
Der Blick nach unten erzeugt in mir dieses unruhige Schwindelgefühl. Nur nach oben blicken, nicht nach unten. Und wenn nun nichts mehr oben ist, außer der große blaue Himmel, wolkenlos und leer. Und in kurzer Zeit färben sich meine Augen ebenso azur, und mit einem Mal bin ich Teil des Himmels geworden.
Das Blut strömt mir in den Kopf. Die Haare fallen der Erdanziehung zum Opfer und meine Hände berühren fast den Boden. Wie lange hänge ich schon so da. Die Welt, um 180 Grad gespiegelt. Die Menschen, wie sie am asphaltierten Himmel laufen. Die Erde, in ihrem einzigartigen Blau. Der Wind. Er bläst mir Staub in die Augen. Ich schließe sie. Halte mich an dem Rohr fest, auf dem ich kopfüber hängte und finde mal wieder den Kontakt zwischen meinen Füßen und dem Gras.
Der Weg geht weiter. Die Sonne kitzelt meine blonden Haare. Das Grün unter meinen Füßen wechselte zu kleinen Kieselsteinen. Ich folge diesem Weg weitere fünfzig oder hundert Meter, bis ich eine kleine Bank aus Holz finde. Mich darauf niederlasse. Warm ist es heute. Der Blick auf den See. Und die Berglandschaft dahinter. Sanft beruhigend und die Seele kitzelnd. Das hier ist mein Zuhause, und das wird es auch immer bleiben. So weit weg ich auch sein werde, die Erinnerungen an die Tage am See werden mir im Gedächtnis bleiben.
Wie oft habe ich mir Gedanken über das „Garden State“-Gefühl gemacht. Dass irgendwann einmal der Tag kommt, an dem man das Zuhause, in dem man aufgewachsen ist, nicht mehr als sein Zuhause, seine Heimat sieht. Wie oft habe ich mich schon so gefühlt. Und jetzt kehrt die Zugehörigkeit zu meinem Zuhause wieder zurück. Ich werde vom Fernweh weggezogen. Und immer mal wieder werde ich zurückkehren.
Zu dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Zu den Menschen, die das erste Drittel oder Viertel meines Lebens ständig an meiner Seite waren. Zu dem Grab, der Stätte, dem Mahnmal für einen so heftigen Einschnitt in meine Seele. Zurück zum Start werden mich die wenigen Tage daheim führen.
Plötzlich liege ich verkehrt auf der Sitzbank. Die Beine über die Rückenlehne hängend, den Rücken auf der Sitzfläche, den Kopf hinunterfallend. Es beginnt zu regnen. Und ich beobachte, wie vom blauen Boden unzählige Tropfen in den nassen Himmel fallen. Für kurze Zeit scheint die Erdanziehung abgeschaltet. Von oben herab hängen riesige Berge. Und am Himmel kreisen Autos. Und je mehr Tropfen in den Himmel fallen, desto mehr Ringe werden sichtbar.
Immer größere Kreise werden gezogen. Immer größere.
