
Es war der Bruchteil einer Sekunde. Jetzt, in seiner Erinnerung kommt es ihm so vor als hätte er gerade in diesem Augenblick gezwinkert. Er blickt sich das Reh an, welches regungslos auf der Straße liegt. Den Kopf interessant verrenkt. Wahrscheinlich war es auf der Stelle tot, als sein Auto noch auszuweichen versuchte. Langsam zieht er an seiner Zigarette und lehnt sich gegen das – nun im Straßengraben befindliche Fahrzeug. Die Sterne. Sie sind schön, in dieser Nacht.
Das er aber auch immer in solche Situationen kommen muss. Auf irgendeiner Freilandstraße, kilometerweites „Fast-nichts“, nur unzählige Felder und vielleicht ein suizidgefährdetes Reh. Er braucht keine Angst zu haben, dass ein nachkommendes Fahrzeug hinzustoßen könnte. Hier war nichts und hier wollte niemand hin. Diese Dunkelheit, verstört nur durch die Glut der Zigarette und das Abblendlicht des Wagens. Leicht genervt wirft er die Zigarette zu Boden. Die Funken verteilen sich am kalten Asphalt.
Langsam öffnet er seinen Kofferraum. Wie geschaffen für ein junges Reh, denkt er sich, während er den kleinen Teppich ausstreifte. Es soll ja das Auto nicht dreckig werden. Etwas verstört bückt er sich dann zum Reh hinunter. Ein wunderschönes Tier, grazil, mit samtigem Fell. Und tot. Als es im Kofferraum verstaut ist, setzt er sich wieder ans Steuer und steuert seinen Wagen langsam aus dem Straßengraben. Es wird wohl drei Uhr sein. Um diese Uhrzeit möchte er den Tierazt auch nicht mehr aufwecken und überhaupt … das Ding ist tot. Und auch er will endlich ins Bett.
Die Todesanzeige kann man wohl auch morgen ausfüllen. Erst einmal erzeugte er einen Sachschaden an der Natur. Ein Eichhörnchen war ihm einmal direkt vors Auto gelaufen, wenige hundert Meter vor seinem Zuhause. Er bemerkte es aber erst, als er am nächsten Tag Reste davon an Reifen und Auto fand. Er ekelt sich – selbst heute noch – wenn er daran zurückdenkt.
Die Heimfahrt gestaltete sich ganz angenehm. Im Autoradio dauerrotierte Jose Padillos „Adios Ayer“. Er fährt jene unzähligen Kilometer zurück nach Hause, die er unsinnig in Kauf genommen hatte, nur um endlich mal wieder raus zu kommen. Das macht er häufig. Eigentlich immer, wenn es ihm in den eigenen vier Wänden zu eng wird. Es ist ihm doch so lange nun so gut gegangen, und dann plötzlich dieser schnelle Verfall. Vielleicht nur ein kurzer Durchhänger. Das tote Reh in seinem Kofferraum ist ihm eigentlich relativ egal. In irgendeiner Art und Weise amüsiert es ihn sogar. Er hatte es ja nicht absichtlich getötet, hatte nicht extra Gas gegeben. Versuchte sogar auszeichen, nur um das Reh zu retten, und sich selbst vielleicht in größere Gefahr zu bringen. Innerlich lachte er gerade. Es wird schon wieder. Alles wird gut. Nur das Reh, das bleibt tot.
Zuhause angekommen haute er sich noch ein paar Cevapcici in die Pfanne, trank ein Bier dazu und ging schlafen. Das Reh bewegte sich trotzdem nicht mehr. Was für ein Tag.
Diese Geschichte entstand während der letzten Wienheimfahrt, auf das Reh kam ich, als ich zum ersten Mal seit einigen Tagen einen Wald erblickte. Gespickt wurde die Geschichte mit den Worten von einem meiner besten Freunde, Lukas. Teppich, Eichhörnchen und Cevapcici. War interessant und vielleicht ein Vorgeschmack auf PS09. Der Titel entstand spontan und hat nichts mit dem Datum und der trivialen Uhrzeit zu tun, die am gestrigen Tag so unglaublich angesagt war. Mich brachte ein Song von Rufus Wainwright dazu. Und nein, bei uns hat es noch nicht geschneit. Aber kalt wird es.
Foto von smile4camera

nicht wirklich zum Thema, aber aus tiefstem Herzen die Frage: Ist alles OK bei dir?