
Gestern habe ich ja dieses eine Bild von uns beiden gefunden. Habe es mir minutenlang angesehen. Habe dir tief in deine virtuellen und (bei 10.000facher Vergrößerung) pixeligen Augen gesehen. Und habe bemerkt, dass es schon damals da war. Deine Unfähigkeit mich zu lieben. Ich gebe dir für alles die Schuld. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ja, ich lehne mich einmal so weit aus dem Fenster. Du bist zu jung, um … ja, da bist zu jung für eine ernsthafte Beziehung. Du lässt dich viel zu sehr von allem anderen beeinflussen. Du warfst mir Dinge an den Kopf, welche du jetzt selbst praktizierst. Du kommst erst jetzt in diese Jahre deiner Jugend, mit denen ich gerade fertig werde. Diese Jahre voll Selbstzweifel, Angst, Ungewissheit und vielleicht auch Selbsthass. Du wirst es nicht immer schaffen, den Halt da zu suchen, wo er bis jetzt immer war. In den kommenden Jahren wird dein Leben so manches Mal zusammenbrechen und sich aus den Trümmern wieder aufbauen. Es werden harte Jahre. Aber du schaffst es sicher nicht. Schaffst es nicht, stets mit einem Lächeln durch die Welt zu gehen. Ja, damals hast du mir, und die Beziehung zu mir die Schuld gegeben. Aber nein, es lag nicht an mir. An meiner „Sicht der Dinge“. An meinem umschwänglichen Pessimismus. Es lag an dir. Und an deiner Unfähigkeit die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind. Es tut mir leid, dass ich dir jetzt wieder schreibe. Dass ich dir diese Dinge an den Kopf werfe. Aber es muss sein. Erst gestern wieder habe ich dich in meinem Tagebuch erwähnt. Ich habe meinem Tagebuch erzählt, dass meine Liebe zu dir um ein so großes Extrem verschwunden ist. Dass nur mehr ein kleines bisschen Liebe da ist. Gerade einmal genug, um eine Freundschaft weiter aufzubauen. Ich konnte dich stets lieben. Ich habe dich auch stets geliebt. Aber erst jetzt habe ich gesehen, dass du es schon lange nicht mehr konntest.
Offenbare ich zuviel meines Lebens in dieser „Neon Wilderness“? Dieser Gedanke kam mir erst kürzlich, heute vormittag, als mich meine Deutsch-Professorin darauf ansprach, dass sie aus meinen Texten, welche ich in der Lesung vortrug, heraushörte, dass ich mit meiner Rolle nicht zufrieden sei. Mit meiner Rolle, die ich in der Schule innehabe. Ihr wisst schon, welche Rolle ich meine. Und sie hat mich gefragt, warum ich nichts dagegen unternehme. Vielleicht aus reiner Faulheit. Es sind doch nur mehr drei Wochen. Ich habe mich verändert. Und manchmal genieße ich auch wieder das Stehen im Mittelpunkt. Aber man muss mir auch diese Momente der Stille, der Ruhe einräumen. Ich bemühe mich nicht mehr, meine Rolle für diese drei Wochen abzulegen. Es wäre zu anstrengend. Und irgendwie wird es auch von mir erwartet. Ja, ich lasse mich formen. Ich habe mich jahrelang formen lassen. Es kommt doch so viel nach der Matura(reise). Lassen wir es einfach kommen.
Die Schule, selbst wenn ich nicht mehr viele Stunden dort verbringe. Vielleicht mal drei Stunden vormittags, zwei nachmittags. Sie macht mich müde. Und in den nächsten Tagen werde ich so viel lernen müssen, werde so viel durchgehen müssen, Psychologie, Philosophie, Deutsch, Musik. Mathematik. Es kommt so viel zusammen. Und ich schaffe es kaum, mich richtig zu konzentrieren. Ich werde es schaffen. Jetzt, nachdem ich den Führerschein komplett auf Juli verlegt habe. Um mich auf die Matura zu konzentrieren. Irgendwann in der Woche vom 18. – 22. Juni werde ich meine fünf mündlichen Prüfungen ablegen müssen. Und was kommt dann? Maturafeier mit den Eltern (in einem Gasthaus), Maturafeier in der Schule, Maturafeier in unserer Klassenparty-Location, Maturareise. Es lohnt sich schon irgendwie, sich jetzt noch einmal richtig reinzuhängen.
Das Wetter macht mich fertig. Nachdem ich schmerzhaft bemerken musste, dass meine Bankomatkarte in meiner bevorzugten Bank als defekt bezeichnet wird, da sie schon zu sehr beschmutzt ist, stellte ich mich eben an, um als nächster beim Schalter dranzukommen. Und da sah ich es. Die kommenden Temperaturen für den Bezirk Gmunden. Donnerstag 31°. Freitag 32°. Ich werde wohl zum See gehen müssen. Mit den ganzen Sachen zum Lernen. Mit einem Buch. Und nicht zum Seebahnhof, sondern zum Weyer. Damit mich niemand stören kann. Oder vielleicht lege ich mich auch einfach nur auf den Rücken, irgendwo auf einer unbefahrenen Straße, warte, bis der Asphalt aufschmilzt und mich verschluckt. Oder auf eine Wiese, warte, bis sie zu Brennen beginnt. Oder auf ein Brett, warte, bis ich selbst ausgetrocknet bin und total verdörrt mir den letzten Atemzug genehmige. Aber der See klingt doch irgendwie besser.
