sollte ich auch. Da sitzt sie, diese Schönheit, diese junge Frau mit ihren wundervollen Augen und verbringt den Abend, so außergewöhnlich – und für viele wäre es wohl ungewohnt – in einem Bordrestaurant eines Zuges. Stehend, in einer herbstlichen Einöde ohne Handyempfang und Menschen.

Die Minuten vergehen, wie führen kurze Dialoge, oftmals reicht es nur mehr für ein
leises „Mhm.“ Aber nicht, weil wir es bevorzugen, uns peinlich anzuschweigen und uns vor
allem nicht mehr in die Augen zu sehen. Denn genau das tun wir, wir sehen uns in die Augen, ins Gesicht, lesen daran und entdecken Geschichten, die mit Worten wohl auf ewig verborgen geblieben wären. Die Augen eines Gegenübers können wie ein offenes Buch sein. Sie erzählen von Glück und von Freude, von Schmerz und von Ungewissheit. Und das sind auch deren Gefahr: Das Gegenüber, welches man darin lesen lässt, muss behutsam damit umgehen. Das ist das Wichtigste. Deshalb ist ein großer Funken Vertrauen vonnöten, um dieses Kapitel überhaupt aufzuschlagen. Ich habe mich geöffnet und Emily ebenso.

[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 7 „Bordrestaurant“]

Vier Jahre.

Und die Welt dreht sich unaufhaltsam weiter. Für sie gibt es keinen Stopp, kein Innehalten, kein Durchatmen, kein Trauern. Für sie ist der Alltag, was für uns der Untergang gewesen ist. Der Absturz aus dem trauten Leben, die Kehrtwende nach glücklichen Jahren. Vier Jahre ist es nun her, tut nicht minder weh, fällt nicht weniger schwer.

Wenn ein Mensch stirbt, der einem die Welt bedeutet, hat die Welt in Wahrheit ihre Bedeutung verloren. Und dann sitzt man da, hört Musik, stellt Kerzen auf die Fensterbank und zittert in sich hinein. Wenn die Welt mit einem Schlag aus den Fugen gerät und man selbst mittendrin ist, kann kein tröstendes Wort, kein Mitleid helfen, darüber hinwegzukommen. Damit leben zu können, mit dieser Bürde, dieser Geschichte, diesem Schmerz – das war meine Aufgabe. Und ich habe es wohl geschafft, habe meine Art der Therapie (nach einer wirklichen) in Form des Schreibens gefunden. Walk away habe ich diese Geschichte genannt, und erst als die letzten Worte geschrieben und das letzte Mal in großem Ausmaß geweint worden war, konnte ich dieses Erlebnis, in all seiner Dramatik und Unberechenbarkeit, annehmen, als das, was es ist.

All das hat mich wachsen lassen, hat mich wohl auch zu dem gemacht, was ich heute bin. Und vielleicht hat es mir auch dabei geholfen, an meine Träume zu glauben und an ihnen zu arbeiten. Aber andererseits hat es eines entstehen lassen. Diese Angst, während eigentlich großer Glücklichkeit. Die Angst, das mit einem Schlag alles anders, der Mensch an meiner Seite weg, der Mensch an meiner Seite tot ist. Das ist kein schönes Gefühl, bringt die Kälte zurück in mein Leben, macht mich unruhig, macht mich krank. Aber mein naiver Optimismus, der mein ganzes Ich bestimmt, holt mich dann wieder zurück. Irgendwie zumindest, denn ein Funken Angst bleibt.

Vergangenen Juni wärst du fünf Jahre alt geworden. Ich musste schmunzeln, als ich bemerkt habe, dass mir dein Todestag viel mehr in Erinnerung geblieben ist, als dein Geburtstag. Eineinhalb Jahre bist du alt geworden, seit vier Jahren nun schon tot. Die Welt ist so dermaßen ungerecht, so verflucht anders, als ich sie mir mit dir vorgestellt habe. Aber sie dreht sich weiter, die Welt. Unaufhaltsam. Und ohne Grund. Immer wirst du ein Teil meines Lebens bleiben, wirst mir nah sein. Immer wieder sprechen meine Freunde mit mir über dich. Und immer noch ist dein Button, der Schmetterling, auf meiner Tasche.

Es wäre schön, jetzt hier mit dir. Aber ich denke, das weißt du.

Und bleibe.

»Weißt du, ich hatte immer Angst vor der Zukunft. Ich wollte mich nicht auf Pläne einlassen. Und dann kamst du. Und nahmst mir die Furcht vor der Ewigkeit.«

Etwas mehr als zwei Monate ist es her, seit wir wir sind. Zwei solch wundervolle Monate, geschützt unter einer Decke aus Schmetterlingen. Zwei Monate, in denen mir kein Weg zu weit war und zwei Monate, in denen du mir gezeigt hast, wie sehr du mich liebst. Für uns hat Zeit ihre Macht verloren. Sieben Jahre kennen wir uns schon und in Wahrheit fühlt es sich an wie eintausend Stück davon. Fühlt es sich an wie eine wundervolle Ewigkeit.

In zwei Jahren werde ich meinen Abschluss machen, in der Stadt, die ich schon so liebgewonnen habe. Die zum einen Heimat und zum anderen auch Zufluchtsort für mich geworden ist. Und all die Monate werden wir pendeln müssen, wenn wir uns sehen wollen. Eine Stunde ist nicht die Welt, aber ein Brocken voll elendigem Vermissen.

»Und weißt du, es gibt eine Sache, auf die ich mich am meisten freue. Wenn ich mit Sack und Pack vor deiner Tür stehen werde, du mir in die Arme fällst und ich sage: ›Hier bin ich und hier bleibe ich auch, mein Schatz.‹ Darauf freue ich mich.«

Ankommen.

„Es fühlt sich an, als wäre jetzt endlich dieser eine Punkt gekommen, weißt du? Dieser eine Punkt, wo es sich so anfühlt, als wäre ich endlich angekommen. Als wäre – nein, nicht ‚als wäre ich eben erwachsen geworden‘ – nein. Als wäre eine unglaublich lange Reise zu Ende, verstehst du?“
– „Du reist doch so gerne.“

Ich grinse und küsse dich. Es ist gut, dieses Ankommen. Viele Jahre dauerte diese Reise an, ein Ende war nie in Sicht. Und plötzlich stehe ich da, mit dir im Arm und möchte mal plötzlich ganz einfach die Welt umarmen. Mit all ihren Macken und all ihren Fehlern. Vielleicht liegt es an dir. Du, die einzige Person, die ich schon seit mindestens eintausend Jahren kenne. Du, die ich von ganzem Herzen und über beide Ohren liebe. Die mir den Halt gibt, den ich so manches Mal brauche, die mir zuhört, wenn ich mal wieder vor mich hin träume und du, die mir durchs Haar streicht und mit deinen Blicken ganze Geschichten erzählst.

Es fühlt sich gut an, dieses Ankommen. Als lebe man endlich in dem Leben, das man sich immer für sich gewünscht hat. Mit einer enormen Prise Liebe, mit Plätzen, die man für den Moment Heimat nennt, mit konkreten Plänen, die vielleicht anfangs noch etwas Angst, aber viel mehr noch große Vorfreude erzeugen. Und mit dem Gefühl, dass es, wie man so schön sagt, endlich einmal läuft. Und man den Mut fasst, Träume in Angriff zu nehmen. Und den Versuch wagt, den Glauben an die Ewigkeit zurückzugewinnen.

Aber vielleicht bin ich auch ohne Halt. Das Ende der einen Reise ist womöglich der Beginn einer neuen. Doch den möchte ich mit dir gehen, möchte glücklich sein, möchte träumen. Möchte von und möchte auch mit dir träumen. Und manchmal möchte ich mit dir einfach nur die Sterne betrachten. Ich bin angekommen. Endlich. Angekommen … in der einen, in der meinen Welt.

Eine eigene kleine Welt.

Mein Kopf lehnt an dem überdimensionierten Fenster. Jedes Rattern des Zuges über die unebenen Schienen überträgt sich mit voller Wucht auf meinen Körper. Züge sind etwas Sonderbares. Ein Treffpunkt für Schicksale, eine eigene kleine Welt, zusammengepfercht auf wenige Waggons. Mit den assozialen Typen, den herumtollenden Kindern, den schlafenden Studenten. Und mit mir.

Es regnet. Seit Tagen wohl schon, oder vielleicht auch erst seit gerade eben. Wie ein Wasserfall bricht ein Schwall vom Dach des Zuges herab, meine Aussicht verschwimmt wie ein Aquarellbild. Meine Welt, eingetaucht in ein Meer aus Regentropfen. Eine seltsame, beunruhigend beruhigende Welt. Beim Blick aus dem Fenster beobachte ich die anderen Menschen; Jene alte Frau, die ihren Kopf auf einen zusammengeknüllten Pullover und diesen auf eines dieser Zugfenster gepresst hat, und dabei so wundervoll zufrieden schnarcht als gäbe es kein Morgen mehr. Vielleicht stimmt das in ihrem grauhaarigem, drittzähnigem Fall ja tragischerweise sogar.

Oder diese junge Familie, die Uno oder irgendein anderes furchtbar einfaches Kartenspiel spielt und das kleine Mädchen eine außergewöhnlich nervige Stimme hat. Mir ist es ja egal, aber in Wahrheit ist es kaum mehr auszuhalten. Und jedes Mal, wenn das Mädel ihren Mund öffnet, zischt ihre Mama ihr gleich ein „Pscht.“ vorweg ins Gesicht. Keine Chance, dieses Mädel, dass sie irgendwann einmal die Stimme gegen irgendjemanden erhebt. Schlussendlich flüstert sie nur mehr und ich bemerke, dass das Nervigste an all dem wohl nur Mutters Zischen war.

Dann gibt es da noch diese dickliche Frau, die beim Versuch, eine Limoflasche zu öffnen, versehentlich geschätzte eineinhalb Liter klebriges Zeug über den Boden verteilt und diesen mit unzähligen 676 cm² großen Taschentüchern aufzuwischen versucht, und der Typ mit offensichtlich asiatischem Migrationshintergrund, dem zuerst ein Kichern entwischt und welcher schließlich dann auch noch von der Brühe erwischt wird. Mein Schmunzeln verstummt noch bevor es die Erdoberfläche erblicken konnte.

Und dieser eine Typ, der auf der Suche nach einer funktionierenden Toilette seit Minuten quer durch den Zug eilt und man von Schritt zu Schritt mehr merkt, dass es sich wohl möglicherweise nicht mehr bis zum Lokus ausgehen wird. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, das Gesicht wird immer blasser. Und der ihm entgegenkommende Schaffner erklärt ihm nur, dass er in jene Richtung zurückgehen müsse, aus welcher er gekommen sei … „Hier hinten funktionieren sie nicht.“ – „Ihre Fahrscheine, bitte!“

Ich beginne zu kramen, so wie ich es die vergangenen hundert Male auch schon immer gemacht habe. Werde beinahe schon hektisch, bis ich bemerke, dass ich meine Geldbörse erst Minuten vorher aus meiner Hosentasche raus und neben mich hingelegt habe. „Hier, bitte.“ Das wars für mich. Aufmerksamkeitsspanne zu Ende. Kopf an Zugfenster. Und hinein in die Schicksale andere Menschen. Ein komischer Ort hier. Zusammengepfercht und für Stunden beinahe so etwas wie eine kleine Familie. Mit Zwangsverwandtschaften, Blickfreundschaften und Menschen, die einem wie Geschwister erscheinen.

Wir sind mehr.

„Weißt du, ich glaube, mit Liebe hat das Ganze hier gar nichts zu tun. Das hier ist nicht Liebe. Es ist etwas Anderes, etwas Besonderes, eine unglaubliche Verbundenheit, eine ganz besondere Beziehung. Mit nichts vergleichbar, vor allem nicht mit diesem Wort. Pfft. Liebe ist doch viel zu alltäglich. Wir sind mehr.“

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An Tagen wie diesen bin ich so unglaublich glücklich, genau dieses Leben erwischt zu haben.

Wir sind so viel mehr. Wenn wir mit alten Rädern querfeldein fahren, eine Flasche Wein im Gepäck, dem Sonnenuntergang entgegen und uns an den verlassensten Orten niederlassen. Und über Schicksal, über das Gute im Menschen, und über Freundschaft sprechen. Über Seelenverwandtschaft, oder wie wir es auch immer nennen wollen. Und unsere Arme auf den Schultern des anderen liegen.

Wenn ich alles daran setze, und sind es auch nur fünfzehn Minuten, dich an diesem Tag zu sehen. Mit einer Schultüte voll Geschenke, für deinen ersten Schultag als Lehrerin. Und mein Herzklopfen beinahe in den Ohren klingt, als ich dein überraschtes Gesicht sehe. Auch wenn ich muskelbedingt keine Bäume ausreiße kann, so versuche ich all das zu tun, was dir gefällt und ich habe es mir stets zur Aufgabe gemacht, dich zu überraschen. Einfach um des Blickes wegen.

Seit Jahren schon leben wir diesen Traum einer Freundschaft, fühlen mit, leiden mit, freuen uns für den jeweils anderen. Schlafen nebeneinander ein, und erzählen uns am Tag darauf von unseren Träumen. Sprechen über so Persönliches, erzählen uns unsere Geheimnisse und wissen, dass sie beim Anderen gut verwahrt sind. Man hört sich zu, man ist immer füreinander da. Und ist sich gewiss, dass das womöglich nur der Anfang ist. Dass sich unsere Verbundenheit, unsere Connection noch tiefer in uns hineinwinden wird.

Dass aus Freundschaft, die es früher war, Liebe entstanden ist. Aus dieser Liebe eine innige Verbundenheit und wir nun an einem Punkt angelangt sind, für welchen es wohl noch keinen Ausdruck gibt. Kein Leben könnte ich mir vorstellen ohne euch. Eine Welt ohne euch wäre mein Albtraum, wäre wohl das Ende. Aber ihr bleibt, ihr zwei. Ihr, meine Seelenverwandten.