Such Great Heights.

Der Blick nach unten erzeugt in mir dieses unruhige Schwindelgefühl. Nur nach oben blicken, nicht nach unten. Und wenn nun nichts mehr oben ist, außer der große blaue Himmel, wolkenlos und leer. Und in kurzer Zeit färben sich meine Augen ebenso azur, und mit einem Mal bin ich Teil des Himmels geworden.

Das Blut strömt mir in den Kopf. Die Haare fallen der Erdanziehung zum Opfer und meine Hände berühren fast den Boden. Wie lange hänge ich schon so da. Die Welt, um 180 Grad gespiegelt. Die Menschen, wie sie am asphaltierten Himmel laufen. Die Erde, in ihrem einzigartigen Blau. Der Wind. Er bläst mir Staub in die Augen. Ich schließe sie. Halte mich an dem Rohr fest, auf dem ich kopfüber hängte und finde mal wieder den Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Gras.

Der Weg geht weiter. Die Sonne kitzelt meine blonden Haare. Das Grün unter meinen Füßen wechselte zu kleinen Kieselsteinen. Ich folge diesem Weg weitere fünfzig oder hundert Meter, bis ich eine kleine Bank aus Holz finde. Mich darauf niederlasse. Warm ist es heute. Der Blick auf den See. Und die Berglandschaft dahinter. Sanft beruhigend und die Seele kitzelnd. Das hier ist mein Zuhause, und das wird es auch immer bleiben. So weit weg ich auch sein werde, die Erinnerungen an die Tage am See werden mir im Gedächtnis bleiben.

Wie oft habe ich mir Gedanken über das „Garden State“-Gefühl gemacht. Dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem man das Zuhause, in dem man aufgewachsen ist, nicht mehr als sein Zuhause, seine Heimat sieht. Wie oft habe ich mich schon so gefühlt. Und jetzt kehrt die Zugehörigkeit zu meinem Zuhause wieder zurück. Ich werde vom Fernweh weggezogen. Und immer mal wieder werde ich zurückkehren.

Zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Zu den Menschen, die das erste Drittel oder Viertel meines Lebens ständig an meiner Seite waren. Zu dem Grab, der Stätte, dem Mahnmal für einen so heftigen Einschnitt in meine Seele. Zurück zum Start werden mich die wenigen Tage daheim führen.

Plötzlich liege ich verkehrt auf der Sitzbank. Die Beine über die Rückenlehne hängend, den Rücken auf der Sitzfläche, den Kopf hinunterfallend. Es beginnt zu regnen. Und ich beobachte, wie vom blauen Boden unzählige Tropfen in den nassen Himmel fallen. Für kurze Zeit scheint die Erdanziehung abgeschaltet. Von oben herab hängen riesige Berge. Und am Himmel kreisen Autos. Und je mehr Tropfen in den Himmel fallen, desto mehr Ringe werden sichtbar.

Immer größere Kreise werden gezogen. Immer größere.

Kammerflimmern.

Die Tür ist geschlossen. Kein Licht strömt herein. Ich suche mir Platz zwischen all den Hemden und Jacken. Ich höre ein Tocken. Schritte wenige Meter von mir entfernt. Ich kauere mich zusammen. In dieser Dunkelheit.

Kreisende Füße. Zehn, nein … zwanzig Zehen auf meinem Fußboden. Blicke. Und das Verschwinden. Ich warte. In der Dunkelheit und tauche ein in die Stille, die wieder Platz gefunden hat. Irgendwann bekämpfe ich noch schnell das Ungeheuer, schließe meine Augen und verlasse den Schutz bietenden Schrank.

Es wäre nichts Schlimmes gewesen. Sie hätten mich wahrscheinlich geholt, weil das Mittagessen fertig ist. Ich habe keinen Hunger. Habe keine Lust unter Leute zu treten. Selbst wenn sie sich meine Familie nennen darf. Ich werfe mich auf mein Bett. Die Sonne erhellt meinen Schreibtisch, wandert über meinen Teppich, berührt Teile meiner Liegestätte.

„Ist man jetzt. Wo man nicht mehr high ist, froh dass es vorbei ist.“ Ich drehe mich auf den Rücken. Das hellblaue Leintuch schenkt meinem Zimmer einen warmen Hauch des Sommers. Der Ahornbaum vor meinem Fenster erlaubte es mir früher immer, hinauszuklettern und mich abzuseilen. Jetzt bin ich schon viel zu müde und zu alt dazu, denke ich. Ich liege hier und warte.

Mein Herz schlägt. Zur Freude aller und doch ist es in solchen Momenten immer anders. Es pocht in meinen Ohren. Der Hals spürt das Schlagen. Und manchmal, immer mal wieder, kommt es aus dem Rythmus. Hört auf. Und ist wieder hier. Vielleicht ist das alles nur Einbildung. Vielleicht ist es aber auch real. Ich könnte mein Zimmer zusperren. Könnte aus dem Fenster klettern. Und einfach abhauen. Doch ich liebe mein Zimmer. Liebe die Stille. Liebe das weiche Bett.

Plötzlich höre ich wieder Schritte und ungewohnt schnell verschwinde ich wieder in den Schrank. Mit der warmen Winterjacke vor dem Gesicht. Meine Zimmertür bleibt geschlossen. Stattdessen geht die Person in eine andere Richtung. Ich möchte die Tür aufdrücken, doch nach wenigen Zentimetern Licht, lasse ich sie wieder zufallen. Ich bleibe noch hier.

Verkrieche mich in die Stille, lasse die Musik in meinem Kopf rotieren. Und höre den Stimmen da drinnen immer aufmerksamer zu. Verstehe den Standpunkt jeder einzelnen Gestalt. Versuche wortlos zu kommunizieren. Die Knie hochgezogen, um richtig Platz zu finden. Und irgendwann schlafe ich ein und verlasse die Dunkelheit für weitere sieben Stunden nicht mehr. Als ich die Türe das nächste Mal öffne, hat sie auch draußen schon wild um sich geschlagen. Die Dunkelheit. Ich werfe mich auf’s Bett und fühle mich wohl. Das Herz ruht. Mit gemächlichem Pochen. Und keine Menschen, die Treppen rauf oder runter, in Zimmer rein oder raus gehen. Nur ich, und die Dunkelheit, und das Pfeifen des Windes am Fenster und ihr.

Tapetenwechsel.


Ich falle hinein, falle heraus. Halte mich fest, stürze zurück. Stoße mich und blicke nach vorne. Hinein in dieses grelle Licht aus Dunkelheit erbaut.

Wie viele Jahre mag es denn nun schon her sein, als ich mehrmals jährlich in diesem großen Zimmer mit diesem großen Bett, dem riesigen Kasten und den zwei Fenstern hinaus zu den Obstbäumen, schlafen durfte. Und ich minutenlang Probleme hatte, nach dem Abdrehen des Lichtes die grässliche Tapete aus dem Kopf zu bekokmmen.

In welchem ich einen meiner ersten Liebeskummer zu verarbeiten versuchte, immer mit den Gedanken und dem Aufeinandertreffen. So viel Schmerzhaftes. Das Zimmer ist schon nicht mehr. Das Bett auch nicht. Nur die Fenster scheinen noch zu sein. Und es stimmt. So sehr sich auch die Welt verändert, und Dinge verschwinden, die früher einmal die Grenzen der Welt bedeuteten, so bleibt doch immer die Erinnerung. Wie viele Jahre mag es her sein.

„Wovon sprichst du?“. Von der Seite sprichst du mich an. Ich habe meinen Blick nach oben erhoben und versuche sinnlose Details an der Decke zu finden. Einfach so vor mich hingesprochen, erfasse ich die Frage gar nicht wirklich. Erst dann. „Von Erinnerungen.“ Sicherlich folgt jetzt die Frage, wie ich darauf komme. Ich nehme sie vorweg und verwerte hingegen schon die Antwort. „Weil …“ Ich stocke.

Immer mal wieder beginne ich ohne ersichtlichen Grund. Versinke in den Erinnerungen, die mir eigentlich schon lange nicht mehr untergekommen sind. Jetzt tauchen sie wieder auf. Wie die raren Rückfälle in die Vergangenheit, die Alzheimerpatienten öfter mal haben. Wo dann alles stimmt, während in der Gegenwart so vieles falsch zu laufen scheint.

Ich kehre zurück zu unserem Gespräch. Und während ich dich so ansehe, wundert es mich, wie sehr es mir bei dir auffällt. Wir haben uns jetzt mindestens schon zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und während wir uns alle irgendwie weiterverändert haben, ich ein Anderer wurde, und mein Freundeskreis sich weiterentwickelt hat, bist du immer noch der Gleiche. Irgendwie erschreckend. All die Veränderungen die die Entwicklung mit sich bringt, scheinen an dir vorübergegangen zu sein. 

„Worüber sprachen wir?“, frage ich. „Über unsere Liebesleben.“. Du lachst. Und ich versinke wieder in Erinnerungen. Wieso muss das in jedem Gespräch zum Thema gemacht werden. Und während du mir von deiner Freundin und den beiden Exfreundinnen erzählst, die du seit den letzten zwei Wochen hattest, beginne ich zu lächeln, drehe das Licht ab und bekomme einfach diese grässliche Tapete nicht mehr aus dem Kopf.

Somewhere Between. Waking And Sleeping.

Denk ich mir, als ich unter einer riesigen, schweren Schicht aus Schnee aufwache.

Er drückt auf meinen Brustkorb, erschwert es mir richtig zu atmen.
Mein Kreislauf scheint sich während des Schlafens schon
heruntergeschraubt zu haben. Mit meinen Armen vor den Augen fühle ich
mich beschützt, und doch irgendwie auch eingeengt. Das Öffnen der
Augen. Die Dunkelheit des Zimmers holt mich zurück. Das mechanische
Läuten des Weckers. Der Schlag.

Herzlich Willkommen. Zurück in dieser Welt. Schon wieder ein Traum, der mir die Virtualität so real erscheinen lässt. Selbst jetzt, in der Wirklichkeit, spüre ich den Druck auf meinem Bauch. Ich bleibe noch liegen. Das Bett hält mich zurück. Und diese Phase der Erholung hilft mir, mit den aktuellen Zuständen besser zurecht zu kommen.

Irgendwann falle ich dann doch mehr oder weniger aus meinem Bett. Die Boxershort wird von einem Shirt ergänzt, farblich überhaupt nicht schön abgestimmt  „Was für ein Traum“, denke ich. Gehe zum Fenster um frische Luft reinzulassen. Und doch. Die gesamte Welt liegt unter einer riesigen meterhohen Schneeschicht. Kein Auto fährt mehr. Kein Schiff überquert den Fluss. Alles ist weg.

Alles. Weg. Ich atme tief ein und schließe meine Augen. Als ich sie wieder öffne, ist das Bett nun wieder hier. Ein Traum schon wieder. Und ich laufe ins Wohnzimmer. Dem Zimmer, wo meine Eltern normalerweise immer um diese Zeit sind. Laufe hinauf, öffne die Tür. Und finde grauenhaft verstümmelte Wesen in ihren eigenen Blutlachen ertrunken. Ein lautloser Schrei. Der Gedanke an Flucht. Die Treppe wieder hinunterlaufen, stürzen. Hart aufschlagen. Die Augen wieder öffnen.

Und das Bett. Nichts ist wirklich passiert. Nichts. Und diesmal meine ich auch wirklich nichts. Kein einziges Minütchen muss Realität sein. Alles kann nur Traum eines verwirrten Idioten sein. Eine Tragikkomödie. Bis man wieder aufwacht und in den nächsten Alptraum stolpert.

Die Welt ist nicht real. Rein surreal lebt sie fort. Diese Welt. Irgendwo zwischen Aufwachen und Einschlafen.

When The Show Is Over.

And all is said and done.

Der Vorhang schließt sich, der tosende Applaus der leicht zu beeindruckenden Masse tönt noch hinter die Bühne. Ich verschwinde, höre mir nicht mal mehr die Komplimente meiner Kollegen an. Nein, ich mache mich gleich auf den Weg in die Garderobe. Lege mein Kostüm ab und schlüpfe in meine gemütlichen Kleidungsstücke. Die Tür ist verschlossen. Und mit eiskaltem Wasser berühige ich meine strapazierten Stimmbänder. Ich sehe mich in den Spiegel, sehe meine verschwitzten Haare, der Applaus hat nachgelassen, die Leute gehen nach Hause. Ich zerstrubbele meine Haare, die für diesen Abend und für alle Abende der nächsten Wochen so aussehen sollten. Um wieder einmal ich selbst zu sein. Gänsehaut bekommen, da man sich das Gefühl in Erinnerung ruft, wenn man vor hunderten Menschen auf einer Anhöhe steht.

Das zweite Glas. Ich habe bis jetzt noch nichts gesagt. Es klopft. Die Stimme ist bekannt. Die weibliche Hauptrolle. Ebenfalls ihre Stimme schonend. Ich stehe auf, drehe den Schlüssel und öffne ihr die Tür. Sie tritt herein. Wir loben uns nicht, sind uns unserem Können und unserer Fehler bewusst. Sitzen gemeinsam auf der Couch und zählen die Minuten, bis wir zu gehen bereit sind. An der Tür vor dem Theater trennen sich unsere Wege, bis zum nächsten Spieltag natürlich. Ein Kuss auf die Wange, sie verlässt nach links die Szene. Ich nach rechts.

Mit dem Bus gehts zurück in die kleine Mietwohnung. Die 86 Stufen hinauf bis zu meiner Tür. Habe ich etwa schon wieder vergessen, die Tür abzuschließen. Und während ich den Blick durch meine Wohnung schweifen lasse, fällt mir auf, dass meine Goldfische schon seit ein oder zwei Tagen kein Futter mehr bekommen haben. Und selbst ich habe heute darauf vergessen zu Essen. Bei meiner letzten Tasse Kaffee noch schnell die Post durchblättern. Zwei, drei Rechnungen, Reklame, Weihnachtspost. Der Papierkorb füllt sich.

Und nachdem ich mich von meinen genährten Fischen verabschiedet habe, finde ich meinen Weg ins Bett. Kaffeebedingt mit offenen Augen. Zugedeckt. Nur in meiner Boxershort. Den Fernseher habe ich schon vor einiger Zeit aus meinem Nächtigungszimmer verbannt. Und so denke ich nach. Über den Tag. Und den Traum. Den ich vor Jahren hatte. Und der früh genug viel zu früh in Erfüllung ging. Über das Leben, das ich damals lebte. Über das Leben heute. Dass das hier eigentlich mein erfüllter Traum ist, und doch nichts meiner Traumwelt entspricht. Dass die Wohnung kleiner und die Fische größer als in meiner Wunschvorstellung sind. Und dass das Bett viel zu groß ist, für mich. Alleine.

Und irgendwann ist die Show vorbei. Für diesen Tag zumindest. Und alles ist gesagt und getan. Ich schließe die Augen, und eine neue Show beginnt. Zeit, um weiterzuträumen.

Keine Texte Über. Liebe.

Das Kissen ganz fest in mein Gesicht gedrückt. Ich ringe nach Luft. Und irgendwann kann ich nicht mehr und lasse das Kissen aus, mein Kopf rollt auf die Seite und ich atme wieder weiter. So wie immer.

Mein Stift ruht wieder. Wenige Worte habe ich bis jetzt erst zustande gebracht. Und alle wurden verziert von wütenden und besorgten Strichen. Auf meinem Block findet sich nur eine unleserliche Schmiererei. Die Wörter sind verdeckt. Keinen ganzen Satz bekomme ich auf die Reihe, keiner geraden Linie kann ich folgen. Wütend auf mich und auf alles andere werfe ich den Stift quer durch das ganze Zimmer, bis er gegen ein Kästchen knallt, zerbricht und die blaue Tinte sich über den Boden ergießt. Doch anstatt es sofort wegzuwischen, werfe ich auch gleich den Block hinterher. Schlage meinen Kopf in das Kissen. Drehe ihn irgendwann zur Seite. Und an dieser Stelle, an der das Auge auf die Federn der Gans treffen, bildet sich ein kleiner nasser Fleck.

In die Decke wickle ich mich ein. Mir ist kalt. Ich habe Fieber. Mein Immunsystem spielt verrückt, es wurden wohl die falschen Abwehrkräfte aktiviert als ich dieses minderwertige Getränk jeden Tag trank. Und so nehme ich die Fernbedienung in die Hand und verlasse mich drei Stunden lang auf seichte, total uninteressante Einheitskost. Ich habe zirka vier Filme begonnen zu sehen, habe mir sechs Sendungen reingezogen und bin trotzdem noch so leer wie zuvor. Meinem Handy geht schön langsam der Akku aus. Und nichts erreicht mich.

Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gehört? Mehr als eine Woche, wenn meine Erinnerung stimmt. Länger als die Ewigkeit, will sie mir weißmachen. Ich habe mich nicht gemeldet, so von wegen Stress und schlussendlich wegen Krankheit. Habe dich nicht angerufen. Habe nichts unternommen. Genauso wie du. Was solls denke ich mir und dann fällt mir wieder ein, dass ich eigentlich so oft daran denke, dass ich es einfach nicht lassen kann. Kann meine Gedanken nicht von dir abwenden. Neben all den Gedanken, die ich irgendwie brauche, um mit allem zurecht zu kommen. Beziehungsweise um immer mehr in einer Traumwelt zu versinken.

Millimeter für Millimeter, Tausendstel Sekunde um Tausendstel Sekunde. Die Welt setzt ihren gewohnten Gang fort. Hast du an mich gedacht. Hast du jemals mitbekommen, wie es mir geht? Selbst Menschen, die sich zuvor nur selten gemeldet haben, fragen nun, wie es mir geht. Und du, die so viele Monate Teil des Wirs waren, fragt nicht. Ich fühle mich leer. Die Decke wärmt nicht. Mir ist eisig kalt und ich zittere.

Selbst der Tee, diese Kirsche und was weiß ich Kombination, bringt meinen Kreislauf nicht wirklich auf Vordermann. Nein. Es bleibt so wie es ist. Und während ich kurz die Augen schließe, träume ich wieder die verrücktesten Sachen; und wenn ich wieder aufwache, denke ich wieder daran. Und ich würde mir wünschen, du würdest dich melden. Würde mir wünschen, du wärst da.

Und langsam stehe ich auf. Mein Genick, meine Beine, meine Hände. Alles tut weh. Ich bücke mich um den Block. Die Tinte hat sich mehrere Seiten tief hineingebohrt, und während ich durch das Karierte, von Blau getränkte blättere erscheint mir, vielleicht auch nur in meiner Vorstellung dieser Fleck auf Seite Sieben wie ein Herz. Alle Zettel davor reiße ich heraus. Hier soll es beginnen. Das soll es sein. Und während ich mir einen neuen Stift suche und mich an den Tisch setze, frisst sich der blaue Fleck immer weiter in das jetzige Deckblatt hinein. Als würde es alles einvernehmen und nichts unversehrt zurücklassen.

Zu zittern beginnen. Und den Stift wieder fallen lassen. Und mir für immer und ewig schwören: Keine Texte über Liebe mehr. Langsam hebe ich den Stift wieder auf. Und beginne zu schreiben. Dutzende Male dein Name. Hunderte Erinnerungen. Bis ich wieder einmal erkenne, dass es nicht geht. Vielleicht irgendwann. Nicht jetzt. Dich zu vergessen. Dich nicht als das anzusehen, was du nicht bist.

In My Time Of Need.


Ich betrete den Raum. Bekannte Gesichter. Alles ist anders.

Meinen Blick hättet ihr sehen müssen. Als ich die Einladung höchst unpersönlich per SMS erhielt. Gefreut habe ich mich wie ein pudelnasser Dackel auf den trocknenden Fön. Die ganze Woche darauf hingefreut, Termine abgesagt, Leben umgekrempelt.

Nach Tagen der Eingehülltheit in diesem Kokon, dem Nicht-Realisieren der Außenwelt, dem Abschoten von allen Sinneseindrücken begegne ich euch wieder. Freunde nennen wir uns. Viel mehr seit ihr für mich. Unglaubliche Magie liegt in euren Augen, euren Worten, eurer Liebe, die ihr für mich empfindet. Euch soll ich heute also wieder sehen. Nach minutenlanger Suche nach der richtigen Kleidung und dem richtigen Deodorant mache ich mich auf den Weg.

Das Auto abgestellt, die Mitbringsel unter die Arme gepackt. Aussteigen, zur Haustür hinaufgehen. Anläuten. Die Tür wird geöffnet, ich werde zum Mittelpunkt der Party, des Zusammenkommens. Als ich in diesen Raum eintrete, blicken mich nun zweimal so viele Augen an, als Personen hier sind. Für kurze Zeit Stille.

„Schön, dass du gekommen bist.“ Ich lächle. Die Musik hat nie aufgehört zu spielen. Ich sitze mich zu euch auf den Boden. Rieche den Glühwein in meiner Nase und das Gefühl von Wärme überkommt mich. Gespräche beginnen. Und irgendwann fällt dieser Name, eher zufällig, der Blick schweift wieder zu mir, Stille. Immer mal wieder.

Ich lächle. So wird es wohl noch einige Zeit sein. Aber irgendwann einmal können wir diesen Namen wieder aussprechen, ohne dass irgendetwas geschieht. Und dann werden wir lachen, über die Erzählungen, die ich jedes Mal mitbrachte. Werden lachen. Irgendwann.

In meiner Zeit der Not ward ihr immer für mich da. Ich möchte euch danken. Und ich freue mich, euch endlich wieder alle auf einen Haufen zu sehen. Ihr, die ihr mir so viel bedeutet. Ihr. Meine. Freunde.

Hey. Are You Lonely.

Has summer gone so slowly.

Deine Lippen sind rund geformt. Luft entweicht in einem gewohnten Ton. Du pfeifst vor dich hin. Eine Aneinanderreihung von schiefen Noten, ein Lied, deine eigene Komposition. Dein rechter Arm ist abgewinkelt und deine Handfläche befindet sich zwischen deinem Kopf und der grünen Wiese. „Warm ist es.“, sagst du. Es stimmt. Einer der letzten Sommertage.

Das leuchtend grüne Gras neben dem Rauschen des kleines Baches. Wir liegen im meinem Garten. Durch die alte Silbertanne hindurch erscheinen auf unseren Körpern kleine, feingliedrige Schatten. Die Wärme, die fünfundzwanzig oder achtundzwanzig Grad, sie lässt uns still hier liegen. Ich blicke in den Himmel.

Nach einem kurzen Blick direkt in die Sonne kann ich nur mehr wenige Farben zwischen all dem Weiß des Himmels sehen. Irgendwann sehe ich auch wieder das Blau des Himmels, und die wenigen Wolken. Zwei oder drei Kondensstreifen von Personenflugzeugen schmücken die Decke der Welt.

Die Welt ist rund, das Leben wunderbar. Sorgen der Zukunft werden noch nicht mal angedacht. Sorgen der Vergangenheit geraten kurzzeitig in Vergessenheit. Das Schweigen zwischen uns hält an. Niemand geniert sich und versucht zwanghaft eine unnötige Konversation aufrecht zu erhalten. Wir genießen das Leben und das Gefühl, dass keine Worte nötig sind.

Du drehst dich zu mir, ich mich zu dir. Wir sehen uns an, und lächeln. Freuen uns über diesen schönen Tag. Der CD-Player, der hier ständig Fair von Remy Zero spielt, zaubert uns so viele Erinnerungen in den Kopf. Summer gone so slowly. Es ist warm, denke ich mir. Schon wieder. Und während wir wieder gemeinsam in den Himmel starren, den Bach rauschen hören, die Wellen am Ende des Wasserfalls brechen spüren, geht er zu Ende.

Der Sommer. Unser Sommer. Erinnerungen. Die so nie wieder sein werden. Vielleicht ist das auch gut so. Und doch bleiben sie. Irgendwie für ewig. Vielen Dank für alles. Vielen Dank. Und nun, lass uns wieder schweigen. Wir liegen hier seit Stunden, trinken Wein und sind einfach nur am Leben. Bis die Welt zerbricht, es dunkel ist.

A Rush Of Blood.

… upon your face.

„Für mich bitte eine Coke.“ Du siehst mich an, lächelst. „Früher sagtest du nie Coke.“ Früher, denke ich mir. Früher trank ich auch lieber irgendetwas anderes. Früher war der Sommer warm und der Winter kalt. Früher war das Leben anders und wir? Wir haben uns auch seither verändert. Das Café ist vollgestopft mit allen Sorten von Menschen.

Wir haben uns getroffen, erst vor fünf Minuten. Nach kurzem Smalltalk haben wir beschlossen, auf einen Kaffee zu gehen. „So lange Zeit haben wir uns schon nicht mehr gesehen. Wir müssen über so vieles reden.“, meintest du, als ich dir, wie es doch so üblich ist, die Türe aufhielt. Ach, haben wir?

Es stimmt wirklich. Das letzte Mal haben wir uns gesehen, vor einem halben Jahr. Viel ist passiert. Viel zu viel. Tausende Sachen würde ich rückgängig machen. Hunderte Sachen sollten geschehen. Doch wundert es dich nicht, dass wir uns seither nicht mehr gesehen haben? Ich habe nicht unbedingt Wert auf das Aufrechterhalten unserer Bekanntschaft gelegt. Aber jetzt sind wir schon mal hier.

„Erzähl aus deinem Leben“, forderst du mich auf. Ich blicke auf, der Kellner stellt unsere Getränke auf den Tisch und ich schnappe mir sofort den Strohhalm. Etwas zum Festhalten, irgendwie. Und während ich langsam die Augen zu dir schweifen lasse, beginne ich zu erzählen.

Mein Leben? Eine Achterbahn, aus der man nicht einfach so aussteigen kann. Freude über bestandene Prüfungen. Heruntergeholt werden durch die Betroffenheit über den Tod eines Fremden. Eine Familientragödie. Und immer wieder das Aufflackern der Zweifel, der Hoffnung, der versuchten Realitätsverweigerung, der Wut. So viele Gefühle und Gedanken in einem Kopf, so viele Worte in meinem Block, so viele Wünsche und Träume irgendwo da oben. Manchmal noch das Zittern des ganzen Körpers, oder auch das zittrige linke Augenlid. Nervösität und immer mehr die Annäherung an das Gefühl der körperlichen Selbstverletzung. Mit dem Leben nicht umgehen können und doch irgendwie immer wieder einen Grund finden, es fortzusetzen. Ja, das ist mein Leben.

Ich habe die ganze Zeit in die aufsteigenden Bläschen in mein Cola gesehen. Als ich aufblicke, siehst du mich entrüstet an. Dein Blick sagt mir, dass du etwas anderes erwartet hättest. Schon klar. Ich bin nicht mehr dieser Smalltalk-Typ. Du öffnest mehrmals deinen Mund, als wolltest du etwas sagen. Und ich erleichtere dir das Finden der Worte. „So, erzähl nun du aus deinem Leben.“, möchte ich von dir wissen.

Ach, ähm. Stress. Und so.

Ich lächle. Wie belanglos ein solches Leben doch ist. Wir sind still. Du wirfst Zucker in deinen frisch gemixten Latte Macchiato. Wie stolz ich doch damals war, als ich jedem erzählen konnte, was denn nun der Unterschied zwischen Café Latte, Latte Macchiato und Milchkaffee wäre. Jetzt ist es mir egal. Das Cola vor mir verliert mehr und mehr von seinem Kohlensäuregehalt. Mit dem Strohhalm leere ich das Glas schnell. Blicke auf meine Uhr und sage dir, es täte mir Leid, ich müsste schon gehen. Und nachdem ich bezahlt habe, deinen Kaffee nahm ich auch auf meine Rechnung, standen wir auf, schnappten uns unsere Jacken und Schals und was weiß ich. Und als ich dir die Türe offen halte und sich unsere Wege wieder trennen, fallen mir plötzlich zwei Worte ein, die ich in dieser Kombination nur sehr selten benutze.

Leb‘ wohl.

It’s Cold.

… when you fade into the wind.

Der Wind lässt den Ast des nackten Apfelbaumes gegen das Fenster schlagen. Wie bei jedem kleinen Unwetter. Ich verkrieche mich immer weiter unter der Bettdecke. Die Dunkelheit, das Geräusch des pfeifenden Windes, das Alleinsein. Alles für sich etwas Schönes, in dieser Kombination hingegen Angst einflößend. Das Telefon ist tot und aus dem Fernseher kommt nur mehr ein Rauschen und viele kleine schwarze und weiße Pünktchen.

Nicht mal ablenken kann ich mich, denke ich mir. Wie sinnlos dieser winterliche Herbstnachmittag doch ist. Wo ich doch hier zuhause so gut wie gar nichts zu tun hätte. Und jetzt auch noch die restlichen Kuchenstücke meiner Familie einfach mal weg sind. Wann sie zurückkommen. Das haben sie mir nicht gesagt. Viel zu wenig haben sie mir gesagt. Und ich liege jetzt hier in meinen Bett, eingekuschelt. In Sorge um meine Familie, und in egoistischer Sorge um mich.

Sollte er mich etwas abheben lassen, der Wind. Sodass ich zum Zauberer von Oz fliegen kann. So ein Abenteuer, wäre es noch ganz neu, ich würde sofort mitmachen. Vor allem, weil mich schon immer die Figur der Vogelscheuche faszinierte. Die doch einfach nur etwas Verstand haben wollte. Und das Blechmännchen auf der Suche nach Herz. Eine zauberhafte Geschichte. Vor allem auch, weil mir die Farben meiner Vorstellung so gefallen haben.

Jetzt ist alles nur grau. Der Himmel erhellt sich für kurze Zeit, ein Blitz sucht sich den Weg zum Boden, das Warten. Mit den Fingern zähle ich die Sekunden, die Kilometer, bis das Gewitter bei uns angekommt. Drei, vier, fünf. Jetzt donnert es auch. Und während ich mich in meinem Bett ausrichte und die Geschehnisse durch das Fenster beobachte, beginnt es zu regnen. Große, dicke Tropfen.

Jedes einzelne Donnern geht mir nahe. Ich zittere fast im Takt der Erschütterung. Irgendwas scheint sich zu lösen. In mir. Dass plötzlich wieder so vieles hochkommt, was ich eigentlich zu verdrängen versuchte, lässt sich nicht stoppen. Unaufhaltsam kehre ich in mich und bleibe, mit den Knien zur Brust hochgezogen, zitternd und wippend liegen. Bis das Unwetter vorüber ist. Bis die Familie wieder vereint ist.