Habe ich mich verirrt?

Du bist ausgestiegen, ich hab‘ dich aussteigen lassen. Wollte dich eigentlich noch behalten, ihn behalten, den Moment. Doch mit dem Knall der zugeschlagenen Autotür weiß ich, dass es vorbei ist. Er vorbei ist. Du drehst dich noch einmal um, dein Blick? Ein Rätsel, wie immer. So oft. Gehst weiter,  zu deinem Haus, deiner Tür, gehst hinein, ich fahre heim.

Fahre los, gebe Gas, ganz langsam. Ich krame in meinen Taschen, suche nach meinen Zigaretten, nach nur einer von ihnen und stecke sie mir in den Mund. Es raschelt und als ich das Feuerzeug gefunden habe und das Fenster leicht geöffnet, erhellt das Licht einer kleinen Flamme den ansonsten lichtscheuen Raum meines Autos. Es ist heiß hier, ist es nicht? Ich gebe Gas, verlasse deine Straße, deinen Ort, deine Stadt. Gebe Gas und vergesse zu bremsen, gebe Gas und vergesse. Zu lenken. Ich kenne den Weg. Kenne den Weg schon genauso gut, wie ich glaube, dich zu kennen. Habe ich mich verirrt?

Lichthupe. Ständig werde ich geblendet. Immer diese Leute, die wohl überall den vollen Überblick behalten wollen und trotzdem so blind und so. Menschlich? Ich möchte bremsen, stehen bleiben, hier in diesem Auto, auf dieser Straße, in diesem Tunnel. Seit wann bin ich im Tunnel? Habe ich irgendetwas versäumt? Es rattert.  Die vorperforierte Mittellinie schubst mich zurück auf meine Seite. Ich wische mir den Schlaf aus meinen Augen und ziehe beständig an dieser Zigarette, und sie wird nicht weniger, und ich werf‘ sie nicht weg. Das leichte Glimmen, es spiegelt sich in der Windschutzscheibe. Du bist nicht mehr da.

Nicht mehr da. Nur ich allein. Auf dieser Straße, in diesem Tunnel, mit diesem Auto. Du hättest mich nicht allein lassen sollen. Hättest mich nicht enttäuschen sollen. Du hättest mir vielleicht nicht gerade heute alles erzählen sollen. Mir erklären, das nichts mehr Sinn macht und wir keine Zukunft haben. Vielleicht hättest du einfach noch etwas warten sollen. Mit der Wahrheit und der Faust und meiner Magengrube. Vielleicht hättest du damit warten müssen …

Sprühende Funken. Ich bin kurz weggenickt und habe die Leitplanke gestreicht, ich reiße herum, bekomme mit der neu gewonnenen Wachheit das Auto gerade noch unter Kontrolle. Es ist spät hier. Eine Träne, ihr Weg, meine Wange. Es ist wohl soweit.

Die menschenleere Bundesstraße verlassen, durchs Ortsgebiet eiern und mit lauter Musik, mit Brüllen, mit Schreien, mit Stille, Piano, Gitarre. Und Tränen. Die Wahrheit scheint akzeptiert.

3 Gedanken zu „Habe ich mich verirrt?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert