But In The End It’s. Right.

Wir befinden uns an einem Punkt vollkommener Sinnlosigkeit in dem Versuch des einfältig verzogenen Seins. Das Melancho-Meditieren der Pseudo-Vernünftigen lässt keine Fragen beantwortet zurück. Und so gesellt er sich zu all den Freunden und Freundinnen, Idioten und Flachwixern um einfach nur zu zeigen: Er lebt noch.

Huch. Werdet ihr sagen. Übertriebener Gebrauch von unnötig verfremdeten Wörtern. Ähm. Stimmt. Ihr habt wohl Recht. Und auch die Benutzung eines Schimpfwortes aus der untersten Schublade. Wohlgemerkt findet es sich nie, und ich meine wirklich nie, im Sprachgebrauch eines Ikarus. Es kam ihm nur so in den Sinn. Hat er irgendwo einmal aufgegriffen. Oder es ist hängen geblieben. Was ist also los. Warum diese sinnlose Aneinanderreihung von Worten.

Weil Ikarus gerne schreiben würde, dass das Leben schön ist. Irgendwie ist es auch schön. Man hat Freunde und nette Arbeitskollegen. Man hat einen Blogkreis um sich und ist Teil einer doch sehr lebendigen und unterhaltsamen Gruppe von interessanten Bloggern. Das Wetter würde auch passen, es regnet zumindest nicht mehr, und das Glatteis hat wahrscheinlich schon genug Todesopfer gefordert. Die Kälte gibt ihm nicht mehr zu denken. Und die Routine wird von Tag zu Tag lustiger, je unroutinemäßiger sie wird, wohlgemerkt.

Wie kann das Leben eines Ikarus auch nur schön sein. Wenn vor kurzem erst wieder jemand zu nahe zur Sonne geflogen ist. Und nicht abgestürzt sondern weitergeflogen ist. Ein Mensch, dem man beim Bauen der Flügel geholfen hat und dem man lehren wollte, etwas anders zu sein. Und der dann ganz alleine, als die Routine einen Ikarus wieder einholte, einfach abhob und nicht mehr zurückkehrte. Wie kann dann ein Leben schön sein, wenn Ikarus Gedanken plagen, die selbst Daedalus nicht kalt lassen würden. Wie kann sich Ikarus des Lebens erfreuen, wenn er den Sinn dahinter nicht mehr zu verstehen vermag.

Darf er sich freuen. Dass das Leben weitergeht. Der Kampf in diesem Labyrinth aus Entscheidungen und Schicksalsschlägen, aus Enttäuschungen und Forderungen. Es muss weitergehen. Und zurzeit fallen ihm die Schritte um einen Hauch einfacher. Vielleicht auch nur, weil man weit genug wegkommen möchte. Weit genug. Um aus dem Abstand heraus schön weiterzuleben. Um nicht ständig damit konfrontiert zu werden. Werden zu müssen.

Ikarus nützt den Tag. Carpt den Diem. Möchte sich zurzeit nur spärlich Erinnern. Weil sich Erinnerungen vermischen und Hoffnungen sich erläutern. Ikarus versucht auch nicht sein Leben zu träumen. Er versucht, seinen Traum zu leben. Bis er bemerkt, wie dumm der Erfinder dieses Satzes hat sein müssen. Der Traum ist nichts Reales. Und die Realität gewinnt immer. Sie hat wahrscheinlich Elektroschockgeräte, mit welchen sie einen einschüchtert und zurück auf die richtige Bahn wirft.

Darf Ikarus überhaupt schon wieder lieben. Ikarus hat nie aufgehört zu lieben. Das ist das Problem und das Schöne am Leben. Er war vielleicht noch nie bereit für eine Beziehung und hat sich doch immer gewünscht, ein Teil einer zu sein. Er weiß auch jetzt noch nicht, ob eine Beziehung etwas Gutes wäre, er weiß nur wen er liebt. Dass die Liebe zurzeit scheinbar einseitig ist, lässt ihn warten. Aber im Gegensatz zu früher erkaltet er nicht daran. Er wartet mit Freude. Vorfreude. Bis die Welt zerbricht. Es dunkel ist.

Und während Ikarus in seinem Labyrinth sitzt, hört er die Musik. Und schreibt mit seiner Kreide Worte auf den Boden des Irrgartens. Um nicht vollkommen alleine zu sein. Und wenn er sich einsam fühlt, setzt er sich hin und liest sich alles noch einmal durch. Bei einem kleinen Glas Musik, mit einem Happen Selbstironie und natürlich mit der gewohnten Prise Melancholie.

Dass der kleine Sonnenflieger, der sich nicht abzuheben traut, aber immer noch zu einen der renomiertesten Nichtwisser gehört, scheint in Anbetracht all dieser Fakten wohl eher nebensächlich. Ikarus versucht das Leben zu lieben. Und auch zu Gott, oder diesem einen großen Ding, was doch irgendwie da sein muss, wieder eine passende Beziehung aufzubauen. Es gibt viele Ungläubige, er verurteilt sie natürlich nicht, aber er kann einfach nicht ohne. Er braucht irgendetwas absolut Surreales, um sich daran festzuhalten. Ikarus liebste Aufgabe ist zurzeit das Denken. Das Sich-Gedanken-Machen. Das Träumen von einer schönen Welt. Das unnötige Hoffen. Um das Leben wieder zu einer Sonnenallee zu machen.

Wenige nur werden Ikarus‘ Gedanken verstehen, so verschroben und schlaftrunken sind sie geworden. Und doch wird irgendjemand irgendwann einmal an diesen kleinen Ikarus denken, und wird ihn fragen, was er denn nun vom Leben hält. Und Ikarus wird aus seinem Irrgarten hochblicken und zu lachen beginnen. Und wenn er dann seine Flügel ausbreitet, wird man wissen, dass das Leben doch noch lebenswert für ihn wurde. Dass er nun keine Angst mehr vor der Sonne hat. Dass es trotz all der Rückschläge und Enttäuschungen doch noch etwas Schönes im Leben geben darf.


Ich Fang An. Zu Tanzen.

Werf erstmal alles um.

Dieser kleine Raum dient uns als Tanzfläche. Das Licht blitzt kurz auf. Und erlischt. Die Musik, diese Schallplatte rotiert. Eine alte Dylan-Platte. Blood on the tracks heißt sie. Die wenigen Kratzer lassen die Nadel des Plattenspielers öfter mal abheben. Wir bewegen uns im Takt, im Einklang. Im Einklang mit Dylan. Dylan. Und der Welt.

Deine Hand. Leicht berührt sie meinen Rücken. Ich spüre, wie du dich etwas an meinem Shirt festhältst. Den Halt suchst, denn dir die Bewegungen nahmen. Dein Körper ganz nah an dem meinen. Ich spüre deine Brust. Dein Atmen. Das Heben der Lungenflügel. Das Senken. Dein Kopf liegt auf meiner Schulter. Deine Hände spüren meinen Körper.

Die Musik wird noch ruhiger, die Nadel bohrt sich in die Platte. Wir scheinen fast stehen zu bleiben, unsere tapsigen Schritte lassen uns aber doch noch kreisen. Ich schließe meine Augen. Ich atme dir einen Hauch von mir in deine Haare. Als wärst du eingeschlafen, lässt du dich geleiten von mir.

Bob hört für einen kurzen Moment der Platte auf zu singen. Du blickst mich an. Deine müden Augen suchen nach Worten, nach irgendetwas von mir. „Ich. I…Ich liebe dich.“ Du lächelst, und legst deinen Kopf wieder auf meine Schulter. Ich weiß, dass du diese Worte nicht hören wolltest. Und ich weiß auch, dass du nicht bereit bist, zu sagen, dass du mich liebst; nicht bereit bist, mich zu lieben.

Doch wir tanzen weiter. Nach einigen Minuten spüre ich die Tränen, deine Verlorenen auf meiner Schulter. Es ist meine Schuld, ich weiß. Aber du willst jetzt nichts sagen. Hältst dich an mir fest. Und langsam, viel zu langsam, drehen wir uns weiter. Doch irgendwann ist auch diese Platte zu Ende.

Kurze Gedanken zu Balu’s Zeile: „Ich fang an zu Tanzen; werf erstmal alles um“ von Kettcar.

Ende

Der kalte Hauch des frühen Winters bläst mir ins Gesicht. Vor mir der Stein, einer von Tausenden hier, mit eingravierten Namen und einer glänzenden, eisigen Oberfläche. Zwischen den kleinen Hügeln aus Schnee leuchtet das Rot der Friedhofskerzen. Sie leuchten und ich. Ich knie vor diesem Grab. Mir kommt der Name so bekannt vor. Ich weine.

Etwas zieht mich hoch. Und zeigt mir den Ausmaß dieses Friedhofes. Überall diese Gräber und Gruften, diese Holzkreuze der Neuverstorbenen. Überall diese Kerzen und überall diese Trauer. Überall die Menschen und die Hilflosigkeit, die Abgestumpftheit und der Hass. Die Dummheit und die Scham. Die unterdrückten Gefühle und die sanften Fußabdruck in den Zentimetern des Schnees.

Ich gehe vorüber. An all den Gräbern. Das war die Frau, die ich tot auf der Straße hab liegen sehen. Das war ihr Grab, an dem ich mich wiedergefunden hatte. Was führte mich wohl hierher. Ich weiß es nicht. Aber es bedrückt mich. Das ganze hier bedrückt mich. Das ist doch alles nur eine Ansammlung aus Erde und Holz und Knochen und Würmern. Wenn überhaupt. Wo ist der Rest des Menschen. Die Seele. Die Gedanken. Die Erinnerung. Wo ist das ganze. Nicht hier. Hier ist nichts, außer Trauer.

Ich trete durch das Tor, welches in diesen Friedhof und aus ihm heraus führt. Vor mir die Straße, zwei Autos rasen aneinander vorbei. Das Leben geht weiter. Die Welt rotiert und wir mit ihr. Und ich nehme mir einfach dieses Fahrrad, welches an der Friedhofsmauer lehnt. Ein Damenfahrrad. In Violett. Und ich fahre los.

Leben

Ich habe wieder zurück gefunden. Pulsierendes Glück einer rein konsumorientierten, prüden, egoistischen Schambereichs-Gesellschaft. Mein erster Gedanke, als ich an all diesen Weihnachtsmännern, nach dem Coke-Prinzip, vorbeispaziere. Schon wieder viel zu früh, denke ich mir, als sie mit ihrer Glocke in der Hand die blinden Menschen in die Geschäfte locken wollen. Ich springe zur Seite. Ein kleiner Junge hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jede Pfütze von etwas Wasser zu erleichtern.

Warum bin ich eigentlich hier lang gegangen. Es gäbe besser Wege, schnellere und weniger besucherreiche. Doch ich bin hier lang gegangen. Um das Leben zu spüren. Um vielleicht auch mal selbst zu leben. Und als ich unter der Last des Normalseins die Augen schließe, spüre ich für einen kurzen Moment des Seins einen Hauch von Nichts. Als ich die Augen wieder öffne, finde ich mich am Friedhof wieder.

Der See. Ein Moment.

Deine Jacke tropft sich aus. Über deinen Schuhen, die nun definitiv nicht mehr wasserdicht sind. Und. Übrigens.

„Ach, auch schon wieder hier?“, denke ich mir. Du nickst. Deine Haare, von kleinen Schneesternchen bedeckt, schmelzen unter der Last der Zimmertemperatur. Sprichst du eigentlich nichts mehr mit mir. Oder warum bist du so still. Doch während ich mir das denke, verlässt du schon wieder den Raum. Und diesmal gebe ich auf, dir nachzulaufen.

„Wo warst du?“, versuchen meine Gedanken dich zu fragen. Dein Blick zeigt es mir. Das Fenster vor dir offenbart mir ein Ambiente des Sees. Mit all den kleinen angezuckerten Häuser am anderen Ende des Ufers. Du atmest aus, und obwohl es hier eigentlich relativ warm ist, ist dein Atem ein weißer Rauchschweif. Dir scheint kalt zu sein.

Ich nehme dich an der Hand, und gehe mit dir diese vier oder fünf Kilometer durch die Schneelandschaft. Lege meine Jacke auf den Boden und wir beide setzen uns. An diesen für uns ungewohnten See. Der Wind ruht und Frau Holle bestäubt uns mit feinen Kristallen. Du schmiegst dich an mich, dein kalter Atem an meiner durch den Pullover gewärmten Brust. Da sind wir nun also.

Auf diesem Parkplatz mit den fünfzehn oder zwanzig Zentimeter hohem Schnee sitzen wir. Alleine. Selbst die Autos, die hinter uns den Weg rund um diesen See zu erschließen versuchen scheinen stehen geblieben zu sein. Keiner von uns beiden zittert, obwohl wir beide nicht ausreichend bekleidet sind. Doch obwohl wir nichts sagen, obwohl wir nur nebeneinander sitzen, spüren wir keine Kälte. Wir blicken bis ans andere Ende des Sees. Überall nur Berge. Und das leuchtende Weiß des Schnees. Die kleinen Häuser aus Holz. Unsere Gesichter färben sich, unsere Haut fleht nach Wärme. Du hast immer noch kein Wort gesprochen. Was ist nur mit dir los.

Doch ich genieße dein Schweigen. Genieße die Ruhe, die uns wie in Trance in dieses Meer aus Weiß blicken lässt. Diese Ansicht, dieses Ambiente ist so etwas Wunderschönes, so Einzigartiges. Ich möchte nie mehr weggehen. Möchte hier sitzen bleiben. Bis die Welt zerbricht, es dunkel ist. Ich lache, weil mir Juli’s Tage wie dieser in den Sinn kommt. Tage wie dieser, kommen nie wieder. Tage wie dieser, sollten nie vergessen gehen. Du blickst hinaus. Hinaus auf diesen See. So viel Unausgesprochenes liegt auf deinen Lippen. Eine Träne verlässt deine Augen. Mit den Zähnen beißt du dir auf die Unterlippe. Und deine Hand.

Deine Hand sucht den Weg zu meiner. Du nimmst meine Hand. Und wir bleiben so. Tage wie dieser, kommen nie wieder. Denke ich mir. Während die Kälte und der Schnee Überhand von uns nimmt.

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Du. Und Ich?

Erwachsen werden


Du siehst nicht glücklich aus. Komm, setzt dich hier her. Nimm meine Hand und spüre sie. Meine Wärme. Meine Kraft.

„Du hast warme Hände“, meinst du zu mir. Ich weiß, möchte ich sagen, doch ich sage nichts. Das Schweigen tut jetzt gerade gut. Du lächelst. Ich sehe deine Augen. Deine tiefbraunen Augen. Und sie sagen so vieles zu mir. Meine Augen möchten antworten. Doch. Sie sind leer. Du leerst.

Ich wärme dich. Die Wärme ist in mir. Doch du. Du schenkst mir so viel. Allein durch deine Anwesenheit. Durch die Kälte, die du ausstrahlst. Bei dir fühle ich mich wohl. Ich lasse meine Hand führen. Sie spürt die deine. Unsere Finger verweben sich. So nah waren wir uns schon lange nicht mehr. Schon lange nicht mehr haben wir uns gesehen. Schon lange nicht mehr haben wir uns berührt. Du fehlst.

Mein Knie zittert. Du versuchst es mit deiner Hand ruhig zu bekommen. Doch sie ist wirkungslos. Du kannst nichts daran ändern, dass ich zittere. Mir ist nicht kalt. Ich zittere einfach nur so. Und manchmal habe ich auch dieses nervöse Zucken des rechten Augenlides. Dir ist es also auch schon aufgefallen. Nein, ich habe es noch nicht lange. Aber es scheint Teil meiner Veränderung zu sein. „Oder auch nur eine psychische Labilität“, plagst du die Worte aus deinem Mund und lachst. Mir ist nicht zu lachen zumute, aber ich mache es trotzdem. Dir zuliebe. Du schmerzt.

Wir sitzen uns gegenüber. Und doch lege ich meinen Kopf an deine Schulter. Einfach, weil er dort hingehört. Du spürst ihn nicht. Aber ich spüre sie. Deine Schulter. Deine Haare kitzeln meine Nase und du hauchst mir deinen Atem in mein rechtes Ohr. Doch du siehst mich an. Ich sitze dir gegenüber. Wir berühren uns nicht. Doch meine Wunschgedanken lassen uns nahe kommen. Wünsche gehen nicht auf Befehl in Erfüllung. Das Leben, die Realität hat noch viel andere Dinge mit uns vor. „Aber rede doch nicht so niedergeschlagen und melancholisch. Das Leben ist schön.“ Für dich vielleicht. Für mich nicht mehr. Es ist anders. Anders schön Und du. Du zerstörst.

Zerstört liegt meine bisherige Lebensplanung am Boden. Ich trete darauf, um nicht daran erinnert zu werden. Du hasst meine Metaphern, das sehe ich dir an. Hasst den Blickwinkel, aus dem ich mein Leben betrachte. Du weißt um meinen Verlust, weißt um mich, und doch weißt du nichts. Dass ich dich liebe, das musst du doch spüren. Dass ich sehne. Dass ich fühle. Dass nichts nach dir und nichts vor dir vergleichbar war. Dass die Welt auch nur einen kleinen Hauch angenehmer werden würde. Das müsstest du wissen. Doch du tust es nicht. Du hasst.

Wir haben uns alle verändert. „Ich habe übrigens den Mopedführerschein.“ Interessant. Ehrlich. Jetzt bist du also auch schon soweit. Es war eine schöne Zeit damals. „So sprich doch nicht immer von der Vergangenheit“, fährst du mich an. Du hast dich im Ton vergriffen, meine Liebe. Aber es ist schon okay. Vielleicht hast du Recht. Es hat sich eben doch so viel verändert. Warum können Dinge nicht mehr so werden, wie sie waren? Warum können außere Wunden so leicht heilen. Doch die Inneren bleiben ewig offen? Du lenkst.

Und ich? Ich liege hier in meinem Bett. Wartend auf das Ende. Oder den Anfang. Warte auf Nähe und auf Geborgenheit. Auf Kälte von dir und Fragen. Auf Liebe und auf den Hauch deines eiskalten Atems. Warte auf den Tag, an dem ich ein weiteres Mal meinen Arm um dich legen darf. Und du mir die Haare aus dem Gesicht streichst. Um mich zu küssen. Oder um einfach zärtlich zu sein. Und ich fühle. Und liebe. Und zehre. Und hoffe. Und schreibe. Und schreie. Und warte. Warte.

Nightmares By. The Sea.

Literatur

Der See. Früher mal mein Zuhause. Jetzt ist er mir fremd. So, wie mir so vieles auf dieser Welt fremd wurde. Wie auch ich mir fremd wurde.

Ich sitze hier. Auf dieser Bank und blicke hinaus. Auf den See. Der durch das Unwetter, den Wind und den andauernden Regen, nicht ruhig bleiben kann. Ich, eingewickelt in meiner regenfesten Winterjacke friere langsam vor mir hin. Meine Gedanken spielen verrückt und die Erinnerungen kommen hoch.

Hier habe ich einmal gelebt. Zuhause aufgestanden führte mich mein erster Weg hierher. Meine Freunde waren hier. Mein Leben fand hier statt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl hier. Nicht wegen meiner regengetränkten Jeans. Sondern weil sich einfach so viel verändert hat.

Älter sind wir geworden. Die Evolution hat ihr Werk fortgesetzt. Wir haben uns verändert, die Welt hat sich verändert. Gedanken haben sich verändert. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Damals. Diese unabdingbare Sehnsucht. Früher war alles besser, denke ich mir. Und verfalle in den Traum von damals.

Wir sind größer geworden. Nicht körperlich. Geistig. Erwachsen werden, würde man es wohl nennen, um einen bestimmten Begriff dafür zu benutzen. Oder reif sind wir geworden. Wobei zu bezweifeln bleibt, ob Reife überhaupt vorhanden ist. Wenn einer überlegt, bevor er handelt, nachdenkt, bevor er spricht, gilt man normalerweise als reif. Ich fühle mich eingeengt. In all meinen Lebensformen. Reife ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Freiheitsliebenden. Eine Fußfessel, welches einem einen Stromschlag versetzt, wenn man zu frei handelt. Und das fehlt mir.

Und ich fühle mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Nicht weil ich zittere oder ein paar Kilos zugelegt habe. Nein. Sondern weil ich nicht so bin, wie ich immer sein wollte. Ich bin zwar auf dem Weg zu meinem großen Traum, doch ich bin anders. Immer wieder fällt es mir auf, wie rational ich eigentlich denke. Wie sehr ich dem Realismus verfallen bin. Obwohl mir die Akzeptanz dessen so schwer fällt. Ich bin ein Teil einer Masse, lasse mich vom Strom treiben, und hebe manchmal den Kopf, um zu sehen was um mich herum passiert. Dass ich meinen eigenen Weg gehe, der Gesellschaft den Mittelfinger zeige, das war immer ein Traum. Dass der pubertätsbedingte Anarchiewunsch keine Zukunft hat, dessen bin ich mir bewusst. Doch ich fühle mich wie ein 68er, der jetzt als Beamter mit Anzug und Krawatte vollkommen gegen seinen damaligen Geist arbeitet.

Und manchmal denke ich mir eben. Ich hasse mich. So darf es nicht weitergehen. Ich muss mich verändern. Doch Veränderung kann man nicht erzwingen, dass weiß ich aus jahrelanger Erfahrung. Irgendwann passiert es, irgendwann verändert man sich. In die Richtung, die vorbestimmt ist, in die Richtung, in die man hineingeschoben wird. Und es wäre dumm, mich selbst zu hassen. Hass tut weh. Alles hat sich verändert. Die Welt. Du. Ich.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf meinen inneren Geist. Meine Person nach außen hin scheint ein komplettes Gegenteil zu meiner Inneren zu sein. Das hält mich zurück. Lässt meine Sehnsucht nach Damals verinnen. Ich bin anders. Von innen drin. Meine Gefühle sind nicht massentauglich, meine Gedanken sind mein. Und auch wenn ein Strom mich leitet bin ich doch alleine in mir. Und so stehe ich auf und verlasse das Damals. Verlasse den Wunsch nach Veränderung. Ich weiß, woran ich bin. Ich weiß, wer ich bin. Vielleicht verändert sich ja auch mein Äußeres zum Besseren. Aber was ist schon besser. Vielleicht ist es gut so, wie es ist.

Und ich stehe auf, streiche mir etwas Wasser aus der Hose, spanne meinen Schirm über meine nassen Haare auf und gehe zu meinem Auto. Und während ich gehe, verliere ich. Verliere das Vertrauen in die Welt. Und gewinne an Vertrauen in mir.

Mir ist schon klar, dass Sea Meer heißt. Aber dieser Song von Jeff Buckley passte gut zu diesem Text.

Toilette

Irgendetwas war mit mir geschehen. Seit Tagen, ja, schon seit Wochen konnte ich die meisten Nächte nicht mehr durchschlafen. Ich nicke unabwendbar an den unmöglichsten Orten ein. Während meiner Verlesungen, in der U-Bahn nach Hause, oder … wie letztes Mal, einfach in einem Bett bei IKEA. Liegekomfort haben sie ja. Das kann ich nun wirklich nicht mehr abstreiten. Ich bin jetzt gerade erst einmal 23 Jahre alt. Und fühle mich matt und lethargisch wie ein 60-Jähriger. Unter „leben“ verstand zumindest ich früher immer etwas anderes. Und langsam stehe ich auf, verlasse die Toilette und gehe zur Haustür. Die Zeitung müsste schon da sein. Und so machte ich mir am Küchentisch nur ganz wenig Licht, stellte mir Kaffee zu und begann die Zeitung, mit müden Augen und meinen Gedanken am anderen Ende der Welt, durchzublättern. Autounfälle, Morde, Gewaltverbrechen. Angst, Terror, Glaubenskrieg. Hochzeit, neues Paar, Klatsch und Tratsch. Die perfekte Mischung für einen guten Start in den Morgen. Ich mache mir, wie jeden Tag eine Liste. Sie sieht so aus …

  • Autounfälle mit Todesfolge 3
  • Autounfälle ohne Todesfolge 6
  • Morde 12
  • Versuchte Morde 3
  • Gewaltverbrechen 18
  • Angst 2
  • Terror 4
  • Glaubenskrieg 5
  • Hochzeit 9
  • neues Paar 17
  • Klatsch und Tratsch 22

Den Zettel nehme ich und lege ihn in die Box, die in meiner Küche auf der Mikrowelle steht. Wieviele habe ich jetzt schon. Hunderte? Tausende? Ich weiß es nicht. Aber manchmal sehe ich nach. Was vor einem Jahr passiert ist. Die Zeitungen werfe ich weg. Was mir bleibt ist der statistische Blick auf das Unwesentliche. Das ist wohl einer meiner Ticks. Ich habe nicht viele. Aber dafür …

Ich leere die Tasse mit einem leeren Blick in Richtung der aufgehenden Sonne, die mich am Fenster begrüßt.

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Sonne

Schnell habe ich wieder den Weg in den Schlaf gefunden. Langsam, ganz langsam neigte sich die Nacht aber dem Ende zu und ein Strahl der Sonne fand den Weg in mein Gesicht. Und begann meine Nase zu … nein, nicht zu kitzeln. Sondern zu schlagen. Zu prügeln. Mit einer, für den Frühmorgen ungewöhnlichen, Wucht wurde ich aus dem Bett geschmettert. Und während des Aus-Dem-Bett-Fallens schaffe ich es, gerade noch den Wecker zu erhaschen. Ich denke noch an den Aufprall, die Kopfschmerzen durch den Frontalabsturz und beobachte diesen Beginn eines Tages als … niveaulos. Fünf Uhr dreißig ist es gerade geworden. Und ich muss das Licht aufdrehen, um den Wecker überhaupt ablesen zu können.

Die Sonne traf ihn. Das ist das Letzte, an was er sich erinnern konnte. Und all das vergangene Geschehen scheint er vergessen zu haben. Seine Hand ist blutverschmiert. Er möchte es wegwischen. Das Blut ist eingetrocknet und doch wird es immer mehr. Und da ist sie wieder. Die Sonne.

In der Dunkelheit des frühen Morgens liege ich hier, auf dem Boden des Schlafzimmers meiner Wohnung. Gerade diesmal, als ich die wenigen Zentimeter vom Bett auf den Boden fiel, blieb die Bettdecke im Bett. Nur ich, ich landete hart. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich versuchte es nicht einmal mehr. Ich stand auf, machte mir Kaffee, ging mich duschen. Und während ich dann auf der Toilette saß, begann ich nachzudenken.

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1:0. Für Dich.

Liebe

Warum alles leichter fällt, als eine Niederlage einzugestehen.

Wenn man beim Hundertmeter-Sprintwettbewerb um 2 Hundertstel den ersten Platz verfehlt, ist mich vielleicht anfangs sehr enttäuscht, aber irgendwann akzeptiert man es. Man war einfach zu langsam, wenn auch nur knapp. Wenn man bei einem Reitwettbewerb vom Pferd fällt, sieht man auch bald ein, dass man etwas falsch gemacht hat. Aber kann man das, also das Verlieren, nur im Sport. Was ist mit der Liebe?

Ich spreche aus Erfahrung. Ja, vielleicht hört es sich naiv an, ich war erst einmal in einer Beziehung. Und vielleicht kommt es mir nur so vor, aber ich scheine mit der Zeit immer mehr daraus zu lernen. Es hat auch lange genug gedauert. Einige wenige Monate waren wir glücklich, und ich glaube, dass wir beide, ja, du und ich, wirklich glücklich waren. Ließen uns gegenseitig fallen und wussten, dass wir uns wieder auffangen würden. Doch dann gingen die Schmetterlinge fort, und du wusstest es nicht mehr, bekamst Zweifel, fingest an, dich zu entlieben. Nichts wäre richtiger gewesen, als Schluss zu machen. Du hast das auch gemacht. Hast mir erklärt, dass es nicht mehr so ist wie früher. „Das es nicht mehr passt“.

Ich war perplex. Überrascht. Obwohl ich es doch schon spürte. Doch ich bekam dich einfach nicht raus aus meinen Kopf, wollte mich mit Texten gegen dich, über dich hinwegtrösten. Begann aber irgendwann einmal wieder über dich zu schreiben. Über meine Gefühle zu dir. Und als wir uns das nächste Mal trafen, drei Wochen später zirka, waren sie immer noch nicht weg. Die Gefühle. Bei dir nicht. Bei mir nicht. Wir versuchten es also noch einmal. Sahen uns durch, von der Schule verursachten, Stress kaum mehr. Immer mehr kam es mir vor wie eine Fernbeziehung. Manchmal Anrufe, oft Zweifel und immer die Angst um dich. Angst vor der Trennung. Angst vor dem Verlieren.

Was würde ich denn verlieren? Den Kampf um dich. Dich würde ich verlieren. Und das wollte ich nicht. Dutzende Male bin ich zu dir gefahren, wollte dir klarmachen, dass mir es so nicht passt, wie es ist. Wollte dir zeigen, dass das, was wir sind, kein Paar ist. Dass eine Beziehung anders aussieht, normalerweise. Aber als ich dann vor deiner Tür stand, anläutete, du die Tür öffnetest, und mich angelächelt hast, das war es mir egal. Alles war mir egal, all die Probleme die wir offensichtlich hatten. Ich ließ mich wieder fallen. Aber du fingest mich nicht auf. Ich stürzte, immer und immer wieder. Ich fiel, tiefer und tiefer. Doch ich suchte immer noch den Kontakt zu dir. Wo war sie hin, deine Liebe für mich. Deine Zuneigung. Wo war sie hin, ich suchte sie. Fand sie aber nie.

Wann war also der Tag, an dem ich einsehen hätte müssen, dass ich verloren hatte. War es zwei Tage vor dem Jahreswechsel. War es, als du mir sagtest, es würde nicht mehr passen. Ich weiß nur eines. Ich habe es viel zu spät bemerkt, und habe dadurch vielleicht zu viel zerstört. Habe Mauern zwischen uns entstehen lassen, die nicht einmal Gorbatschow und Kohl oder David Hasselhoff zum Einsturz bringen könnten. Ich kann es nicht.

Das ist sie wohl. Mein größte Schwäche. Selbst wenn ich es schon spüre, denke ich mir, dass es wieder besser wird. Ich bin vielleicht übertriebener Optimist. Träumer. Oder ein Idiot. Man kann es sehen, wie man will. Ich glaube an die Liebe, vielleicht bin ich noch einer der wenigen. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass sie einfach weg ist. Oder weg geht. Nicht so spontan. Ich bin Idealist. Du Realist. Ich kann es einfach nicht. Eine Niederlage einzugestehen, das würde heißen, dass ich verloren habe. Ich habe verloren. Ich. Verloren. Diese Worte sollen nicht in einem Satz vorkommen. Schon beim Mensch, ärgere dich nicht – Battle mit meiner Schwester habe ich stets das Brett durch die Luft fliegen lassen. Als es aussichtslos war. Auch beim Monopoly gingen meine Ideen nie auf. Vielleicht habe ich einfach kein Glück. Bin zum Verlieren verurteilt.

Manchmal ist es mir auch einfach nur egal. Wenn ich nicht erwarte, dass ich gewinne, z.B. bei einem 9 km – Waldlauf, als ich als Letzter durchs Ziel lief. Ich war Letzter, aber mir war das egal. Ich war stolz wie ein Pfau und außer Atem. Aber ich habe mir hier einfach mehr erwartet. Ich habe mir erwartet, dass alles anders verlaufen würde. Dass die guten Monate wieder kommen würden. Die schlechten aus unserer Beziehung verschwinden würden. Doch sie blieben. Und irgendwann musste ich es mir eingestehen. Irgendwann. Dann kam er eben, der Tag. Zwei Tage vor meinem Geburtstag. Ich habe dir erklärt, dass ich nun, für dieses eine Mal auf meinen Kopf hören muss. Und nicht auf mein Herz. Du hast mich weiter dazu angespornt. Viel zu früh hast du schon damit abgeschlossen gehabt. Mit uns.

Ich brauchte noch Zeit. Hatte Gefühls-Flashbacks. Konnte dir nicht in die Augen sehen, als wir uns, rein freundschaftlich wohlgemerkt, wieder trafen. Dachte mir, ich würde alles wieder in Kauf nehmen. Alles. Ich hätte wieder alles in Kauf genommen, mit dem Wissen, dass ich irgendwann wieder einmal verlieren würde. Mir wäre das damals egal gewesen.

Aber eines ist wichtig. Es ist wichtig, auch verlieren zu können. Ich werde das wohl erst lernen müssen. Aber für dieses eine Mal, für dich und mich bin ich jetzt soweit, dass ich sagen kann. I’m A Loser, Baby. Touché. 1 zu 0. Für dich. Wenn man das überhaupt so sagen kann.

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