
„Komm, rück‘ näher“, sagt Noah und legt seinen Arm um mich.
Und mit einem Mal bestimmt plötzlich dieses unangenehme, einengende Gefühl diesen Moment. Ich fühle mich nicht wohl. So soll es nicht sein. Ich erinnere mich noch an Noahs Worte, als er von diesem fünfzehnjährigen Jungen an diesem einen Bahnhof sprach, den er einmal beobachten konnte. Er ließ seiner Freundin keinerlei Freiraum, gab ihr vielleicht einen halben Quadratmeter zum Atmen und das vielleicht nur aus pubertärer Liebe, nicht aus Bosheit. Und Noah erklärte auch, dass ihn dass auf so einige Fehler in seinen vergangenen Beziehungen aufmerksam machte und er sich schwor nie wieder so zu werden. Nicht einmal ansatzweise. Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt, der Ansatz ist bereits überschritten.
„Du, Noah?“
– „Hm?“
„Komm. Lass es sein.“
– „Hm?“
„Ich … ich brauche etwas … Abstand, verstehst du?“
Etwas missmutig nimmt er seine Hand von meinem Körper und rückt etwas zur Seite. Er ist schnell beleidigt. Sehr schnell.
„Ach, Noah.“
– „Hm?“
„Du musst jetzt nicht so tun. Ich … ich … ich fühlte mich einfach unwohl. Es hat gerade einfach nicht so gepasst, wie ich wollte. Es ist nichts gegen dich. Nimm es nicht persönlich, okay?“
Und ob er es persönlich nimmt. So gut kenne ich Noah nun schon. Und obwohl er gerade eine seiner grimmigsten Blicke aktiviert hat, finde ich dieses Schmollen auch wieder unglaublich … süß. Wobei, Männer wollen nicht süß sein, nicht nett, nicht lieb. Sagen wir es so. Ich mag es, wie er da jetzt dasitzt und mit leicht zusammengepressten Augen aus dem Fenster blickt.
„Ach, komm schon.“
– „Nein, schon gut.“
Ich gehe in den Frontalangriff über und blicke ihn unentwegt an. Mit einem Lächeln auf meinen Lippen und einem neugierigen Blick. Als er sich zu mir dreht und mich sieht, kann auch er nicht anders. So gut kenne ich ihn schon, ja. Und scheinbar begreift er jetzt auch.
„Gut, dass du es gleich sagst, Emily.“
– „Mhm.“
„Weißt du, weil manchmal erkennt man es ja selbst nicht. Ich kenn‘ das ja.“
Ja. Noah ist vielleicht nicht so … offen. Sagst es nicht so selbstbewusst stotternd frei raus. Aber er gibt einem auf einem anderen Weg Zeichen. In seinen Bewegungen, seinen Worten. Was jetzt nun besser ist, werde ich sicher nicht bewerten. Ich verstehe es zum Beispiel, so glaube ich zumindest sehr schnell.
„Ich, ich brauche einfach gerade. Du weißt ja. Mir gehts gerade nicht so gut. Und wo sonst immer eine Umarmung oder ein Zärtlichkeit wahre Wunder bewirkt. Da hilft heute genau das eben nicht. Ich brauche Abstand. Brauche ein paar Zentimeter zwischen uns. Ein paar Zentimeter zwischen der Welt und mir.“
Noah nickt und ich weiß, dass er mich spätestens seit jetzt verstanden hat. Er ist eben nicht dieser fünfzehnjährige Junge in seiner ersten Beziehung mit diesem fünfzehn- oder vierzehnjährigen Mädchen, welches all das über sich ergehen lässt, bis es irgendwann zum Bruch kommt, zum Streit, zum Ende. Und sich dann in der Schule vermehrt ein fahler Beigeschmack dieser Beziehung breit macht, wenn er über ihre kleinen Brüste und sie über seinen kleinen Schwanz herzieht. Dinge, die wahrscheinlich beidseitig nicht stimmen. Aber dadurch fällt vielleicht das Ende leichter, ihr wisst schon.
Dann schmeißt man sich in Rage, und erzeugt einen Lügenkomplex, spricht von Dingen, von denen man keine Ahnung hat, gibt sich als Wunderkind auf genau diesem Gebiet aus, und hat eben doch keine Ahnung. Und erst wenn dieser Turm zu Babel, dieser schiefe Lügen-Pisa einstürzt, ist man wahrscheinlich erst in der Lage zu trauern und zu begreifen, dass einige wenige Worte diese Beziehung hätten retten können und einige Kubikzentimeter mehr Atemluft sicherlich sehr gut getan hätten. Und dann ist es meistens zu spät, weil man schon zu viel zerstört hat, und macht sich auf die Suche nach etwas Neuem und behält diese eine Geschichte im Hinterkopf und erklärt, nie wieder in eine solche Situation zu kommen und kommt es eben doch wieder und verläuft sich in den selben Scheiß Tag für Tag.
Aber was rede ich. Die Gedanken haben sich irgendwie selbstständig gemacht. Und während ich wieder zu mir zurückkehre und, aufgrund von Müdigkeit und aufgrund von dem plötzlich wieder auftretenden Wunsch nach Nähe, meinen Kopf auf seine Schulter lege, warte ich nur noch auf den gewohnten, liebgewonnenen, zärtlichen Kuss seinerseits auf meine Haare.
Nein. Nicht Noah. Diesmal Emily.
