Wachsen und werden zum Wald.

Da glauben wir immer, wir wären ganz außerhalb. Und dann stehen wir plötzlich in der Mitte. Heilige, die im Dunkel leuchten.W ir sind immer fassungslos, wenn auch nur einer uns im Gedächtnis behält über eine Zeit hinaus. An den Wegrändern sprechen sie seit Jahren und Jahren heimlich über uns. Das bilden wir uns nicht ein! Ein schnes Gefühl, in der nacht über unsre Autobahnbrücken zu fahren, und unten strahlt es aus den Lokalen: noch mehr Menschen wie wir! Ein heller Schein. Die Figuren, Fremde wie wir, Reisende, strömen in die Busbahnhöfe, um sich zu verteilen, von Ort zu Ort, und wir kommen über sie wie der Regen, der zeitig in der Früh die Schuhe durchnäßt. 

Alle sind wir anders. Die Stimmen ruhen und wir warten gebannt auf die Fortsetzung der Stille. Wir, gehalten von unserer Angst und getragen von der Antipathie  gegen uns. Nichts kann uns fordern, uns fördern, wir bleiben. Bleiben ruhig und wartend, auf die Ankunft. Wir warten, bleiben fruchtlos, voller Erwartung und voller Fragen. Nichts wird uns aufhalten in unserer Hoffnung und den Gedanken. Wir sind unser und eins sind wir.

Doch die Fremden, die nicht zu uns gehören, von fernen Städten geschäftiger Lärm. Im Geblätter rauscht es und schimmert. Der Boden, in dem wir liegen, schwankt, ein furchtbarer Schlag durchdröhnt ihn. Wir kommen heraus. Hinter uns andre Wanderer, sie folgen unsrem Andenken. Nicht eine Träne kosten sie uns! Ergeben sich drein, ein Zweites zu sein, und Abgestammtes. Ein Anhang zum Leben sind sie, das von ihnen, oder neben ihnen, aus eignem Triebe sich regte, ein vom Felsen zurücktönender Nachhall einer schon verstummten Stimme, sie sind, als Volk betrachtet, außerhalb des Urvolks und für dasselbe Fremde, und Ausländer. Sind nicht wie wir, nicht hier zuhaus in unserm Boden und werden vom Gebirge nicht gehalten.

Mit Blut getränkt der Boden. Still sinkt er zu Boden, langsam. Ohne Worte, nicht zu schreien im Stande, wortlos. Der Schweiß der Stirn, mit Haaren vermischt. Wo liegt die Notwendigkeit des Seins, wo der Glauben an den Tod. Wir haben uns und genügend sind wir. Wir brauchen nur uns und alleine sind wir stark. Wir müssen uns beschützen, unsere Geschichte und unsere Zukunft. Kein Leben der Ehrlosen auf unserem von Blut getränktem Boden.

Darum treibt ihn, Erde! Vom Herzen dir sein Übermut, und deine Geschenke sind umsonst und deine zwarten Bande, sucht er ein Besseres doch, der Wilde. Der Fremde, tödlcih ist ihm unser Boden. Aus Nichts ins Nichts, hart zwischen Nichts und Nichts. Wir sind zuhaus, wer mag uns danken? Wohl tut die Erde zu kühlen. Ein freundliches Licht kommt, und unser warmer Herd entzündet die Luft mit seiner unschädlichen Glut. Und bei des Fremdlings besonderer Stimme stehen die Herden auf. Wir sehen ihn nicht, und gesellte er sich auch zu uns, im Winde klirrten die Fahnen. Bis heute wäre er namlos, ewig hinab in die Nacht verwiesen. Verstummt unter uns Lebenden. Wir aber. Wir aber. Wir schauen mit offenen Augen und suchen immer nur uns. Wachsen und werden zum Wald.

Elfriede Jelinek, umstrittene Literaturnobelpreisträgerin 2004, schrieb mit dem Buch „Wolken.Heim.“ eines der beeindruckendsten Bücher meiner Sammlung. Selten erlebte ich, dass die Poesie der manchmal auch harten Worte, so wunderschön klingt, so melodiös und spannend. Die mit Anführungszeichen versehenen Stellen stammen aus dem Buch, die Texte dazwischen habe ich geschrieben. Natürlich ist das nicht meine Auffassung, meine Meinung, ich habe nur versucht, im Sinne der Idee des Buches, weitere Zeilen zu schreiben. Jelinek versucht auf satirische Weise zu erklären, was die Substanz des deutschen Geistes ausmacht: Wir-Gefühl, Heimattümelei, Sendungsbewusstsein und Nationalismus, damit verbunden die Abwertung des Anderen, der fremden Natur, der angeblichen Nicht-Vernunft. Schon klar, ihre Aussagen wirken heftig, wie jene eines Thomas Bernhard. Aber ich wage einmal zu behaupten, dass sie nicht ganz unrecht hat.

Hervorzuheben wäre vor allem, dass die verwendeten Texte in den BÜchern unter anderem von Hölderlin, Hegel, Heidegger, Fichte, Kleist und aus den Briefen der RAF von 1973-1977 stammen.

//Wolken.Heim. Elfriede Jelinek 3-15-018074-0

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