
Der Zug rattert unruhig in die tiefe Nacht hinein. Es ist dunkel geworden, überraschend schnell. Als er die Augen das letzte Mal schloss, war der Himmel noch von einem sanften Pastellton, etwas violett, gesäumt und in der Stille dieser Zeit hatte er den seit langem benötigten Schlaf bekommen. Erst jetzt schreckte er hoch, aufgeweckt vom Bremsen des Zuges. Er schien zum Stillstand gekommen zu sein, aber er kann es nicht wirklich erkennen. Irgendwo, in der Pampa, im Niemandsland zwischen zwei Orten. Kein Licht leuchtet da irgendwo in der Ferne. Dichte Dunkelheit umhüllt den Zug. Plötzlich beginnen die anderen Mitreisenden aus ihrer Stille oder ihren Gesprächen gerissen zu werden. Auch sie haben bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmt.
‚Bitte entschuldigen sie diesen unplanmäßigen Stopp. Aufgrund eines Personenschadens wird sich unsere Weiterreise etwas verzögern.’
Das Getuschel verliert an Intensität, und irgendwann hat wohl auch der letzte Mensch bemerkt, was der Schaffner meinte. „Entschuldigung?“ Irgendjemand beginnt wieder leise mit jemandem zu sprechen. Es dauert, bis Noah merkt, dass jemand gerade ihn etwas fragen möchte. Er dreht sich um (bis jetzt blickte er wie gespannt aus dem Fenster, hinein in die Dunkelheit und das Spiegelbild der vor ihm sitzenden Personen) und erblickt, am Platz neben sich, eine junge Frau. „Ähm, ja?“ – „Warum glaubst du, dass sich hier jemand vor den Zug geworfen hat. Hier, in dieser Gegend.“ Sie fragt frei heraus, und sieht es als selbstverständlich an, mit einer wildfremden Person gerade mithilfe dieses sehr außergewöhnlichen Themas eine Konversation zu beginnen. Er muss kurz lächeln und blickt sie an. „Ich glaube es war Angst. Die Angst vor der-“ – „Der Dunkelheit.“ Er sieht sie, nun zum ersten Mal richtig, an. Das war genau sein Gedanke. Auch wenn die Diagnose der Angst mehr als lächerlich wirkt in Anbetracht der Tatsachen, die Menschen einen Selbstmord begehen lassen, irgendetwas scheint die beiden zu verbinden. Ein Mal, in der Grundschule während einiger Projekttage gingen Noahs Klasse nachts spazieren, mit Taschenlampen. Und mitten im Wald sollten sie nun für kurze Zeit jedwedes Licht abschalten. In diesem Moment bemerkte er zum ersten Mal diese Angst vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein, vor der Hilflosigkeit. Deshalb kam er auch jetzt zuallererst auf diesen Gedanken, nachdem er zuvor minutenlang die Dunkelheit nach Lichtquellen absuchte.
Er nickt. Der Zug steht immer noch und die ersten Menschen werden unruhig. Schimpfen auf diese verdammte Bundesbahn und dass sie wahrscheinlich den Anschlusszug am nächsten Bahnhof versäumen würden. Noah blickt langsam wieder aus dem Fenster, hinein in die Dunkelheit.
„Du?“
– „Ja.“
„Mein Name ist übrigens Emilie. Ich hoffe, ich habe dich vorhin nicht zu sehr überrascht. Ich habe nur gesehen, dass du aufgewacht bist, und …“
– „Ich bin Noah. Und das war schon okay. Ich bin froh…-“
„Dass ich dich angesprochen habe?“
Sie lacht etwas auf. Aber so Unrecht hat sie mit dieser Vermutung gar nicht. Einen Gesprächspartner auf einer Zugfahrt zu haben, kommt Noah gerade gelegen. Es nervt ihn jedes Mal, wenn er diese Reise antreten muss, und als einer von ungefähr fünfhundert Menschen in einem der Waggons sitzt und schlussendlich nur auf die Ankunft des Zuges in der Endstation wartet.
„Und wohin fährst du?“
– „Ich bin auf der Heimreise. Dieses Wochenende verbringe ich wieder einmal bei meiner Familie.“
„Studierst du etwa auch in Wien?“
– „Mhm.“
Er weiß bis jetzt noch nicht, wie lange sie wohl neben ihm sitzen würde. Die nächste Haltestelle war vielleicht eine halbe Stunde entfernt, aber der Zug machte auch keine Anstalten, sich in den nächsten Minuten zu bewegen. Während sie ihre Blicke im Waggon schweifen lässt, mustert er zum ersten Mal bewusst ihr Gesicht. Diese makellosen Formen. Dieses schöne Haar. Emilie hatte irgendetwas, eine außergewöhnliche Ausstrahlung und wie er jetzt schon bemerkt hatte, war sie auch noch überaus selbstbewusst und freundlich. Ihr Blick kehrt zurück und plötzlich sehen sich die beiden in die Augen. Sie lächeln und setzten die Konversation fort, während sie sich auf den Sitzplätzen einander weiter zuwenden.
„Du. Du bist schön.“
Für den kurzen Moment dieses Augenblicks ist Noah von seinen Worten selbst überrascht und wendet seinen Blick langsam ab. Was für ein dummer Satz war ihm hier nur über die Lippen gekommen. Diese junge Frau, er kennt sie jetzt erst seit zehn oder fünfzehn Minuten und dann das. Aber sie lächelt nur und meint: „Dankeschön.“
„Ich fahre übrigens bis Sankt Valentin.“, fügt sie hinzu. Etwas traurig blickt er auf den Sitz vor ihm. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie an ihrem Zielbahnhof angekommen war, und dann würde er sie wahrscheinlich nie mehr wieder sehen. Doch er ahnt nicht, wie viel Zeit den Beiden noch bleiben würde.
„Ein Personenschaden. Was für ein dämlicher Begriff“, entkommt er langsam dem beinahe peinlichen Schweigen, in das sie geraten sind. „Das klingt so schrecklich trivial. Durch diesen Ausdruck vergisst man beinahe, dass sich hier ein Mensch möglicherweise aus vollstem Bewusstsein vor diesen Zug hier geworfen hat.“ Sie nickt.
„Hast du eigentlich jemals daran gedacht?“
„An Selbstmord?“ Er blickt Emilie fragend an.
„Mhm.“
„Klar -.“
Seine Stimme wird plötzlich leise, als er den Satz zu Ende spricht. „Wer hat das denn noch nicht?“. „Stimmt.“ Sie nickt, und die beiden denken wohl gerade wieder an diesen Menschen dort draußen, wahrscheinlich tödlich verletzt, noch einige hundert Meter mitgeschleift von diesem Koloss von Zug.
Das hier ist ein weiterer Beginn meines Buchprojektes. Ich stehe zurzeit. Irgendwo im Nirgendwo. Gefällt euch dieser Beginn besser als der andere? Nachdem ich von der Schreibweise des Herrn Kluun (Mitten ins Gesicht und Ohne Sie) begeistert bin, und ich kein Mensch der großen Umschreibungen bin (die Landschaft ist ja mal sowas von uninteressant), gefällt mir dieses, dialoglastige Dingens um einiges besser als mein sogenannter „zweiter Versuch“, welcher in Wahrheit wahrscheinlich nur mein erster war. Ich bitte um Reaktionen.

Nein. Dann doch eher der alte Anfang…
Entweder du bringst einen Selbstmord ein und betonst ihn dann auch wirklich. Lass ihn eine große Rolle spielen. Mehr Gefühle der Beklemmung, Gedanken, Angst.
Oder lass ihn weg. Schreib einfach, dass der Zug anhält.
Aber so, in dieser Mischung, find ich es ganz komisch… Natürlich muss man nicht alles immer ganz furchtbar betonen und es gibt sicherlich auch Menschen, die das Thema ‚Suizid‘ einfach mit in die Kategorie ‚Zugverspätungen und ähnliche unschöne Dinge im Leben‘ einordnen, aber… ich weiß auch nicht. Es fehlen Gefühle. Soll das Thema denn noch ne Rolle spielen oder ist das nur ein Versuch, die beiden zu einem Gespräch zu kriegen?
(Widerspruch gern gesehen^^)
Übrigens: V.a. am Anfang sind immer mal wieder ein paar Verben in der Vergangenheit… da nochmal alles durchgucken.
Dieser Versuch mag schon ein wenig fortgeschrittener sein, da er einfach länger ist. Was mir an dem anderen jedoch so gefallen hat, war, dass er mir einfach doch ein wenig realistischer vorkam. Bei der ersten Begegnung so angesprochen zu werden passiert doch in eintausend jahren vl einmal, und auch dann nur wenn man jeden Tag mit dem Zug fährt. Aber eine Begegnung, die quasi jeder in dem Abteil haben kann, weil sich die Aussage nur an eine Person richtet ist doch alltäglicher.
Das Problem ist wahrscheinlich auch, dass ich nicht weiß, wie du fortsetzen willst. Beim anderen Anfang, habe ich einfach selber mehr ideen gehabt, dass es einige zeit dauert, bis sich die zwei hauptpersonen das erste Mal unterhalten…
Aber ich bin auch froh, wenn wer anderer meinung ist. ich glaube, dass du daran weiterarbeiten solltest, was dir besser gefällt. und vor allem keine Angst haben solltest, dann auch mal weiterzukommen. Ich finde zwar für viele Dinge auch keine Motivation, aber ich glaube, dass du wenn dir das Projekt wirklich so sehr am Herzen liegt, du ohnehin den Anfang noch fünfmal überarbeiten wirst. Darum versuch doch mal überhaupt weiterzukommen.
So, erste Reaktion: Aus der Erinnerung kam mir auch der andere Anfang besser („mitreißender“?!) vor. Ich les den jetzt nochmal, dann kommt eine zweite, etwas überlegtere Reaktion.
Zweite Reaktion: Erste Reaktion war grundsätzlich „richtig“. Der andere Versuch holt einen eindeutig tiefer rein. Der hier hat, ehrlich gesagt, sowas von „Ich möchte zwei Dinge auf einmal und zerreiße mich deshalb“ – wie Mekmek schon bemerkt hat, entweder den Selbstmord voll einbringen und gar keinen Grund für den Zugstopp nennen (ist doch auch viel schöner. Und wirklichkeitsnaher…) oder aber die Auswirkungen des Selbstmordes mehr thematisieren und dafür an dieser Stelle noch weniger Dialog (man braucht die Namen noch nicht unbedingt einführen, z.B., und die Erwähnung, dass sie bis St. Valentin fährt, wirkt irgendwie auch ein bisserl aufgesetzt). Sorry, dass ich hier jetzt so negativ urteile, aber im Vergleich zum anderen Anfang steigt der hier einfach eindeutig schlechter aus. Obwohl ich auch hier Mekmek Recht geben will: Versuch mal, weiterzukommen. Den Anfang schreibst du wahrscheinlich sowieso noch x-mal um. Und warum nicht mal nach dem George-Lucas-Prinzip arbeiten und in der Mitte zu erzählen beginnen? 😉
P.S.: Ich hoffe, ich zerstöre hier jetzt nicht mein Image als die böse androgyne Tante von nebenan, wenn ich dieses Adjektiv verwende, aber eine Passage ist absolut süß:
So, aller guten Dinge sind drei, daher auch meine Kommentare…
Mit wirklichkeitsnaher meinte ich nicht, dass es wirklichkeitsnaher ist, wenn sich niemand so verzweifelt ist, dass er sich vor den Zug wirft, sondern, dass es wirklichkeitsnaher ist, wenn die ÖBB nicht sagt, was los ist. 😛
Und dann ist mir noch eingefallen: Je nachdem, was aus der Geschichte dann im Endeffekt werden soll – aber vielleicht wäre es irgendwie mögliche, die geographischen Gegebenheiten gar nicht einzuführen. Anders ausgedrückt: Für mich liest es sich echt komisch, wenn ich das jetzt mit der mir viel zu bekannten tatsächlichen Westbahn in Verbindung bringe. Aber vielleicht ist das nur ein persönliches Leiden…
okee… dieser beginn ist mir lieber… er klingt nach einem wirklichen buch. ja, der andere ist ebenfalls saugut… aber er ist aus der „ich“-perspektive.
eine person erzählt von seinen erlebnissen, da könnte ich mich nie so sehr einfühlen… und dieser hier ist wirklich sehr schön und direkter und schneller vom einstieg her… aber richtig schockiert, war ich vom „personenschaden“, das bringt den suizid erst richtig zur geltung… von dieser erzähler-aus-der-luft-perpektive. es ist nur meine meinung, aber ich mag so etwas mehr.
und ich finde… das dadurch beginnende gespräch wirkt nicht inszeniert, sondern wunderbar natürlich entstehend.
ein gespräch zweier aufgeschlossener, junger menschen. die eine beginnt ein wenig forscher, während der andere ein wenig zurückhaltender ist. ich finde diese variante unglaublich.
Vielen Dank für all die Reaktionen. Mir ist erst jetzt aufgefallen, dass der 1. Anfang in der Ich-Perspektive war und dieser hier nicht. Hach. Ich werde einen neuen Neuanfang machen. Mal wieder. Ich selbst war natürlich auch zu unsicher. Vielleicht wäre eine Mischung von beidem sehr interessant. Mal sehen. Und dann werde ich gleich weiterschreiben. Irgendwann muss ich ja über das erste Kapitel, die ersten 20 Seiten, die erste Hälfte des Buches hinauskommen. 🙂
nimm dir zeit und nicht das leben! 😀