
Das Handy in deiner Hand. Du gehst an mir vorbei. Du hast mich nicht erkannt. Hast nicht mal meine Tasche erkannt, nicht mal meine Haare. Nicht meine Schuhe, nicht mich. Plötzlich bekomme ich eine SMS.
„Hey, ich war mir nicht ganz sicher. Warst das du eben? Wenn ja, sorry. CU“. CU. See You. Ich habe dich gesehen, habe dich gefunden. Du nicht. Du warst zu beschäftigt und ich zu irritiert, als dass ich irgendetwas hätte sagen können. Du bist vorüber gegangen. Weißt du noch, was wir alles erlebt haben, in der Zeit als noch per Plastikbecher mit Schnur kommuniziert wurde. Von Fenster zu Fenster. Jetzt schreiben wir uns vor allem. CU. See You. Sehe dich. ÜberCU.
„Sorry, habe heute keine Zeit. Hab schon andere Pläne. Nicht traurig sein. HDL“. HDL. Hasse Dein Leben. Gerne, liebes High-End-Leben. Du hast so vieles zerstört. Die Kommunikation einer ohnehin schon kommunikationsunfreudigen Gesellschaft. Die Möglichkeit um Überraschung. Die Sehnsucht. Wir alle befinden uns in diesem Leben. High-End. Höchstes Ende. Auf der Spitze. Wir alle sind da. Sammeln uns und kennen uns trotzdem nicht.
„Du hast 184 Freunde“. Ich sollte euch ein Wörterbuch schicken, liebe Community-Betreiber. Freunde. Wisst ihr überhaupt, was Freunde sind. Freunde sind Menschen, die immer für einen da sind. Zuhören, still sind, mit einem lachen. Und überhaupt. Freunde sind unbeschreiblich. Ich habe keine 184 Freunde. Ich bin froh wenn ich 10 habe. Und über diese zehn Freunde lasse ich nichts kommen. Diese Menschen sind besonders. Sind am Höhepunkt des Freundeskreises. Am High-End.
Ich sitze zuhause. Das Telefon klingelt nicht. Wenn ich jemanden anrufe, geht niemand ran. Mich lässt eine verdammte Werbe-SMS hochschrecken. Die Welt befindet sich am Höhepunkt und will doch immer noch höher hinaus. Wir glauben der Höhepunkt der Evolution zu sein, und doch sind wir nur ein Hirngespinst. Ich lege mich in mein Bett und atme die Luft der Entwicklung ein. Sind wir nicht alle ein kleines bisschen. Nein. Sind wir nicht. Ich hasse das High-End.
Ich hasse diese eintausend Möglichkeiten und die Pflicht, sich schnell zu entscheiden. Ich hasse das Wissen, dass ich ständig erreichbar wäre. Ich kann keine zehn Minuten mehr telefonieren am Stück, weil nichts vergleichbar ist mit der Low-End-Kommunikation. Das Gegenüber. Ohne irgendwelchen Pixeln im Gesicht. Die Mimik als Überträger der unausgesprochenen Worte. Und kein Gas, dass auf die Tränendrüse drückt, um ja auch nicht als abgestumpft zu wirken. Als gefühlskalt oder unmenschlich. Sondern echte Tränen. Die man mit echten Händen, echten Fingern wegwischen kann.
Meine Gedanken zu Kettcars „Tränengas im High-End-Leben“ aus dem Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen.
