Warum ‚Garden State‘ für mich etwas ganz Besonderes ist, obwohl es, glaube ich, doch nur ein Film ist.

Wenn ich etwas ganz besonders mag, lass‘ ich das auch jeden wissen. Zum Beispiel die neue Serie Glee, die ich gerade jedem auch nur irgendwie nahelegen möchte. Oder Mitten ins Gesicht, das erste und bisher einzige Buch, welches mich mit einem tiefen Tränenmeer und kompletter Verwirrtheit zurückließ. Und eben auch Garden State, dieser eine Film aus 2004, den ich, seit ich ihn entdeckt habe, wohl schon ungefähr zwölf, dreizehn Mal gesehen habe. Warum er mir gefällt? Das will ich (und nein, Zach Braff zahlt mir nichts dafür) in diesem, wohl etwas längeren Blogeintrag erklären.

Auf ihn gestoßen bin ich wahrscheinlich irgendwann Ende 2006 oder im Laufe des Jahres 2007. Zach Braff war schon berühmt für seine Rolle des J.D. in Scrubs. Und ich stolperte irgendwann einmal auf Amazon über die DVD, bestellte sie und sah den Film zum ersten Mal. Ein junger Mann, der aufgrund des Todes seiner Mutter nach Hause zurückkehrte, seine alten Freunde wieder traf und sich verliebte. Das waren meine ersten Eindrücke und alleine das reichte aus, mir einzubilden, dieser Film sei so wundervoll, so herzerwärmend.

Dann war dieser eine Schicksalsschlag in meinem Leben, dieses Boden-unter-den-Füßen-Verlieren, dieses Tausendmal-Hinfallen und dieses Nicht-mehr-aufstehen-wollen-und-doch-müssen. Mein langer, schmerzhafter, harter Weg zurück, zurück ins Leben, zurück zum Alltag, dieses Einatmen, mit vollem Bewusstsein und der Hoffnung, dass der Schmerz irgendwann wieder einmal weggehen wird. Als ich das nächste Mal den Film ansah, verstand ich ihn plötzlich anders. Und wahrscheinlich auch besser.

Andrew Largemen hatte eine schwere Kindheit, galt als schwierig und wurde seit Jahren mit Medikamenten ruhig gestellt, er war gefühlslos, er war leer. Und mit dem Flug in den Ort, in dem er aufgewachsen ist, lässt er diese Hilfsmittel, diese Abstumpfer zurück. Er will diesen Schmerz, den Schmerz des Todes der eigenen Mutter selbst fühlen, will mit voller Absicht sich genau diesem Schmerz aussetzen. Diese Abgestumpftheit kam mir bekannt vor. Ich war still, in mir brodelte es zwar, unzählige Gedanken, tausende Worte, die ich mit niemanden wechseln wollte. Aber ich zog mich mehr und mehr zurück. Aber irgendwann wagte auch ich mich aus diesem Mauseloch hervor, mir war bewusst, dass, nach allem was mir passiert ist, dass es mir auch manchmal so richtig scheiße gehen durfte. Und so fand ich langsam den Weg zurück.

Und dann war da noch dieser wunderbare Dialog zwischen Andrew und Sam, im Pool des Erfinders des lautlosen Klettverschlusses.

Andrew Largeman: You know that point in your life when you realize that the house that you grew up in isn’t really your home anymore? All of the sudden even though you have some place where you can put your stuff that idea of home is gone.
Sam: I still feel at home in my house.
Andrew Largeman: You’ll see when you move out it just sort of happens one day one day and it’s just gone. And you can never get it back. It’s like you get homesick for a place that doesn’t exist. I mean it’s like this rite of passage, you know. You won’t have this feeling again until you create a new idea of home for yourself, you know, for your kids, for the family you start, it’s like a cycle or something. I miss the idea of it. Maybe that’s all family really is. A group of people who miss the same imaginary place.

Auch das war genau das, was ich hören wollte und was wie die Faust aufs Auge, oder wie das Titelblatt auf meiner Biografie passen würde. Der Verlust von „Home“, von Heimat, von dem Gefühl, zuhause zu sein. Mit all meinen Problemen, mit dem Aufarbeiten des Todes, mit dem Aufarbeiten vergangener Lieben war ich fehl am Platz, hier in diesem Haus. Ich hatte meinen eigenen Weg, damit fertig zu werden und ich brauchte auch niemanden dafür. Zwar gab mir dieser 29. Oktober 2007 wieder einmal das Gefühl, Teil einer fürsorgenden, sich liebenden Familie zu sein. Aber (selbst wenn dieses Bilder der Familie mit der Zeit in sich zusammenstürzte): zuhause fühlte ich mich nirgendwo. Ich kann überall zuhause sein und nirgends. Halte ich mich irgendwo länger als drei Stunden auf, nenne ich es selbst sogar schon „Zuhause“ oder „Daheim“. Aber das ist es nicht. Es ist nur Schlafplatz, Unterkunft. Aber nicht mehr.

Andrew Largeman: Safe… when I’m with you I feel so safe… like I’m home.

Dieser eine Satz hat sich in meinen Kopf eingeprägt, wie kaum ein anderer Satz aus einem Film. Selbst die Gravur meines iPods sagt mir like i’m home. Darauf kommt es an. Den Menschen zu finden, der einem dieses Gefühl geben kann. Den man so nah an sich heranlässt, ohne Angst, verletzt zu werden, und der einen auffangen kann. Und es auch will. Der für einen da ist, die vielen unsichtbaren Wunden küsst, und einen auch auf schweren Wegen begleitet. Liebe nennt man so etwas wahrscheinlich. Aber ja. Selbst wenn mir all meine Freunde unter die Arme griffen, nach all dem, dieses eine fehlte.

Andrew Largeman: Fuck, this hurts so much.
Sam: I know it hurts. That’s life. If nothing else, It’s life. It’s real, and sometimes it fuckin’ hurts, but it’s sort of all we have.

Man muss sich also erst verletzbar machen, um sich auf das Mensch sein richtig einzulassen. Es hilft nichts, zu wissen, dass hier ein Schmerz sein sollte. Der Schmerz soll einen zu Boden reißen, man soll leiden. Nur um dann wieder aufzustehen und zu sehen: Ja. Das ist es. Das ist das Leben. Das gehört dazu. Und jetzt, verdammt noch mal, ist Sonnenschein angesagt. Egal wo. Vielleicht auch einfach nur in meinem Herzen.

Sam: You don’t realize, this is good, this doesn’t happen often in your life. We can work this stuff out. I want to help you, you know? We need each other…
Andrew Largeman: This isn’t a conversation about this being over, it’s, it’s… I’m not, like, putting a period at the end of this, you know, I’m putting, like, an ellipsis on it, cause I’m- I’m- I’m worried that if I don’t figure myself out, if I don’t go like land on my own two feet, then I’m just gonna to mess this whole thing up, and this is too important. I gotta go… you changed my life in four days. This is the beginning of something really big. But right now, I gotta go.

Und auch einer der letzten Dialoge des Films, auf der Stiege des Flughafens. Andrews beschissener Glaube, alles planen zu müssen. Erst die Ruinen der Vergangenheit wieder aufzubauen, um einen Grundstein für die Gegenwart zu legen. Um in eine glücklichere Zukunft zu blicken. Das Leben in der Vergangenheit macht einen kaputt, und manchmal verliert man auch einfach den Überblick und niemand weiß mehr den Weg zurück. Dieses verdammte Zweifeln, dieses furchtbare Stolpern von Unfähigkeit und fehlenden Mut. Das ist das Leben, das muss man auskosten. Jetzt und nur jetzt. Und jeder kleine Punkt kann das „beginning of something really big“ sein, man darf nur nicht so feige sein, und davor noch flüchten. Das ist es nicht.

Manchmal ist es auch einfach gut, nicht zu wissen, was passiert. Nur zu wissen, dass es gut ist. Dass es richtig so ist, für mich, für diesen Moment. Dass in diesem Moment nichts passieren kann, weil es einfach passt.

Andrew Largeman: Hey Albert
Albert: Yeah?
Andrew Largeman: Good luck exploring the infinite abyss.
Albert: Thank you, and Hey, you too!

Vielleicht ist das unsere roße Aufgabe. Den „infinite abyss“ zu finden. Danach zu suche und womöglich auch tausend Male daran zu scheitern. Den unendlichen Abgrund zu ergründen, in sich selbst. Um aus vollem Herzen menschlich zu sein.

So wie es aussieht hat mich Garden State nach den Ereignissen im Jahre 2007 resozialisiert. Hat mir gezeigt, wie das Leben funktioniert, wie man richtig liebt, wie man wieder fühlt. Es hat mich begleitet, durch Verliebtheiten, Küsse und Sex. Der Film ist ein Wahnsinn auf 4,5 GB. Ein Meisterwerk des Herrn Braff, der dafür sowohl Regie, Drehbuch als auch Hauptrolle übernahm. Und heute habe ich mir, nachdem ich meine erste DVD des Films verliehen/verloren habe, den Film noch ein weiteres Mal gekauft. Um noch mindestens tausende Male den Film zu sehen.

Und um, wie immer, danach raus zu gehen. Die Stille zu genießen, eine rauchen. Und nachdenken. Über alles und mich und vor allem über mich. Und nach diesen fünf oder zehn Minuten bin ich wieder bereit, das Leben in Angriff zu nehmen.

Und im Zweifel für dich selbst – Elisabeth Rank

Und der Tod ist nie das Ende. Und das Leben nie  recht einfach. Das spüren Tonia und Lene zum ersten Mal. Aber dafür mit voller Wucht. Unfall, Schmerz, Stich, Herz. Tim, Lenes Freund. Tot. Und Lene will einfach nur weg und Tonia muss mit. Muss mit und mit ihr gemeinsam die ersten Tage zu durchstehen. Die Trauer zu bewältigen,sie zuzulassen. Einsteigen in das Auto, das nur ab und zu von Stille und Schluchzen durchdrängt wird.

Fahren los, ohne Ziel, ohne Ahnung und ohne Kontakt zur Außenwelt. Hier sind nur Lene und Tonia. Hier sind nur die spärlichen Gespräche über und Erinnerungen an Tim. Und die Gedanken an Friedrich, und die spärlichen Telefonate mit Vince. Und die Erkenntnis, dass es das war. Dass das Meer die Grenze ist. Dass es hier nicht mehr weiter geht. Und man irgendwann doch wieder nach Hause muss, selbst wenn da wieder alles anders ist. Alles wird anders sein und der Tod wird noch nachwirken.

Sosehr man glaubt, die Welt bleibt stehen,
es geht immer weiter.
Für die  anderen, die noch da sind.
Für die neue Liebe.
Und im Zweifel für sich selbst.

Elisabeth Rank – auf Twitter bekannt als @kumullus – hat mit ihrem Debütroman etwas großartig Unspektakuläres geschaffen. Kein Drogen-Berghain-Fickwettbewerbsbuch. Keine Actiongeschichte, keine hummeldumme  Jaud-Scheinkomödie. Sondern eine Geschichte über das Verlieren. Über den Schmerz, den Tod. Über Freundschaft. Über die Hilflosigkeit, die man verspürt. Die Hilflosigkeit und das Wissen, dass man einfach nur helfen kann, indem man da ist. In dem man die Tränen auffängt, die Minuten verstreichen lässt.

Und das alles hat Madame Rank in einer wirklich wundervollen Sprache geschrieben. Mit viel Gefühl, nie kitschig. Irgendwie kommt mir vor, als wäre das Buch ganz einfach nur erschreckend ehrlich. Und ja. In vielen, vielen Zeilen habe ich mich wiedererkannt: der Wunsch nach Unroutine, nach Nichtnormalem. Der Wunsch, dem Alltag entfliehen zu können, und nicht immer und immer mit dem Tod dieses einen geliebten Menschen konfrontiert zu werden. @kumullus hat das so wunderbar, wunderschön und großartig geschrieben. Dankeschön dafür!

Und mit dem Verlag „suhrkamp nova“ habe ich nun auch meinen Wunschverlag gefunden. Das wär doch was.

Elisabeth Rank
Und im Zweifel für dich selbst
Roman – 200 Seiten
ISBN: 978-3518461433
Kaufen bei Amazon (Affiliate Link)

Foto: Cover des Buches (ich hoffe, ich darf es verwenden)

And the rain.

Und der Regen. Wie er nun schon seit Tagen hier herunter träufelt und die vor Kurzem im Zuge eines Wahnes frisch geputzten Fenster unnötig befeuchtet. Du gehst mir nicht aus dem Kopf, weißt du. Und du bist nicht alleine dort. Ich höre nicht auf zu denken, und denke so unglaublich verdammt viel.

Und manchmal stelle ich mir auch immer wieder vor, was passieren, wird, wenn wir uns das nächste Mal sehen würden. Was ich dabei anziehen würde, ob ich mir vorher noch Zigaretten kaufen würde, und ob ich noch irgendetwas mit meinen Haaren machen würde. Ich weiß es bis heute nicht.

Und natürlich überlege ich auch, was ich zu dir sagen würde. Meine Zunge stolpert über die perfekten Worte für genau diesen Moment, doch ich verliere mich in Ungereimtheiten. Störe mich am Kopfchaos und schweige einfach so verdammt bescheuert weiter, obwohl doch alles so furchtbar schön durchgeplant ist.

Es wird nicht klappen und wahrscheinlich soll es auch gar nicht klappen. Vielleicht hängt doch viel zu viel Nichts an dieser ganzen Sache. Ein großer Batzen Dummheit natürlich inbegriffen. Und draußen regnet es immer noch. Seit Tagen nun schon. Das Zimmer ist dunkel, die Zigaretten griffbereit. Wahrscheinlich die beste Zeit, um sich Gedanken zu machen. Wahrscheinlich die schlimmste Zeit für mich.

Foto: silent shot | flickr