9/11

Das Ende meiner Kindheit. Oder der Welt, wie ich sie kannte. War es für Amerika ein Schock, für die Welt ein Entsetzen, war es für mich persönlich wohl das erste einschneidende Erlebnis meines Lebens. Und selbst zehn Jahre danach war das Fernsehprogramm der vergangenen Woche hart für mich. Als würde ich mir ein Stück Vor-9-11 zurückwünschen. Ein kleines Stück naive, heile Welt.

*Foto: AttributionNoncommercialNo Derivative Works Some rights reserved by nycgeo

Ich war 13 Jahre alt. Und erlebte wohl einen der tollsten Tage meines bisherigen Lebens. Mein Papa nahm sich die Zeit, mit mir, im Zug, nach Wien zu fahren. Auf irgendeine – im Jahr darauf – eingestellte Nerd-Messe. Das erste Mal Wien, und vielleicht schon damals der Beginn einer schlussendlich fatalen Liebesgeschichte. Wir waren gerade am Heimweg als Mobiltelefone klingelten.

„Flugzeuge, ins World Trade Center“

Meine Schwester und meine Mama war auch unterwegs, nicht unweit unseres Zuhauses. Als sie wieder heimkamen und das Fernsehen nur aus einem Thema bestand, riefen sie uns an. Meine Mutter erklärte es mir mit etwas zittriger Stimme, die Augen und die Gedanken sichtlich auf die Fernsehbilder gerichtet. Ich konnte es noch gar nicht verstehen. War nicht bereit dazu und wohl auch nicht dazu im Stande. Und irgendwann erinnerte ich mich an den kleinen Radio, den ich, trotz des Lächelns meiner Eltern, vor der Abreise eingepackt hatte.

„Menschen sprangen aus den oberen Stockwerken. Nun sind beide Türme eingestürzt. Über die Opferzahl weiß man noch nichts, aber an einem normalen Arbeitstag können dort bis zu 30.000 Menschen zugegen sein.“ So oder so ähnlich wiederholte sich der Radiosprecher und andere Fahrgäste, rund um uns herum, versammelten sich um den krachenden Radio. In ihrem Gesicht war Entsetzen, wohl auch ein kleines Stückchen Angst. Erwachsene Menschen, die von dieser Nachricht so verstört waren. Hier war ganz offensichtlich etwas passiert. Etwas Einschneidendes für uns alle.

Aber die Welt und ihre Fugen müssen auseinandergeraten. Um Menschen wieder näher zusammenrücken zu lassen, um Hilfsbereitschaft wieder zur großen Tugend werden zu lassen. Oder zumindest, um auf genau das hoffen zu können. (Die Welt und ihre Fugen)

Daheim angekommen gab es für die kommenden drei Tage nur dieses Thema. Dieselben Bilder, immer und immer wieder. Und selbst VIVA und MTV spielten ruhige, traurige Musik. Wiederholten wohl halbstündlich „Only Time“ von Enya. Verzichteten auf Werbung. Hier war wirklich etwas passiert. Amerika, das Land meiner kindlichen Träume, jenes Amerika, das mit Full House oder Hör mal wer da hämmert, jenes New York, welches mir mit Nanny oder Seinfeld ans Herz gelegt wurde. Es war am Ende.

Krieg, Verschwörung und Antiantiamerkanismus

W. Bush wählte Krieg als Reaktion. Wohl das Einzige, was er in dieser Situation machen konnte. Ein so patriotisches Land wie Amerika würde sich nach einem solchen Anschlag nicht mit Diplomatie begnügen. Wählte Afghanistan, schließlich Irak. Damals war ich Gegner dieser Kriegszüge. War dagegen, weil man ja wohl kaum für Krieg sein kann oder so. Schließlich fiel mir Loose Change in die Arme. Und vermutete die USA hinter den über 3.000 Toten der Anschläge. Sei ja alles schön plausibel. Ich war jung, Leute, sorry. Und Verschwörungstheorien haben ganz einfach eine unglaubliche Anziehung auf mich. Aber während auf Twitter oder Facebook munter ein gewisser Antiamerikanismus gepflegt wird, und selbst auch die „Qualitäts“Medien damit anfangen, ist das Trara rund um 9-11 Jahr für Jahr etwas Besonderes.

Ein Wieder-in-Erinnerung-Holen schrecklicher Bilder. Der Gedanke, dass man erstmals live dabei zusehen konnte, wie 3.000 Menschen starben. Dass 9-11 Live-Terror war und wir nur gebannt, erschrocken, entsetzt und ängstlich vor dem Fernseher saßen. Sprachlos von all den erdrückenden Eindrücken. Und für mich bedeutet 9-11 und das persönliche Auseinandersetzen mit dem auch der Beginn einer neuen Zeitrechnung in meinem Leben. Die Kindheit, wie ich sie kannte, war mit diesem Tag vorbei. Jetzt würde es dunkler werden. Jetzt würden auch mal schlimme Dinge passieren. Und sie passierten auch. Auf der Welt, in meinem Umkreis und in mir. Aber schön langsam baue ich sie mir wieder auf. Diese eine, diese kleine, naive, heile Welt.

Wir sind keine Kinder mehr.

Wenn unsere Finger sich verflechten, aus wirrem Zwei plötzlich ein wundervolles Eins wird. Wenn ich meine Hand auf deinen Bauch lege und meinen Kopf auf deine Schulter. Wenn ich dir zusehe, wie du mit leuchtenden Augen aus deinem Leben erzählst. Nach all diesen Jahren verzauberst du mich umso mehr.

Wir schreiben Geschichte. Du warst es, die mir den Wert von Freundschaft gezeigt hat. Du hast mich an der Hand genommen, mir die großartigsten Plätze gezeigt, hast mich teilhaben lassen, an deinem Leben und ich habe dich zu einem Teil von meinem Leben werden lassen. Zu einem ganz besonderen Teil. Du lerntest mir das Vermissen, und das Freuen auf ein Wiedersehen. Das Nebeneinander einschlafen und das Pferde stehlen. Es war eine großartige Zeit damals, vor sieben Jahren. Als wir einen Grundstein legten, ein Fundament bauten, ein Luftschloss aus der Taufe hoben.

Wir haben uns verliebt. Du in mich und ich in dich. Und immer zu unterschiedlichen Momenten. Wir waren jung und wir wussten nicht wohin mit uns. Wir hatten die Freundschaft, hatten eine ganz besondere Beziehung. Wir küssten uns und wir liebten uns. Doch es wollte damals nicht sein und es war auch nicht. Gemeinsam rissen wir die gerade frisch gelegten Steine unseres Weges heraus, bauten die Zelte ab und hatten immer Angst, uns zu verlieren. Wir hätten uns wegen der Liebe verloren. Wegen etwas, was es in dieser Form wohl ganz selten gibt. Damals, vor sechs Jahren. Mit zarten Sechzehn und Siebzehn.

Die Jahre zogen vorüber. Wir beendeten die gemeinsame Schule. Und wir sahen uns dabei zu, wie wir uns verliebten. Wir erzählten uns all die Geheimnisse, legten immer mal wieder unsere Köpfe in den Schoß des anderen und zählten die Sterne. Und in jener Zeit, als viele Menschen ihr Drumherum verloren, als neue Wege sich öffneten, neue Städte interessant wurden, behielten wir uns in den Augen. Ich machte den Zivildienst, du begannst dein Studium. Und als mein Leben den Boden verlor, als dieser einfach so weggerissen wurde, warst du da. Warst du da und hieltst mir die Hand. Warst für mich da und halfst mir. Einfach nur, weil du da warst.

Wir sind keine Kinder mehr. Nein, das sind wir nicht. Nach all diesen Jahren haben wir an Erfahrung gewonnen, haben uns immer wieder neu kennengelernt. Aber eines ist mir geblieben. Dass ich mich wohl fühle, wenn ich dich sehe. Dass dein Lächeln jeden einzelnen Tag retten kann. Und dass mein Bauchweh aufhört, wenn du deine Hand drauflegst. Du tust mir gut, wie kaum jemand. And after all, you’re my wonderwall. Nach all diesen Jahren bist du immer noch meine beste Freundin, eine unvergleichliche Weggefährtin, ein Wahnsinnsmensch. Danke für all die frischen Schmetterlinge. Und danke, dass es dich gibt.

But I’m in so deep.

Foto: sleepy.days | Flickr

Weißt du was? In Wahrheit möchte ich doch einfach nur lieben. Will in den Arm nehmen, will küssen. Will einschlafen, neben dieser einen, dieser meinen Person. Will dem allem ein Ende setzen. „I’m done being single, I’m not good at it.“, sagte schon Ted Mosby und er spricht mir (nicht zum letzten Mal) aus der Seele und trotzdem. Ich habe geliebt, aus ganzem Herzen, vielleicht auch etwas zuviel, es ging zu Ende. Danach habe ich so viele Male Liebe nicht zugelassen, weil die eine noch nicht vorbei war. Und jetzt, wo ich plötzlich mit mir in einer unbekannten Reine bin, verliere ich mich in Ungereimtheiten. Ich bin fertig damit.

Ich habe großartige Freunde, einige alte, einige neue. Allesamt wichtig für mich, Menschen, denen ich gerne zuhöre und dir mir gerne zuhören. Und sie alle erleben es, fallen in and out of love. Erleben dieses wahnsinnige Gefühl von Kennenlernen, von sich Verlieben, von Liebe. Und meist mag ich ihre Partner, manchmal werden sie auch neue, wichtige, großartige Freunde von mir. Aber ich beneide sie auch. Um jeden gemeinsamen Moment, um jedes Nebeneinanderaufwachen und Miteinandereinschlafen. Weil das letzte Mal, als ich neben einer Liebe eingeschlafen bin, schon vier Jahre vorbei ist. Viel zu viel Zeit ist seitdem vergangen, viel zu viel in meinem Leben passiert.

Ein paar Küsse, Sex und Einsamkeit. Keine Liebe. Weißt du eigentlich, wie ernüchternd das ist? Und dann liest man, weil das herkömmliche Horoskop keine Antworten bietet, von seinem Lebensbaum und jenen der Freunde. Und überall steht etwas, wie gut sie und ihre Bäume in der Liebe funktionieren und bei mir, bei der Pappel steht einfach nur, dass aus ihnen sehr häufig Künstler entstehen. Weißt du, wie verdammt ernüchternd so etwas ist?

Ich glaube, ich lasse es bleiben. Ich bin nicht fertig damit, Single zu sein. Vielleicht bin ich fertig mit der Liebe. Vielleicht bin ich dafür einfach nicht geboren. Vielleicht bin ich ja der Inbegriff einer Pappel, und daher ein Künstler. Und vielleicht sind Künstler dazu verdammt, viel eher Leid zu verspüren als Liebe, wie Houellebecq meint. Vielleicht ist das alles für mich einfach nicht vorbestimmt.

Aber vielleicht ja doch. I’m done being single. Und Hoffnung ist einer der Grundbegriffe in meinem Leben. Ohne Hoffnungen keine Erwartungen, ohne Hoffnungen keine Träume. „Es wird sich etwas ergeben.“ gilt auch hier. Ich freue mich darauf, kann es kaum noch erwarten, will es spüren, will endlich wieder einmal lieben. Und geliebt werden.

Liebe passiert, Liebe sucht, Liebe findet. Aber vielleicht hab‘ ich mich einfach auf dieser Schatzkarte der Liebe etwas zu gut versteckt.

Schreiten. [Eine Lebensphilosophie]

Es ist mir wohl irgendwann in diesem Jahr passiert. Als ich bemerkt habe, dass das Leben mit all seinem Alltag nicht unbedingt das große Grau-in-Grau mit sich bringen muss. Viele Projekte, das Studium, meine Pläne und Träume. Irgendwann brauche ich auch mal Zeit für mich. Daraus entstand, es war wohl in Stockholm, die Idee des Schreitens. Gemeinsam mit dem „Fuck it!“-Lebensratgeber begann ich mich darauf zu konzentrieren. „Schreiten“, es gibt wohl kaum einen Namen, der es biederer beschreiben könnte, worum es geht. Aber nachdem auch Graz unter diesem Motto gestanden ist, und auf meine Tweets oft nur Replies mit Fragezeichen kamen, möchte ich es hier endlich einmal erklären.

Nur … wie erklärt man etwas, das man einfach so tut? Vielleicht sollte ich erzählen, wie es mir in den vergangenen Monaten half. Und es half mir wirklich sehr oft und oftmals auch auf überraschende Weise. Im Schwedenurlaub fiel mir auf, wie schön es ist, nicht von einem Platz zum andern zu laufen, sondern sich wirklich mal die Zeit zu nehmen, um sich alles genauer anzusehen. Um mal einfach nur die U-Bahnstationen zu betrachten, oder an einem Wolfsgehege für einige Minuten stehen zu bleiben. Wir haben doch alle Zeit der Welt, oder?

„Fuck it“ bringt es auf den ersten Seiten sehr gut auf den Punkt. Ich bin einer unter 6,7 Milliarden, meine Befindlichkeiten sind von so geringer Relevanz, ja, selbst ich bin von kaum vorhandener Bedeutung. Das könnte man jetzt natürlich sehr negativ auslegen, aber in Wahrheit bringt es die Sache auf den Punkt. Denn genau diese Ansicht hilft einem dabei, nicht unbedingt „funktionieren“ zu müssen. Diese Einstellung offenbart, dass es nicht darauf ankommt, wie man ankommt. Es kommt auf den Weg an, und den darf man sich so schön wie möglich gestalten.

http://twitter.com/#!/just4ikarus/status/79597377341751296

Und auch das ist wichtig:

http://twitter.com/#!/just4ikarus/status/79597621232156673

Was ist also nun genau dieses Schreiten? Es ist ein „Sich-Zeit-Nehmen“. Ein Ende der unbändigen Geschwindigkeit. Es ist ein Ausbremsen der Realität. Wirklich überrascht hat sich meine gewandeltete Einstellung zum Leben beim großen Prüfungsfail vor nunmehr fast einem Monat: Ich hätte in ein Loch fallen können, vielleicht wäre es sogar meine Aufgabe gewesen, nur um den Annahmen aller anderen zu entsprechen. Aber ich habe weitergelebt, und vielleicht viel intensiver als viele Tage zuvor. Ich habe schöne Abende mit großartigen Freunden erlebt, habe, obwohl ich keinen Plan für die Zukunft zu haben schien, einfach in den Tag hineingelebt. Und irgendwann neue Pläne gefunden und einen neuen Schwung für meine Träume heraufbeschworen.

http://twitter.com/#!/Looka/status/79877280276561920

Schreiten hilft. Stockholm war ein Ausdruck der Spontanität … auf ein „Ich war noch nie in Stockholm.“ ein „Cool, wann hast du Zeit?“ – Und genau darauf kommt es an. Vom Grazurlaub wusste ich mal ganz grundsätzlich nur die Zugabfahrtszeit in St. Pölten. Und in den Tagen dazwischen, eigentlich seit dem Beginn des Jahres lebe ich mein bisher glücklichstes Leben.

Und nein. Schreiten bedeutet nicht ein Ende der Gedanken. Timis Geburtstag traf mich in diesem Jahr wohl mit überraschend heftiger Wucht, und auch Schmetterlingsgeflatter erhält noch genügend Platz in mir drinnen. Aber neben all den Gedanken, die so oder so ähnlich ganz einfach dazugehören, es ist wichtig, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wer hat etwas davon, wenn man am Boden zerstört ist? Wenn Pläne nicht klappen und alles plötzlich anders ist? „Es wird sich schon etwas ergeben.“, waren meine häufigsten Worte. Und genau daran glaube ich auch. Ich kenne meine Talente, weiß, was ich richtig gut kann. Und da kann mich ein neuer Zeitplan meines Lebens auch nicht wirklich aus der Bahn werfen.

Vielleicht ist Schreiten eine Umschreibung des Akzeptierens. Man nimmt alles so an, wie es passiert. Sich nachher Vorwürfe zu machen, in der Vergangenheit etwas falsch gemacht zu haben? Fehlanzeige. Denn dadurch würde die Gegenwart zu einem unaustehlichen Ort werden. Man lebt. Man lebt nur einmal. Und da können manchmal eben auch Wege anders verlaufen, als man es sich gewünscht hat. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Solange man an sich selbst glaubt, ist die Welt wohl in Ordnung.

Und ja, auch das. Ich entspreche keinem Schönheitsideal, folge keinen Modetrends (und wenn, dann mit zweieinhalbjähriger Verspätung). Aber ich fühle mich seit 2011 zum ersten Mal so lange Zeit in meinem Körper wohl, bin stolz, genau diese Person zu sein und komm mit all meinen Makeln besser zurecht als je zuvor. Das bin nämlich ich, und vielleicht macht auch dieses sogenannte „Glück“ einen Menschen noch etwas schöner.

Schreiten ist toll. Es ist eine Offenbarung, für mich wohl das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin spontaner, aufmerksamer und wohl auch awesomer als je zuvor. Probiert es auch mal aus. Es wird sich für euch lohnen.

http://twitter.com/#!/Salvator_Mundi/status/79978095305699328

Und es stößt also auch auf Interesse. Kann man daraus irgendein Projekt für Twitterer und Blogger starten? Gibt es da irgendwelche Möglichkeiten? Ich weiß es nicht, wäre aber über Mithilfe von eurer Seite sehr erfreut. Und überhaupt: Was haltet ihr davon? Alles nur Gedankenwirrwarr, Einbildung oder doch das Nonplusultra?

Verständnislos schweigen wir.

Foto: hermitsmoores | flickr

Angekommen
Am Meer
Am Beginn der Unendlichkeit.

Wir sitzen nebeneinander
Tätscheln den Sand
Atmen die salzige Meeresluft.

Hier sind wir nun
Am Ende des Seins
Verständnislos schweigen wir.

„Jeder sollte einmal das Meer sehen.“
Doch du hast es nicht
Du bist gegangen.

Ich würde dir zusehen
Wie du herumtollst
Wie du so fröhlich vor dich hinlebst.

Aber du bist gegangen
Hier sind wir nun
Angekommen, voll unbändigem Schmerz.

Du würdest hier sitzen
Auf meinem Schoß
Würdest staunen und ich mit dir.

Doch ich bin hier allein
Hier sind wir nun
Realisierend, was nicht ist.

Hier ist nichts zu sehen
Außer endlose Anfänge
Außer uns.

Angekommen
Am Meer
Dem Ort meiner Träume.

Und in meinen Träumen
wird ewig Platz sein
Nur für dich.

Du nickst einfach nur.

Foto: Aldo van Zeeland | flickr

„Ich habe so viele Träume, weißt du.“ Du nickst, erzähle ich doch tagein, tagaus davon. Von all den Plätzen, die ich bereisen möchte. Von all den Erfolgen, die ich feiern werde. Von all dem Etwas, das am Ende in Wahrheit für mich übrigbleibt. Du nickst und es tut mir in der Seele weh, wenn mit einem Schlag einer dieser Träume wieder ein weite Ferne rückt. Weil das Leben eben manchmal nicht so mitspielt, weil Träume keinem fixen Zeitplan gehorchen, weil es nun mal so ist.

„Ich will nicht weg. Will hierbleiben.“ Das ‚Will bei dir bleiben.‘ verkneife ich mir. Home is where your heart is kommt mir immer wieder in den Sinn. Keine Ahnung, wer diesen Spruch geprägt und schließlich in meinen Kopf gepflanzt hat. Mein Herz ist hier, meine Familie ist hier. Eine andere Familie, als jene, mit der ich aufgewachsen bin. Aber hier sind die Freunde, die man wohl nur selten findet. Hier ist Alleinsein unmöglich. Hier wird man aufgefangen, wird getragen. Es wird gemeinsam gefeiert und gemeinsam geschwiegen. „Du musst hier auch nicht weg. Bleib doch.“ Ich nicke. Hierzubleiben ist wohl die einzige Möglichkeit, die mir bleibt. Endlich hat mein Herz wieder einen Platz gefunden, wo es sich wohlfühlt. Endlich bin ich irgendwo angekommen, wo mein Leben zu funktionieren scheint.

„Ich will nicht funktionieren.“ Und widerspreche mir selbst „Und tue es doch.“ Du schüttelst den Kopf. „Was heißt für dich ‚funktionieren‘? Das Leben in vorgeplanten Bahnen zu leben, zu wissen, wann du aufstehen musst, und zu wissen, was am kommenden Tag passiert?“ Ich nicke und du schüttelst den Kopf. „Du funktionierst nicht. Nicht so, wie es manch andere tun. Du lebst, weißt du.“ Ich verstehe nicht. „Du bist zwar nicht vollkommen planlos, was wohl auch gut ist. Aber du lebst. Du genießt. Du nützt die Gunst der Stunde, du überrascht. Dich. Mich. Uns alle hier. Du funktionierst, aber auf deine ganz eigene Weise.“

„Versprichst du mir, dass wir uns nie wieder aus den Augen verlieren?“, schweige ich und wünsche mir nichts sehnlicher. Weil die Zeit mit dir so schön, die Gespräche so wunderbar sind. Manchmal flutschen einem die Träume durch die aalglatten Hände, sie aufzufangen scheint unmöglich. Ich atme etwas schwer, weil mir wieder einmal bewusst wird, was eine falsche Entscheidung an einer Weggabelung so alles mit sich bringt. Vielleicht bin ich falsch abgebogen, oder ich wurde. Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber all das, all diese scheinbaren Fehltritte haben mich hierher geführt. Glücklicher kann ich darüber wohl kaum sein. Und das zu wissen tut gut. Es ist anders als erwartet, als erhofft, als gewünscht. Aber vielleicht macht doch genau das diese eine wunderbare Prise Leben aus, an denen meine Träume wachsen. Verstehst du.

Du nickst, obwohl wir seit Minuten kein Wort gewechselt haben. Du nickst einfach nur.

Freigeist.

Wenn wir reden, bin ich das, was ich dir zeigen möchte. Wenn wir beisammen sind, fühle ich mich so, wie ich mich dir gegenüber fühlen möchte. Aber wenn ich denke, bin ich in meiner ganz eigenen Welt. Willst du nicht mal mit mir dorthin mitkommen?

Ich denke über Millionen Sachen am Tag nach, schreibe viel darüber, und rede auch (manchmal zu) viel. Und mit wenigen Menschen rede ich auch mehr, über mich, meine Sorgen und meine Träume. Ich träume auch viel, von Utopischem und von Dingen, die in meinem Leben einen wichtigen Platz eingeräumt bekamen. Und ich lebe. Lebe so genussvoll vor mich hin, bin seit Kurzem auch so ungewohnt spontan, überrasche mich immer mal wieder selbst. Und da können auch so Ereignisse, die mit Ende und Ratlosigkeit zu tun haben, nicht viel daran ändern. Ich bin ein Mensch, der nach vorne blickt. Ein Mensch, der die Gegenwart liebt und sich auf die Zukunft freut. Naiv optimistisch nenne ich das gerne, und genau das ist die Quintessenz.

Die vergangenen Tage haben mich wieder einmal viel nachdenken lassen. Über meine Zukunft, die nahe. Die sich von einem Tag auf den anderen vollkommen umdrehte, oder innerhalb von nur einer halben Stunde. Und der Spruch „Irgendwas wird sich schon ergeben.“ sagt eigentlich schon alles aus. Es wird sich schon alles ergeben. Und ich liebe übrigens auch. Ich liebe aus ganzem Herzen. Und das ist wahrscheinlich das Beste an allem. Deshalb werde ich hier bleiben, werde nicht mehr so schnell weggehen aus dieser Stadt hier. Ich habe es liebgewonnen, dieses Städtchen, und ich liebe so manche ihrer Bewohner. Jene Freunde, die ich schon von früher kenne und mir zuletzt wieder einmal so richtig zeigten, was ich an ihnen habe. Und die neuen Freunde, die zu einem so riesigen Bestandteil geworden sind und die ich bitte nie mehr missen möchte.

Ich habe meine Träume. Und selbst wenn sich durch das Ende und den erneuten Neuanfang alles zeitlich verschiebt, kann ich weiter daran arbeiten. Schon jetzt habe ich neben dem Studium viele Projekte laufen gehabt. Das werde ich jetzt perfektionieren, werde mir für alles genügend Zeit nehmen, für das Buch, für meine Gemeinschaftsblog-Tätigkeiten, für meinen Job. Und werde ein wundervolles Leben führen.

Ich bin ein Freigeist. Ich ticke wohl etwas anders, als so viele von euch. Ich lasse mich von solchen Dingen nicht aus der Bahn werfen, sondern sehe es als neue Herausforderung. Der Herausforderung, es besser zu machen. Und leben nebenbei mein ganz eigenes Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Tauche tief darin ein und werde euch vielleicht damit manchmal vor den Kopf stoßen. Wenn ich zum Beispiel lächle, wenn neben mir meine selbst aufgebaute Welt einzustürzen droht. Da kommt noch was. Da bin ich mir sicher. Und ihr könnt mich begleiten, auf diesem neuen Weg, der eben doch anders daherkam, als ich es vermuten mochte.

At the end.

Und dann geht man raus aus diesem Raum, schüttelt den Kopf und geht an so vielen Gesichtern vorbei und schnappt sich die Zigaretten, sieht noch Gesichter von jenen, die hier wohl die Wichtigsten für mich sind, muss fast heulen und lasse mich am Raucherbalkon auf den Boden fallen. Scheiße. Was für eine gequirlte, riesig große Scheiße.

Die Prüfung wurde nicht bestanden. „Das Semester ist für sie jetzt mal vorbei.“ und womöglich auch die ganze FH-Ära. Ich bin am Ende angelangt. Einem Ende, welches ich so nie haben wollte. Ein Ende, das schlussendlich doch so vollkommen überraschend war. Ein paar Minuten Sprachlosigkeit, bis irgendwann mein Humor wieder zurückkommt.

Und die Ratlosigkeit. Was jetzt? „Es gibt Optionen.“ hört man und kann sich doch kaum vorstellen, was da jetzt so kommen könnte. Wieder hier an der FH bei 0 beginnen? Arbeiten gehen? Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich mache mir nie zu viele Gedanken rund um genaue Pläne für meine Zukunft. Träume leiten mich durchs Leben, nicht der genaue Plan nach irgendwas. In Wahrheit war mein einziger Plan, noch diese zwei Semester in der FH zu verbringen. Es gibt keinen weiteren Plan. Keinen Plan B.

Und da bin ich nun. Müsste eigentlich am Boden zerstört sein, von meiner Ratlosigkeit und vollkommen ohne irgendwelche Pläne maßlos überfordert. Aber ich bin es nicht. Mit einigen großartigen Menschen (<3) einen perfekten Abend mit viel Alkohol verbringen. Einfach eine tolle Zeit haben. Ich müsste am Ende sein, aber irgendwie habe ich es geschafft, das Leben weiter zu genießen. Es ist ein bescheuerter Wendepunkt, ich weiß nicht, was jetzt so kommen wird. Aber sehen wir mal. Mein naiver Optimismus hält mich über Wasser. Irgendwas wird sich schon ergeben. So ist das Leben nämlich. Unberechenbar.

750 Worte.

Volle Distanz. Näher zu dir. Ihr wisst doch, wovon ich spreche? Mein Meisterwerk, dass erst noch geschrieben werden muss. Dessen Idee verdammte 3 Jahre alt ist, und an dessen ersten Seiten ich mehrere Dutzend Male schon gescheitert bin.

@Luca hat irgendwann einmal über #750words getweeted, extra mit Hinweis für mich, damit ich es auch ja nicht übersehe. Und ich habe mir einfach mal angesehen, worum es überhaupt geht. Eine neue Bloggingplattform? Wieder was zum Anmelden? Nein. Gar nicht. 750words.com ist wohl eine genial simple Idee. Und nach meinen bisher 7573 Worte später (nach dem Start am 1. Mai) möchte ich es euch nicht mehr vorbehalten.

Volle Distanz. Näher zu dir läuft. Warum? Und so plötzlich? Nun: Ich habe wieder vollkommen von vorne begonnen, basierend auf einer Erzählidee, die mir in Stockholm gekommen ist. Also der erneute Start bei 0. Wie schaffte ich es, jeden Tag 750 weitere Worte zu schreiben und so das Buchprojekt so weit voranzutreiben wie es bisher wohl noch nie wirklich möglich war? Und warum hab‘ ich immer noch keine Lust, wieder alles hinzuschmeißen und von vorne anzufangen?

Weil diese simple Seite wirklich gut durchdacht ist: du hast 24 Stunden Zeit 750 Worte zu schreiben. Das ist das Ziel. Das habe ich auch getan, (bis auf meinen Geburtstag, dafür am nächsten Tag einfach doppelt so viel), und nach diesen 24 Stunden kannst du nichts Weiteres tun, als den Text durchzulesen. Keine Edit-Möglichkeit, keine Möglichkeit schreckliche Zeilen zu löschen. Nein. Es wird einfach weitergeschrieben. Ich habe mir angewöhnt, zu Beginn der halben Stunde oder so, die ich für meine 750 Worte benötige, noch ein einziges Mal den letzten Satz des Vortages zu lesen, um dann wieder in die Welt einzutauchen.

Und es spornt an. Ich hatte ja schon öfter mal solche Schreibschübe, wo ich immer mal wieder Seite um Seiten füllen wollte und es manchmal auch schaffte. Dann aber kam meist die Flaute, zwei, drei, vier Wochen gar nichts … ein rasches Drüberlesen und dann meist der Weg in den Papierkorb. Hier wird einfach jeden Tag geschrieben, Stückchen für Stückchen. Und nachdem mein Ziel (so ganz grob geschätzt) 75.000 Worte sind, wäre ich somit in 100 Tagen mit dem Buch fertig. Das wäre dann also der 8. Juli. Eine coole Sache, oder?

Wer also endlich einmal eine Geschichte erzählen möchte, ein Buch schreiben, eine Idee umsetzen, dem kann ich #750words nur wärmstens empfehlen. Die Idee ist einfach und auch rasch erklärt, aber der Entwickler hat sich scheinbar wirklich sehr viel dabei gedacht. Und hiermit danke ich auch noch @Luca, den ich für diesen raschen Fortschritt meines Buchprojekts verantwortlich mache.