
Es ist vorbei, bye, bye. Junimond. Es ist vorbei.
Sag mal weinst du? Nein, aber es ist mir wirklich nach Weinen zumute. Jetzt, als ich sehe, dass all die vermeintliche Liebe verflogen ist. Dass sie mich nicht mehr liebt. Dass sie jetzt neben einem meiner besten Freunde sitzt, mit ihm flirtet, die ganze Zeit mit ihm verbringt. Ja, ich hasse ihn. Für all das.
Und sie hasse ich auch. Was fällt ihr ein. Jeder wusste doch, dass wir zwei schon so lange eine Beziehung führen. Und du sitzt jetzt einfach neben ihm, während wir anderen alle gemeinsam einsam auf unseren Bus warten.
Wie du ihn nur ansiehst. Mit diesen Augen. Und jetzt. Jetzt hör ich dein Lachen. Dieses so schöne Lachen. Ich höre es. Und ich hasse nun auch den Bus. Er soll doch endlich kommen. Die Leute blicken mich schon an, und fragen sich sicher, wie ich wohl reagieren würde.
Aber ich werde nichts tun. Was soll ich denn schon tun? Ich. Dieser kleine mickrige Junge. Schüchtern. Und immer im Mittelpunkt stehend. Lustig. Und dann zeitweise wiederum so uncool. Was soll denn ich schon tun. Ich will doch einfach nur, dass dieser blöde Bus kommt. Er uns abholt, und wir endlich wieder zuhause sind. In unserer Herberge.
Ja, ihr habt euren Spaß, nicht nur ihr zwei, auch all die anderen. Ihr habt euren Spaß hier. In dieser uns unbekannten Gegend. Alles ist toll. Doch ich weine leise Tränen, still in mich hinein. Warum denn nur? Warum macht sie das. Warum nur er. Er, der sich mein Freund nennen will. Jetzt sehe ich ihn an, und schon sehe ich all die Dinge, die ich an ihm hasse. Und sie … nein, sie kann ich nicht hassen. Es ist irgendetwas zwischen uns, das uns schon so lange zusammengehalten hat.
Doch es scheint trotzdem vorbei zu sein. Da kommt er. Der Bus. Dieser beschissene Bus, der mich hier einfach unter dieser Regenwolke hat stehen lassen, inmitten all des Sonnenscheins. Hier bist du also. Schnell steige ich ein. Ich setze mich möglichst weit weg. Weg von diesen Menschen. Die eine, die ich immer meine Freundin nannte, und der andere, der sich mein Freund nennen durfte. Vergesst mich. Und ihr alle hier, vergesst mich. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Nicht jetzt. Lasst mich in Ruh. Spricht mich nicht an.
Endlich kommen wir an. Immer und immer wieder habe ich sie ansehen müssen, wie sie nebeneinander sitzen, wie du lachst, wie er lacht. Ich hasse seinen Lacher. Aber dich …
Die Menschen strömen aus dem Bus. Ich bewege mich ganz langsam, nehme meinen Rucksack und steige aus ihm aus. Ich hasse dieses Wetter. Diese Woche. Ich hasse alles. Ich will doch einfach nur alleine sein. Alleine in diesem Zimmer. Ihr wollt alle noch baden gehen, in diesem kleinen Pool unserer Herberge. Ja, habt ihr nur euren Spaß. Ich will ihn nicht haben. Ich habe etwas anderes zu tun.
Und so hole ich mir den Schlüssel, gehe in das dritte Stockwerk, stehe vor der Tür, in der sechs Leute für eine Woche wohnen. Ich sperre auf. Niemand drinnen. Schon klar. Und ich drehe den Radio auf. Lege mich ins Bett.
„Es ist vorbei, bye, bye … Junimond. Es ist vorbei, bye, bye“. Als ich diese Zeilen höre, dieses neue Lied von Echt, ziehe ich mich unter meine Bettdecke zurück, und weine einige wenige Tränen in den Polster. Das Lied läuft sich zu Ende. Und ich möchte am liebsten in Selbstmitleid versinken. Sofern ich es noch nicht bin. Doch es klopft.
Jetzt kommen sie, meine Zimmerkameraden. Mit nassen Haaren, völlig happy. Wo ich denn war, fragen sie mich. Ach, mir ging es nicht so gut, sagte ich ihnen. Auch er lag in meinem Zimmer. Er. Dieser Arsch. Ich rede kein Wort über dieses Thema mit ihm. Mit niemanden. Ich lasse es mir nicht ankennen. Wen interessiert denn das schon?
Du hast mich nie wieder so angesehen, wie du es schon einmal tatest. Es wurde nie wieder das, was es einmal war. Jetzt sehe ich dich auch nicht mehr wieder. All das geschah im Sommer 2000. Im Juni. Schulwoche in einem kleinen Ort. Ich war zwölf, du auch. Wir waren eine so genannte Sandkastenliebe. Lagen schon nebeneinander im Gitterbett. Wuchsen miteinander auf, da du die Nachbarin meiner Oma warst. Wir haben so viel erlebt. Haben eine so lange gemeinsame Vergangenheit. Und du warst meine erste Liebe. Selbst wenn man das schon Liebe nennen kann.
Wir haben uns nie geküsst. Haben nie etwas Beziehungsähnliches gemacht. Schon klar, wir waren zwölf. Und doch waren diese Liebe zu dir, diese Abfuhr und dieser Liebeskummer etwas, das mich mein bisheriges Leben verfolgt hat. Du hast es irgendwie verändert. Ich wäre nicht die Person, die ich heute bin, wärst du nicht gewesen. Wär das nicht gewesen.
Und immer noch, wenn unser Radio den Song „Junimond“ spielt, sing ich noch mit. „Es ist vorbei, bye, bye, Junimond“ … ich liebe dieses Lied. Und scheinbar ist dieses Lied das einzige, was mir aus diesem Jahr geblieben ist. Dich sehe ich kaum mehr, und wenn, dann wissen wir nicht was wir reden sollen. Und er. Er war wahrscheinlich noch nie ein richtiger Freund von mir. Auch ihn habe ich aus dem Blick verloren.
Was mir bleibt ist die Erinnerung. An den Stadtrundgang, an das Schwimmbad. An dieses Warten auf den Bus. Und an den Abschlussabend. Mit den Bomfunk MCs, mit Otto Waalkes und mit dir. Dir und ihm.
Doch … es ist vorbei, bye, bye, Junimond.

Ein Gedanke zu „Junimond“