
„Es ist schön hier.“, bemerkt sie, als sie, an ihrem Soda nippend, aus dem Fenster blickt. Und doch ist es etwas beunruhigend, aus dem Fenster eines Zuges zu blicken und für unzählige Minuten dasselbe Standbild zu sehen. Und kein Bahnhof in weiter Ferne. „Das ist kein betrieblicher Aufenthalt. Wir bitten sie daher, die Außentüren geschlossen zu halten.“, klingt es auch im Bordrestaurant. Leute murren.
Wir sitzen immer noch seelenruhig da, blicken mal uns, mal die Menschen um uns oder die Landschaft da draußen an und fühlen uns zwischen den dicken Wänden des Waggons überraschend wohl. Nichts könnte uns wohl aus der Ruhe bringen. Das hier ist unser Zug und unser Tisch.
„Noah?“
– „Ja?“
„Was, wenn wir uns nie wieder getroffen hätten?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Es hätte mich verrückt gemacht.“
– „Mhm. Mich wohl auch.“
„Hast du auch oft an mich gedacht?“
– „Mhm.“
„Warum eigentlich?“
– „Ich weiß es nicht.“
„Kopf verdreht?“
– „Mhm.“
Dann sind wir wieder stumm. Wir sind wohl beide beeindruckt, wie schnell man unsere Köpfe verdrehen kann. Wie wenig man eigentlich reden, sondern eher wie viel man fühlen muss, bis der Kopf nicht mehr weiter weiß und sich das Herz nur mehr eine Sache wünscht. Selbst jetzt bin ich mir meiner Gefühle immer noch nicht bewusst. Wie sollte ich auch. Da sitzt sie, diese Schönheit, diese junge Frau mit ihren wundervollen Augen und verbringt den Abend, so außergewöhnlich – und für viele wäre es wohl ungewohnt – in einem Bordrestaurant eines Zuges. Stehend, in einer herbstlichen Einöde ohne Handyempfang und Menschen.
Die Minuten vergehen, wie führen kurze Dialoge, oftmals reicht es nur mehr für ein
leises „Mhm.“ Aber nicht, weil wir es bevorzugen, uns peinlich anzuschweigen und uns vor
allem nicht mehr in die Augen zu sehen. Denn genau das tun wir, wir sehen uns in die Augen, ins Gesicht, lesen daran und entdecken Geschichten, die mit Worten wohl auf ewig verborgen geblieben wären. Die Augen eines Gegenübers können wie ein offenes Buch sein. Sie erzählen von Glück und von Freude, von Schmerz und von Ungewissheit. Und das sind auch deren Gefahr: Das Gegenüber, welches man darin lesen lässt, muss behutsam damit umgehen. Das ist das Wichtigste. Deshalb ist ein großer Funken Vertrauen vonnöten, um dieses Kapitel überhaupt aufzuschlagen. Ich habe mich geöffnet und Emily ebenso.
[aus: Volle Distanz. Näher zu dir. Kapitel 7 „Bordrestaurant“]
