Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

Ich muss grinsen. Das gefällt mir.

Meinen Kopf lehne ich gegen das Zugfenster, blicke immer mal wieder sie an und hinaus aus dem Fenster. Oh. Ein Tunnel. Ein schneller Wechsel von hell zu dunkel. Erschrocken ziehe ich meinen Kopf zurück.

»Angst vor der Dunkelheit?«

»Hm?«

»Na, weil du … weil du so zurückgezuckt bist.«

»Ach, ja. Mhm. Hab‘ ich. Ich kann nichts dagegen tun. Und selbst wenn all die Umstände mir eigentlich helfen sollten, wenn ich zum Beispiel mit Freunden unterwegs bin, mit Menschen, denen ich durch und durch vertraue. Kommt da plötzlich die Dunkelheit, bin ich vollkommen einsam. Hilflos. Wie ein Kind. Aber … ach-«

Seelenstriptease vor einer Unbekannten.

»Nein, schon gut. Ich versteh‘ das. Ich kenn‘ das.«

Sie lächelt mir zu. Ein beruhigendes Lächeln, ein zustimmendes. Das ist hier also kein Smalltalk mehr. Ich habe Lust, mehr zu reden, mich mit ihr zu unterhalten und sehe ihr ganz bewusst in die Augen. Das dauert normalerweise immer etwas, bis ich zu so etwas fähig bin.

»Du … du beobachtest also gerne Menschen?«
Sie lächelt. »Nein. So ist das nicht. Ich beobachte ja nicht jeden.«

Oh, Balsam für mein Selbstwertgefühl.

»Und wovor hast du nun Angst? Die Dunkelheit wird es wohl nicht sein, nehm‘ ich an.«
– »Ich sags dir. Aber versprich mir, dass du nicht lachst!«
»Äh. Ok. Versprochen!«
– »Hm. Vor Kälte. Vor Kälte habe ich Angst. Ich habe Angst davor zu Erfrieren. Deswegen habe ich auch stets ein paar dicke Socken und eine kleine aber warme Decke mit dabei. Sicher ist sicher.«

Ich beginne zu schmunzeln. Nicht, dass ihr jetzt glaubt, ich lache über anderer Menschen Ängste. Nein, nein. So etwas würde ich sicher nicht tun. Aber ihr hättet sie ganz einfach sehen müssen, als sie diese Geschichte erzählt hat. Wäre es erlaubt, das Adjektiv „niedlich“ auf einen Menschen anzuwenden (manche tun es ja sowieso trotzdem) , hätte es sie in diesem Moment perfekt beschrieben.

»Du … du lachst. Das ist gemein!«
– »Nein … oh. Nein! Ich … ich dachte nur-«
»Ist schon gut. Ich hätte es mir ja denken können, dass du das wahrscheinlich lustig finden wirst. Jeder findet das irgendwie lustig.«
– »Hey, sorry. Es war echt nicht deswegen.«

Ich hätte jetzt noch pausenlos und stundenlang weiterreden können, um sie davon zu überzeugen, dass sie mein Lächeln wohl grundlegend missverstand. Findet ihr nicht auch, dass das Lächeln so eine Sache an uns ist, die wir wirklich nur schwer unter Kontrolle bringen können? Mir kommt es zumindest so vor, denn manchmal überkommt es dich einfach und du hast keine Chance dieser Emotion zu entkommen. Trotz all dieser Risiken und Nebenwirkungen.

»Nächster Halt, next stop -.«

Verdammt. Noch während der Schaffner mich noch aus meiner Gedankenverlorenheit zurückholt, sucht die Namenlose hektisch ihre Dinge zusammen. Der Zug fährt gemächlich in den kommenden Bahnhof ein, als sie aufspringt, sich noch schnell eine Strähne aus dem Blickfeld streicht und sich mit dieser Unmenge an Taschen bepackt.

»Ich-«, beginne ich, um ihr endlich zumindest meinen Namen, trotz all der Hektik, unterzuschieben.

»Ich muss los, sorry!«, unterbricht sie mich. »Ciao!«

Verdammt. Verdammt. Doppelverdammt. Oder sagen wir es,wie es ist: Scheiße, verdammt! Aber da, ihr Buch. Sie hat es vergessen.

»Hui. mein Buch. Beinahe hätte ich es liegen lassen.«
– »Ähm.«
»Ich bin übrigens Emily. Und … und du bist vielleicht vieles, aber eindeutig nicht furchtbar!«

Noch bevor ich darauf reagieren konnte, war sie auch schon verschwunden. Ihr habt es vielleicht mitbekommen: Ich bin kein mann der großen Worte. Hie und da mal ein »Ähm« eingeschoben, und die großen Probleme dieser Welt lösen sich von ganz alleine. Oder zumindest die meinen. Der Zug fährt ab.

Jetzt sitze ich hier, durch und durch verwirrt. schön langsam erreicht der Zug wieder sein Durchschnittstempo. Es würde also nicht mehr lange dauern und ich würde am Westbahnhof, vermutlich am Bahnsteig 11, ankommen. Um mir im Anschluss auch gleich noch die besten Verbindungen mit den Öffis rauszusuchen. Eigentlich bin ich teilweise ja derart von unspontan. Ich habe mir schon vor Wochen all die Pläne angesehen, mir die Wege und Straßennamen notiert. Aber aufgrund meines vollkommen fehlenden Orientierungssinnes gehe ich heute lieber noch einmal auf Nummer sicher. Ich war zwar noch nicht oft in Wien. Aber wenn, dann wusste ich wenigstens, wie man sich prächtig in dieser Großstadt verirrt.Aber lasst das doch einfach meine Sorge sein. Emily. Hm. Irgendwie werde ich schon zu meinem Studentenheim finden. Und falls nicht: Nach dem Kampf gegen meine Überwindung werden mir sicher die gefragten Menschen den richtigen Weg weisen.

Wird man sich eigentlich jemals wiedersehen? es gibt ja diesen einen Spruch, ich glaube er ist aus irgendeinem guten Film. So, dass man sich immer zwei Mal sieht im Leben und so. Aber stimmt das denn wirklich? seit wann kann man denn bitte auf Filmzitate hören. Seit wann, hm?

Ratter-Ratter.

Immer noch Zug, immer noch ich. ich, auf dem Weg nach Wien. Es ist Nacht geworden, wisst ihr? irgendwie würde ich Emily natürlich gerne wiedersehen. Wir haben nicht viel geredet, während unserer ersten Begegnung, nein. Aber diese wenigen Worte haben gereicht. Ihr müsstet mich jetzt gerade sehen. Diesen Smile bekomme ich nicht mehr so schnell aus meinem Gesicht, wisst ihr. Ach, verdammt. Was ist denn bitteschön schon wieder los mit mir? So kenn‘ ich mich ja gar nicht.

»… erreichen wir Wien Westbahnhof, unseren Endbahnhof!«

Es ist soweit. Mit etwas Schwung schaffe ich es, meinen kleinen Koffer von der Ablage herunter zu bekommen. Wahrscheinlich hab‘ ich sowieso viel zu viel eingepackt. Und- so wie ich mich kenne – auf das Nötigste vergessen. Das bin eben ich, das ist mein Chaotentum. Ich spüre mein Herz klopfen. Bin ich aufgeregt? Mag sein. Ich bin endlich weg aus diesem Kaff, das zwei Jahrzehnte lang meine Heimat, mein Zuhause war. Ich bin froh, es endlich geschafft zu haben. Die Gänge des Zuges sind schon gefüllt mit unruhig wartenden Menschen. Ich habe mich noch einmal hingesetzt, ich mache mir keinen Stress. Nein. Ich will nicht jetzt schon das unsäglichste Merkmal eines Wieners aneignen. wisst ihr, über uns Österreicher sagt man ja, wir seien gemütlich. Und das sind wir grundsätzlich auch. Aber die Wienerinnen und Wiener müssen hier natürlich gegen den Strom schwimmen.

Emily.
Hm. Ein schöner Name.

Sie hat mich verzaubert. ja. Ich hoffe, ich sehe sie wieder. Ich muss es einfach. Diese junge Frau hat es mir angetan. Kennt ihr das? Ich schon. Spätestens seit heute. Ich lehne mich noch einmal gegen das Fenster, welches schon mal Ruheplatz für mich war. erst jetzt kapiere ich, was sie meinte. Nein, ich bin nicht furchtbar. Ich bin lustig, manchmal charmant. Und vor allem bin cih gerade eines: Zufrieden.

Oh. Der Zug ist leer. Schnell schnappe ich meine Taschen, laufe zur Tür. Springe raus. Atme Wiener Luft, betrete Wiener Boden. Ich krame nach einem Zettel in meiner Hose. Die Öffi-Verbindungen; ich habe einfach keine Lust mehr, mich hier durchzufragen.

Runter zur U-Bahn.
Hineingedrängt mit hunderten (vom Stress getriebenen) Anderen.
Hier bin ich.
Angekommen in meinem neuen Leben.

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4 Gedanken zu „Seelenstriptease vor einer Unbekannten.“

  1. Schon gut, aber ich finde die Sprache zu locker. Mag sein, dass die am ehesten einem Jugendlichen entspricht, aber besonders was die inneren Monologe angeht finde ich Begriffe wie „Smile“, „Kaff“ oder „Öffis“ eher störend. Dein Hauptcharakter ist ja offenbar doch ein sehr nachdenklicher und bedächtiger Mensch, da will diese Sprache nicht so recht zu seinen Gedankengängen passen.

    Ansonsten finde ich das Tempo ein wenig zu rasant, im Moment zumindest. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich das alles noch deutlich ausbauen lässt – aber egal, mich freut’s eh, wenn du jetzt eine Art Fortsetzungsgeschichte im Blog postest und dann vielleicht eine Endfassung herausbringst, die umfangreicher ist. Zumindest würde ich mir das wünschen.

    1. Vielen lieben Dank, Mathias, für die Anregungen!

      Zur Sprache: Ja. Du hast wahrscheinlich Recht. Werd‘ mal nachsehen, welche Wörter Noah sonst noch so kann, und dann nachbessern. 🙂

      Zum Tempo: Du hast absolut Recht. Aber das war sowieso irgendwie das Problem, was ich mit dem Anfang hatte: wann soll Emily auftauchen? Was soll Noah die ganze Zeit vorher machen? Das langsame Einführen eines Charakters gefällt mir auch besser, aber irgendwie schaffe ich das nicht wirklich. Zurzeit zumindest noch nicht. (Und, wo würdest du noch was dazutun? Längere Gespräche? … Die kommen noch.)

      Und ja: schafft es die Fortsetzungsgeschichte zu einem Ende, wird die Endfassung eindeutig noch einmal überarbeitet. Und lektoriert. Und an allen Ecken und Kanten verbessert. (Jetzt freut es mich zumindest mal, dass endlich mal wieder etwas mehr weitergeht. Und die vielen Kommentare. Das tut gut.)

      Im Übrigen sind die bisherigen 3 veröffentlichten Teile nur minimal neu geschrieben worden. Die gibts schon seit einiger Zeit. Alles, was jetzt kommt, entfließt ganz frisch aus meinen Fingern hinein in den Bildschirm.

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