
Mein Beitrag zum fm4-Kurzgeschichtenwettbewerb worlaut07
Ich führe das Messer langsam an meiner Hand hinunter. Es scheint frisch geschliffen. Man könnte ein Haar spalten, würde meine Mutter sagen. Aber sie ist nicht da. Sie sagt gerade gar nichts. Hier bin nur ich. Ich. Und dieses Messer. Hier sitze ich. Einsam. Allein. Fühle mich unverstanden. Verbraucht. Du bist mir also geblieben, liebes Messer. Du. Küchengerät und Mordmaschine.
Ich bin gerade erst neunzehn Jahre alt. Mein ganzes Leben habe ich noch vor mir. Man ganzes Leben. Und doch glaube ich stets, schon viel zu lange gelebt zu haben. Wie wenn ich schon fertig wäre. Am Ende. Angekommen am Ende dieses langen Weges. Doch ich bin immer noch hier. Hier in diesem Raum, hier unter euch. Ich wäre so gerne einfach weg. Weg von hier. Weg von allem hier. Ich hasse es. Aber das ist euch ja egal. Ihr steckt mich ja hinein. Ich kann nicht selbst entscheiden meint ihr. Und wie ich selbst entscheiden kann. Ich hasse es hier. Das ist sie. Meine Entscheidung. Ich fühle mich so unwohl hier. Alles hat man mir genommen. Meine Genüsse. Meine Träume. Mein Leben. Und jetzt bin ich daran, es mir zu nehmen. Wie ich mich fühle. Wie kurz vor dem Orgasmus. Ich bin angespannt. Und freue mich darauf, wenn es so weit ist. Da ist es noch einmal. Mein Spiegelbild. Ich stehe hier, in meinem Zimmer. Mit diesem Messer in der einen Hand. Ich streiche mir die Haare aus meinem Gesicht, befreie meine Augen von diesem Schopf. Ich hasse mich. Was bin ich schon? Wer bin ich schon? Wem bin ich denn von Nutzen? Ich hasse mich. Ich bin hässlich. Schrecklich. Lange kann ich das nicht betrachten, dieses Spiegelbild. Dieses Bild, mit dem Tod in den Augen. Ach, möchtest du sterben, Spiegelbild. Bitte, sterbe, und nimm mich mit. Erleichtere mir den Weg. Ich schaffe es nicht. Schaffe nicht, dem Leben Lebewohl zu sagen. Hänge ich wirklich noch daran? Nein, ich denke nicht. Ich hasse es doch.
Ich hatte Träume. Ja, wirklich. Es gab eine Zeit, da blickte ich zuversichtlich in die Zukunft. Ich träumte von meinem Leben, wenn ich endlich erwachsen bin. Meine eigenen Entscheidungen treffen kann. Ich träumte von meinem Haus in Kanada an einem See. Träumte von meiner Frau. Meinen Kindern. Träumte von meinem Beruf. Wo sind sie alle hin? Diese Träume. Verschwunden in dem Meer aus Enttäuschung und Schicksal? Ich will es nicht hergeben. Dieses Gefühl, oder die Hoffnung daran, dass ein Traum irgendwann einmal wirklich in Erfüllung gehen könnte. Nur wenige haben es bisher geschafft. Nur wenige Träume wurden Teil meiner Realität. Ich kann nicht mehr daran glauben. Ich habe die Fähigkeit verloren, zu träumen. Ödön von Horváth schrieb einmal: „Ohne Glaube Liebe Hoffnung gibt es logischerweise kein Leben. Das resultiert alles voneinander.“ Er hat Recht. Er war ein so kluger Mensch.
Wo ist er denn, mein Glaube? Ich habe ihn verloren. Wo ist sie hin, die Liebe? Weggeblasen. Erst durch sie kam ich hierher. Und wo ist sie, die Hoffnung? Ich habe aufgehört zu hoffen. Es ist vorbei. Auf was soll ich meine Hoffnungen stützen. Ist doch alles nur Schönmalerei. Ich baue mir keine Traumschlösser mehr. Es tut viel zu sehr weh, wenn aus diesen prunkvollen, schönen Traumschlössern zerrüttete, zerstörte Ruinen werden. Wenn die ganze Welt auf einen einstürzt, und man selbst versucht, sich unbeholfen zu beschützen. Wo sind denn all die Schutzengel, die eigentlich um mich herumschwirren sollten. Sie sind immer dann nicht da, wenn ich sie brauche. Vielleicht waren sie auch überhaupt noch nie da. Man kann nie wissen. Und an Schutzengel zu glauben, habe ich eigentlich auch schon aufgegeben.
ch setze das Messer an meinen Arm. An das Gelenk, aus welchem die Hand wächst. Hier müsste es funktionieren. Hier müsste man es schaffen, das Fleisch zu durchschneiden, um das Blut endlich zu sehen. Ich habe Angst. Ich habe solch unglaubliche Angst. Angst vor dem Tod. Was, wenn … Ach, vergessen wir das. Es ist nichts. Und sollte das Jenseits doch irgendetwas sein, ein Warteraum zur Wiedergeburt, oder der Himmel, dann ist das so etwas wie die Schlagsahne zum Kuchen. Eine Zugabe. Aber der Tod. Er nimmt mir so viel weg. Vor allem eines. Mein Leben. Und auch davor habe ich Angst. Angst vor dem Leben. Was würdet ihr tun. Ihr, ihr da draußen. Die über solche Menschen wie mich nur den Kopf schütteln. Oder enttäuscht sind, dass man sein Leben so leichtfertig wegwerfen konnte. Ich mache das hier nicht leichtfertig. Ich habe meine Gründe. Aber versucht doch bitte nicht, mich zu verstehen. Ihr schafft es nicht. Nicht jetzt. Vielleicht auch gar nicht. Also versucht es nicht einmal.
Ich spüre es an meinem Arm. Wie sich die scharfe Klinge des Messers nur ansatzweise in meine Haut bohrt. Ich zucke zurück. Der Schmerz erschreckt mich. Kann ich es wieder nicht. Ach, verdammt. Die Sonne strömt durch den kleinen Spalt, den mein Gardine dem Tageslicht lässt, in mein Zimmer. Heute wäre ein schöner Tag. Einer der heißesten dieses Frühlings. Das wird also mein letzter Frühling. So vieles habe ich ja noch gar nicht erlebt. Aber ich kann mich nur an all die schrecklichen Erlebnisse, die schrecklichen Begegnungen erinnern. Warum ist mein Leben so schief gelaufen. Warum führen andere das Leben, welches ich so gerne geführt hätte. In einer funktionierenden Familie, ohne Probleme in der Liebe, ohne Druck in der Schule. Ohne Schmerz. Ohne diesen stechenden Schmerz, der mir das Leben so zur Qual macht. Warum spüre nur ich ihn. Warum tötet er nur mich. Was habe ich ihm getan.
Ist meine Tür auch wirklich zugesperrt? Ich sehe nach. Sperre die Tür noch einmal auf. Sehe hinaus. Lausche. Ob sich irgendetwas rührt. Ob ich auch nur das kleinste Atmen hören könnte. Nein. Ich bin noch alleine zuhause. Normalerweise liebe ich diese Nachmittage. Wenn meine Eltern später nach Hause kommen. Wenn ich den ganzen Nachmittag nur für mich habe. Da sitze ich meistens still da. Höre mir Musik an. Lausche den Gesängen. Versuche den Text zu verstehen. Oder ich lese. In dieser Zeit kann ich so gut in mich gehen. Da kann ich auch endlich einmal ich selbst sein. Dieses Gefühl, das ich nicht allzu oft habe.
Es ist gut. Ich bin allein. Niemand kann mich aufhalten. Diesmal nicht. Nein. Ich muss das jetzt durchziehen. Muss es schaffen, endlich etwas durchzuziehen. In mehrfacher Bedeutung. Oh, wie würde ich mich nur hassen, wenn ich nicht einmal das schaffen würde. Noch nie habe ich etwas zustande gebracht. Nie etwas, auf das ich auch stolz sein hätte können. Nein, mein Leben war bis jetzt sinnlos. Zum Wegwerfen. Und das muss ich jetzt endlich auch einmal tun. Jetzt oder nie. Ich ziehe die Gardinen noch weiter zu. Die Sonne … sie soll mich heute nicht berühren. Nicht heute. Nicht jetzt. Nicht mich.
Niemals hatte ich gedacht, dass ich hier, so enden würde. Aber naja, eigentlich war es doch vorhersehbar. Ich liebte noch nie mein Leben. Während andere über ihre Urlaube in fernen Mittelmeer-Mainstream-Lagunen viel zu erzählen wussten, und mir begreiflich machen wollten, warum sie glücklich sind, denke ich mir immer nur: Lasst mich allein. Es interessiert mich nicht. Ich bin eben nicht glücklich. Ich kann nicht davon erzählen. Ich habe nicht dieses wunderschöne Leben, das ihr habt. Ich nicht. Und ich hasse es, an euch denken zu müssen. Ihr, mit eurem Lächeln auf eurem Gesicht. Euer zuversichtliches Grinsen. Ihr habt mich nie interessiert. Und doch wollte ich immer so sein wie ihr. Wollte immer dieses Leben führen. Wollte aus meiner Haut schlüpfen und in eine eurige hinein. Ihr habt mich nie gelassen. Immer wenn ich neben euch stand, war ich nur dieses kleine Gegenbeispiel, das euch zeigte, wie schief das Leben auch laufen kann. Ihr habt mich nie so beachtet. Habt mir nie diese Beachtung geschenkt, die ich verlangte. Die ich gebraucht hätte. Die ich verdient hätte. Nur wenn ich mich irgendwann einmal in den Mittelpunkt drängte, war mir eure Aufmerksamkeit sicher. Aber das tat auch viel zu oft weh, dieses Kämpfen um eure Aufmerksamkeit, eure Beachtung, eure Blicke.
Jetzt kämpfe ich nicht mehr um sie. Verrate mich nicht mehr selbst, nur um eure Beachtung zu erlangen. Jetzt bin ich nur für mich allein. Ihr könnt mir nichts mehr anhaben. Eure gehässigen Anspielungen. Ich bin jetzt keine Angriffsfläche mehr für euch. Für euch nicht mehr. Nur mehr für mich. Und vielleicht habe ich vor mir mehr Angst. Ich wollte immer über euch stehen. Wollte euch zeigen, dass ihr mir nichts anhaben könnt. Ihr konntet. Glaubt mir. Aber ihr seid nicht der Grund. Vielleicht müsst ihr eine Teilschuld tragen. Aber wegen euch sitze ich jetzt nicht hier. Wegen euch zu sterben, das wäre doch viel zu sinnlos.
Ich nehme mir die Möglichkeit auf ein besseres Leben. Nach jedem Tief kommt ein Hoch. Aber ihr kennt mein Tief nicht. Da kann einfach nichts mehr danach kommen. Mir wurde die Möglichkeit auf ein besseres Leben schon vor langer Zeit genommen. All die Illusionen vor dem Leben im Allgemeinen. Es gibt so viele Floskeln, mit denen man meinen Lebensstandard unterlegen könnte. Ich hasse sie alle. Allesamt hasse ich sie. Und kann sie nicht mehr hören. Ich begreife nicht, wie ich hier landen konnte. Mit diesem Messer in meiner Hand. Diesen Gedanken hier in meinem Kopf. Aber ich darf es nicht tun. Ich darf nicht schon wieder aufgeben. Jetzt aufgeben wäre schrecklich. Ich habe doch schon mein Leben aufgegeben, mein Sterben akzeptiert. Wie würde ich denn da stehen. Nicht vor euch. Sondern vor mir selbst. Als Mensch, der mit seinem Leben abgeschlossen, und der immer noch zum Leben verdammt ist. Nein, das will ich nicht. Das kann ich auch nicht. Ich will sterben.
Wieder setze ich es an. Jetzt will ich es tun. Ich sehe mich noch einmal um. In meinem dunklen Zimmer. Nur ganz wenig Licht gelangt durch die durchstrahlten Gardinen in mein Zimmer. Doch da sehe ich es. Meine Mama. Und ich. Und mein Papa. Dieses Bild zeigt uns als überglückliche Familie. Als ein Paradebeispiel. Aber das war doch nur für ein Family Portrait. Mehr nicht. Auch ihr lacht. Ich habe jetzt nichts mehr zu lachen, liebe Eltern. Ihr könnt mich jetzt auch nicht mehr retten, mich für ein Familienportrait holen und mich zum Lächeln bringen. Jetzt ist es zu spät. Ich werde es tun.
Doch noch einmal möchte ich meinen Abschiedsbrief durchlesen. Ich blute ein kleines bisschen an meiner Hand. Ich habe mich geschnitten. Eine kleine, unscheinbare Wunde. Und doch tropft dieser eine Bluttropfen von meiner Hand. Hinunter auf das Bett. Ich wische ihn nicht weg. Die weiße Bettwäsche saugt diesen Tropfen auf. Er wird größer und größer. Ich sehe ihm zu. Das Messer liegt neben mir, am Boden. Und da, auf dem Bett, liegt auch der Abschiedsbrief. Ich nehme ihn noch einmal aus dem Briefumschlag. Drei Seiten ist er lang. Heute, während der Schule, habe ich ihn geschrieben.
„Es ist vorbei. Ich habe mit dem Leben abgeschlossen. Ich hasse das Leben.“ So steht es geschrieben. Ja, ich hasse es auch. „Trauert nicht um, ich habe es hier, wo ich jetzt bin wahrscheinlich besser. Jetzt ist endlich alles vorbei. All der Schmerz. All die Angst. Es ist vorbei. Weint nicht um mich. Vergießt nicht unnötige Tränen für mich. Es hat keinen Sinn.“ Nein, das möchte ich wirklich nicht. Niemand soll um mich weinen. „Ihr habt damit nichts zu tun, liebe Mama, lieber Papa. Ihr nicht. Lebt ein schönes Leben weiter. Ohne mich. Ich habe euch gar nicht verdient.“ Ich bin sinnlos. Nutzlos wurde ich in diese Welt geworfen, nutzlos gehe ich auch wieder von ihr. An meine Freunde habe ich den nächsten Brief geschrieben. „Auch euch gebe ich keine Schuld. Ihr habt euer ganzes Leben noch vor euch, lebt es für mich weiter. Macht es besser. Ich habe mein Leben nun schon hinter mir. Lebt wohl.“ Ihr werdet mir fehlen. Ihr, die mir einen so großen Teil meines Lebens unvergesslich gemacht habt. Aber es ist Zeit zu gehen. Und der letzte Brief ist an sie. Ihr gebe ich ebenso keine Schuld. Sie war nur der Abschluss eines beschissenen Lebens. Ich habe mich mit ihr identifiziert. Habe sie geliebt. So lange Zeit waren wir eins. Waren ein Herz und eine Seele. Du warst die eine für mich. Doch du liebtest mich nicht mehr. Ich war froh, dass du es mir gesagt hast. Mir nichts vorgelogen hättest. Obwohl dies wahrscheinlich vieles anders gestaltet hätte. Man soll sich nie zu schnell in jemanden fallen lassen. Ich habe es getan. Und habe mich selbst verloren. Habe versucht, mit egoistischer Liebe viel zu viel von ihr zu verlangen. Etwas, was sie mir nicht geben konnte. Nicht geben wollte. Sie trifft keine Schuld. Ist sie doch der großartigste Mensch der Welt.
Ich falte die Briefe wieder zusammen. Stecke sie wieder in den Umschlag. Das habe ich also auch erledigt. Mir wird kalt. Ich greife mir auf die Stirn. Kühl. Fast zu kühl. Jetzt sitze ich einfach nur regungslos da. Lausche der Musik im Hintergrund. Leise läuft sie noch. Die CD. The Drugs Don’t Work. Ja, sie wirken wirklich nicht. Vielmehr machen sie alles noch viel schlimmer. Zeigen mir, wie beschissen es sein kann. Machen mich depressiv. Zeigen mir einfach nur die Realität.
Ich habe so viel aufzugeben. Ich habe so große Angst davor. Ich freue mich nicht mehr darauf, wenn es passiert. Ich freue mich auf das Danach. Vor dem Sterben habe ich Angst. Nicht vor dem tot sein. Das gibt mir vielleicht all das wieder, was ich hier auf Erden vergeblich suchte. Hoffentlich. Sonst wäre auch das umsonst gewesen. Und wie alles könnte man auch das nicht mehr zurückdrehen. Es wäre geschehen. Es wäre der Abschluss dieses langen Weges, den man Leben nennt. Vielleicht ist das nicht wirklich das Ende. Sondern nur eine falsch gekennzeichnete Abkürzung. Um das Leben, den Weg kürzer zu machen. Vielleicht. Kann ja sein.
Ich vergesse mich. The Verve spielen sich mit ihrem psychedelischen Sound und ihren minutenlangen Gitarrenriffs in mein Gehör. Und es gefällt mir. Ich könnte mich fallen lassen. Könnte all meine Träume in Erfüllung gehen lassen. Doch dieses Gefühl hält nur kurz an. Und es bricht doch alles wieder ein sich zusammen. Die ganze Welt. Da hilft nicht einmal ein Trance-ähnlicher Zustand. Dieses scheinbar schöne Gefühl, es geht so schnell, wie es auch gekommen war.
Jetzt höre ich sie wieder. Diese Stimme in meinen Kopf. Die immer und immer wieder zu mir spricht. „Ich kenne dich schon so lange. Erinnere mich zwar nicht mehr an deine ersten Jahre. Doch ich erinnere mich an die Zeit, als du noch ohne Sorge warst. An die Zeit, in denen du träumen konntest. In der Träume wahr wurden. Als du an das Christkind geglaubt hattest. Und deine Eltern die Größten, die Besten waren. Du noch Respekt vor ihnen hattest. Als die Hierachie noch klar erkennbar war. Als du das Nesthäkchen warst. Als … ja, als noch alles gut war.
Doch auch du wurdest älter. Wurdest größer. Und du glaubtest, du wärst so viel reifer, so viel gescheiter, so … viel besser als all die anderen. Du wärst etwas Besonderes. Klar, jeder Mensch auf dieser Welt ist besonders. Ist einzigartig. Auch du. Aber du bist nicht der Mittelpunkt des Universums. Bist nur einer unter sechs Komma sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt. Du bist nur einer unter Milliarden. Es muss dich nicht jeder kennen. Es muss dich nicht jeder mögen. Und es mag dich auch sicher nicht jeder, der dich kennt.
Aber du versuchst krampfhaft, dich in den Mittelpunkt zu stellen. Um erkannt zu werden. Um geliebt zu werden. Doch du polarisierst. Du machst es mir so schwer, dich zu mögen. In manchen Momenten hasse ich dich einfach nur. Würde dich am liebsten in einen Schrank sperren und den Schlüssel wegwerfen. Würde mich am liebsten umdrehen und weggehen, nur um dich nie wieder zu sehen. Doch wir hängen zusammen. Wir können nicht ohne uns. Ich kann nicht mit dir.
Warum bist du so? In manchen Momenten erkenne ich dich gar nicht mehr. Du kommst mir vor wie ein Phantom. Wie ein Geist. Verfolgst mich. Und ich komme nicht los von dir. Lass mich so leben, wie ich es möchte. Lass mich handeln. Lass mir meine Träume. Lass mir meine Ängste. Versuche nicht, aus mir einen anderen Menschen zu machen. Ich möchte noch nicht erwachsen sein. Und ich möchte auch kein Kind mehr sein. Ich möchte so ein Zwischending sein. Verantwortungsbewusst und kindisch. Kindlich und erwachsen. Spaßvogel und ernstzunehmender Mensch. All das möchte ich sein. Aber du lässt mich nicht. Du verlangst von mir, dass ich so lebe wie du. Oder zumindest, dass ich akzeptiere, dass du so lebst.
In manchen Momenten hasse ich dich. Dann schreie ich auch meine ganze Seele raus, wenn irgendein emotionsgeladener Song in meiner Playlist auftaucht. In diesen Momenten möchte ich dich schlagen. Dich verprügeln. All meine Wut, die ich auf dich habe, herauslassen. Aber das schaffe ich dann nie. Ich schaffe es nicht, dich zu verletzen. Dazu bin ich viel zu selbstverliebt. Wenn ich dir wehtun würde, würde es mir Schmerz zufügen. Und das mache ich sicher nicht. Ich brauche nicht leiden, für deine Taten. Obwohl ich es schon so lange tue.
Lass mich doch einfach nur mal so leben. Mische dich nicht ein. Gib mir Freiraum. Dränge dich nicht so in den Vordergrund. Weiche mir aus. Denn ich weiche dir aus. Auch wenn du für mich lebensnotwendig bist. Ohne dich geht es einfach nicht. Genauso wenig wie du ohne mich existieren könntest. Ich kann zu dir nicht sagen: Vergiss mich. Geh mir aus dem Weg. Es geht nicht. Wir sind siamesische Zwillinge. Ein Bund wie Dumm und Dümmer. Dick und Doof. Mann und Frau. Ich kann dich nicht vergessen, dir nicht aus dem Weg gehen Und du auch nicht.
Wir können nur versuchen, in Symbiose miteinander zu leben. Und du weißt doch, was Symbiose heißt … das Zusammenwirken von mehreren Faktoren, die sich vielfach gegenseitig begünstigen. Versuchen wir es. Würde ich dich aufgeben, würde ich auch mich aufgeben. Du hast auch Vorteile, natürlich. Doch wenn ich an dich denke, fällt mir kein einziger ein. Aber ja, versuchen wir es. Vielleicht schaffen wir es. Vielleicht schaffe ich es, dich zu mögen.“
Nein, du schaffst das nicht. Du wirst es nie schaffen, mich zu mögen. Selbst ich habe es schon aufgegeben. Man kann mich nicht mögen. Man kann mich maximal nur ansehen und sich eine Meinung bilden. Mich kennen zu lernen fällt viel zu schwer, als dass sich viele Menschen diese Mühe machen. Jene, die es wirklich versuchen, nenne ich meine Freunde. Aber du. Du, die Stimme in meinem Kopf, du willst mich nicht kennen. Du willst mich nur verändern. Aber du kannst mich nicht verändern. Niemand kann mich verändern. Ich bin so wie ich bin. Und vielleicht hat diese Einstellung mich auch hier in dieses Zimmer geführt, mit diesem Messer.
Dieses Messer. Messer. Mit seiner riesigen Klinge. Wie verliebt streiche ich über sie. Du bist mein letzter Freund. Begleitest mich bis in den Tod. Eine so schöne Spitze hast du. Ich versuche mich mit ihr in einen Finger zu pieksen. Und ich spüre den Schmerz. Zucke zurück. Wie soll ich es nur schaffen. Mit dieser Angst. Aber ich möchte jetzt nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. Ich stehe auf, bewege mich durch mein Zimmer. Vorbei an meinem Schreibtisch, meiner Couch, meinem Schrank. Da hängt er, der Spiegel. Doch …
Wen zeigt dieser verdammte Spiegel? Soll das ich sein? Bin das wirklich ich?
ch will nicht so sein. Ich will nicht diese Person sein, dir mir aus dem Spiegel so zweifelnd entgegenblickt. Ich möchte jemand ganz anderer sein. Ich möchte die Fähigkeit besitzen, mein Leben so zu leben, dass ich mich in den Spiegel sehen kann. Doch es ist zu spät. Es ist das letzte Mal, das ich Spiegel sehe … ja, lächle Spiegelbild. Du hast es dir verdient. Du kannst mich auslachen. Du kannst dich auch nicht verändern. Du bist abhängig von mir. Ohne meinem Ich kann es kein Du geben. Du bist nichts. Nur eine Wiedergabe meines Ichs. Bewege ich mich, bewegst dich auch du. Und wenn ich dich nicht mehr sehen möchte, laufe ich einfach weg. Weg von dir. Aber du. Du bleibst. Immer wenn ich dich sehe. Siehst du auch mich.
Jetzt zeigt das Spiegelbild nur ein verzerrtes Bild meines unnötigen Seins. Einen solchen Menschen würde doch niemand vermissen. Einen solchen Menschen kann doch niemand wirklich lieben. Wie kann mich jemand lieben, wenn ich mich selbst noch nicht einmal lieben kann. Wenn ich selbst es viel zu oft versuche mich zu hassen. So lange Zeit habe ich es nicht geschafft. Doch jetzt hasse ich mich einfach. Ich hasse mich, so abgrundtief. Ich muss mit diesem Ich nicht mehr lange weiterleben. Es hat bald ein Ende.
Schon so oft wollte ich mich verändern. Wollte mein Leben umdrehen. Aber es scheint nie zu funktionieren. Setze ich zu hohe Ansprüche an mich? Soll ich mich auch schon mit den kleinen Veränderungen zufrieden geben? Soll ich so weiterleben und warten, bis ich mich von selbst verändere? Bis ich eines Tages aufwache und merke, ich bin ein Käfer? Liege auf meinem Rücken und kann mich nicht bewegen. Nein, ich müsste mich selbst verändern. Ich müsste mich verändern wollen. Damit endlich etwas geschieht. Vielleicht, Spiegelbild, siehst du, dass es so nicht weitergehen kann. Ich muss etwas unternehmen. I’m a creep. I’m a weirdo. I wanna be special. So fucking special. Verstehst du mich? Hörst du mir überhaupt zu.
Bist du überhaupt noch da?
Ich schaffe das nicht. Ich halte das nicht durch. Es muss etwas geschehen. Damit sich mein Spiegelbild in ein Scherbenmeer verwandet.
Mit der Faust schlage ich hinein. Ich hasse ihn. Und da ist es, das Scherbenmeer. Und ich stehe inmitten all der Splitter, die mir die Haut aufschlitzen könnten. Die Finger schmerzen ein kleines bisschen. Aber der Schmerz ist eigentlich nicht so schlimm. Er tut viel eher gut, als dass er mich zerstören würde. Noch einmal schlage ich in die verbliebenen Scherben. Zu immer kleineren Stücken werden sie. Und an den Knöcheln der Finger beginne ich zu bluten. Nicht sehr, es sind nur Hautabschürfungen und kleine Schnitte. Sie tun mir nicht weh. Niemand tut mir weh. Der Schmerz ist weg. Dieser Schmerz, der eigentlich allgegenwärtig war, Tag für Tag. Er ist weg. Jetzt. Für einen kurzen Moment meines nur mehr kurzen Lebens. Doch wie giftige Dornen schlägt er sich wieder in meinen Kopf. Ich zucke zusammen, der Schmerz weitet sich auf. Mein ganzer Körper krümmt sich. Ich gehe in die Knie. Drücke mit den Händen fest gegen meinen Bauch. Ich hasse ihn. Diesen Schmerz. Ich bin ihm völlig ausgeliefert. Habe keine Chance, irgendetwas dagegen zu tun. Ich bin hilflos. Und alleine.
Ich hatte nie eine Abneigung gegen das Alleinsein gehabt. Ich habe die Zeit immer genossen. Aber jetzt liege ich, vor Schmerz gekrümmt am Boden. Jetzt bin ich nicht nur allein. Diesmal bin ich einsam. Einsam und allein. Ein kleines Kind, das sich übersehen fühlt auf dieser Welt. Niemand sieht einen. Niemand hört einen. Man ist nur ein klitzekleiner Punkt auf der Erdkugel. Ein nicht zu beachtendes Stück Scheiße. Sonst nichts. Nicht wirklich. Sicher nicht der Mittelpunkt des Universums. Der man manchmal einfach mal sein möchte. Der Schmerz, er geht nicht weg. Er ist da. Schon die ganze Zeit. Ich halte ihn nicht mehr aus. Keine Medizin, keine Tablette hilft da. Er geht einfach nicht weg.
Fest drücke ich mit meinen Händen gegen meinen Kopf. Ich will raus aus diesem Körper. Will raus aus diesem Leben.
Wenn ich jetzt so zurückdenke … ich hatte keine schlimme Kindheit. Aber ich hatte auch keine problemfreie. Immer wieder wurde von mir etwas verlangt, was ich nie und nimmer schaffen konnte. Ich wurde ein Wrack. Durch all den Druck wurde ich zusammengedrückt. Wurde ein nachdenklicher Einsiedler. Immer mit diesem Schmerz in mir. Niemals wird er weggehen. Der Schmerz wird das letzte Gefühl sein, welches ich noch verspüre, bevor ich meinen letzten Atemzug von mir gebe. Nichts ist so, wie es sein hätte sollen. So wollte ich nie, dass mein Leben endet. Allein, in meinem Zimmer. Im zarten Alter von neunzehn Jahren. Aber ich weiß schon wie das nach meinem Tod ablaufen wird. The Needle Returns To The Start Of The Song, And They All Sing Along Like Before. So soll es auch sein. Keine Trauer für mich. Keine Gedanken an mich. Ich werde dann Geschichte sein.
Und nun habe ich keine Lust mehr. Keine Lust, weiter über Leben und Tod nachzudenken. Ich habe mich entschieden. Ich möchte sterben. Ich möchte den Tod kennenlernen.
Und so nehme ich noch einmal dieses Messer in meine Hand. Ich bin entschlossen. Ich werde es tun. Meine Hand zittert als ich das Messer von meinem Bett aufhebe. Ich setze mich auf den Boden. Ich spüre einen Schweißtropfen, als er langsam von meiner Stirn hinunterläuft. Meine Hand lege ich auf mein Knie. Setze es an. Und ziehe es durch. Ein tiefer Schnitt. Ich lasse das Messer fallen. Das Blut spritzt aus meiner Hand. Ich halte es nicht zurück. Ich verspüre keinen Schmerz. Ich sitze da, wie gelähmt. Und mir scheint es, als würde ich spüren, wie alles Menschliche meinen Körper verlässt. Unaufhaltsam werde ich immer weniger und weniger.
Nie hatte ich an diese Geschichten geglaubt, die mir vom Tod erzählt wurden. Während ich vor mir hinsieche, beginnt er, dieser Film. Der Film meines Lebens. Und ich sehe mich, wie ich geboren wurde. Sehe mich mit meinem verstorbenen Großvater. Oder in meiner Rolle als Lebkuchenmann. Beobachte mich an meinem ersten Schultag. Erinnere mich an die verschiedenen Tode, die ich miterleben musste. Erinnere mich an die Momente, an denen ich mit meiner Mutter allein war und wir aus reiner Freude uns umarmt haben und Tränen vergossen haben. Erinnere mich an meinen Vater, an die Zeit mit ihm. Ich sehe mich in der Kirche sitzen, am ersten Schultag im Gymnasium.
Langsam spüre ich Angst aufsteigen. Das Leben geht dem Ende zu.
Und ich sehe mich während der Sportwoche, als ich meine beste Freundin kennen gelernt habe. Mit der ich so vieles erlebt habe, die zu einem so wichtigen Bestandteil meines Lebens wurde. Sehe mich am See liegen. Mit all meinen Freunden. Spüre mich sinken, wie die Sonne jeden Abend im See zu versinken schien. Sehe all die schönen Momente mit meinen Freunden.
Und dann sehe ich sie. Unsere erste Begegnung, vor zwei Jahren. Ihr junges Gesicht, ihre schönen Augen. Und wie schon die ganze Zeit, sehe ich mich aus der Beobachterperspektive. Ich sehe mein Lächeln, als ich sie sehe. Und dann spüre ich ihre Lippen. Jetzt bin ich bei unserem ersten Kuss angelangt. All die schönen Momente mit ihr ziehen vorbei. Und nun auch die Tränen, die ich wegen ihr, die sie wegen mir vergoss. Und ich denke mir, gut dass es vorbei ist.
Das Blut auf meinem Boden wird immer mehr. Meine Jeans, mein T-Shirt, alles ist getränkt von meinem eigenen Blut. Und doch verspüre ich noch so viel. Habe noch so viele Gedanken. Kann noch so vieles tun. Der Film geht noch weiter. Ich sehe mich die Matura machen. Und mich auf diesem einen kleinen Berg sitzen. Der Berg, der mir den Überblick über die ganze Stadt, über mein ganzes Leben schenkt. Auf diesem einen kleinen Berg, meine beste Freundin hat ihn mir gezeigt, saß ich oft. Und dachte nach. Schenkte niemandem mehr Beachtung und fühlte mich einfach nur wohl. Niemand anderer durfte bei mir sein. Das sollte mein Berg sein. Und ich sehe mich, bei all meinen falsch verlaufenen Liebschaften. Ich sehe all die Mädchen, an die ich mich verlor, noch bevor sie mir sagen konnten, dass sie kein Interesse haben. Ich spüre all die Küsse, die ich mir gewünscht habe, die ich aber nie bekam. Und noch einmal empfange ich diese Zärtlichkeit, die ich bei ihr so liebte. Es schien, als würde mir jemand durch mein Haar streichen. Würde mir mit den Fingern über die Wange fahren. Und ich spüre den leisen, warmen Hauch ihres Atems in meinem Ohr.
Und eine Flut von Gefühlen, von Gedanken, von Schmerzen, und von Angst überströmt mein Leben. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Ich bin ein blutleerer Mensch. Mit mir verlieren so einige Menschen einen guten Freund. Und mit dieser Tat habe ich mir die Chance vertan, das Leben noch einmal zu versuchen. Ich hätte es noch einmal versuchen sollen, es besser zu leben. Mit meiner anderen Hand drücke ich mir auf die klaffende Wunde. Nicht um die Blutung zu stoppen. Nur um den Schmerz etwas zu besänftigen. Meine Hand tobt.
Schön langsam hauche ich die letzten Atemzüge ein und aus. Und, bedingt durch das Verlieren von Kraft, scheine ich jeden Zug zu genießen. Langsam ein. Und langsam wieder aus. Ich röchle noch nicht. Noch kann ich atmen. Noch spüre ich etwas Leben in mir.
Und diese Flut aus Gefühlen, sie scheint mich zu erdrücken. Wie eine riesig große Welle. Und ich, ich liege am Strand. Die scheinbar wunderschöne Szene, so gewaltig, und so tödlich. Und all die Gedanken, die jetzt noch in meinem Kopf herumschwirren. Ich scheine, unter ihnen begraben zu werden. Die Bilder von meiner Familie, von meiner großen Liebe, von meinen Freunden und auch jene von meinen Feinden, und all den Verstorbenen, denen ich den Tod nicht vergönnte. All diese Menschen sehe ich wieder. Und jeder sieht mich an, mit diesem verzweifelten, fragenden Blick. Warum. Warum habe ich das getan. Warum sagte ich zum Leben leise Servus ohne jemals wirklich gelebt zu haben. Ich hätte noch so viel zu erleben. Ich müsste noch so viele Erfahrungen machen, um ernsthaft über ein Ende des Lebens philosophieren zu können. Ja, ich habe den Mut gehabt, mir das Leben zu nehmen. Aber habe ich jetzt auch den Mut, den Tod zu akzeptieren?
Ich beginne zu röcheln. Meine Hände werden schwer. Meine Beine sind nun ausgestreckt am Boden. Das Messer, es liegt immer noch am Boden. Mit Blut beschmiert. Mein Blick wird immer verschwommener. Ich versuche aufzustehen. Halte mich anfangs am Bett, dann am Bücherregal und dann versuche ich ohne irgendwelche Hilfsmittel mich fortzubewegen. Ich fühle mich so schwach. Und so gehe ich einige Schritte. Sehe mich im meinem zerbrochenen Spiegel. Ich sehe die Angst. Ich wanke zurück. Nach Luft ringend. Ich stürze, versuche mich an den Gardinen fest. Reiße sie mit mir zu Boden.
Und während auch der letzte Tropfen Blut aus meinem Körper fließt, sehe ich sie wieder. Meine Eltern, meine Freunde, meine Liebe. Und ich spüre ihre Nähe. Spüre ihre Liebe. Spüre ihre Berührungen. Kämpfe mit mir selbst. Kämpfe gegen den Tod. Doch er ist stärker. Ich bin schon viel zu schwach. Und während ich es kaum mehr schaffe, die Augen offen zu halten, kommt mir plötzlich dieser eine Gedanke. Und er fährt mir direkt in meinen Kopf. Ein Schwert scheint meine Schädeldecke zu durchstoßen. Die letzen Kräfte weichen aus meinem Körper. Die Gedanken häufen sich. Und während die Sonne auf meinen leeren Körper strahlt, schließe ich meine Augen. Ich gebe auf. Aber leiser flüstere ich „Verdammt. Ich will … leben.“ Doch es ist vorbei

Ein Gedanke zu „Bohemian Rhapsody“