
Habe ich dich nicht schon längst verloren?
Dich. Meine Selbstachtung. Hast du dich nicht schon vor so langer Zeit von mir abgewendet. Mir den Rücken zugekehrt, und bist davongelaufen. Das kann ich mir schon gut vorstellen. Wenn ich meine Selbstachtung wäre, dann würde ich vor einem Menschen wie mir genauso wie du wegrennen. Aber du bist doch überraschend lange geblieben. Warum eigentlich?
Dich zu verlieren, es war hart. Aber ich habe diesen Verlust mir selbst zuzuschreiben. Ich habe das Verlieren voranschreiten lassen. Habe es gefördert. Habe nichts dagegen getan. Ich habe meine Rollen weiter gespielt. Ohne an dich zu denken, liebe Selbstachtung.
Immer mehr habe ich dich zerstört. Habe ich mich zerstört. Ich habe mich zwar zu einem wunderbaren Schauspieler entwickelt, ich kann wirklich jede Rolle spielen. Doch ich bin kein Freund mehr von dir. Du hast sicher bessere Freunde. Ich habe dich vernachlässigt. Habe dich keines Blickes mehr gewidmet. Nur um in meinen Rollen voll aufzugehen.
Ich habe mich geändert. Habe mich um hundertachtzig Grad gedreht. Habe mich selbst aufgegeben. Und dich. Du wirst wohl nie wieder kommen. Und wenn, dann muss ich um dein Vertrauen kämpfen.
Du fehlst mir. Willst du mir nicht wieder helfen. Mir zur Seite stehen, in der Zeit, in der ich dich am meisten benötige. Doch ich steh hier allein. Zwar allein unter Freunden. Und doch allein. Allein mit meinen Liebesproblemen, meinen Problemen in der Familie, meinen Problemen in der Schule. Mit all den Problemen meines noch so jungen Lebens. Du könntest mir so gut helfen. Aber ich versteh dich. Du brauchst Abstand.
Aber die Zeit ist vorbei. Ich kann ich selbst sein. Ich will sogar ich selbst sein. Ich achte mich. Und muss nicht der Klassenclown sein, den jeder von mir verlangt. Die Schule ist übrigens bald vorbei. Für immer. Und dann kann ich von neuem anfangen. Kann all meine Rollen ablegen.
Und vielleicht kann ich dich wieder zurückerobern. Dich. Meine Selbstachtung.
