Warum Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ für mich nie und nimmer das Zeug zu einem Generationsbuch hat … und warum eigentlich so … unrealistisch?
Ihr könnt es nicht mehr hören, ich weiß. Auf Twitter, in den Online-Medien und auch in Print-Magazinen und im TV hört man nur mehr „Hegemann!“ oder „Axolotl!“ oder „Strobo?“, „Airen?“. Aber das interessiert mich jetzt (noch!) nicht. Bis jetzt habe ich mir nur „Axolotl Roadkill“ gekauft, aber „Strobo“ schon nur bestellt.
Ich muss diesen Beitrag hier einfach schreiben. Weil Hegemann ja bis vor kurzem die neue junge … Goethe (?), Schiller (?) war. Weil sie … jung … und Theaterstück, Drehbuch, Bestsellerbuch. Sowieso alles großartig. Und dann lese ich dieses Buch und denke ich mir: Ja, natürlich. Sie hat ein Talent, sie ist eine sichtlich begabte Schriftstellerin. Aber dieses Buch? Bitte?
Brauchen wir immer diese Bücher über Koks, Nutten, Speed, schmerzhaften Analsex, Vergewaltigungen, Ecstasy, Diskothektoiletten, Selbstzerstörung und nochmal zwanghafter schmerzender Sex. Brauchen wir das wirklich? Weil wir noch nie auf Koks oder Speed waren? Noch nie Nutten oder schmerzhaften Sex hatten? Nicht vergewaltigt wurden, womöglich auf dreckigen Diskothektoiletten (die übrigens nur in wenigen, und dann sind es wirklich abgefuckte Discos, wirklich so dreckig sind, wie so oft beschrieben). Und weil wir uns womöglich selbst mögen, und somit gerne an der Selbstzerstörung eines anderen Menschen beteiligt sein wollen, zumindest als Leser, als diese Typen, die bei einem Autounfall auf der anderen Fahrspur auf der Autobahn natürlich langsamer werden, um ja sehr viel Schrott, Blut und Körperteile zu sehen. Brauchen wir diese Bücher also wirklich um unser Neugier am Exhibitionismus zu befriedigen?
Und was ich so furchtbar finde: Wird „Axolotl Roadkill“ wirklich ein Buch für diese Generation? Und die wichtige Frage: Bin ich überhaupt noch in dieser Generation? Ich fürchte ja. Und als Generationenbücher bisher wurde was gehandelt? Benjamin Leberts „Crazy“? Charlotte Roches furchtbare „Feuchtgebiete“? Die Biografie von Dieter Bohlen? Keine dieser Bücher hätte es auch nur annähernd verdient. Und von allen am Ehesten noch „Crazy“.
Lebe ich meine Generation falsch? Klar, ich leb‘ ja schon anders, als wie ich es mir von einem normalen Menschen in meinem Alter erwarte, leider. Aber bin ich der Einzige, der nicht misshandelt wurde, der nicht jeden Abend Drogen nimmt, der sich nicht Tag für Tag selbst zerstören muss? Reicht denn ein ganz normales Leben nicht mehr für die Literatur? Wo Leben, Liebe, Eifersucht, Ängste, Freude, Scham und all das einfach in einer nachvollziehbareren Umgebung stattfinden.
Ich denke, auch genau diese Literatur, eine Abbildung dieses Lebens, kann berühren, fesseln. Und da muss es nicht unbedingt dem menschlichen Abgrund entsprechen. Denn manchmal geht Selbstzerstörung auch ohne Rasierklingen und gezwungen brutalem Sex. Manchmal zerstört man sich selbst, von innen. Ganz leise.
Und genau eine solche, leise Literatur suche ich. Und schreibe ich.
Und nein. Ich kritisiere nicht unbedingt all diese Bücher. Ich kritisiere den Hype, der darum gemacht wird. Woah, fuck. Da betritt eine Protagonist schon halb zerstört die Bühne, die erste Seite. Wow. Was will man mehr? Ich selbst lese diese Bücher (weil sie im Gegensatz zu z.B. Zafons „Der Schatten des Windes“, Boyles „Drop City“ oder vor allem Wallaces „Unglaublicher Spaß“ schnell zu lesen sind, so mal zwischendurch). Diese Bücher sind nicht schlecht sie sind mitreißend und eine tolle Literatur. Aber meiner Meinung nach sind genau solche Bücher furchtbar unrealistisch. Beziehungsweise nicht für eine ganze Generation sprechend, nur für Einzelne. Und darauf sollte man wieder einmal wert legen.


Ich lese zu wenige Bücher. Und wenn dann meist über Management, Wissenschaft und Zeug. Fast keine Literatur mehr. Also was ich darunter verstehe. Stobo wäre sowas. Oder ist es nur ein aufpoliertes Blog auf totem Holz? Ich bin gespannt, was du dazu zu sagen hast.
Hegemann nervt mich. Und ihr Verlag noch mehr. Das ist heute Kultur. Remixes. Bullshit. Korrekt zitieren ist heute Kultur und jeder, der sich nicht dran hält bekommt eines auf den Deckel. Inspiration ist Kultur. Ich habe meinen Blog unter die CC-BY gestellt. Man könnte alle nehmen in ein Buch klatschen und damit Geld verdienen. Ohne mir auch nur Bescheid zu sagen. Nur meine fünf Buchstaben müssen irgendwo stehen. Das ist Kultur. Open Source funktioniert weil Menschen für Anerkennung arbeiten und nicht für Geld. Weil es glücklich macht.
Und zum Inhalt des Buches. Ich habe Airen immer wieder mal gelesen, weil Glumm so auf ihn abfährt, aber bin nie wirklich reingekommen. Vielleicht werde ich es nochmal probieren. Schon lange keinen Blog mehr von hinten bis vorne durchgelesen. Ok, vor zwei Wochen das letzte Mal. Zu viel gutes Zeug, das auf irgendwelchen Servern vernullt. Selbstzerstörung. Finde ich faszinierend und wenn ich meine Timeline ansehe habe ich am Wochenende das Hashtag #gettingwasted in Variationen etabliert. Heute wurde ich gefragt, ob das eine größere Bewegung sei. Auf die guten Werte spucken, weil man nicht an sich selbst glaubt, vor sich selbst Angst hat. Angst etwas zu verpassen. Glumm hat mich von den Drogen abgehalten. Dinge die man nur jemanden glaubt, der so nahe dran ist. Ob ich das von einer 17jährigen Göre lesen will, die weniger erlebt hat, als ich selbst, bezweifle ich. Doch was ist schon dieses erleben. Wie du sagst dreht sich vieles um Extreme. Drogen, Sexualität. Zeug um das leise zu verdecken. Die Dinge, die Menschen zerbrechen. Es geht um das Tuch, das man darüber wirft. Ich will darunter schauen.
Danke! Du sprichst mir aus der Seele!
Dieser Hype um besonders junge Schriftstellerinnnen, die sich „trauen“ über das wirkliche dreckige Leben zu berichten, ist für mich ein Spiel mit der abgestumpften Wahrnehmung der meisten unserer Mitbürger. Erschreckend und faszinierend, dass es so „modern“ ist, sich von diesen den fiktiven Abgrund beschreibenden Geschichten fesseln zu lassen.
Ganz einfach: Literatur wie diese, die das Befriedigen der Sensationslust zum Themenmittelpunkt macht, ist einfacher zu verfassen als subtile, zwischenmenschliche Geschichten, die zwar nicht mit Aufregern, dafür aber vielmehr mit Witz und Intelligenz glänzen. Ich denke, das ist das ganze Geheimnis.
Ich will eine Charlotte Roche oder eine Helene Hegemann nicht pauschal als schlechte Literaten verurteilen, aber dennoch wirkt es so, als würdigen Vertreter derartiger Genres einfach nicht mehr auf die Reihe bekommen. Oder aber sie sind wirklich davon überzeugt, dass es sich bei dem, was sie fabrizieren, um echte Literatur (und nicht etwa bloß um bewusst aufwühlende Kunst als gesellschaftliches Statement) handelt. Das spräche allerdings wieder gegen den Geschmack der jeweiligen Autoren und Autorinnen.
Übrigens: Bitte niemals den Fehler machen und das Werk eines Autor oder einer Autorin anhand ihres vermuteten Erfahrungs- oder Wissensschatzes beurteilen. Ob ein – fiktionaler! – Roman glaubwürdig ist oder nicht, entscheidet normalerweise der Stil und die enthaltenen Informationen, nicht die Biografie des Verfassers. Wenn mir eine Siebzehnjährige etwas über die Drogenszene erzählt und es stilistisch hinbekommt, dass ich ihr das abnehme, hat sie schon gewonnen. Egal, wie wahr die Dinge dahinter wirklich sind, egal, ob sie ihr Wissen darum nur aus Medien bezieht oder selbst mittendrin war. „Axolotl Roadkill“ ist meines Wissens nach schließlich alles andere als ein Sachbuch.
Ich weiß nicht ob Glaubwürdigkeit das richtige Wort ist. Oder Authentizität. Wenn man weiß, dass der Autor es erlebt hat. Direkt oder um Ecken. Wenn man mit ihm unterwegs war oder jemanden kennt, der es war ist, tut. Manchmal die Gesamtheit seines digitalen Abbilds.
Es ist etwas anders, ob jemand etwas erlebt hat oder sich das Wissen dazu angeeignet hat. Ich sage nicht, dass das eine schlechtere oder bessere Literatur ist. Nur dass es einen Unterscheid macht.
Ich danke dir.
Langsam kann ich es echt nicht mehr hören, wer jetzt von wem geklaut hat.
Auch wenn ich es mir ja gewohnt bin, dass heutzutage alles gehypt wird, was vielleicht etwas neu ist. (vergleich hierzu vielleicht mit avatar oder div. videospielen) So ist es doch echt schade, dass es irgendwie nur noch um den Tabubruch geht.
Habe deinen Beitrag auf jeden Fall sehr genossen.
Greetz