Die Erste Lesung

 

 

So was nennt man wahrscheinlich übermäßige Adrenalinausschüttung. Aber es zeigte sich bei mir nur als Zittern und Angst. Und dann kam ich dran.

Ich könnte jetzt wieder ein halbes Dutzend Absätze dafür benutzen, um weit zurück in die Vergangenheit zu blicken. Dass ich mit zwölf Jahren beinahe mein erstes Buch fertig gestellt hätte. Dass ich seit zwei Jahren wieder regelmäßig schreibe. Dass seit Ostern nun wirklich mein erstes Buch fertig ist. Dass ich täglich blogge. Ja, das könnte ich. Aber ich denke, dass ist der falsche Beginn für diesen Text.

„Was sollen wir über dich sagen?“, werde ich gefragt. Ihr wisst doch schon alles, möchte ich sagen, nachdem ich den geplanten Text höre. Ja, es ist gut. Es gefällt mir. Aber ich will das nicht. Ich kann das nicht. Ich habe Angst. Und ich sitze auf einem Sessel, an der Stelle, in welcher in einer Stunde einer der beinahe vierzig Besucher sitzen wird. Ja, ich habe Angst. Wie wird es sein. Wer wird da sein.

Ich sehe mir meine Texte noch einmal an. Ein Kapitel aus meinem Buch. Ja, auf dieses Kapitel bin ich stolz. Ein selbstkritischer Text. Den mag ich auch. Und … eine Geschichte vom „wahren Leben“. Ich bin zufrieden mit den Texten. Aber ich habe doch auch schon Angst, sie meiner Mutter vorzulesen. Ich weiß nicht, was da mein Problem ist. Vielleicht die Angst vor Kritik. Oder Ablehnung meiner Leidenschaft. Aber so wirklich weiß ich nicht, warum ich jetzt hier sitze, zittere und einfach mal nur Angst habe.

Ich könnte jetzt erklären, dass ich schon vor viel mehr Menschen gesprochen habe. Im Wahlkampf für die Schulsprecherwahl. Da waren es knapp dreihundert. Und ich habe bei der Wahl gut abgeschnitten, trotz eigener Gegenkampagne gegen mich selbst. Aber ich erinnere mich an das anfängliche Unbehagen. Und die Aufregung. Und den Herzschlag, der in meinem Hals zu spüren war. Ja, das könnte ich. Oder dass ich es manchmal liebe, im Mittelpunkt zu stehen. Aber diesmal möchte ich es nicht. Ich bin schüchtern, ängstlich. Beklemmt. Benommen.

Und so saß ich, Schweiß kam aus meinen Händen heraus und zog schnell wieder in die Zettel meiner Texte, welche ich umklammerte ein. Die Lesung wurde eröffnet. Ich hörte den Applaus. Und als die Vortragende vor mir, eine Achtzehnjährige, mehrfach ausgezeichnete, Autorin ihre Kurzgeschichte vortrug, wurde ich von Sekunde zu Sekunde ruhiger. Und von Sekunde zu Sekunde wieder unruhiger. Der Applaus. Die Musik. Und ich musste die Bühne betreten. Setzte mich auf den Stuhl, blickte kurz ins Publikum. Und wartete bis die Vorstellung meiner Person vorbei war. Und ich begann zu lesen. Nachdem die letzten Probleme mit dem Mikro behoben wurden begann es mir Spaß zu machen. Und ich las. Und las. Und las. Und zum Schluss bemerkte ich, dass das Kapitel aus meinem Buch eigentlich zu kurz ist. Aber dann kam der Applaus. Und die Angst. Sie war weg. Es kam ein Song von Yann Thiersen aus seinem Meisterwerk, dem Soundtrack von Amelié. Und ich musste sitzen bleiben. Konnte mir das Publikum besser ansehen. Aber ich erinnere mich an nichts. Und so las ich weiter. Den selbstkritischen Text mit dem interessanten Ende.

Der Applaus. Ab von der Bühne, die Erleichterung. Und noch ein letzter Auftritt zum Schluss. My So Called Life. Dann wurde die Lesung beendet. Wir betraten zum allerletzten Schlussapplaus noch einmal die Center Stage in diesem kleinen Kulturcafé. Der Fotograf bat mich, noch einmal in Leserpose zu gehen, das Foto. Und Schluss.

Der Abgang. Der erste Weg führte mich zu meinen Eltern, meinem Onkel und meiner Tante. Sie waren gekommen. Und gratulierten mir. Zu meiner Leistung, zu meinen Texten. Ich war stolz wie ein Pfau. Und nachdem ich auch noch mit meiner Deutsch-Lehrerin gesprochen habe, konnte ich mich über meine Freunde freuen, die mir zugesehen und gehört haben. Auch von ihnen kam Lob. Und während ich das Weinglas meiner Mutter in einem Zug leerte, bestellte ich mir noch zwei Drinks. Dieses Gefühl jetzt. Das hatte ich schon mal. Ja genau … als ich die Mathe-Nachprüfung geschafft hatte. Der Stein, der mir vom Herzen gefallen ist, er war riesig. Und so feierte ich noch den ganzen Abend lang. Über die Nacht, bis in den frühen Morgen. Erst um halb fünf fand ich den Schlaf.

Alles in allem war es für mich ein Erlebnis, welches ich nie mehr missen möchte. Ich scheine aufzugehen, in meinem Hobby, welches ich so gerne irgendwann einmal zum Beruf machen möchte. Es ist schön, dass es solche Möglichkeiten gibt, sich selbst und seine Werke vorzustellen. Diesmal war es ein Projekt für ein Unterrichtsfach an unserer Schule.

Und es war unglaublich
Dieses Gefühl.
Dieser Tag.
Dieses Erlebnis.

Ein Gedanke zu „Die Erste Lesung“

  1. Hm, das mag jetzt doof klingen, aber ich muss zugeben, ich bin irgendwie „stolz“.
    Stolz darauf, dass der ganze Abend so super für dich verlaufen ist, obwohl ich damit nun wirklich nichts zu tun hatte.
    Oder vielmehr stolz darauf, dich zu kennen.

    Hey, ich find das wirklich toll, alles Gute weiterhin!

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