Dem Ende so nah.

Heute ist gestern vor zwei Jahren. Ich stehe in dieser einen Einfahrt, scharre mit den Füßen den Kies hin und her. Ich sollte reingehen, und anklopfen oder klingeln. Je nachdem. Es ist heiß hier, die Sonne brennt herunter und immer mal wieder watscheln pseudojunge Menschen in grellen Dreiviertelhosen und klappernden Flip-Flops vorbei, in Gespräche vertieft, Zigaretten inhalierend. Auch ich werfe meine Zigarette auf den Boden, trete darauf und wage es endlich, den Wohnungskomplex zu betreten.

Da steh ich nun vor dieser Tür und warte. Worauf denn bitteschön? Was ist das hier bloß? Warum habe ich mich trotz allem doch auf den Weg hierher gemacht? Ich weiß es nicht und mit einem mutigen „Klopf-Klopf“ überwinde ich mich zum ersten Mal an diesem Tag. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Obwohl, eigentlich möchte ich schon jetzt wieder kehrt machen, und einfach nur raus aus diesem Wohnblock, rein in mein Auto und weg mit mir. Aber als dieser Gedanke noch unentschlossen durch meinen Kopf schießt, öffnet Hannah schon die Türe.

»Hey.«
»Hey.«

Recht viel gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich zu sagen. Wir hatten uns schon seit Monaten nicht wirklich etwas zu sagen, wir sahen uns zwar noch hin und wieder, schwiegen uns aber immer mehr an. Und nicht dieses Schweigen, das manchmal sehr förderlich und wichtig in einer Beziehung sein kann. Nein. Dieses Ungute. Wo beide sich eigentlich Dinge an den Kopf werfen wollen, die Zunge aber nicht wirklich dazu im Stande ist. Und deshalb schweigt man. Ich warte darauf, dass sie die Tür noch einen Spalt weiter öffnet, damit ich zu ihr hinein kommen kann.

»Ähm. Du Hannah, können wir wo ungestört reden?«
»Hm. Komm … komm‘ nicht rein. Lass … lass‘ uns spazieren gehen.«

Okay. Planänderung. Ich habe etwas Anderes erwartet, aber da ich ja manchmal doch auch meine spontane Seite heraushängen lasse, warte ich noch, bis sie in Schuhe und Jacke hineinschlupft, den Schlüssel von diesem Tisch im Gang nimmt und ich ihr schließlich folgen kann. Wir verlassen das Haus, gehen quer über den Parkplatz. Ich kenne den Weg. Hinauf zu diesem einen Hügel, der oben mit unzähligen Bäumen gesäumt ist. Und vor diesem Wald steht diese eine Bank. Obwohl es einen unglaublichen Ausblick über unsere Heimatstadt ermöglicht, scheint es so, als würden nur wir hierher kommen. Jedes Mal, wenn wir langsamen Schrittes den Hügel hinaufeilen, sind wir ganz alleine. Und während Hannah während des Anstieges kein einziges Mal ihren Blick hebt, sehe ich sie unentwegt an. Der Mut möchte mich hier gerne zurücklassen. Warum denn das Ganze? Es kann doch wieder werden.

Und das obwohl ich mich eigentich schon entschieden habe. Ich habe nicht wirklich Probleme, Entscheidungen zu treffen, nein. Viel mehr habe ich Angst davor, mit den Konsequenzen zu leben. Wir gehen den Hügel hinauf, und … mit etwas Fantasie könnte man sich das Ganze wie eine Postkarte vorstellen. Dieser kleine, in Herbstfarben blühende spätsommerliche Wald, die furchtbar grüne Parkbank davor und wir, wie wir von schräg unten hineinspazieren. Ich wollte ja eigentlich nie Vorlage für eine der grässlichsten Postkartenmotive sein. Aber über sowas denkt man ja normalerweise nicht wirklich nach.

Als wir schließlich vor dieser einen Bank stehen, Hannah hat mich unentwegt all die Minuten scheinbar gezwungenermaßen angeschwiegen, lasse ich mich gleich fallen, nehme Platz. Irgendwie zweifelnd bleibt sie noch stehen, schaut hinab in den Horizont der sich dem Ende zuneigenden Sonne.

»Du wolltest reden?«
»Ja. Denkst du nicht auch, dass wir das endlich mal tun sollten?«

Mein Ton wirktt irgendwie bissig, wenig einfühlsam, etwas unbeholfen.

»Und?«
»Hm.« Der Mut hat mich schlussendlich doch verlassen. Wie soll ich denn diese Konversation denn nun beginnen?
»Was fühlst du eigentlich, Noah?« Hannah sagte das mit einer solch furchtbaren Zärtlichkeit, beinahe mit Fürsorge und Gefühl.
»Nichts, Hannah. Nichts mehr.« Tadaa! Da war er wieder. Der Mut.

Nichts außer Wut, Schmerz und diesem verdammten Gefühl, dass der eigene Stolz ein wenig angeknackst ist. Aber das brauche ich ihr doch jetzt nicht erzählen … sie weiß ja wahrscheinlich selbst, was sie kaputt gemacht hat. Und hey, niemand behauptet hier, ich sei fehlerlos. Aber wenigstens habe ich mich stets bemüht, niemanden mit meinen Aktionen zu verletzen. Und dieses Kunststück hatte sie in den letzten Wochen und Monaten unzählige Male mit Bravour gemeistert.

Zum ersten Mal heute (und wahrscheinlich schon seit Langem) blickt sie mir in die Augen. So starr und scheinbar zutiefst gefühlskalt die meinen sind, so tränengefüllt werden plötzlich die Ihren.

„Ich … ich muss.“ – Nichts wie weg von hier. Schnell, bevor ich wieder in Versuchung gerate, ihr die Tränen wegzuwischen, bevor der salzige Fluss ihre Lippen erreicht. Weg, bevor ich sie in den Arm nehme und scheinbar doch wieder alles beim Alten zu bleiben scheint. Schnellen Schrittes, nicht zu ungestüm, verlasse ich diese grässliche Postkarte und lasse sie einfach so zurück.

Nein, ich bin nicht gefühlskalt. Nicht ich. Manchmal kommt es mir sogar so vor, als würde ich tausendfach mehr fühlen, als all die anderen Menschen hier. Was natürlich unglaublicher Blödsinn ist, aber allein dieser Gedanke macht mir klar, dass ich keineswegs gefühlskalt sein kann. Und warum nun das Ganze hier? Es stimmt wohl, dass es schönere Möglichkeiten gibt, um sich voneinander zu trennen. Aber kennt ihr das, wenn die Enttäuschung einfach viel zu groß ist, um auch nur ansatzweise menschlich und … ja, mit Gefühl zu agieren? An diesem Punkt bin ich eben gerade. Und vielleicht ist das ja einfach so, dass Frauen in solchen Momenten einfach heulen müssen. Oder ist es womöglich die Tatsache, dass ich mit diesem einen Wort es geschafft, sie aus dieser, ihrer Illusion zurückzuholen. Zurück in die Realität (welche ferner … ach, ihr wisst schon.)

Es konnte einfach nicht mehr besser werden; zu viel war schon passiert, zu viel haben wir zwischen uns kommen lassen. Aber, damit ihr mich jetzt nicht falsch versteht: Hannah ist eine großartige, wundervolle und vor allem wunderschöne junge Frau. Und wir hatten auch wirklich eine tolle Zeit miteinander. Seit … ja, beinahe einem Jahr waren wir nun ein Paar und eigentlich waren es ja doch nur die letzten zwei Monate, in denen alles zerstört wurde. Zumindest fühlt es sich so an. Hier sind sie, die Ruinen unserer gemeinsamen Liebe.

Wisst ihr, was ich glaube? Wir haben uns zur falschen Zeit unter den komplett falschen Umständen getroffen. Es war eine schöne Zeit, na klar, aber vielleicht haben wir uns beide weiterentwickelt und jetzt ist es wahrscheinlich scheißegal. Wir hätten alles versuchen können, aber diese Liebe zu retten … unmöglich. Wir wollten es nämlich selbst nicht mehr. Sie nicht … und ich scheinbar auch nicht.

Da ist es, mein Auto. Die Zentralverriegelung löst sich und ich steige ein. Ein letztes Mal blicke ich zu dieser Postkarten(anti)idylle hoch. Hannah sitzt da immer noch, blickt in den Himmel und ja, ich glaube, sie weint noch.

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H wie Hannah. Verdammt.

So stark und stolz ich sein wollte, so schwach bin ich es jetzt.

4 Gedanken zu „Dem Ende so nah.“

  1. Bevor ich das jetzt lese (bin in der Arbeit und dafür ist es zu lange), wäre festzuhalten: Dieses „META“-Zeug find ich blöd. Das hat mich schon bei „Mutter Courage“ gestört und macht nicht nur die Spannung kaputt, sondern auch den Erzählstil.

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